Untersuchungen zum Korrosions- verhalten und Korrosionsschutz von geschweißten Aluminium- Magnesium-Mischverbindungen Vom Fachbereich Maschinenbau an der Technischen Universität Darmstadt zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktor-Ingenieurs (Dr.-Ing.) genemigte DISSERTATION vorgelegt von Dipl.-Ing. Robert Breining aus Darmstadt Berichterstatter: Prof. Dr.-Ing. Christina Berger Mitberichterstatter: Prof. Dr.-Ing. Uwe Reisgen Prof. Dr.-Ing. Matthias Oechsner Tag der Einreichung: 06.12.2011 Tag der mündlichen Prüfung: 08.02.2012 Darmstadt 2012 − D17 Danksagung Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbei- ter am Zentrum für Konstruktionswerkstoffe, Fachgebiet und Institut für Werkstoffkunde der Technischen Universität Darmstadt und der Staatlichen Materialprüfungsanstalt Darmstadt. Für die Schaffung der Voraussetzung zur Durchführung meiner Arbeit und Übernahme des Referats möchte ich mich bei Frau Prof. Dr.-Ing. Christina Berger, langjährige Leiterin des Zentrums für Konstruktionswerkstoffe (MPA/IfW) der TU Darmstadt, bedanken. Herrn Prof. Dr.-Ing. Uwe Reisgen, Leiter des Instituts für Schweißtechnik und Fügetechnik der RWTH Aachen, danke ich für die Übernahme des Koreferats und Herrn Prof. Dr.-Ing. Matthias Oechsner, Leiter des Zentrums für Konstruktionswerkstoffe (MPA/IfW) der TU Darmstadt, für die Übernahme der Mitberichterstattung. Herrn Dr.-Ing. Torsten Troßmann, Leiter des Kompetenzbereichs Oberflächentechnik, danke ich für eine langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit und die fachlich-inhaltliche Betreuung. In vielen fruchtbaren Diskussionen gab er mir neue Impulse und wertvolle Anregungen. Als nicht selbstverständlich gilt für mich seine stete Bereitschaft gezielte, über das übliche Maß hinausgehende inhaltliche Hilfestellung zu geben und Freiräume zu schaffen, wenn ich diese gebraucht habe. Insbesondere danke ich Herrn Dr.-Ing. Klaus Eppel, der mich während meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter zuerst als geschätzter Kollege begleitete, später als Vorgesetzter betreute und durch seine menschliche Art, wie auch fachliche Kompetenz für mich eine Vorbildfunktion einnimmt. Ich bedanke mich für viele oftmals „über den Monitor hinweg“ geführten fachliche Gespräche und inhaltliche Hilfestellungen sowie für den herzlichen, persönlichen Umgang. Herrn Dr.-Ing. Jörg Ellermeier danke ich für seine stete Diskussionsbereitschaft und neue inhaltliche Impulse in Bezug auf die Schweißtechnik. Ein weiterer Dank gilt meinen Kollegen des Kompetenzbereichs Oberflächentechnik, die mir durch ihre kollegiale Unterstützung in einem angenehmen, freundschaftlichen Arbeitsum- feld zur Seite standen. Nicht vergessen möchte ich die studentischen Hilfswissenschaftler, die mich durch Ihre Tätigkeiten im Arbeitsalltag und in Bezug auf diese Arbeit unterstützt haben (Alexander Frohm, Martin Eberlein, Mathis Kruse, Sebastian Werner, Steffen Haßlinger, Steven Kaluza). Ein besonderer Dank gilt meinen Eltern, die mich zu jederzeit unterstützt und meine Ausbildung stets gefördert haben. Sie legten den Grundstein für meinen Werdegang und die Erreichung meine beruflichen Ziele. Mein größter Dank gilt meiner Frau Simone, die mir in jeder Lebenslage Halt und Kraft gegeben hat. Durch Ihre Unterstützung und Nachsicht wurde mir die Umsetzung meiner Arbeit in dieser Form erst ermöglicht. Ein wesentlicher Teil der in dieser Arbeit dargestellten Forschungsergebnisse wurde im Rahmen eines öffentlich geförderten Forschungsvorhabens erarbeitet. Das Forschungsvor- haben 16018 der Forschungsvereinigung Gesellschaft für Korrosionsschutz e.V. (GfKORR) wurde über die AiF im Rahmen des Programms zur Förderung der Industriellen Gemein- schaftsforschung und –entwicklung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert. Dem Bundesministerium, der AiF und der GfKORR sei für die Förderung und finanzielle Unterstützung gedankt. Ich bedanke mich bei den Mitgliedern des projektbegleitenden Ausschusses für die aktive Mitarbeit und für die finanzielle und materielle Unterstützung des Vorhabens, insbesondere bei den Herren Dr. Burkhard Enders, Leist Oberflächentechnik und Dipl.-Ing. Thomas Wendel, Chemetall GmbH. Ferner danke ich Herrn Dr. Dietrich Wieser, Leiter des GfKORR- Arbeitskreises „Korrosion und Korrosionsschutz von Aluminium und Magnesium“ für die auch über die Projektlaufzeit hinaus gute Kooperation. Ein Dank gilt auch meinen Projektpartnern am ISF der RWTH Aachen, Herrn Dr.-Ing. Simon Olschok, Herrn Dipl.-Ing. Alexander Backhaus und insbesondere Herrn Dipl.-Ing. Christian Otten für die stets gute und fruchtbare Zusammenarbeit. Inhaltsverzeichnis I Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit ................................. 1 1.1 Einleitung .............................................................................................................. 1 1.2 Problemstellung ..................................................................................................... 2 1.3 Zielsetzung ............................................................................................................ 3 2 Stand der Technik ............................................................................................ 5 2.1 Leichtbau durch Werkstoffe und Bauweisen .......................................................... 5 2.2 Anwendungen und zukünftige Potenziale für Aluminium- und Magnesiumlegierungen .......................................................................................... 6 2.3 Schmelzmetallurgisches Fügen von Aluminium- und Magnesiumlegierungen ........ 7 2.4 Korrosionsverhalten von Aluminium- und Magnesiumlegierungen und der geschweißten Verbindung ...................................................................................... 9 2.5 Oberflächenbehandlung und Korrosionsschutz von Aluminium- und Magnesiumlegierungen durch organische Lacke .................................................. 12 2.6 Methoden zur Untersuchung der Korrosionseigenschaften metallischer Werkstoffe ........................................................................................................... 15 2.6.1 Elektrochemische Korrosionsuntersuchungen ...................................................... 17 2.6.2 Korrosionsprüfungen............................................................................................ 20 2.7 Zusammenfassung Stand der Technik .................................................................. 22 3 Experimentelles .............................................................................................. 25 3.1 Untersuchte Werkstoffe ........................................................................................ 25 3.1.1 Werkstoffzusammensetzung – chemische Elementanalyse ................................... 25 3.1.2 Dokumentation des Oberflächenzustands ............................................................ 26 3.1.3 Gefügeausbildung ................................................................................................ 27 3.2 Herstellung einer thermisch gefügten Mischverbindung aus Aluminium- und Magnesiumlegierungen ........................................................................................ 29 3.3 Oberflächenbehandlung – Reinigung und Haftgrundvermittlung anhand kommerziell verfügbarer Prozesse und Prozesschemikalien ................................. 32 3.4 Organische Beschichtung – großserientechnisch applizierter kataphoretischer Tauchlack (KTL) .................................................................................................. 34 3.4.1 Optische Begutachtung der kataphoretisch tauchlackierten Werkstoffproben ...... 35 3.4.2 Schichtdickenbestimmung anhand Wirbelstromverfahren und Metallografie ....... 37 3.4.3 Gitterschnittprüfung nach DIN EN ISO 2409 ........................................................ 39 3.5 Charakterisierung des Korrosionsverhaltens der untersuchten Werkstoffe ........... 40 3.5.1 Elektrochemische Untersuchungen ...................................................................... 41 3.5.1.1 Aufbau und Durchführung der elektrochemischen Versuche ................................ 41 II Inhaltsverzeichnis 3.5.1.2 Elektrolytauswahl ................................................................................................ 43 3.5.1.3 Durchführung zyklischer potenziodynamischer Polarisationsversuche ................. 44 3.5.1.4 Untersuchungen mittels Elektrochemischer Impedanzspektroskopie und Bewertung der Ergebnisse durch physikochemische Interpretation ...................... 46 3.5.2 Korrosionsprüfungen............................................................................................ 50 3.5.2.1 Klimaprüfung nach VDA-Prüfblatt 621-415 .......................................................... 50 3.5.2.2 Verschärfte Freibewitterung nach VDA-Prüfblatt 621-414 .................................... 51 4 Ergebnisse und Bewertung der Einzeluntersuchungen .................................. 53 4.1 Entwicklung einer geeigneten Messmethodik zur elektrochemischen Untersuchung des Kurzzeitdegradationsverhaltens von organischen Lackschichten auf Leichtmetallsubstraten ............................................................ 53 4.2 Untersuchung zur Auswirkung einer Variation charakteristischer Parameter bei der Messung mit elektrochemischer Impedanzspektroskopie.......................... 55 4.2.1 Variation der exponierten Fläche und Auswirkung des Messsystems .................... 56 4.2.2 Variation der Spannungsamplitude ...................................................................... 59 4.2.3 Variation der Elektrolytkonzentration .................................................................. 