Lichtenberg Gesellschaft e.V. www.lichtenberg-gesellschaft.de Der folgende Text ist nur für den persönlichen, wissenschaftlichen und pädagogischen Gebrauch frei verfügbar. Jeder andere Gebrauch (insbesondere Nachdruck – auch auszugsweise – und Übersetzung) bedarf der Genehmigung der Herausgeber. Zugang zu dem Dokument und vollständige bibliographische Angaben unter tuprints, dem E-Publishing-Service der Technischen Universität Darmstadt: http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de – tuprints@ulb.tu-darmstadt.de The following text is freely available for personal, scientific, and educational use only. Any other use – including translation and republication of the whole or part of the text – requires permission from the Lichtenberg Gesellschaft. For access to the document and complete bibliographic information go to tuprints, E-Publishing-Service of Darmstadt Technical University: http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de - tuprints@ulb.tu-darmstadt.de © 1987-2006 Lichtenberg Gesellschaft e.V. Lichtenberg-Jahrbuch / herausgegeben im Auftrag der Lichtenberg Gesellschaft. Erscheint jährlich. Bis Heft 11/12 (1987) unter dem Titel: Photorin. Jahrbuch 1988 bis 2006 Druck und Herstellung: Saarbrücker Druckerei und Verlag (SDV), Saarbrücken Druck und Verlag seit Jahrbuch 2007: Winter Verlag, Heidelberg ISSN 0936-4242 Alte Jahrbücher können preisgünstig bei der Lichtenberg Gesellschaft bestellt werden. Lichtenberg-Jahrbuch / published on behalf of the Lichtenberg Gesellschaft. Appears annually. Until no. 11/12 (1987) under the title: Photorin. Yearbooks 1988 to 2006 printed and produced at: Saarbrücker Druckerei und Verlag (SDV), Saarbrücken Printer and publisher since Jahrbuch 2007: Winter Verlag, Heidelberg ISSN 0936-4242 Old yearbooks can be purchased at reduced rates directly from the Lichten- berg Gesellschaft. Im Namen Georg Christoph Lichtenbergs (1742-1799) ist die Lichtenberg Gesellschaft ein interdisziplinäres Forum für die Begegnung von Literatur, Naturwissenschaften und Philosophie. Sie begrüßt Mitglieder aus dem In- und Ausland. Ihre Tätigkeit umfasst die Veranstaltung einer jährlichen Tagung. Mitglieder erhalten dieses Jahrbuch, ein Mitteilungsblatt und gelegentliche Sonderdrucke. Weitere Informationen und Beitrittsformular unter www.lichtenberg-gesellschaft.de In the name of Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) the Lichtenberg Gesellschaft provides an interdisciplinary forum for encounters with and among literature, natural science, and philosophy. It welcomes international members. Its activities include an annual conference. Members receive this yearbook, a newsletter and occasionally collectible prints. For further information and a membership form see www.lichtenberg-gesellschaft.de Wolfram Mauser Die Temperatur der Vernunft Körpergefühl und Erkenntnis bei Lichtenberg Ich möchte Sie einladen, mit mir über einen kurzen Text von Lichtenberg nach­ zudenken; es ist der Aphorismus C 20 aus dem Jahre 1773. "Bei mir liegt das Herz dem Kopf wenigstens um einen ganzen Schuh näher als bei den übrigen Menschen, daher meine große Billigkeit. Die Entschlüsse kön­ nen noch ganz warm ratifiziert werden. "1 Auf die Frage, was die beiden Sätze zu einem gelungenen Aphorismus mache, hat die Forschung plausible Antworten gegeben: der Scharfsinn, mit dem Lichten­ berg das sonst Getrennte einander annähert; das Umspringen der Assoziation in ein anderes semantisches Feld; die Kürze und Prägnanz der Formulierung; die reizvolle Modeliierung eines klugen Einfalls, der eine allgemeine Wahrheit ent­ hält. Bei der Lektüre nimmt man an sich selbst wahr, daß die Gedanken plötzlich anders fließen. Lust stellt sich ein, Lust am Gedanken ebenso wie an der gekonn­ ten Fügung. Doch da ist auch Irritierendes: Ein "ganzer Schuh" zwischen Herz und Kopf? Man versteht natürlich: gemeint ist das Längenmaß: ein Fuß. Aber bleibt im Le­ ser das Bild des realen Schuhs nicht stärker haften als die Vorstellung von 25 cm (in Hessen), von 42,95 cm (in Sachsen) oder, für Lichtenberg naheliegender, von 30,48 cm (im englandnahen Göttingen)? Vor gut zweihundert Jahren klang die Maßangabe "Schuh" wohl weniger antiquiert als heute, dennoch: Warum wählte Lichtenberg das Wort, wo es doch um so edle Teile des Körpers ging wie Herz und Kopf? Ist der "Schuh" hier nicht eher Metapher als Längenmaß? Eine unpassende Metapher? In der Tat: So gehören die Dinge nicht zusammen. Oder doch? Macht die ungewöhnliche Zusammenstellung nicht offener für den Ge­ danken, daß es eine Besonderheit der Körperbildung ist, die bei Lichtenberg Herz und Kopf näher zueinander bringt? Diese Nähe bewirkt das ebenso Erwünschte wie Bemerkenswerte: "meine große Billigkeit", das heißt die Fähigkeit und die Bereitschaft, Entschlüsse (Entscheidungen) "noch ganz warm" zu ratifizieren, zu bestätigen, und das bedeutet hier auch: sie in Lebenspraxis und in sittliches Ver­ halten umzusetzen. Sehr präzise gibt der knappe Text über diesen Zusammen­ hang Auskunft. Ich will dies in einer kurzen Erörterung der Kernbegriffe zeigen und dabei zunächst über Zusammenhänge sprechen, die verständlich machen, warum "Entschlüsse" im Sinne vernunftmäßiger Entscheidungen als (angenehm) warm empfunden werden. 