62 4.3 Elektrochemische Untersuchungen zur Charakterisierung des Systemverhaltens der metallischen unbehandelten und der beschichteten Werkstoffe in chloridhaltigen Elektrolyten ........................................................... 65 4.3.1 Korrosionseigenschaften und Kurzzeitverhalten der unbehandelten Werkstoffe ........................................................................................................... 65 4.3.1.1 Zyklische potenziodynamische Polarisationsversuche .......................................... 65 4.3.1.2 Wiederholte Elektrochemische Impedanzspektroskopie und physikochemische Interpretation ......................................................................... 69 4.3.2 Untersuchung der galvanischen Elementbildung durch die schmelzmetallurgisch gefügte Mischverbindung aus Aluminium- und Magnesiumwerkstoffen anhand ortsaufgelöster elektrochemischer Messungen ........................................................................................................... 73 4.3.3 Korrosionseigenschaften und Degradationsverhalten der beschichteten Werkstoffe ........................................................................................................... 77 4.3.3.1 Charakterisierung des Kurzzeitverhaltens der beschichteten Werkstoffe .............. 77 4.3.3.2 Degradation infolge Klimaprüfung nach VDA-Prüfblatt 621-415 .......................... 84 4.4 Untersuchung der Degradation beschichteter Werkstoffe in der Korrosionsprüfung ............................................................................................... 89 4.4.1 Klimaprüfung nach VDA-Prüfblatt 621-415 .......................................................... 89 4.4.2 Verschärfte Freibewitterung nach VDA-Prüfblatt 621-414 .................................... 95 Inhaltsverzeichnis III 5 Zusammenfassende Bewertung und Diskussion der Ergebnisse .................. 101 5.1 Methodenentwicklung zur Untersuchung beschichteter Versuchsbleche aus Aluminium- und Magnesiumwerkstoffen mittels Elektrochemischer Impedanzspektroskopie ..................................................................................... 103 5.2 Charakterisierung des Korrosionsverhaltens der unbeschichteten Werkstoffe .... 105 5.2.1 Nicht geschweißte Grundwerkstoffe .................................................................. 106 5.2.2 Schmelzgeschweißte Mischverbindung .............................................................. 106 5.3 Charakterisierung des Kurzzeit- und Langzeitdegradationsverhaltens der kataphoretisch beschichteten Werkstoffe infolge korrosiver Beanspruchung ...... 108 5.3.1 Nicht geschweißte Grundwerkstoffe .................................................................. 109 5.3.2 Schmelzgeschweißte Mischverbindung .............................................................. 113 6 Zusammenfassung und Schlussfolgerung .................................................... 117 Bildverzeichnis ........................................................................................................... 123 Tabellenverzeichnis.................................................................................................... 132 Abkürzungsverzeichnis .............................................................................................. 134 Literaturverzeichnis ................................................................................................... 137 Anhang A Ergänzende Ergebnisdarstellung ........................................................... 142 Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit 1 1 Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit 1.1 Einleitung Die Attraktivität des Einsatzes von Leichtmetallen als Konstruktionswerkstoffe, wie Legierungen der Werkstoffe Aluminium und Magnesium, leitet sich neben der hohen Rohstoffverfügbarkeit und der guten Rezyklierbarkeit aus der spezifischen Festigkeit bzw. Steifigkeit ab, die gleichwertig oder besser ist als die anderer metallischer Konstruktions- werkstoffe [1]. Durch diese kann, in Verbindung mit konstruktiven Maßnahmen, ein hohes werkstoffliches Leichtbaupotenzial an Bauteilen umgesetzt werden. Besonders interessant ist dies hinsichtlich der Reduzierung bewegter Massen im Sinne möglicher Einsparungen von Energie- und Rohstoffressourcen im Automobil-, Luftfahrt- oder Raumfahrtsektor. Die konsequente Verfolgung der Leichtbaustrategie, aber auch in Hinblick auf Funktions- trennung und -integration, Steigerung der Materialeffizienz sowie Senkung der Entwi- cklungs- und Produktionskosten, gewinnen Werkstoffverbunde und Multimaterial- Konstruktionen zunehmend an Bedeutung [2, 3, 4, 5]. Im Automobilbau, sowie im Luftfahrt- und Raumfahrtbereich, ist Aluminium als Konstruktionswerkstoff in mannigfalti- ger Legierungsauswahl eine etablierte und nicht mehr wegzudenkende Komponente des werkstofflichen Leichtbaus. In modernen Kraftfahrzeugen sind Aluminiumlegierungen in diversifizierten Anwendungen als z. B. Guss (Motorgehäuse), Blech (Außenhaut), Schmiede- (Fahrwerk) und Strangpressprodukte (Karosseriestruktur) in der Serienanwen- dung [6, 7]. Die Weiterentwicklung bestehender geschweißter Aluminiumfachwerkkonzep- te, z. B. „Audi Space Frame“ im Karosseriestrukturbereich durch eine Inkorporation von Magnesiumlegierungen verspricht eine weitere Gewichtsreduktion von 20 % [8]. In der Vergangenheit wurden Magnesiumlegierungen, hauptsächlich aufgrund hoher Rohstoffpreise und gegenüber anderen metallischen Konstruktionswerkstoffen mäßigen Blankkorrosionseigenschaften, nur in für den Endverbraucher nicht sichtbaren Bereichen eingesetzt. Dazu zählen in der automobilen Anwendung z. B. Getriebegehäuse, Sitzscha- lenunterbauten sowie Lenkrad- und Armaturenträgerskelette in Gusskonstruktionen [2, 9]. Magnesiumknetlegierungen finden aufgrund erhöhter Produktionskosten durch die schlechte Umformbarkeit der hexagonalen Gitterstruktur bei Temperaturen unterhalb 225 °C kaum Verwendung [9]. Neuere Produktionsmethoden, wie das noch in Entwicklung befindliche Gießwalzen, steigern die Attraktivität und damit die technologische Verbreitung der Magnesiumknetwerkstoffe durch niedrigere Fertigungskosten und eröffnen potenziell neue Anwendungsgebiete im Bereich gewalzter, dünnwandiger Blechstrukturen. Ein Beispiel ist der mögliche Einsatz von Magnesiumlegierungen in Bereich der Dachstruktur, um das Gewicht und den Schwerpunkt des Fahrzeugs zu senken [10, 11]. 2 Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit Insbesondere im Automobilsektor stellt das Schmelzschweißen in Laser- oder Metall- Inertgas-Prozessen aufgrund hoher Automatisierungsgrade und Kosteneffizienz ein wichtiges Fügeverfahren dar. Um die technische Nutzbarkeit der Mischverbindung aus Aluminium- und Magnesiumwerkstoffen zu gewährleisten, muss eine Anpassung der Schweißprozesse erfolgen. Die Herstellung stofflich gefügter Aluminium-Magnesium- Mischverbindungen mit einer hohen Reproduzierbarkeit bei guter Schweißnahtqualität und ausreichender Festigkeit ist Gegenstand neuzeitlicher Forschung [12, 13, 14]. Werden Mischbauweisen aus metallischen Werkstoffen im Karosseriebereich eingesetzt, entstehen neue Herausforderungen für die Korrosionsforschung. Ein Fügen unterschiedlich edler Werkstoffe bewirkt bei elektronenleitender Verbindung der Fügepartner und bei Anwesenheit leitfähiger, wässriger Medien die Gefahr einer galvanischen Elementbildung mit beschleunigter Werkstoffauflösung des unedleren Kontaktpartners. Diese Auswirkungen einer galvanischen Elementbildung können durch korrosionsschützende Maßnahmen verlangsamt oder vermieden werden. Die praktische Umsetzung effizienter, dauerhafter und wirtschaftlich herstellbarer Werkstoffverbunde in metallischer Mischbauweise erfordert  eine kostengünstige und stetige Verfügbarkeit der Werkstoffe mit einer  hohen Werkstoff- und Oberflächenqualität,  prozesstechnisch beherrschbare Fügeverfahren sowie  ein nachhaltiges Korrosionsschutzkonzept, das eine übermäßige Werkstoffauflösung infolge einer galvanischen Elementbildung verlangsamt oder verhindert. 1.2 Problemstellung Im Zentrum dieser Arbeit steht die Fragestellung nach dem Korrosionsverhalten und Korrosionsschutz von geschweißten Mischverbindungen aus Aluminium- und Magnesium- legierungen. Eine durch die unterschiedlich elektronegativen Fügepartner bedingte galvanische Elementbildung kann durch zwei Abhilfemaßnahmen vollständig unterbunden werden:  Die Verhinderung des elektronenleitenden Kontakts oder  die Vermeidung der gleichzeitigen Benetzung der unterschiedlich edlen Kontakt- partner. Bei einer Schweißverbindung ist eine elektrische Trennung der Fügepartner, wie bei einer mit Verbindungselementen mechanisch gefügten Verbindung durch Einfügen von Isolationsmaterial oder geklebten Verbindung, technisch nicht realisierbar. Daher muss durch eine Korrosionsschutzmaßnahme der Zutritt des Elektrolyten zur geschweißten Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit 3 Verbindung möglichst unterbunden werden. In der industriellen Anwendung, wie der Automobilindustrie, werden organische Lacksysteme in einem Spritz- oder Tauchprozess eingesetzt. Die applizierten Lackschichten stellen nicht komplett diffusionsdichte Membrane dar und können in gewissem Maße einen Elektrolytkontakt mit dem Substrat hinauszögern oder vermindern. Dadurch kann eine Abmilderung der galvanischen Elementbildung durch Hemmung des Ladungsträgeraustauschs bzw. Stofftransports erreicht werden. Die Schwierigkeit in der Applikation korrosionsschützender Beschichtungen auf heterogene Materialpaarungen liegt in der gemeinsamen Vorbehandlung und Lackierung in industriel- len Prozessen begründet. Zudem leiten sich aus der Ausführung der schmelzschweißtechni- schen Verbindung von Aluminium- und Magnesiumlegierungen auf das Korrosionsverhalten und die Anwendbarkeit von Korrosionsschutzmaßnahmen einwirkende Faktoren ab. Als wesentlich sind bei geschweißten Mischverbindungen der fertigungsfolgeabhängige Oberflächenzustand der zu fügenden Werkstoffe und die oberflächennahe Gefügeausbil- dung im Bereich der Schweißnaht anzusehen. Neben den Problemstellungen, die aus der heterogenen Werkstoffpaarung und Einflüsse aus der Fügetechnik resultieren, liegt ein besonderes Augenmerk auch einer kritischen Überprüfung der Anwendbarkeit von Prozessen der Oberflächenbehandlung auf die Aluminium-Magnesium-Mischverbindung. Diese sollen auf bereits etablierten Verfahren zur Erzeugung eines Haftgrundes sowie einer kataphoretischen Tauchlackierung (KTL) basieren. 