149 1. "Bei mir" - das bedeutet hier nicht nur Selbstbezogenheit, sondern auch, daß sich die Denkoperationen in einem anderen Koordinatensystem bewegen als sonst. Das "Bei mir" benennt das ,Labor', in dem Lichtenberg Beobachtungen sammelt und Gedankenexperimente durchführt. Die Sphäre, in der sich das Er­ kennen, das Denken und das Deuten bewegen, ist das unteilbare "Ich". 2 In die­ sem Ich sei, so Lichtenberg, wie in jedem Menschen sehr viel mehr als er selbst weiß. (SB 3, 395) Nicht die formalisierten Denkoperationen (Logik, Syllogismus) seien indes imstande, Licht in dieses ,Sehr-viel-Mehr' zu bringen, wohl aber ein Denken, das auch auf die Zeichensprache des Körpers hört. Lichtenberg trug im 18. Jahrhundert Wichtiges zu dem Versuch bei, die Zeichen des Körpers versteh­ barer zu machen.3 Dabei fällt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit und mit wie vie l Selbstbewußtsein der Skeptiker Lichtenberg hier "ich" sagt. Wie immer es bei anderen sein mag, was für ihn zählt, ist die eigene Erfahrung. In zahlreichen Eintragungen verleiht er diesem "Ich" eine Stimme: "Ich habe etliche Mal be­ merkt, daß ich Kopf-Weh bekam wenn ich mich lange in einem Hohl-Spiegel be­ trachtete." (A 49) . "Bei mir" - das meint die eigene "Denkungs-Art" (A 51)\ auf die es nun ankommt, durchaus in Analogie zur Vorstellung von Lebens-Art (A 23), dem Zauberwort der Zeit, mit dem man den besonderen Lebensstil der sich entfalten­ den bürgerlichen Welt benannte. In einem bemerkenswerten Aphorismus denkt Lichtenberg über die eigene "Versart" (A 23) der Gedanken nach. Wie geht es zu, wenn man denkt? Gibt es, so fragt er sich, eine "Kraft", die - analog der Schwer­ kraft- denken macht? Der verbreiteten Hypothese, daß es "ein Geist sei, was in uns denkt", steht er mit Skepsis gegenüber. Man habe "erstaunliche" (und er meint dabei: bedenkliche) Folgen daraus gezogen; auch die Religionsstifter würden dies tun, wenn sie sich auf die "Veste des Himmels" berufen. (C 91) Und in der Tat: Der "Geist" blieb über Generationen so etwas wie ein elitäres Refu·­ gium für Intellektuelle.5 Lichtenberg stellte der Geist-Hypothese ein einfaches Theorem entgegen: Nicht der Geist macht uns denken, sondern das Leben, und das meint: Kopf und Herz, Seele und Körper (SB 3, 674). In der frühen (1765), aber erst posthum veröffentlichten Abhandlung "Von den Charakteren in der Geschichte", die, wie er anmerkt, "viel Physiognomisches"6 enthält, heißt es: "Die Besserung des Herzens, die Erweiterung der Menschen-Kenntnis, die Aufklärung der Aussichten in das Künftige, die Zuversicht bei guten Handlun­ gen, alles dieses können wir hier [gemeint ist: bei den Charakteren in der Ge­ schichte] lernen, kurz, die einzige wahre Theorie des menschlichen Lebens." (SB 3, 498). 2. "Herz und Kopf": Auf dieser Doppelung beruht also die "einzige wahre Theorie des menschlichen Lebens". Natürlich ist es der Kopf, der ,denkt', aber wenn er 150 auf eine Art denkt, die dem Leben gemäß ist, agiert er nicht für sich allein, sondern als Teil der ganzen Person. Die Nähe beziehungsweise die Distanz von Herz und Kopf haben eine erkenntnisrelevante, und das heißt auch eine psycho­ logische und eine moralische Seite. "Alles mit der doppelten Rücksicht zu behan­ deln", notiert er, "1) mit dem Herzen (nach Gefühlen) 2) mit Vernunft." (L 379). Herz und Kopf, Gefühl und Verstand, Seele und Körper, das sind die Pole, deren Spannung zur Wahrnehmung und zur Erkenntnis führt. Diese Polarität erscheint bei Lichtenberg in vielerlei Variation: als das Organische und das Mechanische, als das Natürliche und das Künstliche, als Instinkt und Ratio, als Sinnlichkeit und Spekulation, als Chaos und Logik, als Affe und Engel_? "Doppelter Prinz. Ein Gelehrter steht auf undbeweisetwas es für ein Vorteil wäre, wenn die Men­ schen doppelt wären." (J 1142)8• Sie sind es aber nicht, doch die zwei Seiten ihrer Natur bestimmen ihre Existenz und sind auch an den entfernteren Körperteilen ablesbar. Wenn es um "Freude und Traurigkeit" geht, seien selbst "Kopf und Füße" einander so nah wie Nase und Seele - "kaum 3 Zoll" nämlich. Diese Tatsache fand Lichtenberg täglich und auf ganz banale Weise bestätigt, und zwar immer dann, wenn er von seinem Fenster aus die Füße der Studenten sah und an ihnen unmißverständlich ablesen konnte, ob sie gerade "aus einem Collegia kommen oder in eines zu gehen willens sind." Mit einer solchen Semiotik der Gehbewegungen seien im übrigen schon die lateinischen Schriftsteller vertraut gewesen. So habe man Catalinas "berühmte Konspiration" gegen Caesar schon an seiner Gehweise ausmachen, ehe man sie in "desselben Kopf" habe erkennen können. (B 125) Es gibt nicht nur ein individuelles "Seelen-Gesicht" (B 69), son­ dern auch ein sehr persönliches "Körper-Selbst"9, das den lebendigen inneren Zusammenhang sichtbar macht. Um die Sprache dieses "Körper-Selbst" zu ver­ stehen, bedarf es keiner ausgeklügelten Physiognomik, wohl aber einer besonde­ ren Sensibilität für den jeweiligen Einzelfall. "Herz und Kopf": Natürlich hat es eine besondere Bewandtnis mit der Tat­ sache, daß es das Herz ist, das dem Kopf näher als sonst steht. Seit frühester Überlieferung steht das Herz im Gegensatz zum Kopf, in dem man das eigent­ liche Denkvermögen lokalisiert sah. Mit der Entdeckung des Blutkreislaufes und der physikalisch-motorischen Funktion des Herzens zur Versorgung des Körpers (und damit auch des Kopfes) mit Blut wurde es schwierig, alte Vorstellungen auf­ recht zu erhalten. In Lichtenbergs Formulierung schwingt die traditionelle Sym­ bolisierung nach, zugleich nimmt sie aber etwas von der Erfahrung und von dem Lebensgefühl eines Mannes auf, dessen besondere Anatomie Herz und Kopf näher aneinandergerückt hat. Ob dabei das Herz dem Kopf näher liegt, oder der Kopf dem Herzen, ist nicht zu entscheiden. Daß Lichtenberg die erste Formulie­ rung wählt, zeigt aber, worauf es ihm ankommt. Die Qualität einer Erkenntnis vermag der Kopf allein nicht zu gewährleisten; sie setzt die Mitwirkung jener Erlebniszentren voraus, in die auch bittere Erfahrungen eingeschrieben sind, Ge­ fühle wie Schmerz, Demütigung und Verzweiflung. Die Gewißheit, daß wir als ganze Menschen denken, ist für uns heute unange- 151 fochten, ja eine Banalität. Dies war im 18. Jahrhundert aber keineswegs so. Noch immer lief die Auseinandersetzung zwischen den Vertretern eines dualistischen und eines monistischen Konzepts, wobei sich die Positionen vielfach überla­ gerten. Die einen beriefen sich weiterhin auf Descartes und sahen in Christian Wolff den zeitgemäßen Interpreten, die anderen inspirierten sich an Leibniz und erhielten, trotz scharfer Divergenzen im einzelnen, wesentliche Unterstützung durch eine Medizin, die sich zunehmend ganzheitlich-diätetisch verstand. So ist es nicht verwunderlich, daß es vor allem Ärzte waren, von denen ein guter Teil der Innovation im Bereich der Anthropologie ausging: Friedrich Hoffmann, Georg Ernst Stahl, Albrecht von Haller, um nur die Namen früher Vertreter im Raum Halle-Göttingen zu nennen. Mit Stolz bezeichneten sich viele als Professo­ ren der "Artzneygelahrheit und Weltweisheit" .10 3. "meine große Billigkeit" : Die größere Nähe von Herz und Kopf führt nicht nur zu einer ungewöhnlichen Lebendigkeit und Behendigkeit des Denkens, sie hat auch Folgen für den Inhalt dieses Denkens, und zwar deshalb, weil nun Vorfälle des "heimlichen Lebens" (J 249), das Unaufgeklärte und das Uneirrlösbare mit­ denken. Die "innere Überzeugung von der Billigkeit einer Sache << habe, so heißt es in A 12.6, ihren letzten Grund oft in »etwas Dunklem", dessen Aufklärung äußerst schwierig sei, "weil eben der Widerspruch, den wir zwischen dem klar ausgedruckten Satz und unserm undeutlichen Gefühl bemerken, uns glauben macht wir haben den rechten [Gedanken] noch nicht gefunden". Der hier zitierte Satz steht im Zusammenhang von Lichtenbergs Reflexion über den Selbstmord, über den er in dieser Zeit (1769) mehr als je zuvor nachgedacht habe. Das Nach­ denken über den Freitod empfand er aber nicht als "dickblütige Selbst-Kreuzi­ gung", es sei vielmehr eine "geistige Wollust". Diese Wollust genieße er wider seinen Willen aber sparsam, weil er fürchte, daß daraus eine "melancholische nachteulenmäßige Betrachtungsliebe" entstehen möchte (B 209). Das ist ein sich aussetzendes Denken, ohne Netz und über Abgründe hin; und so heißt es an an­ derer Stelle: "Öfters allein zu sein, und über sich selbst zu denken, und seine Welt aus sich zu machen11 kann uns großes Vergnügen gewähren, aber wir arbeiten auf diese Art unvermerkt an einer Philosophie, nach welcher Selbst-Mord billig und -erlaubt ist." (B 262). Und er fügt hinzu: " [ ... ] es ist daher gut sich durch ein Mädgen oder einen Freund wieder an die Welt anzuhaken, um nicht ganz abzufallen." (B 262). Das Mädchen, der Freund- da denkt das Herz mit. Die körperliche Nähe ist Gewähr für Vertrauen und Wärme. Ein so fundiertes Denken sichert die bedrohte Balance. ,Sich an die Welt anhaken': Dem eigenständigen, mündigen und auch selbst­ kritischen Bürger des 18. Jahrhunderts, der energischdarangegangen war, sich 152 aus den Denkgewohnheiten des Barockzeitalters zu befreien, konnte dies nur gelingen, wenn er zugleich imstqnde war, die Funde im eigenen "Gedanken­ System" (B 262) als legitim auszuweisen. Es ging darum, als Untertan im aufge­ klärt-absolutistischen Staat erste Schritte auf ein neues Selbstverständnis hin zu gehen. Die sozialen Kontakte der Menschen sollten nun nicht mehr nur von oben verordnet und gesteuert werden. Für eine selbständige Regelung des Miteinan­ ders von gleichberechtigten Bürgern (horizontale Ebene) hatte der Einzelne, über die Geltung der klassischen Tugenden hinaus, keine dem neuen Geist entspre­ chenden Verhaltensweisen und Fertigkeiten ausbilden können, und anders als nach dem traditionellen Tugendschema waren diese auch jetzt kaum vorstellbar. So verwundert es nicht, daß man sich in dieser Situation an eine der ,alten' Tugenden hielt, an die der Billigkeit (epikie, aequitas) . Seit Aristoteles war sie im juristischen Denken verankert, und sie hatte sich in der Gerichtspraxis bewährt. Diese Funktion erfüllte sie auch weiterhin; sie blieb die entscheidende Handhabe, wenn es darum ging, in einem Fall, den das verfaßte Gesetz (das ius strictum) nicht vorgesehen hatte, ein Urteil zu fällen, das dem natürlichen Gerechtigkeits­ empfinden entsprach (ius aequm) . Dabei handelte es sich im wesentlichen um eine Entscheidung im Geiste des