1.3 Zielsetzung Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Charakterisierung des Korrosions- und Degrada- tionsverhaltens schmelzschweißgefügter Mischverbindungen aus der Aluminiumknetlegie- rung AA6016 und der Magnesiumknetlegierung AZ31 sowie der jeweiligen Fügepartner, hinsichtlich  des Blankkorrosionsverhaltens,  der bei leitendem Kontakt zu erwartenden galvanischen Elementbildung und  der korrosionsschützenden Wirkung eines aufgebrachten organischen Korrosions- schutzlacks  unter Verwendung zweier unterschiedlicher Haftgrundvermittler. Eine möglichst hohe Praxisnähe zum Bereich der Außenhaut- bzw. Strukturanwendung im Automobilbau ist durch die Verwendung kommerziell erhältlicher Werkstoffe und Prozessstoffe sowie industriell nutzbarer Prozesse gegeben, deren Anwendung auf Mischverbindungen übertragen werden soll. In diesem interdisziplinären Spannungsfeld soll ein besseres Verständnis zum Korrosions- bzw. Degradationsverhalten beschichteter Werkstoffverbunde hinsichtlich ihrer Lebensdauer sowie die Identifikation wesentlicher 4 Einleitung, Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit Mechanismen und Merkmale bzw. Einflussfaktoren auf die Korrosionsbeständigkeit aus der Fertigungsfolge der wesentliche Nutzen sein. Insbesondere die Betrachtung leitfähig verbundener, unterschiedlich elektronegativer Aluminium- und Magnesiumwerkstoffe hinsichtlich ihres Beschichtungs- und Korrosionsverhaltens ist für die praktische Umsetzung in konstruktiven Baugruppen von entscheidender Bedeutung. Die Rahmenbedingungen der Korrosionsuntersuchungen beziehen sich auf das Gesamtsys- tem aus  technischem, fertigungsfolgeabhängigen Oberflächenzustand,  nicht geschweißter und geschweißter, unterschiedlicher Leichtmetalle, die eine  chemische Oberflächenentfettung, -reinigung und Haftvermittlung und anschließende  kataphoretischer Tauchbeschichtung erfahren. In der Verbindung aus in der Praxis üblichen langzeitigen Korrosionsprüfungen und labortechnischen elektrochemischen Korrosionsuntersuchungen sollen  Schädigungsmerkmale und -mechanismen erkannt,  der Einfluss verschiedener Prozessparameter der Oberflächenmodifikation untersucht und  eine Korrelation aus makroskopisch sichtbaren Korrosionsphänomenen und elektro- chemischen Messwerten hergestellt werden. Ein wesentlicher Bestandteil zur Charakterisierung dieser Größen beinhaltet die Weiter- entwicklung und Anpassung existierender elektrochemischer Untersuchungsmethoden hinsichtlich der vorliegenden Fragestellung sowie eine kritische Betrachtung der Einfluss- größen des Messaufbaus und der einzustellenden Parameter. Hierdurch soll ein grundle- gender Beitrag zur Anwendbarkeit elektrochemischer Methoden und der Interpretation der Messdaten von elektrochemischen Untersuchungen an Aluminium- und Magnesiumlegie- rungen mit unterschiedlichen Oberflächenzuständen geleistet werden. Der Einsatz von elektrochemischen Methoden soll nicht nur die Erforschung von Korrosions- und Degrada- tionsmechanismen ermöglichen, sondern in Verbindung mit Korrosionsprüfungen auch zur Vorhersage hinsichtlich des Langzeitverhaltens beitragen. Aufgrund der bei dieser Problemstellung vorliegenden hohen Interdisziplinarität besteht eine große Schnittmenge unterschiedlicher Ingenieursbereiche die einen Wissensgewinn aufgrund der gewonnenen Ergebnisse erfahren können. Diese können für Beschichter, Konstrukteure und Werkstoffhersteller sowie für Anwender des allgemeinen Maschinen- baus, insbesondere aus den Bereichen Automobilbau, Luft- und Raumfahrt von Interesse sein, auch losgelöst von der speziellen Betrachtung der Schmelzschweißverbindung. Stand der Technik 5 2 Stand der Technik 2.1 Leichtbau durch Werkstoffe und Bauweisen In der jüngeren Vergangenheit hat die Thematik Leichtbau, insbesondere aus Gründen der Ressourcenschonung und Verminderung des CO2-Ausstoßes von Kraftfahrzeugen infolge gesetzlicher Auflagen und gesteigerten Umweltbewusstseins, an Bedeutung gewonnen. Der auf die Fahrzeugmasse bezogene Kraftstoffverbrauch wird je nach Quelle schwankend mit 12 % [4], 36 % [15] bis 75 % [16] angegeben. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich pro 100 kg Mehrgewicht ein Zusatzverbrauch von 5 % [2] bzw. 0,1 − 1 Liter pro 100 km [15] einstellt. Im Umkehrschluss wird von einer Verbrauchssenkung von 0,3 − 0,5 Liter pro 100 km bei einer Gewichtsreduktion von 100 kg gesprochen [16, 17]. Leichtbau ist somit zur Reduzierung des Emissionsausstoßes von großer Bedeutung. Bei der Konstruktion eines Bauteils definiert sich Leichtbau als Maximierung der Gewichts- einsparung bei vorgegebener Steifigkeit, dynamischer Stabilität und Betriebsfestigkeit [2]. Unter dem Überbegriff des Leichtbaus lassen sich generell Konzepte und Bauweisen differenzieren, deren Benennungen in der Literatur nicht immer konsistent, grundsätzlich aber mit identischem Sinn besetzt sind. Im Allgemeinen kann in einen werkstofflichen, konstruktiven und systemtechnischen Leichtbau differenziert werden, die Bauweisen teilen sich in Differential-, Integral- und Verbundbauweise auf [2, 18]. In der Folge der ganzheitlichen Systembetrachtung bei der Umsetzung werkstofflichen Leichtbaus wird durch unterschiedliche Werkstoffeigenschaften zumeist auch der konstruktive Leichtbau bedingt. Durch leichtbautechnische Maßnahmen besteht zudem die Möglichkeit einer Funktionstrennung oder -integration, die durch die Anwendung verschiedener Bauweisen umsetzbar ist. Ein Trend in der Entwicklung von Leichtbaustrukturen im werkstofflichen Leichtbau liegt in der Multimaterial-Bauweise begründet [2, 17]. Dabei ist eine Multimaterial-Konstruktion als Möglichkeit zu verstehen, in einem Bauteilverbund den für das jeweilige Bauteil optimalen Werkstoff, metallisch oder nicht-metallisch, auswählen zu können. Auf metallischer Werkstoffseite ist in diesem Zusammenhang die Verbundbauweise auf Basis von gefügten Werkstoffverbunden, mit den typischen Leichtmetallen Aluminium und Magnesium, sowie in der neueren Vergangenheit auch wieder vermehrt in Kombination mit Stahl, eine interessante Perspektive. In der Praxis betrifft dies momentan vor allem die mechanische Fügetechnik mittels Schrauben, Nieten und Clinchen, oftmals in Verbindung mit einer elektrisch isolierenden Klebverbindung. Beispiele sind die Karosseriestruktur des Audi TT (8J) [7], sowie die Vorderwagenstruktur des BMW 5 (E60) in Stahl-Aluminium- Hybridbauweise [7, 19]. 6 Stand der Technik In Konzeptstudien und Machbarkeitsversuchen werden Magnesiumknetlegierungen im Automobilbau vor allem als großflächige, tiefgezogene Bauteile in der Dachstruktur zur Senkung des Schwerpunkts [10, 11], bzw. im Bereich der Hauben und Klappen [9, 20] projektiert. 2.2 Anwendungen und zukünftige Potenziale für Aluminium- und Magnesiumlegie- rungen Im werkstofflichen, metallischen Leichtbau stehen die typischen Leichtmetalle Aluminium, Magnesium und Titan den etablierten Stahlwerkstoffen gegenüber, mit denen durch geschickte konstruktive und systemtechnische Maßnahmen ebenfalls Leichtbau betrieben werden kann. Aus dieser Konsequenz besteht insbesondere zwischen Stahlwerkstoffen und Aluminiumwerkstoffen eine Konkurrenzsituation, z. B. im Bereich Fahrwerk, Fahrzeug- struktur, Motor oder Karosserieblech. Etablierte Anwendungen für Aluminiumwerkstoffe sind z. B. Achsträger (IHU1, Guss, Profile und Formteile), Quer- und Längslenker (Schmiede, Guss), Felgen (Guss, Schmiede) Fahrzeugstruktur (Profil, Blech, Guss), Kurbelgehäuse (Guss), Klappen und Hauben (Blech). Der durchschnittliche Aluminiuman- teil am Fahrzeuggewicht betrug im Jahre 2005 etwa 150 kg [7]. Magnesiumwerkstoffe werden momentan im Automobilbau ausschließlich als Gusskons- truktion im Bereich Getriebe, Motor und Innenraum mit einem maximalen Anteil am Fahrzeuggewicht von weniger als 4 kg bei General Motors, Ford und Chrysler [21] bis 25 kg bei Volkswagen [9] eingesetzt. Die älteste Anwendung in blankem Oberflächenzu- stand, die bis zum heutigen Tag besteht, findet sich bei Getriebegehäusen. Im Motorbereich sind einige wenige Beispiele für Ansaugbrücken für großvolumige Motoren aus Magne- siumguss bekannt [9]. Im 6-Zylinder-Motor von BMW kam 2004 ein Kurbelgehäuse aus Magnesium- und Aluminiumguss mit einer Gewichtsersparnis zum reinen Aluminiumbau- teil von 10 kg zum Einsatz [22, 23]. Die größte Vielfalt ist im Bereich nicht sichtbarer, meist umschäumter oder verschalter Bauteile im Fahrzeuginnenraum mit geringer Korrosionsgefährdung, wie z. B. Lenkradskelette, Sitzunterkonstruktionen und Armaturen- träger zu finden. Bauteile in tragenden Strukturen, Klappeninnenteilen oder Außenhautbe- reichen als Guss- oder Knetlegierung verblieben bislang im Prototypenstadium. Eine der wenigen Ausnahmen bilden der VW Lupo 3L sowie das Mercedes E-Klasse T-Modell (S212), die in der Serienfertigung ein Heckklappeninnenteil als Magnesiumgusskonstruktion mit Außenbeplankung aus Aluminiumblech erhielten [9, 24]. 