Gesetzes. Weitgehend unabhängig von dieser juristischen Praxis bildete sich im 18. Jahrhundert die Gepflogenheit heraus, all­ gemeine common-sense-Urteile als ,billig' zu bezeichnen. Auf diese Weise wurde ,Billigkeit' zu einem Regulativ des gesellschaftlichen und politischen Lebens, zu einer Leitvorstellung der kulturkritischen Reflexion 12 • Lichtenberg dazu ( 1792): "Revolutionen sind immer ein großes Unglück für das Menschengeschlecht, welches darin verwickelt wird; und wer sein Eigentum, seine Freiheit und sein Leben lieb hat, der muß jedem auch nur entfernten Anlaß zu dieser schreckli­ chen Staatskrankheit vorbeugen [ .. . ].Das sicherste Mittel dagegen sirid weise auf Billigkeit und Mäßigung gegründete Gesetze; und der Thron steht uner­ schütterlich fest, wenn zwischen denjenigen, die ihn stützen, eine so glückliche Mischung herrscht, daß nur wahres Verdienst sich emporheben kann. "{]1054). So wie Diderot drehte also auch Lichtenberg die gewohnte Argumentation um: Das Prinzip der Billigkeit erfüllte seine Funktion nun nicht nur als ergänzendes Element beim Auffinden eines gerechteren Einzelfall-Urteils, sondern hat als hu­ mane Gesamtorientierung der Gesellschaft den Geist der Gesetze zu bestimmen. In seiner "Encyclopedie" (Artikel: Naturrecht/Droit naturel) schrieb Diderot: "Die Billigkeit verhält sich zur Gerechtigkeit wie die Ursache zu ihrer Wirkung, oder die Gerechtigkeit kann nichts anderes sein als die erklärte Billigkeit" .13 In seinen "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" wird Herder später formulieren: "Übrigens beruhet sowohl die Vernunft als die Billigkeit auf Ein- und demsel­ ben Naturgesetz, aus welchem auch der Bestand unsres Wesens folget. [ ... ]Die Billigkeit ist nichts als ein moralisches Ebenmaß der Vernunft, die Formel des 153 Gleichgewichts gegen einander strebender Kräfte, auf dessen Harmonie der ganze Weltbau ruhet. "14 Wer ,billig' entscheidet, nimmt die naturrechtlich fundierte Vorstellung ernst, daß der Mensch legitimerweise darauf aus ist, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Dies habe aber im wohlverstandenen gegenseitigen Interesse zu geschehen, das heißt auf eine Art, die auf die Bedürfnisse des jeweils anderen Rücksicht nimmt und so einen fairen Ausgleich gewährleistet. Wer so denkt, denkt mit Herz und Kopf. Billigkeit meinte daher auch: soziale Nähe, mitmenschliche Wärme und Ordnung in Gesellschaft und Staat. Das Prinzip der Billigkeit ist etwas anderes als Toleranz. Toleranz gründete im 18. Jahrhundert, im Unterschied zu heute, auf der Gewährung eines Privilegs.15 Dieses Privileg der Duldung, in der Regel eines Andersgläubigen, konnte die Obrigkeit freilich auch wieder zurücknehmen. Es war darüber hinaus selektiv gemeint (Katholiken, aber nicht Juden; Juden, aber nicht Zigeuner). Toleranz wurde (von oben) gewährt, Billigkeit wechselseitig (horizontal) geübt. Der Billigkeitsbegriff war somit ein egalitärer, ein potentiell demokratischer, aber weder Lichtenberg noch seine Zeitgenossen dachten, wenn sie das Wort benutzten, in Kategorien wie Konstitution oder Institution, ihnen ging es um ein universelles Prinzip, auf das sich allerdings Staat, Politik und Ge­ sellschaft gründen lassen müßten. ,Billiges' Verhalten trug den Charme des Rich­ tigen. 4. ,Ganz warm ratifizieren' - das heißt wohl, daß die Entschlüsse unmittelbar aus dem Prozeß des Schlußfolgerns hervorgehen, daß ihnen noch so etwas wie die Reibungswärme anhaftet, die mit dem Gebrauch der Vernunft einhergeht. Das Gefühl der Wärme signalisiert einen höheren Grad an Berechtigung, an Ein­ verständnis, an Übereinstimmung. An anderer Stelle räsonniert Lichtenberg über den Zusammenhang zwischen dem thermischen und zeitlichen Aspekt: "Ich weiß nicht, ob ich lebhafter empfinde als andere Menschen, oder ob ich weniger Unrecht leiden kann, oder ob ich meiner kurzen Statur wegen, da das Blut noch ganz heiß ist, wenn es vom Herzen nach dem Kopf kommt, geschwinder Schlüsse ziehe [ .. . ]." (D 610). Dem Schnellen, dem Plötzlichen begegnete man im 18. Jahrhundert zunächst mit Mißtrauen. Darauf wies Albrecht von Haller im Vorwort zu seinem Gedicht "Die Alpen" ( 1729) ausdrücklich hin. Er schreibt, daß er "die Nebenstunden vieler Monate" darauf verwendet habe, um der "Stärke der Gedanken" die rech­ te Form zu geben. 16 Der Zeitaufwand diente ihm als Indikator dafür, daß der Ge­ genstand nach allen Seiten hin durchdacht, daß die Argumente abgewogen und daß das Urteil ausgereift sei. Nicht die prompte Verfügbarkeit der Erkenntnis zählte für ihn, sondern die Behutsamkeit und Bedächtigkeit der Denkoperation, die dazu führte. Lichtenberg dagegen sah in der Geschwindigkeit, Beweglichkeit 154 und Hitze der Entschlußfassung eine Garantie für die Zuverlässigkeit des Ergeb­ nisses, ohne dabei den Wert einläßlichen Nachdenkens gering zu schätzen. Er­ kenntnisse, die sich spontan einstellen, trugen für ihn die Aura des Authenti­ schen. Das Wort ,Billigkeit', mit dem konnotativen Raum, den es im 18. Jahr­ hundert hinzugewonnen hatte, signalisierte zudem, daß das Gefühl der Wärme, das sich dabei einstellt, einer Thermik entspricht, wie sie sich in einer Gruppe einstellt, deren Mitglieder, Lessing würde sagen: ein "gemeinschaftliches Gefühl sympathisierender Geister" 17 verbindet. Für ein solches zwischenmenschlich-sitt­ liches Verhalten haben wir heute Begriffe wie Fairness oder Solidarität- Katego­ rien, die den mündigen Bürger im Auge haben und sich als Alternative zu den Defiziten in Gesellschaft und Politik verstehen. Oder anders gesagt: Gesellschaft­ liche und politische Verhältnisse können von einer Art sein, der gegenüber der Rekurs auf menschliche Wärme und Solidarität als etwas Subversives erscheint. 5. Ich unterbreche an dieser Stelle meine Überlegungen und erinnere an die Funkti­ on der thermischen Metaphorik besonders im 18. Jahrhundert. Das Grimmsehe Wörterbuch gibt einige Auskunft. Danach steht im 18. Jahrhundert "kalt" für: " theilnahmslos, unerregbar, leidenschaftslos, gefühllos", aber auch "lebens­ fremd". Nicht nur die Vernunft und der Verstand, auch der Buchstabe, die Gelehrsamkeit, der Vorsatz, die Betrachtung, die Pflicht, die Staatsverwaltung wurden als kalt empfunden, wenn sie dem Leben entgegenstanden oder in Verdacht gerieten, es zu tun. Schon im Laufe des 18 . Jahrhunderts verband sich mit dem Begriff der ,Vernunft' also die Vorstellung des Kalten, des Lebensfeind­ lichen. Formulierungen wie: die "kalte Vernunft" oder der "kalte Verstand" be­ sitzen seitdem die Geläufigkeit einer sprichwörtlichen Redensart, in Analogie zu: jemanden kalt stellen, jemanden kalt ablaufen lassen, jemanden auf kaltem Wege erledigen oder jemandem die kalte Schulter zeigen. Die Romantiker, die den Aufklärern das Verdikt der Verstandeskälte nachwarfen, glaubten, sie damit für immer aus dem Heiligtum des Lebens, der Seele und der Poesie vertrieben zu haben. Gedankenlos wurde dieser Indizierungs-Diskurs im 19. Jahrhundert weitergeführt. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann, so resümiert das Grimmsehe Wör­ terbuch, demgegeniiber eine "reiche bedeutungsentfaltung" von Wärme, im Sin­ ne von "lebensfrische, Iebenslust, herzlichkeit; innigkeit, begeisterung, tempera­ ment, Ieidenschaft, sinnlichkeit, einbildungskraft", aber auch Mitgefühl, Freude und Behaglichkeit. Als ,warm' galt das Blut, das Herz, das Gemüt, die Freund­ schaft, die Jugend - das Leben schlechthin. Die Stürmer und Dränger intensivier­ ten dann die Metaphorik; Hitze war für sie ein Indiz für Leben, Lebendigkeit, Schöpferkraft und Genialität. Die Übertragung von Körperempfindungen auf Geist und Seele hat eine lange Tradition. Sie geht mit dem allgemeinen Kultivierungsprozeß einher. Neben stoff- 155 und motivgeschichtlichen Elementen ("Kalt und warm aus einem Munde blasen" 18 ) ist sie vor allem in zwei Überlieferungssträngen zu fassen, die sich wechselseitig überlagerten: in dem der Temperamentenlehre (Hitze und Kälte begleiten den Fluß der Säfte und sind Ausdruck stellarer Konstellationen) und in dem der Verhaltenslehre seit Castiglione (Konversation). Beide wirkten im 18. Jahrhundert nach. Im Verhaltensschrifttum konnten Kälte und Wärme auch eine strategische Funktion erfüllen, so wenn zum Beispiel Thomasius in seiner "Politischen Klugheit" (1705) ein "kaltsinniges" Verhalten des Hausvaters in disziplinierender Absicht - vor allem auf die Frau des Hauses bezogen - aus­ drücklich gutheißt.19 Zu den Schwierigkeiten historischer Semantik gehören die Akzentverlagerun­ gen in den jeweils späteren Epochen. Der heutige Gebrauch bestimmt weithin die Assoziationen, die sich bei der Lektüre älterer Texte einstellen. Dies gilt auch für die thermische Metaphorik. Die diagnostische Insistenz vor allem von ,kalt', die Nietzsche und der Lebensphilosophie der Jahrhundertwende so wichtig war, lebt bis heute weiter. In ihr ist verdichtet präsent, was sich im 19. Jahrhundert bei Flaubert2° und Grillparzer, bei Baudelaire und Swinburne zu entfalten begonnen hatte. Neben der Impassibilite (Unempfindlichkeit) des ,kalten' Dichters vom Typ Stefan Georges21 steht der "Kult der Kälte", wie der Dandyismus ihn pflegte.22 Das Stilideal des Kalten bestimmte in vielen Fällen den Kunstcharakter der Neuen Sachlichkeit der Zwanzigerjahre.23 Die Ideologiekritik bediente sich dieser Zuordnungen zur Bewertung dessen, was Entfremdung und Ohnmacht in Abhängigen psychisch angerichtet haben: "Und die Kälte der Wälder I Wird in mir bis zu meinem Absterben sein" (B. Brecht).24 Helmut Letherr hat charakte­ ristische "Lebensversuche zwischen den Kriegen" analysiert und in ihnen die Wirksamkeit einer alles beherrschenden "Verhaltenslehre der Kälte" 25 erkannt. Am nachhaltigsten habe sich diese im Militär durchgesetzt.26 In den letzten Jahrzehnten ist die Forschung zunehmend Fragen der Interde­ pendenz von Körper und Seele nachgegangen. Sie hat im Zusammenhang damit den Körper lesbarer gemacht. Die Tatsache der Somatisierung führte zu einer umfassenden Theoriebildung, aber auch zu neuen therapeutischen Ansätzen. Didier Anzieu geht noch einen Schritt weiter. Unter dem Titel "Das Haut-Ich" 27 legt er eine Theorie der menschlichen Körperhülle vor, in der er dem Aspekt der Kälte und der Wärme eine besondere Bedeutung beimißt. Die Haut als reale oder auch virtuelle Membrane kann sich 'ZUm Schutz durch Kälte verschließen oder sich durch Wärme für Kommunikation öffnen. Ein trivialer Kälte/Wärme­ Diskurs breitet sich zunehmend aus. In der jüngeren Vergangenheit wurden