1 IHU = Innenhochdruckumformung Stand der Technik 7 Potenziale für zukünftige Anwendungen im Automobilbau bestehen weiterhin in den etablierten Bereichen für Gussanwendung sowie in der Erschließung neuer Anwendungen im Blechbereich durch Magnesiumknetlegierungen. Die weitere Anwendung hängt dabei entscheidend von der Legierungsentwicklung zu höheren Warmfestigkeiten und geringerer Kriechneigung (Getriebe- und Motorbereich), gesteigerter Korrosionsbeständigkeit, Oberflächenqualität und besserem Umformverhalten (Blechkonstruktionen) sowie günstigerer Herstellung und Verarbeitung (Gießwalzen, Blechumformung) ab [9]. In der Anwendung von Magnesiumknetlegierungen ist die Substitution großflächiger, dünnwandiger Bauteile im Außenhaut- oder Klappeninnenteilbereich sowie im Strukturbe- reich von größtem Interesse. Hier werden mögliche Gewichtseinsparungen von 50 % zu Stahl bzw. 20 % zu Aluminium vorhergesagt. Projektiert werden im Blechbereich bis zu etwa 50 kg Magnesiumanteil an der Gesamtmasse im Fahrzeug [9]. Entscheidende Faktoren in der technologischen Verbreitung von Leichtbaukomponenten aus Magnesiumknetwerkstoffen sind geeignete, kosteneffiziente schmelzmetallurgische Schweißverfahren, in denen Magnesium mit anderen metallischen Werkstoffen gefügt werden kann, und für Multimaterial-Konstruktionen geeignete Oberflächentechnologien, die einen gemeinsam applizierbaren Korrosionsschutz ermöglichen. 2.3 Schmelzmetallurgisches Fügen von Aluminium- und Magnesiumlegierungen Insbesondere im Automobilsektor stellt das Schmelzschweißen in Laserstrahl-, Metall- Inertgas- oder Hybridprozessen aufgrund hoher Automatisierungsgrade und Kosteneffizienz eine Schlüsseltechnologie im Bereich der Fügeverfahren dar. Das schmelzmetallurgische Fügen von Aluminiumwerkstoffen ist seit über fünfzig Jahren eine beherrschbare Technologie, die insbesondere im Fahrzeugstrukturbereich ihre Anwendung findet [25]. Durch die Anwendung von Laserstrahl-Metall-Inertgas-Hybridverfahren wird eine gesteigerte Wirtschaftlichkeit bei gleichzeitig verbesserter Nahtqualität erzielt [7, 26]. In der Prozessführung benötigt das Schmelzschweißen von Aluminium- und insbesondere von Magnesiumlegierungen einen deutlich höheren Aufwand als beim Fügen von Stählen. Die Schmelzintervalle sind sehr breit, wobei eine erhöhte Heißrissgefahr aufgrund niedrigschmelzender Eutektika besteht [9, 27]. Eine weitere Besonderheit ist, dass beide Werkstoffgruppen an Atmosphäre hochschmelzende, oxidische Deckschichten ausbilden. Im Zuge einer geeigneten Nahtvorbereitung müssen diese chemisch bzw. mechanisch vor oder durch eine Polungsumkehr während des Schweißprozesses entfernt werden [27, 28]. Aluminium- und Magnesiumlegierungen können durch eine Vielzahl von Verfahren wie z. B. Metall-Inertgas-, Laserstrahl- und Elektronenstrahlschweißen gefügt werden 8 Stand der Technik [7, 9, 27, 28, 29, 30, 31]. Nicht zuletzt aufgrund der generell geringen Marktdurchdrin- gung von Magnesiumknetlegierungen sind diese für Magnesium bis dato aber ohne Serieneinsatz. Die Herstellung einer Schmelzschweißverbindung aus Aluminium- und Magnesiumlegie- rungen stellt eine große Herausforderung für die Fügetechnik dar und ist im Wesentlichen durch die metallurgischen Eigenschaften der Leichtmetalle geprägt. Im flüssigen Zustand sind beide Werkstoffe vollständig löslich, im festen Zustand jedoch nur in Randbereichen. Aus dem Phasendiagramm geht hervor, dass zwei Eutektika existieren, Bild 1. Ein Eutektikum ist durch die intermetallische Phase Al3Mg2 (β-Phase) in der aluminiumreichen Phase gekennzeichnet, das Andere durch die intermetallische Phase Al12Mg17 (γ-Phase) in der magnesiumreichen Phase. Die Entstehungstemperaturen der beiden Eutektika liegen mit 450 °C und 437 °C deutlich unter den Schmelztemperaturen von Aluminium (660 °C) und Magnesium (650 °C). Folglich treten bei einem Aufschmel- zen und anschließenden Abkühlen beider Fügepartner die intermetalli- schen Phasen β und γ nahezu immer auf. Die Anwesenheit der spröden, intermetallischen Phasen, die im Bereich von etwa 40 − 60 Atompro- zent Magnesium beide auftreten, hat eine Auswirkung auf die mechani- schen Eigenschaften der Verbindung. Es wurde berichtet, dass es zu lokalen Härteanstiegen auf bis zu 250 HV 0,1 kommen kann [12, 13]. Diese können eine Rissbildung begünstigen [13]. Dabei tritt die intermetallische Phasenbildung saumartig bevorzugt im Bereich der magnesiumseitigen Anbindung auf [14] mit einer starken Abhängigkeit der Zugfestigkeit zur Saumbreite der intermetallischen Phasen [32]. Aufgrund der nahezu identischen Schmelztemperaturen von Aluminium- und Magnesium- werkstoffen ist eine Fügestrategie, bei der nur ein Fügepartner aufgeschmolzen wird und eine Diffusionsverbindung entsteht, wie sie z. B. bei Schweißverbindungen von Aluminium- legierungen und Stahl angewendet wird, nicht möglich [26, 33, 34]. 2 Nach ASM Metals Handbook Vol. 3, ASM International, 1992, 2-48 Bild 1 Phasendiagramm des Zweistoffsystems Aluminium und Magnesium2 Stand der Technik 9 Auf dem Gebiet der schmelzgeschweißten Mischverbindung von Aluminium- und Magnesiumlegierungen existieren nur wenige publizierte Erkenntnisse. Auf Basis eines Laserstrahlschweißprozesses konnten Verbindungen mit nur geringen Zugfestigkeiten von etwa 32 MPa, das entspricht lediglich 12 % der Zugfestigkeit des Magnesiumwerkstoffs, erzielt werden [13]. Insbesondere über eine Fügestrategie mit modernen, energiearmen Schweißverfahren, wie dem vielversprechenden EWM-coldArc®-Prozess, mit geringer Wärmeeinbringung und der Möglichkeit der gezielten Beeinflussung des Schmelzbades wurden keine wissenschaftlichen Berichte publiziert. Ergebnisse zur Unterdrückung der spröden intermetallischen Verbindungen durch z. B. eine geschickte Wahl des Schweißzu- satzwerkstoffs wurden von anderen Autoren bisher nicht veröffentlicht. 2.4 Korrosionsverhalten von Aluminium- und Magnesiumlegierungen und der geschweißten Verbindung Gegenüber anderen metallischen Konstruktionswerkstoffen gelten Aluminium- und Magnesiumwerkstoffe aufgrund ihrer Position in der elektrochemischen Spannungsreihe mit etwa EAl = -1,7 V und EMg = -2,4 V als sehr unedle Elemente [9, 35]. Unter dem Einfluss atmosphärischer oder wässriger Umgebungsbedingungen bilden aber beide Metalle durch Bedeckung mit ihren Korrosionsprodukten bei moderatem Umgebungseinfluss schützende Deckschichten aus. Die Korrosionspotenziale dieser Werkstoffe steigen infolge dieser Deckschichtbildung in typischen chloridhaltigen Elektrolyten signifikant auf z. B. ECor, Al, Meerwasser = -0,67 V [36] und ECor, Mg, 3…6 % NaCl = -1,67 V [37]. Bei Magnesiumwerkstoffen bildet sich diese Deckschicht in wässriger Umgebung unter Alkalisierung der oberflächennahen Grenzschicht oberhalb pH 8,5 mit einer Schichtdicke von < 1 µm aus [9]. Sie beinhaltet eine hydratisierte Schicht an der Werkstoffgrenzfläche, eine dünne Mittelschicht und eine dicke, poröse äußere Schicht [38]. Dabei erzielt die Deckschicht aber keine zuverlässige und lückenfreie Abdeckung der Magnesiumoberfläche. Dies folgt aus dem Pilling-Bedworth-Verhältnis3 von 0,81. Dieses Verhältnis indiziert, dass es durch das kleinere spezifische molare Volumen des Oxids im Vergleich zum umgesetzten Metall zu einer geometrischen Fehlanpassung der Struktur an der Grenzfläche zum Metall kommt. Daraus resultieren Zugeigenspannungen in der Deckschicht. Hierdurch werden Defekte begünstigt, die Korrosionselektrolyt-Lösungen einen Zugang zum Grundwerkstoff bieten können [9, 37]. Generell wird bei Magnesiumwerkstoffen in wässriger Umgebung eine verminderte Stabilität der Deckschichten im Vergleich zu Aluminiumwerkstoffen auch aufgrund leichter wasserlöslicher Bestandteile vermutet [38]. 3 Der Pilling-Bedworth-Ratio definiert sich durch: PBR = Volumen des Oxids / Volumen des Metalls. Es wird zur Abschätzung der Beständigkeit der sich an Luft ausbildenden Oxidschichten herangezogen. Ein PBR < 1 indiziert Zugspannungen in der Oxidschicht, PBR > 1 Druckspannungen. 10 Stand der Technik Die amphoteren Aluminiumwerkstoffe überziehen sie sich in Kontakt mit Luftsauerstoff durch ihre hohe Sauerstoffaffinität und in wässrigen Medien in einem neutralen Bereich von pH 4,5 − 8,5 mit einer dünnen, gut haftenden und dichten Deckschicht mit Dicken von 0,001 − 0,1 µm [36]. Diese besteht aus einer dünnen oxidischen Sperrschicht und einer darauf aufwachsenden, porigen äußeren Schicht, die unter Anwesenheit von wässrigen Medien hydratisiert [39]. An heterogenen Gefügebestandteilen an der Werkstoffoberfläche bilden sich in der Deckschicht Mischoxide aus, die eine Porosität begünstigen können [36]. Im Gegensatz zu den Magnesiumlegierungen findet mit einem Pilling-Bedworth-Verhältnis von 1,38 eine vollständige Bedeckung der Oberfläche mit resultierenden Druckeigenspan- nungen statt [9, 40]. Unter der Einwirkung wässriger Elektrolyte im neutralen pH-Bereich haben Halogenide eine korrosionsförderliche Wirkung auf deckschichtbildende Werkstoffe wie Aluminium- und Magnesiumwerkstoffe. Vor allem chloridhaltige Mineralsalze wie Natriumchlorid, Calciumchlorid und Magnesiumchlorid sind Bestandteil einer Vielzahl wässriger Elektrolyte wie z. B. Handschweiß, Brauchwasser Meerwasser oder als gelöstes Streusalz in Auftaulö- sungen. Die in den Elektrolyten enthaltenen Chlorid-Ionen können nach der Adsorption ein Auflösen der Deckschicht begünstigen, an Fehl- oder Schwachstellen an die Metalloberflä- che gelangen, eine Neubildung der Deckschicht durch Adsorption an der Werkstoffoberflä- che verhindern sowie lokale Korrosionsvorgänge durch Komplexbildung mit Metall-Ionen und Hydrolyse begünstigen und initiieren [38, 41, 42]. Aufgrund der ungünstigen Flächenverhältnisse mit gegenüber der Kathode (intakte Deckschicht) sehr kleinen Anodenflächen (lokal depassivierte Bereiche) kann es zu tiefengängiger Lochkorrosion oder