die Kennzeichnungen ,kalt' und ,warm' vG>r allem als Indikatoren für das soziale Klima benutzt, ja für die Bewohnbarkeit der sozialen und politischen Welt über­ haupt.28 Wenn wir heute von ,kalter Vernunft' sprechen, denken wir nicht mehr, wie noch im 18. Jahrhundert, vor allem an eine Argumentation, deren innere Konsequenz zwar beeindruckt, die aber übersieht, daß eine Ratio, die sich auf das Berechenbare oder Systematisierbare beschränkt, dem Lebenszusammen- 156 hang im ganzen nicht gerecht wird. Lichtenberg war sich dieses Problems der aufgeklärten Verstandeskultur bewußt.29 Deutlich zeigt dies sein Aphorismus L406: "Die Vernunft sieht jetzt über das Reich der dunkeln aber warmen Gefühle so hervor wie die Alpen-Spitzen über die Wolken. Sie sehen die Sonne reiner und deutlicher, aber sie sind kalt und unfruchtbar. Brüstet sich mit ihrer Höhe." Der Nachsatz "Brüstet sich mit ihrer Höhe" läßt erkennen, wie Lichtenberg die Akzente setzt: Der Sonne - dem Sinnbild von Aufgeklärtheit - näher zu sein, sie "reiner und deutlicher" und zugleich mit dem Gefühl der Überlegenheit zu sehen, ist die eine Seite gelungener· Vernunftanwendung. Die Tatsache, daß die Alpen­ Spitzen über den Wolken aber "kalt und unfruchtbar" sind, ist die andere, sehr bedenkenswerte Seite. Da kommt es darauf an, daß wir auch auf die wegweisen­ de Stimme der "dunkeln und warmen Gefühle" im Leben hören. Auf diesen er­ kenntniskritischen Zusammenhang weist auch ein anderer Aphorismus hin: "Ich glaube, daß der Instinkt im Menschen dem geschlossenen Räsonnement vorgreift, und daß daher manches von minder gelehrten, aber dabei gnauen Empfindern offenbart sein mag, was das geschlossene Räsonnement noch bis jetzt nicht erreichen und verfolgen kann. Es erzeugt sich tierische Wärme, und wird erzeugt werden, ohne daß man noch gnau im Stande ist zu erklären, wo­ her sie komme. Dahin rechne ich die Lehre über die Unsterblichkeit der Seele. Es wird nach unserm Leben so sein wie es vor demselben war, dieses ist ein triebmäßiger, instinktmäßiger Vorgriff vor allem Räsonnement. Man kann es noch nicht beweisen, aber für mich hat [es], zusammengenommen mit andern Umständen, Ohnmachten, Betäubungen, eine unwiderstehliche Gewalt, und hat es auch vermudich für eine Menge von Menschen, die es nicht gestehen wollen. Kein einziges Räsonnement hat mich noch vom Gegenteil überzeugt. Meine Meinung ist Natur, jenes ist Kunst, deren Resultat alles so sehr und stark widerspricht, als nur etwas widersprechen kann." (J 78). Viele von Lichtenbergs Aphorismen spiegeln einen mentalitätsgeschichtlichen Großvorgang des 18. -Jahrhunderts wider, der bis heute nicht abgeschlossen ist. Die besondere Beachtung der vegetativen (damals sagte man: der tierischen) Seite des Körpers, die damals einsetzte, hat inzwischen zu einer fast hüthaften Aufwertung des Körpers und seiner Botschaften geführt. Die Anfänge dieser Entwicklung liegen in der Neubewertung des Diesseitigen und damit auch der Körperlichkeit des Menschen, wie sie sich im Aufklärungsprozeß vollzog. In dem Maße, in dem die christliche Glaubenslehre und die Gebote der Kirchen ihre uneingeschränkte Geltung verloren, bedurfte es einer neuen Instanz von univer­ seller Geltung. Man fand sie in der Forderung nach einer konsequenen Anwen­ dung der Vernunft, das heißt nach strikter Vernunftgemäßheit der Urteile und der Handlungen. Das Räsonnement, als Sache und als Wort, hatte Konjunktur. Auf dieser Grundlage sollten die Rechtmäßigkeit und der Geltungsanspruch der 157 kirchlichen und staatlichen Autoritäten auf ihre Legitimierbarkeit hin überprüft werden. Dieser Prozeß führte zu einer Verselbständigung und Verabsolutierung rationalistischer Verfahren. Die Generation nach 1750 reagierte zunehmend mit Abwehr auf die Einschränkung und Verengung, die mit einem so praktizierten Vernunftbegriff einhergingen. Sie erkannte, daß damit die "Wahrheit" der menschlichen Verhältnisse erst recht verfehlt werden könnte.30 Auf dem Gipfel des Streites um die Frage der rationalen Überprüfbarkeit reli­ giöser Inhalte brachte Lessing 1778 seine Schrift "Eine Duplik" heraus. Sie ist Ausdruck der Erkenntnis, daß dort, wo sich die kanonisierten Regeln des Argu­ mentierens mit realen Machtinteressen verbinden, die Anwendung eben dieser Regeln in kritischer Absicht nicht zum Ziele führt. Diesem als repressiv empfun­ denen Begründungsverfahren stellte Lessing die Evidenz des selbst Erlebten ent­ gegen, die der unmittelbaren Einsicht aus der Mitte der Person: "Wenn der Mensch bei dem, was er deutlich für Mißhandlung der Vernunft und Schrift erkennet, nicht warm und teilnehmend werden darf: wenn und wo darf er es denn? "31 "Die Mißhandlung der Vernunft", die Mißachtung vernünftiger Einsichten ma­ chen "warm und teilnehmend". Man denkt an Lichtenbergs "Timorus" (1773), jene Schmäh- und Spottschrift, die vor geistiger Erregung geradezu vibriert. Eini­ ge Jahre später schrieb er in einem Briefe dazu: "Der Haupt Fehler ist, ich habe das Werck so gantz heiß, wie es aus der Esse kam, dem Publikum übergeben, ich hätte billig erst das LöschFaß drüber spie­ len lassen müssen". 32 Worum ging es? Die Taufe zweier Juden in Berlin hatte zu einem lebhaften Religionsstreit geführt, in den auch Lavater und Mendelssohn hineingezogen wurden.33 Was hier interessiert, ist die Reaktion Lichtenbergs. Ob sie spontan war, wie er vorgibt, oder bedacht, wie andere Zeugnisse vermuten lassen, mag dahingestellt ble'iben. Was er als quälende Mißachtung der Vernunft empfand, waren "Unverstand, müßiggängerische Bosheit, philosophische Kleinmeisterei, Unerfahrenheit und Schalkheit" (SB 3, 232) der streitenden Fraktionen. Nicht intellektueller Kleinmut, sondern eine bösartige Intoleranz beherrschte aus seiner Sicht das Denken der Parteien. Für Lichtenberg wirkte sie sich als "geistiges Zündmaterial" (SB 3, 229) aus, an das er aber doch nur mit »Schauder<< denken konnte. (SB 3, 233). Ihm wurde klar, daß gegen die Verletzung des Vernunft­ gebotes, im Sinne von Herz und Kopf, auch die größte Geschicklichkeit formalen Argumentierens machtlos ist. Er ließ es zu, daß sein Körper, daß er als ganze Person dagegen rebellierte: "Ich werde warm. Dem Himmel sei es tausendmal gedankt, daß ich es noch werden kann. Welcher rechtschaffne Kandidat wird es nicht werden, wenn er eine Rotte blinder Lottersünder sprechen hört" (SB 3, 232). 158 Welches waren die "Lottersünder", die die "Esse" des Nachdenkens in ihm zum Glühen gebracht hatten? Allem voran diejenigen, die gefordert hatten, keine Proselyten mehr zu machen und keinen Religionswechsel mehr zu dulden, es sei denn "heimlich und ohne Pomp", also auf verlogene Art und Weise. Solchen Zumutungen reaktionärer Unbilligkeit gegenüber müsse die freie Entscheidung in Fragen der Religion respektiert werden. (SB 3, 232) . Das Vernunftgebot im Sinne Lichtenbergs, das viele der rührigsten und re­ formfreudigsten Geister des 18 . Jahrhunderts mit ihm teilten, war anders im Leben verankert als die Argumentationsverfahren der etablierten Theologie und Philosophie, der Schulphilosophie zumal. Im Leben verankert sein hieß, die Natur des Menschen und das Naturrecht in den Denkprozeß einzubeziehen. Wer hinter diesem Erkenntnisstand zurückbieb, aus fehlender Einsicht oder aus Eigeninteresse, verging sich an der verfügbaren Einsicht ebenso wie am Prinzip der Vernunft. Aufklärung, wie Lichtenberg sie verstand, das meinte die Pflege eines Denkens, das im Einverständnis mit den Lebenszusammenhängen stand, das sich als in sie eingebettet erfuhr und das sich von einer Wärme des Geborgen­ seins begleitet sah, wie sie der Glaube einmal vermittelt hatte. Im wahren Sinne aufgeklärte Vernunft wurde als "warm" erlebt, und ihre Mißachtung fachte, um im Bild Lichtenbergs zu bleiben, die "Esse", die Glut des Zornes an. Das Vertrau­ en, das mit dieser Art Vernünftigkeit einherging, wirkte in die Gesellschaft und in die Politik hinein. Es nahm einen Zustand gesellschaftlicher Freundlichkeit vor­ weg, von dem Lichtenberg meinte, daß er allgemein werden solle. Er wußte aber auch, daß bei einer solchen Selbstreferenz der Vernunft die Grenze zu solipsis­ tischer Behaglichkeit leicht überschritten werden konnte. Es war wohl diese Ge­ fahr, die ihn zu einem Aphorismus von besonderer Hellsicht inspirierte: "Er kann sich einen ganzen Tag in einer warmen Vorstellung sonnen" (C 38). Die feine Ironie (Selbstironie?) dieses Satzes führt mich zurück zu Lichtenbergs Kunst der kurzen Prosa. Für diesen wie für den erstgenannten Aphorismus gilt: Die Knappheit, die Zuspitzung und die Treffsicherheit verleihen der einfachen Feststellung eine unvergleichliche Eleganz34; Eleganz, das ist die Signatur des geistvoll Gelungenen - in den Natur- ebenso wie in den Geisteswissenschaften, in der Dichtung nicht weniger als in der Kunst. Eleganz ist ein Indiz für die Sicher­ heit des erkennenden Blicks und für die Leichtigkeit der gestaltenden Hand. Man spürt, da ist eine Vernunft am Werk - Herz und Kopf -, die uns bewegt und betrifft, irritiert und bestätigt, die uns aber nie und nimmer kalt läßt. 1 SB 3, D 610 und K 63. Eine Stelle in Lichtenbergs Interpretation des Blattes Herum­ streichende Komödiantinnen von Hogarth zeigt, wie sehr er dazu neigte, die Besonder­ heit der Körpergestalt im Sinne des Aphorismus .zu deuten: "Diana war schlank und groß, sie ragte überall um eine Kopfslänge hervor. Die unsrige hier ist untersetzt und fleischigt, und bei dieser Lage der Dinge ereignet sich ein sehr wichtiger Umstand. 159 Kopf und Herz kommen hier einander um eine ganze Spanne näher. Was das arme und warme Herz brütet, gelangt hier noch arm und warm, wie es ist; zum Kopf, und eine geometrische Spanne wird zu einer moralischen Meile. 0! Wohl allen den aufgeschos­ senen Hageren, bei denen die warmen Machinationen des Herzens Zeit haben, sich auf dem meilenlangen Wege zum Kopf abzukühlen!" (SB 3, 674). 2 Häufig erscheint es als "Selbst", zum Beispiel SB 3, 378,499. 3 Symptomatisch dafür ist die verbreitete Physiognomik-Diskussion der Zeit. Darüber hinaus fanden Fragen der Mimik besonderes Interesse. Vgl. Johann Jakob Engel: Ideen zu einer Mimik. (erstmals 1785 und 1786, Neuauflage 1804). In: Schriften (1801-1806), Bd. 7, Frankfurt a.M. 1971. Zur Beredsamkeit des Körpers vgl. Emilio Bonfatti: Vorläufige Hinweise zu einem Handbuch der Gebärdensprache im deutschen Barock. Giovanni Bonifacius: Arte de' Cenni (1616). In: Joseph P. Strelka und Jörg Jungmayr (Hg.): Virtus et Fortuna. Festschrift für Hans-Gert Roloff. 