Muldenkorrosion kommen [43]. Die Lochtiefe und die Korrosionsfortschrittsgeschwindig- keit steigen mit zunehmendem Chloridgehalt [38]. In gering korrosiven Elektrolyten kann unter bestimmten Umgebungsbedingungen auch Filiformkorrosion auftreten. Dabei hat der fertigungsfolgeabhängige Oberflächenzustand einen entscheidenden Einfluss auf das Initiierungs- und Fortschrittsverhalten der Korrosion. Insbesondere Magnesium- legierungen können erhöhte Korrosionsraten infolge gefügeimmanenter Verunreinigungen wie z. B. Eisen oder Kohlenstoff durch galvanische Mikroelementbildung erfahren [9, 44, 45]. Aus dem Fertigungsprozess folgende erhöhte Rauigkeiten haben eine gegenüber mechanisch bearbeiteten Oberflächen geringere Korrosionsbeständigkeit zur Folge [40]. Als besonders kritisch sind aus dem Produktionsprozess in die Oberfläche eingebrachte oder auf der Oberfläche anhaftende Fremdatome anzusehen. Diese können eine negative Beeinflussung der Deckschichtausbildung zur Folge haben und zur Ausbil- dung lokaler galvanischer Elemente beitragen [9, 40]. Beispielhaft seien z. B. an Walzen anhaftende Eisenpartikel aus dem Walzvorgang von Knetlegierungen oder Anhaftungen Stand der Technik 11 von kohlenstoffhaltigen Ziehhilfs- und Formtrennstoffen aus der Halbzeugverarbeitung genannt. Werden Mischbauweisen aus metallischen Werkstoffen, z. B. im Karosseriebereich, eingesetzt, entstehen neue Korrosions- und Korrosionsschutzproblematiken. Ein Fügen unterschiedlich edler Werkstoffe bewirkt bei der Herstellung einer elektronenleitenden Verbindung und unter Anwesenheit wässriger Medien die Gefahr einer galvanischen Elementbildung mit bevorzugter Werkstoffauflösung des elektronegativeren Kontaktpart- ners mit erhöhter Korrosionsgeschwindigkeit. Eine galvanische Elementbildung bei Mischverbindungen liegt dann vor, wenn vier Randbedingungen gegeben sind: die Anwesenheit einer edleren Kathode, einer unedleren Anode, eines direkten elektrisch leitenden Kontakts und der gleichzeitigen Benetzung durch einen ionenleitenden Elektrolyten. Bei Abwesenheit einer dieser vier Elemente tritt keine galvanische Elementbildung auf [9, 36]. Maßgebliche Einflussfaktoren auf die Korrosionsgeschwindigkeit bei galvanischer Elementbildung sind vor allem das Flächenverhältnis von Anode zu Kathode und die Potenzialdifferenz zwischen den Kontaktpartnern [43, 46]. Im Sinne einer vorhersehbaren und beherrschbaren Korrosion sind kleine Anoden- und große Kathodenflächen sowie große Potenzialdifferenzen zu vermeiden. Das folgt aus der Betrachtung der lokalen anodischen Auflösungsstromdichte, die proportional mit dem Flächenverhältnis von Kathode zu Anode sowie der Potenzialdifferenz ansteigt [46]. Fließt der Strom durch sehr kleine Anodenflächen, ist eine hohe lokale Auflösungsstromdichte mit einem lokalen, tiefengängigen Korrosionsabtrag zu erwarten, die die Gefahr der Bauteilperforation bei geringen Wanddicken im Blechbereich signifikant erhöht. Werden diese Mischbauweisen metallisch blank eingesetzt, sollte daher idealerweise eine elektrische Trennung der Fügepartner durch z. B. isolierenden Unterlegscheiben, Klebstoffe oder die Beschichtung des kathodischen Kontaktpartners erfolgen. An der Fügestelle selbst bleibt der elektrisch leitende Kontakt zwischen den Fügepartnern bei der Anwesenheit von Verbindungselementen wie z. B. Schrauben oder Nieten bestehen. Hier ist die geschickte Wahl der Verbindungselemente aus elektrochemisch kompatiblen Werkstoffen essentiell [9, 36, 46]. Das industriell mit großer Bedeutung behaftete schmelzmetallurgische Fügen macht eine Isolation der Fügepartner an der Schweißnaht unmöglich. Eine galvanische Elementbildung jedoch kann auch verhindert werden, wenn eine gemeinsame Elektrolytbenetzung vermieden wird. Dies kann durch geeignete Oberflächenschutzmaßnahmen erzielt werden. 12 Stand der Technik 2.5 Oberflächenbehandlung und Korrosionsschutz von Aluminium- und Magnesium- legierungen durch organische Lacke Technische Oberflächen sind im Regelfall durch Verunreinigungen aus der Fertigungsfolge mit Ziehhilfs- oder Formtrennstoffen belegt. Diese meist kohlenstoffhaltigen Verbindungen vermindern nicht nur die Korrosionsbeständigkeit im metallisch-blanken Oberflächenzu- stand, sondern auch die Haftung nachfolgender Beschichtungen. Daher müssen sie mittels chemischer oder elektrochemischer Verfahren entfernt werden. Mechanische Verfahren kommen aufgrund meist komplexer Bauteilgeometrien in der Regel nicht infrage. Die gängigste und einfachste Variante stellt das Beizen dar, bei dem gezielt zumeist oxidische Deckschichten und Oberflächenverunreinigungen abgetragen werden, idealerwei- se ohne den Grundwerkstoff anzugreifen. Befinden sich noch grobe Verunreinigungen auf der Werkstoffoberfläche oder sind Kohlenwasserstoffverbindungen (Öle, Fette) adsorbiert, kann der Beizangriff ungleichmäßig verlaufen. Daher wird dem Beizen vorgeschaltet meist ein Entfettungsprozess durchgeführt oder eine kombinierte Beizentfettung vorgesehen [40, 47, 48]. Die Herausforderung bei einem Oberflächenvorbehandlungsverfahren für Aluminium- Magnesium-Mischverbindungen besteht darin, dass  sich beide Werkstoffe in unterschiedlichen pH-Bereichen aktiv oder passiv verhalten,  es zu stark voneinander abweichenden Massenabträgen kommen,  ein selektiver Angriff auf bestimmte Oberflächenbereiche erfolgen und  es zu Wechselwirkungen der Werkstoffpaarung insbesondere im Bereich der Schweißnaht kommen kann. Folgen der genannten Probleme können unterschiedlich stark ausgeprägte Entfettungs- und Beizangriffe sein, die eine bevorzugte Abtragung eines Fügepartners oder einzelner Gefügebereiche, auch im Bereich der Schweißnaht, zur Folge haben. Dies kann Haftungs- probleme nachfolgender Korrosionsschutzmaßnahmen aufgrund ungleichmäßiger Reinigung der Oberfläche nach sich ziehen oder eine übermäßige lokale Änderung der Oberflächenfeingestalt infolge stark lokalisierter Beizangriffe und daraus resultierender ungleichmäßiger Schichtdicken in einem nachgeschalteten Lackierprozess. Magnesiumwerkstoffe verhalten sich in niedrigen, sauren pH-Bereichen aktiv und passivieren bei sehr hohen, alkalischen pH-Werten [49]. Aluminium hingegen ist ein amphoterer Werkstoff. Er passiviert in neutralen pH-Bereichen und wird bevorzugt in sauren und alkalischen Umgebungsbedingungen aktiv aufgelöst [36]. In der Literatur werden Schwefelsäure, Salpetersäure, Flusssäure, Essigsäure und Salzsäure als Beizlösun- gen für Aluminiumwerkstoffe aufgeführt, Phosphorsäure, Schwefelsäure und Salpetersäure Stand der Technik 13 für Magnesiumwerkstoffe [50, 51, 52, 53]. Für beide Werkstoffe kann demnach eine saure Beizlösung auf Schwefelsäurebasis gewählt werden, die zudem keine erhöhten Anforderun- gen an den Gesundheitsschutz und Absaugung stellt. Die Entfettung kann für beide Werkstoffgruppen in alkalischen pH-Bereichen ablaufen. Magnesiumwerkstoffe verhalten sich darin passiv, Aluminiumwerkstoffe werden erfahrungsgemäß nur gering gelöst. Nach durchgeführter Reinigung der Werkstoffoberflächen wird üblicherweise ein Haftvermittler appliziert, der die Schichthaftung nachfolgender Lacke verbessert. Bei den in der Automobilindustrie üblichen Stahlsubstraten wird eine Zinkphosphatierung eingesetzt. Ohne grundlegende Rezepturänderung des Phosphatierbades ist diese aber nicht für Aluminium- und Magnesiumlegierungen einsetzbar, da insbesondere Aluminium als Badgift gilt. Für in Mischbauweise mit Stahl verbundenen Aluminiumwerkstoffen ist mit angepass- ten Bädern eine Zinkphosphatierung möglich und in der praktischen Anwendung bereits etabliert [54]. Eine Zinkphosphatierung von Magnesiumwerkstoffen ist aus der Literatur nicht bekannt. Für Aluminium- als auch Magnesiumwerkstoffe werden heutzutage Vorbehandlungen auf Basis von dreiwertigen Chromverbindungen, Titan-Zirkon-haltige Konversionsbehandlungen und Sol-Gel-Prozesse auf Basis von Polymermolekülen und Silanen mit guten Erfahrungen in der industriellen Praxis verwendet [55, 56, 57]. Aus gesundheitlichen und umwelttechnischen Aspekten muss auf die in der Vergangenheit verwendeten, für ihre sehr gute Korrosionsschutz- und Haftvermittlungswirkung bekann- ten, sechswertigen Chromverbindungen verzichtet werden. Eine Verbesserung des Korrosionsschutzes und der Haftung für nachfolgende Lackschichten kann auch durch eine Anodisation erzielt werden. Sowohl auf Aluminium- als auch Magnesiumoberflächen können Verfahren angewandt werden, die mehrere µm dicke Oxidschichten aufbauen [9, 40]. Bei entsprechend dicken Schichten spricht man dann von einer Hartanodisation, die bei Aluminiumwerkstoffen auch als alleiniger Korrosionsschutz eingesetzt werden kann [40]. Verfahren, bei denen eine gemeinsame Anodisation von Aluminium- und Magne- siumwerkstoffen erfolgen kann, sind aber nicht bekannt. In der industriellen Anwendung im Automobilbau, aber auch in anderen Industriezweigen der Luft- und Raumfahrt, kommen häufig organische Beschichtungen zum Einsatz, die im Tauch- oder Sprühverfahren auf haftgrundvermittelten Oberflächen appliziert werden. Diese bieten als Diffusionsbarriere einen Korrosionsschutz durch die Verlangsamung oder Verhinderung des Elektrolytzutritts an die Substratoberfläche. Als Grundierung für Lacksysteme oder als alleinige Lackschicht werden elektrophoretische Tauchlacke (ETL) eingesetzt, wobei das kataphoretische Tauchlackieren (KTL) gegenüber dem anodischen Tauchlackieren (ATL) das bekanntere und verbreitetere Verfahren in der Automobilindus- trie und verwandten Industriezweigen darstellt [58]. 