4 An anderer Stelle schreibt er "Denkungsart" ("das ganze Knochengebäude unserer Denkungsart", G 25). 5 Es ist im übrigen diese Geist-Hypothese, die bis in unser Jahrhundert den Geistes- wissenschaften als theoretische Grundlage diente. 6 SB 3K, 231. 7 Friederike Kleisner: Körper und Seele bei Lichtenberg. (Die Arbeit erscheint 1998). 8 Zu Lichtenbergs Vorstellung des Doppelten vgl. Gerhart Neumann: ldeenparadiese. München 1976, bes. 171-174,235-237 und 254-264; und Wolfram Mauser: "Hinweg­ sehen mit gesuchter Direktion. Umrisse eines neuen Paradigmas poetischen Sprechens bei Lichtenberg. In: Verbergendes Enthüllen. Zu Theorie und Kunst dichterischen Ver­ kleidens. Festschrift für Martin Stern. Würzburg 1996, 117-129, bes. 126-127. 9 Zum Begriff vgl.: Elisabeth List: Wissende Körper - Wissenskörper - Maschinen­ körper. Zur Semiotik der Leiblichkeit. In: Die Philosophin 5, 1994, 9-26. 10 Johann Gottlob Krüger: Zuschrift an seine Zuhörer von der Ordnung in welcher man die Artzneyglahrheit erlernen müsse. Halle 1752. (Titelblatt). 11 Vgl. dazu: Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769. Historisch­ kritische Ausgabe. Hg. von Katharina Mommsen. Stuttgart 1983, 12: "Wenn werde ich so weit seyn, um alles, was ich gelernt, in mir zu zerstören, und nur selbst zu erfin­ den, was ich denke und lerne und glaube!" 12 Dazu Wolfram Mauser: Billigkeit. Zum Konzept der Modernität im 18. Jahrhundert. In: Recherehes Germaniques 21, 1991, 49-77. (Hier weitere Literatur.) Vgl. auch: Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philsophie. Bd.1, Darmstadt 1971, 939-943 . 13 Artikel aus der von Diderot und D'Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. Hg. von Manfred Neumann. Frankfurt a.M. 1972, 315-316. 14 Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Wer­ ke in zehn Bänden. Hg. von Martin Bollacher u.a., Bd. 6, Frankfurt a.M. 1989, 655. Vgl. auch 66.6 und 668-670. Schon Brockes hatte in der Moralischen Wochenschrift Der Patriot (140. Stück vom 5. Sept. 1726) geschrieben: "Die Verabsäumung der all­ gemeinen Billigkeit brütet alsobald Unordnung, Unfriede und Verderben aus. Die Handhabung derselben bringt Glückseligkeit und Ruhe. Ganze Völker bezeugen diese Wahrheit mit ihrem Aufnemen oder Untergange." 15 Aus der Fülle des Schriftums zum Problem der Toleranz im 18. Jahrhundert sei neben Lexikonartikeln (zum Beispiel in: Geschichtliche Grundbegriffe, hg. von Otto Brun­ ner, Werner Conze und Reinhart Kosselleck,) hingewiesen auf: Harald Schultze: Les­ sings Toleranzbegriff. Göttingen 1969, und: Peter Freimark u.a. (Hg.): Lessing und die Toleranz. Sonderband zum Lessing Yearbook. Detroit-München 1986. 160 16 Albrecht von Haller: Die Alpen und andere Gedichte. Stuttgart 1965, 3 (Reclam 8963). 17 Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk. In: Werke. Hg. von Herbert G. Göpfert. München 1979, Bd.8, 481. 18 Martin Stern: "Kalt und warm aus einem Munde blasen". Der gleitende Sinn einer äsopischen Fabel und der Erfolg eines Sprichworts. Ein Versuch über das Fremdwer­ den antiker Texte aus kulturanthropologischer Sicht. (Erscheint 1998 in der Fest­ schrift für Renate Böschenstein.) 19 Christian Thomasius: Kurzer Entwurf der politischen Klugheit [. .. ]. (Athenäum Re­ prints). Frankfurt a.M. 1971, 160 und 184-185. Ähnlich Christoph August Heumann: Der politische Philosophus [. .. ]. (Athenäum Reprints). Frankfurt a.M. 1972: Er unter­ scheidet (260) zwischen der "herzlichen" und "kaltsinnigen" Freundschaft (amicitia negativa), die eine Zwischenstellung zwischen der Freundschaft und der Feindschaft einnimmt. 20 Ausführlich dazu Jean Starobinski: Die Skala der Temperaturen - "Körperlesung" in Madame Bovary. In: Kleine Geschichte des Körpergefühls. Konstanz 1987, 31-61. 21 Vgl. dazu: Georg Lukacs: Die Seele und die Formen. (Sammlung Luchterhand 21) . Neuwied-Berlin 1971,117-121. 22 Hiltrud Gnüg: Kult der Kälte. Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Stuttgart 1988. 23 Carl Pietzcker: Verzaubernde Entzauberung in der Lyrik der "Neuen Sachlichkeit". In: Der Deutschunterrricht 50, 1997, 43-53. Darin: Ein Gedicht in der Spannung zwi­ schen Kälte und Sehnsucht (Erich Kästner). 24 Carl Pietzcker: Die Lyrik des jungen Brecht. Frankfurt a.M. 1974, 32-36 (zum Ge­ dicht Von der Freundlichkeit der Welt). 25 Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt a.M. 1994, bes. 68-70. Bezug nehmend auf Gracian analysiert Lethen den Typ der "kalten persona" als Feindbild und den Kältekult der Intellektuellen nach dem Ersten Weltkrieg. 26 Mario Erdheim: "Heiße" Gesellschaften und "kaltes" Militär. In: Kursbuch 67, 1962, 59-70. Mario Erdheim beschreibt, in Anlehnung an Levi-Strauß, die psychologischen Voraussetzungen der Omnipräsenz von Kälte im Soldatenleben, auch der Schweiz. Neben der "heißen" (gemeint ist: "veränderungsgierigen") Gesellschaft stehe die "Käl­ te" des (zu innerer Verhärtung neigenden) Militärs. Erdheim meint dies typologisch. 27 Didier Anzieu: Das Haut-Ich. Frankfurt a.M. 1991, bes. 227-229. (Französische Ori­ ginalausgabeLe moi-peau, 1985). 28 Daniel Golemans Theorie der "emotionalen Intelligenz" benutzt die kalt/warm Meta­ phorik nicht, meint aber den thermischen Faktor, wenn er für ein besseres Klima im Zusammenleben