14 Stand der Technik Dafür geeignete organische Lacke sind zumeist wässrige Systeme auf einer leicht sauren Epoxidharz- oder seltener auf Polyacrylatbasis, [37, 48] die in Dispersion mit verschiedenen eigenschaftsbeeinflussenden Pigmenten, Inhibitoren, Bindemittel, Additiven oder Füllstoffen [59, 60, 61] stehen. Vorteile des kataphoretischen Tauchlackierens sind die leichte Applizierbarkeit, ein hoher erzielbarer Automatisierungsgrad, die gute Reproduzier- barkeit, eine hohe Ausbeute und gutes Umgriffsvermögen [58]. In einem Decklacksystem auf Blechen im Außenhautbereich nimmt der kataphoretische Tauchlack die Funktion der Grundierung (Primer) ein. Auf dessen Basis wird ein Lackauf- bau mit Füller (Body Coat), farbgebender Basislack (Top Coat) und Klarlack (Clear Coat) aufgebracht. Ein beispielhafter Lackaufbau und typische in der Automobilindustrie übliche Schichtdicken für Stahlbauteile sind in Bild 2 dargestellt [62, 63, 64, 65]. Das chemische Vorbehandeln von Aluminiumwerkstoffen auf saurer und alkalischer Basis ist ein etabliertes Verfahren in der industriellen Anwendung. Das Lackieren von Aluminiumbauteilen in Mischbauweise mit Stahlbauteilen ist in der Automobilindustrie ebenfalls gängige Praxis [48]. Das haftvermittelnde chemische Vorbehandeln und kataphoretische Tauchlackieren von Magnesiumgusswerk- stoffen ist generell möglich [9, 37] und wurde bereits erfolgreich in Nischenanwendungen der Fahrzeugproduk- tion umgesetzt [9, 24, 66]. Veröffentlichte Ergebnisse zur gemeinsamen Vorbehandlung und organischen Beschich- tung von Aluminium-Magnesium-Mischverbindungen sind jedoch nicht bekannt. Die Korrosionsschutzwirkung organischer Lackschichten wird in der Literatur meist vereinfachend über den flächenbezogenen Gesamtwiderstand Rges des beschichteten Werkstoffs definiert. Der Gesamtwiderstand quantifiziert die Hinderung des Elektronen- und Ionenaustauschs durch Schichten und kann aufgrund der ohmschen Abhängigkeit von Strom und Spannung mittels elektrochemischer Methoden, wie der Elektrochemischen Impedanzspektroskopie (EIS), ermittelten werden, vgl. Kapitel 2.6.1 und 3.5.1.4. Schichtdefekte, die eine lokale Schichtdickenverringerung bewirken oder Durchgänge zum Substratwerkstoff an z. B. Poren schaffen, verringern den Gesamtwiderstand der Schicht. In Publikationen wird im Zusammenhang mit einer schlechten Barrierewirkung von organischen Schichten auf zumeist Stählen von einem Gesamtwiderstand von 105 − 106 Ω·cm² gesprochen. Organische Schichten sollen einen beginnenden Korrosions- schutz oberhalb einer Impedanz von 107 Ω·cm² aufweisen, ab 108 − 109 Ω·cm² eine gute bis Bild 2 Decklackaufbau und typische Schichtdicken im Automobilbau auf Stahlsubstraten [nach 62, 63, 64, 65] Stand der Technik 15 sehr gute Wirkung erzielen und ab 1011 − 1012 Ω·cm² exzellente, nahezu isolierende Barriere-Eigenschaften aufbauen [40, 67, 68, 69, 70, 71, 72]. Eine Degradation von organischen Lackschichten kann auf mehrere Weisen durch mechanische, tribologische, chemische und biologische Einwirkung erfolgen. Die schädigende Einwirkung infolge korrosiver Umgebungsbedingungen kann zu Unterkorro- sion und folgender Delamination sowie Blasenbildung führen. Ursache kann eine geringe Diffusionshinderung und eine folgende mögliche Wasseraufnahme der Schicht sein, sodass ein Zugang korrosionsförderlicher Substanzen wie Wasser, Sauerstoff und Chloride zur Substratoberfläche erfolgen kann. Für eine ideale Barrierewirkung der Schicht gegenüber Elektrolyt und Sauerstoffzutritt an die Substratoberfläche ist daher eine möglichst poren- und fehlstellenfreie Schicht erwünscht. Die Vermeidung durchgängiger Porenpfade bis zum Substratwerkstoff ist durch einen mehrlagigen Schichtaufbau möglich [40]. Organische Lacke können auch durch UV-Strahlung infolge Sonneneinwirkung geschädigt werden [59]. Dabei wird das Bindemittel im Lack zersetzt, was sich durch einen grauen Schleier auf der Oberfläche bemerkbar macht. Dies wird auch Kreidung genannt [73]. Neben organischen Schichten sind prinzipiell auch metallische Überzüge auf den Einzelwerkstoffen denkbar. Ein kathodischer Korrosionsschutz des sehr unedlen Magne- siumwerkstoffs ist aufgrund fehlender für einen Überzug geeignete elektronegativere metallischen Werkstoffe nicht möglich. In der industriellen Anwendung, insbesondere in Hinblick auf die thermische Fügebarkeit derartig überzogener Halbzeuge, stellen Überzüge zudem keine Alternative zu den Lacken dar. 2.6 Methoden zur Untersuchung der Korrosionseigenschaften metallischer Werkstoffe Gebräuchliche Methoden zur Untersuchung der Korrosionseigenschaften metallischer Werkstoffe in wässrigen Medien lassen sich in die vier Kategorien  elektrochemische Untersuchungen,  Korrosionsprüfungen,  Umweltsimulationen und  Felderprobung unterteilen. Diese in dieser Reihenfolge mit steigender Versuchszeit und Komplexität sowie sinkenden Abstraktionsgrad gegenüber den in der Praxis vorliegenden Umgebungsbedingungen behafteten Methoden haben unterschiedliche Zielsetzungen und sind verschiedenartigen Limitierungen unterworfen. Einige der in Bezug auf diese Arbeit wichtigen Aspekte, welche die genannten Methoden betreffen, werden im Folgenden näher erläutert. 16 Stand der Technik Mittels elektrochemischer Untersuchungsmethoden kann eine korrosionstechnische Charakterisierung verschiedener Werkstoffoberflächenzustände, bezogen auf deren thermodynamische Möglichkeit und der dominanten kinetischen Teilprozesse, vorgenom- men werden. Abhängig von der gewählten Methode kann eine Untersuchung des grundsätzlichen Korrosionsverhaltens und / oder eine Quantifizierung des Korrosions- oder Degradationsfortschritts anhand elektrischer Größen wie Strom, Spannung (Potenzial) und Widerstand mit zumeist einfachen Probekörpern erfolgen. Nicht zuletzt aufgrund meist realitätsfremder, stark vereinfachter Umgebungsbedingungen ist eine hohe Interpreta- tionswürdigkeit der Versuchsergebnisse gegeben, sodass eine Grundkenntnis der möglichen elektrochemischen Schädigungsmechanismen eines untersuchten Werkstoff-Elektrolyt- Systems vorhanden sein muss. Korrosionsprüfungen werden in vielen Industriezweigen häufig durch Beaufschlagung der zu untersuchenden Werkstoffe mit zumeist chloridhaltigen Elektrolyten abgebildet. In der Werkstoffqualifikation der Automobilindustrie werden Proben, Bauteile, Baugruppen oder Komplettfahrzeuge in Kombination mit wechselnden Kondensationsbedingungen mit Feucht- und Trockenzyklen sowie unterschiedlichen Temperaturen in Klimakammern unter voller Kontrolle der Umgebungsbedingungen getestet. Eine im Hinblick auf die Regelpara- meter begrenzte Ausnahme bilden Freibewitterungsversuche unter atmosphärischen Bedingungen mit wahlweise verschärfender Beaufschlagung mit chloridhaltigen Elektroly- ten. Neben einer Beurteilung der Korrosionsausprägungen nach Augenschein und Bewertung nach bestimmten Kriterien, wie z. B. Häufigkeit einzelner Korrosionserschei- nungen oder Ausdehnung geschädigter Bereiche, liefert eine gravimetrische Differenzwä- gung bei metallisch-blanken Oberflächen einen quantifizierbaren Masseverlust pro Flächeneinheit und Expositionsdauer. Im Sinne der Werkstoff- und Korrosionsforschung ist es, auch in Verbindung mit elektrochemischen Methoden, möglich, anhand von Korrosions- prüfungen Schadensmechanismen zu verstehen und deren Erscheinungsform darzustellen und den Schädigungsfortschritt aufzuzeigen. Umweltsimulationen sind zumeist Baugruppen- oder Systemgesamtprüfungen mit definierter elektrochemisch-chemisch-mechanischer Komplexbeanspruchung. Diese in der Regel unwirtschaftlichste, weil aufwändigste Labormethode zur Untersuchung des Korrosions- und Degradationsverhaltens bieten einen hohen Übertragbarkeitsgrad auf reale Beanspruchungsbedingungen. Die praxisrelevantesten Ergebnisse erzeugt ohne Zweifel die sehr zeit- und kostenintensive Felderprobung von Gesamtsystemen im für das System bestimmten Umfeld. Generell ist das Ziel, Umweltsimulationen und Felderprobungen aus Kostengründen zu minimieren oder zu vermeiden. Auf Basis langjähriger, parallel zur Durchführung von Stand der Technik 17 Korrosionsprüfungen, gesammelter Erfahrung aus dem Feldeinsatz kann auf Basis einer Übertragbarkeitsbetrachtung eine mit einer gewissen Unsicherheit behaftete Abschätzung von Lebensdauern erfolgen. Grundlage dafür ist die Existenz und Kenntnis von versuchsme- thodenunabhängigen Schädigungsmechanismen sowie eine ähnliche Ausprägung von Korrosions- und Degradationsmerkmalen im Feld sowie im Labor. Die Untersuchung charakteristischer Merkmale kann, bei genauer Kenntnis der spezifischen Umgebungsbe- dingungen, begleitend mittels elektrochemischer Methoden erfolgen. 2.6.1 Elektrochemische Korrosionsuntersuchungen Der Begriff der Elektrochemie beschreibt ein Spektrum an Untersuchungsmethoden, das an viele Naturwissenschafts- und Ingenieursdisziplinen angrenzt. Im Allgemeinen kann dadurch eine Wissenschaft umschrieben werden, die den Elektronenaustausch an Phasengrenzen beschreibt und chemische sowie elektrische Prozesse unter Beteiligung von Ionen erfasst [74]. Elektrochemische Methoden im Sinne der Korrosionsforschung sehen typischerweise die Untersuchung von Ionen- und Elektronenaustauschvorgängen an Metall-Elektrolyt- Grenzflächen im Zuge von Werkstoffauflösungs- oder Abscheidungsvorgänge vor. In Laborversuchen wird zumeist in elektrochemischen Messzellen ein zu untersuchender, leitfähiger Werkstoff in einen spezifischen Elektrolyten getaucht und mittels einer Zwei- oder Dreielektrodenanordnung eine Beeinflussung und / oder Aufzeichnung von Strömen und Spannungen (Potenzialen) durchgeführt. Generell bieten elektrochemische Untersu- chungen ein effektives Hilfsmittel, einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Korrosionskinetik vorliegender Werkstoff-Elektrolyt-Systeme zu liefern. Zu den bekanntesten elektrochemischen Methoden zur Charakterisierung des Verhaltens von leitfähigen, zumeist metallischen Werkstoffoberflächen infolge äußerer, korrosiver Einflüsse zählen [75, 76, 77, 78]  die Messung des Freien Korrosionspotenzials ECor,  potenziodynamische Polarisationsversuche und die  Elektrochemische Impedanzspektroskopie (EIS). Die einfachste Methode der Messung des Freien Korrosionspotenzials ECor bedingt eine Zweielektrodenanordnung aus dem zu untersuchenden Werkstoff, der Arbeitselektrode (AE), und einer Bezugselektrode (BE). Ohne äußere Einwirkung eines Fremdstroms stellt sich unter Auflösung des Werkstoffs eine Spannung, das sogenannte Freie Korrosionspoten- zial, ein. Dieses beschreibt einen zeitabhängigen Gleichgewichtszustand der Werkstoffober- fläche in der Elektrolytlösung ohne äußere Polarisation (Summenstrom I = 0). Im Freien 18 Stand der Technik Korrosionspotenzial sind die Teilströme der anodischen und kathodischen Teilreaktion betragsmäßig gleich groß. Je nach Korrosionssystem stellt sich ein stationärer Wert nach kurzer Zeit ein, oder im Falle eines transienten Systems erst nach sehr langen Zeiten. Das Freie Korrosionspotenzial dient als Basis einer ersten Einschätzung der Elektronegativität eines Werkstoff-Elektrolyt-Systems und bildet einen Ausgangspunkt für nachfolgende potenziodynamische Polarisationsversuche oder elektrochemische Impedanzmessungen. Potenziodynamische Polarisationsversuche ermöglichen die Untersuchung des polarisa- tionsabhängigen Korrosionsverhaltens metallischer Werkstoffe in Elektrolyt-Lösungen. Diese Methode bedingt eine Dreielektrodenanordnung, in der eine zwischen der Arbeits- elektrode (AE) und inerten Gegenelektrode (GE) anliegende Spannung U geregelt wird. Diese wird so lange geändert, bis sich das vorgegebene Potential E in der Messzelle eingestellt hat, das zwischen der Arbeitselektrode (AE) und Bezugselektrode (BE) gemessen wird, Bild 3. Die aufgezeichnete Messgröße ist der sich einstellende Strom I. Die Polarisation erfolgt, zumeist ausgehend vom Freien Korrosionspotenzial, in kathodische und anodische Richtung. Ergebnis ist eine Strom-Spannungskurve oder eine über die Versuchsfläche normierte Stromdichte-Potenzialkurve, die das Werkstoffverhalten unter erzwungenen Polarisationsbedingun- gen z. B. durch galvanische Elementbildung in einem spezifischen Elektrolyten beschreibt. Abhängig vom untersuch- ten Werkstoff und verwendeten Elektrolyten ergeben sich unterschiedliche Kurvenverläufe. Durch eine Umkehr der Polarisationsrichtung nach erfolgter anodischer Polarisation und Rückkehr zum anfänglichen Potenzialwert in kathodischer Richtung kann mittels anschließender, mehrfacher Wiederholung eine zyklische potenziodynamische Polarisation realisiert werden. Bei jedem erfolgten Zyklus stellt sich eine fortlaufende, irreversible Schädigung des Oberflächenzustands ein, die abhängig vom Polarisationsbereich erfahrungsgemäß deutlich größer sein kann, als die einer im Freien Korrosionspotenzial auftretenden Korrosion ohne Polarisation. Nach Durchfahren des ersten Zyklus liegt demnach nicht mehr der ursprüngliche Oberflächenzustand vor. Insbesondere bei deckschichtbildenden Systemen kann dieser Effekt aber genutzt werden, um das Passivierungs- und Repassivie- rungsverhalten bei wiederholter Korrosionsbeanspruchung zu untersuchen. Vereinfachend lässt sich über das erste faradaysche Gesetz aus der Höhe des sich einstellenden Stroms der anodischen Teilreaktion auf den sich proportional einstellenden Masseverlust schließen. Bild 3 Schematische Dreielektroden- anordnung für elek- trochemische Mes- sungen AE = Arbeitselektrode (Werkstoff) BE = Bezugselektrode GE = Gegenelektrode, inert (Platin, Kohlenstoff) Stand der Technik 19 Mittels der Elektrochemischen Impedanzspektroskopie (EIS) wird in einer Dreielektroden- anordnung, ähnlich den potenziodynamischen Polarisationsversuchen, eine Polarisation der Werkstoffoberfläche aus dem Freien Korrosionspotenzial heraus durchgeführt. Davon grundlegend abweichend basiert die Elektrochemische Impedanzspektroskopie auf einer sinusförmigen Potenzialanregung mit geringer Spannungsamplitude um ein definiertes Polarisationspotenzial, oftmals dem Freien Korrosionspotenzial ECor, mit wechselnder Frequenz f. Die darauf folgende Stromantwort des Systems ist, entgegen einer rein ohmschen Abhängigkeit, frequenzabhängig um einen Phasenwinkel φ verschoben. Aus dem aufgeprägten Potenzial E und dem Phasenwinkel φ ergibt sich über den Strom I die komplexe Größe des Wechselstromwiderstands bzw. der Impedanz Z. Voraussetzung für die Anwendung dieser Vorgehensweise ist die Annahme einer linearen Beziehung von Strom und Spannung (Potenzial) über das ohmsche Gesetz, die im Bereich kleiner Spannungsam- plituden näherungsweise gegeben ist [70]. Aufgrund dieser Annahme der Linearität kann über eine Betragsbildung der Impedanz |Z| auf einen frequenzabhängigen Widerstand R geschlossen werden. Die Auftragung kann im Nyquist-Diagramm oder im doppeltlogarithmischen Bode- Diagramm erfolgen. Im Nyquist-Diagramm wird der Realteil der Impedanz über dem Imaginärteil aufgetragen. In der Ergebnisdarstellung von Korrosionsuntersuchungen resultiert daraus die Ausbildung kreisförmiger Kurvenverläufe in der komplexen Zahlen- ebene. Im meist anschaulicheren Bode-Diagramm wird der Betrag der Impedanz |Z| und der Phasenwinkel φ über der Frequenz f aufgetragen. Anhand der Parallel- und Reihenschaltung einfacher elektrotechnischer Elemente wie Widerstände, Kapazitäten und Induktivitäten lässt sich ein elektrisches Ersatzschaltbild erstellen, dass die Systemantwort des vorliegenden Werkstoff-Elektrolyt-Systems abbilden kann [79, 80]. Aus dieser physikochemischen Modellbildung und Auswertung kann auf elektrochemische Austauschprozesse an einzelnen Phasenübergängen im Gesamtsystem geschlossen werden. Diese Phasenübergänge können z. B. Grenzflächen der untersuchten Oberfläche zum Elektrolyt oder Übergänge anderer Grenzflächen von natürlichen Deckschichten oder applizierten Überzügen und Beschichtungen zum Elektrolyt oder zum Substrat sein. Grundsätzlich ist zu beachten, dass ein Messergebnis mit möglicherweise mehreren verschiedenen Ersatzmodellen mathematisch abgebildet werden kann, aber nur eins plausibel und physikochemisch korrekt die tatsächlichen elektrochemischen Vorgänge abbildet. Daher ist eine Grundkenntnis des vorliegenden Korrosionssystems − der Elektrolyte, der Werkstoffe und etwaiger Oberflächenmodifikationen − grundlegend vonnöten. Des Weiteren sollte ein Modell definitionsgemäß aus so wenigen Elementen wie nötig bestehen [80, 81]. 20 Stand der Technik Der wesentliche Vorteil der Elektrochemischen Impedanzspektroskopie gegenüber potenziodynamischen Polarisationsversuchen ist die deutlich geringere Einflussnahme auf das Korrosionsverhalten des Werkstoff-Elektrolyt-Systems durch eine nur geringe Polarisation aus dem Freien Korrosionspotenzial. Daher können mittels dieser Methode Aussagen zum dynamischen Verhalten eines Werkstoffs unter korrosiven Bedingungen nahe des unpolarisierten Zustands ECor getroffen werden. Die zusätzliche Schädigung der Oberfläche durch die Messung wird deutlich minimiert. Einschränkend muss berücksichtigt werden, dass streng genommen keine Änderung des Werkstoff-Elektrolyt-Systems während der Messung eines Spektrums von etwa 15 − 30 Minuten auftreten darf. Dies muss bei stark transienten Systemen berücksichtigt werden. Insbesondere bei organisch beschichteten Oberflächen ist die Elektrochemische Impedanz- spektroskopie die Methode der Wahl, weil eine übermäßige Polarisation beschichteter Werkstoffe lediglich eine verstärkte Unterkorrosion des Substrats hervorrufen würde und Aussagen zu den Eigenschaften der nichtleitenden Schicht nur eingeschränkt getroffen werden könnten. Des Weiteren kann aufgrund der physikochemischen Auswertung eine detaillierte Analyse eines vorliegenden Systems mit Identifizierung und Quantifizierung einzelner Teilprozesse an Phasengrenzen stattfinden. So kann sowohl das Degradationsver- halten der Schicht als auch das Korrosionsverhalten des Substrats an Fehlstellen, wie z. B. Poren oder Verletzungen der Schicht, untersucht werden [82]. 2.6.2 Korrosionsprüfungen In der praktischen Anwendung im industriellen Umfeld werden vor allem Korrosionsprü- fungen zur Charakterisierung blanker und geschützter Werkstoffoberflächen herangezogen. Diese zumeist in einer Laborumgebung in Korrosions- und Klimakammern durchführbaren Klimaprüfungen sorgen durch reproduzierbare in Normen festgeschriebene Prüfbedingun- gen. Dabei werden korrosionsförderliche Agenzien unter gleichbleibenden oder gezielt veränderten Umgebungsbedingungen beaufschlagt. Meist werden diese Korrosionsprüfun- gen eingesetzt, um eine vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Werkstoffe und / oder Oberflächenmodifikationen durchzuführen. Bekannte und im europäischen Raum häufig eingesetzte Prüfmethoden sind z. B.:  Salzsprühnebelprüfung nach DIN EN ISO 9227 (NSS, ASS, CASS)4  Klimawechselprüfung nach DIN 50017  Schwefelsaure Klimaprüfung nach DIN EN ISO 6988 und DIN 50018  Klimaprüfung nach VDA-Prüfblatt 621-415 4 NSS = Neutrale Salzsprühnebelprüfung, ASS = Essigsaure Salzsprühnebelprüfung, CASS = Kupferbeschleunigte, essigsaure Salzsprühnebelprüfung Stand der Technik 21 Spezielle, in der Automobilindustrie angewendete Korrosionsprüfungen, sind zumeist Varianten aus kombinierten Salzsprühnebel- und Klimawechselprüfungen, wie z. B. dem SCAB5-Test des Automobilherstellers Volvo (ISO 11474). Grundsätzlich wird anhand von Klimaprüfungen eine zur atmosphärischen Korrosion häufig erhöhte Korrosionsbeanspruchung mit stark beschleunigtem Korrosionsfortschritt generiert. Eine davon unterschiedliche Variante von Korrosionsprüfungen ist die atmosphärische Auslagerung von Werkstoffen im Rahmen von Freibewitterungsprüfungen. Bei diesen wird eine längerfristige, standortgebundene und wetterlagenabhängige korrosive Beaufschla- gung unter möglicherweise praxisnahen, aber weniger reproduzierbaren Bedingungen erzielt. Eine Verschärfung durch zusätzliche, intervallartige Beaufschlagung mit chloridhal- tiger Elektrolyt-Lösung ist möglich. Im europäischen Raum bekannte Prüfungsnormen sind z. B. die Freibewitterung  nach VDA-Prüfblatt 621-414 und  nach DIN 55665. Im Sinne einer möglichst praxisnahen Abbildung der Beaufschlagungsbedingungen im Feldeinsatz werden im automobilen Umfeld bevorzugt Prüfbedingungen mit sequenziell wechselnden Nass- und Trockenzyklen sowie optional korrosionsbeschleunigter Salzbeauf- schlagung gewählt. Aus der Erfahrung heraus hat sich, insbesondere bei metallisch-blanken Werkstoffen, gezeigt, dass eine konstante Beaufschlagung mit chloridhaltigen Elektrolyten nicht immer eine gute Korrelation zu den Ausprägungen der Korrosionserscheinungen und der Höhe des Masseabtrags aus dem Feldeinsatz darstellt [83, 84]. Speziell der zyklische Wechsel von Feuchte und Normalklima ermöglicht eine Abtrocknung der Oberflächen, in der eine Repassivierung durch Neubildung von Deckschichten erfolgen kann. Zum anderen kann dies aber auch zu einer Aufkonzentration korrosionsförderlicher Agenzien führen, die eine lokale Verschärfung der Korrosionsbedingungen bewirken. Einfache Salzsprühnebelprüfungen werden häufig nur zur vergleichenden Bewertung verschiedener Lackvarianten herangezogen. 5 SCAB = Simulated Corrosion Atmospheric Breakdown 22 Stand der Technik 2.7 Zusammenfassung Stand der Technik Aluminiumknetlegierungen sind etablierte Konstruktionswerkstoffe des klassischen werkstofflichen Leichtbaus, die im Automobilbereich in der Struktur- und Außenhaut ihre Anwendung finden. In Multimaterial-Bauweise kann in Verbindung mit Magnesiumknet- legierungen ein deutlich gesteigertes Leichtbaupotenzial erzielt werden. In mechanisch gefügter oder geklebter Ausführung wurden Verbunde aus Aluminiumblech und Magne- siumguss bereits erfolgreich großserientechnisch in der Automobilindustrie umgesetzt. Insbesondere das kosteneffiziente und gut automatisierbare Schmelzschweißen findet in der Automobilindustrie für artgleiche Werkstoffpaarungen wie z. B. Stahl / Stahl oder Aluminium / Aluminium eine große Verbreitung. Mischverbindungen aus der Werkstoff- paarung Stahl / Aluminium wurden bereits erfolgreich hergestellt, wobei die Fügestrategie eine bevorzugte Aufschmelzung der Aluminiumlegierung vorsieht und eine mechanische Umklammerung des Stahls stattfindet. Durch geeignete schmelzmetallugische Fügeverfah- ren könnten wettbewerbsfähige Werkstoffverbunde ebenso zur technologischen Verbrei- tung der bisher hauptsächlich in Gusskonstruktionen zu Anwendung kommenden Magnesiumlegierungen beitragen. Bisher sind kaum Versuche eine geschweißte Mischverbindung aus Aluminium- und Magnesiumknetlegierungen herzustellen veröffentlicht. Hinsichtlich der metallurgischen Eigenschaften der beiden Werkstoffe und der Prozessführung beim Schweißen stellt das stoffliche Fügen der beiden deckschichtbildenden Leichtmetalle eine große Herausforde- rung an die Schweißtechnik dar. Die Bildung spröder Phasen kann zu großen Härtesprün- gen führen, die aufgrund der daraus folgenden Risse in der Schweißnaht eine Verminde- rung der mechanischen Festigkeitseigenschaften zur Folge haben. Veröffentlichte Ergebnisse zur Laserschweißung von derartigen Mischverbunden indizieren nur geringe Zugfestigkeiten von etwa 32 MPa mit Brüchen in der Schweißnaht. Insbesondere die Wahl eines geeigneten Schweißzusatzwerkstoffs und die Anwendung moderner, energiearmer Metall-Inertgas-Prozesse könnte durch eine geringe Wärmeeinbringung möglicherweise gezielt zur Beeinflussung der Ausbildung des Schmelzbades sowie zur Unterdrückung unerwünschter Phasen genutzt werden und sind Gegenstand aktueller Forschung. Für die beiden unterschiedlich elektronegativen Fügepartner besteht bei einer stoffschlüssi- gen Verbindung die Gefahr der galvanischen Elementbildung. Bei einer derartigen Mischverbindung ist eine elektrische Isolation durch z. B. eine räumliche Trennung der Fügepartner oder einen Einsatz von Klebstoffen nicht gegeben. Eine weitere Möglichkeit der Verhinderung einer galvanischen Elementbildung ist die Verzögerung oder Vermeidung des Flüssigkeitszutritts an die Substratoberfläche. Mittels Oberflächenschutzmaßnahmen, wie z. B. dem Beschichten, kann somit einer Korrosion des Substratwerkstoffs entgegenge- wirkt werden. Stand der Technik 23 In der Automobilindustrie wird in der Regel das kataphoretische Tauchlackieren als Grundierung für einen weiteren Lacksystemaufbau und erste korrosionsschützende Maßnahme angewendet. Das chemische Vorbehandeln und kataphoretische Tauchlackieren von Aluminium- und Magnesiumlegierungen wurde mittels kommerziell verfügbarer Prozesschemikalien und industriell nutzbarer Prozesse in der automobilen Serienproduk- tion bereits mit unterschiedlich hohem Anwendungsgrad umgesetzt. Berichte über eine gemeinsame Vorbehandlung und Beschichtung im wissenschaftlichen oder serientechni- schen Umfeld existieren bis dato nicht. Das Vorbehandeln derartiger Mischverbindungen erfordert aufgrund unterschiedlicher Beständigkeiten der beiden Leichtmetallwerkstoffe in verschiedenen Umgebungsbedingungen eine sorgfältige Auswahl und Überprüfung der Übertragbarkeit kommerziell verfügbarer Prozesschemikalien auf die gefügte Verbindung. Ebenso muss eine Untersuchung der gemeinsamen Beschichtbarkeit erfolgen. Publiziertes Wissen zu derartigen Fragestellungen ist nicht verfügbar. Eine gute Schutzwirkung organischer Schutzschichten auf zumeist Stahlsubstraten wird in der Literatur anhand des Gesamtwiderstands von größer 108 − 109 Ω·cm² angegeben. Degradieren derartige Lacksysteme infolge korrosiver Einwirkung, tritt Unterkorrosion und daraus folgende Blasenbildung und Enthaftung auf. Eine Charakterisierung des Korrosions- und Korrosionsschutzverhaltens beschichteter Werkstoffe kann kosteneffizient, in relativ kurzen Zeiträumen, mittels labortechnischer Korrosionsprüfungen oder elektrochemischer Methoden erfolgen. Dazu zählen Klimaprü- fungen mit wechselnden Feuchte- und Trockenzyklen und die atmosphärische Freibewitte- rung sowie die potenziodynamische Polarisation und die Elektrochemische Impedanzspek- troskopie (EIS). Insbesondere die Elektrochemische Impedanzspektroskopie eignet sich durch die Möglichkeit der physikochemischen Auswertung einzelner Teilreaktionen an Phasengrenzen und aufgrund ihrer geringe Einflussnahme auf das Werkstoff-Elektrolyt- System, ohne übermäßige Auflösung des Substratwerkstoffs, besonders gut, um eine Untersuchung des Korrosionsverhaltens der metallisch-blanken Werkstoffe und eine Charakterisierung des Korrosionsschutzes und des Degradationsverhaltens der Beschich- tung durchzuführen. Die in der Literatur veröffentlichten Ergebnisse sind in der Regel auf organisch lackierten Stahlwerkstoffen beschränkt. Eine Aufgabenstellung in dieser Arbeit ist daher durch die Anpassung und Weiterentwicklung elektrochemischer Methoden zur Untersuchung beschichteter Aluminium- und Magnesiumwerkstoffe gegeben. 24 Stand der Technik Fazit: Die industrielle Anwendung stoffschlüssig gefügter Aluminium-Magnesium-Mischverbunde unter korrosiven Umgebungsbedingungen ist maßgeblich von der Interaktion der elektronenleitend verbundenen, artfremden Werkstoffe geprägt sowie von der Notwendig- keit und Möglichkeit kostengünstige, verfügbare korrosionsschützende Maßnahmen aufzubringen. Eine umfassende Untersuchung stoffschlüssig gefügter Aluminium- und Magnesiumwerk- stoffe hinsichtlich  des gemeinsamen Vorbehandlungs- und Beschichtungsverhaltens unter Verwendung verfügbarer Prozesse und Prozesschemikalien sowie  des Degradations- und Korrosionsverhaltens unter Berücksichtigung der Einflüsse korrosiver Triebkräfte und galvanischer Elementbildung wurde bisher nicht publiziert. Im Hinblick auf einen industriellen Einsatz dieser Werkstoff- verbunde im automobilen Umfeld sind diese Fragestellungen aber von großem Interesse für Beschichter, Werkstoffhersteller und die Chemieindustrie. Ergebnisse angepasster elektrochemischer Methoden in Verbindung mit standardisierten Korrosionsprüfungen können dem Anwender ein besseres Verständnis zum Kurz- und Langzeitdegradationsver- halten derartig beschichteter Werkstoffverbunde unter Bewertung der dominanten Mechanismen geben. Insbesondere die Elektrochemische Impedanzspektroskopie kann in der Produktentwicklung und Produktkontrolle eine sinnvolle Methode zur zeitnahen Ermittlung quantifizierbarer Kenngrößen darstellen. Bedarf ist im Rahmen einer zielgerichteten Unterstützung von Produktentwicklungsprozes- sen bezüglich der Qualifizierung von Vorbehandlungs- und Beschichtungskonzepten auf gefügten Werkstoffverbunden noch vorhanden. Dies beinhaltet eine auf die jeweilige Werkstoffkombination angepasste sinnvolle Herangehensweise bezüglich der Auswahl der Methoden, der Versuchsparameter und der Elektrolytauswahl. Experimentelles 25 3 Experimentelles 3.1 Untersuchte Werkstoffe Die Wahl der im Rahmen dieser Arbeit verwendeten Werkstoffhalbzeuge und Legierungen wurde durch den Fokus auf Anwendungen im automobilen Karosseriebereich maßgeblich beeinflusst. Die warmaushärtenden Aluminiumlegierungen der 6000er Serie sind in den Bereichen Karosserieblech und Fahrzeugstruktur aus werkstoffleichtbaulichen Gründen sowie aufgrund der guten Schweißeignung und Korrosionseigenschaften etabliert. Durch aktuelle Entwicklungen, wie z. B. das Gießwalzen, sowie verbesserte Oberflächen- qualitäten und Reinheiten, werden die u. a. aufgrund der hexagonalen Gitterstruktur und damit einhergehenden schlechten Umformbarkeit in der klassischen Walzproduktion sehr teuren Magnesiumknetlegierungen auch für den Einsatz im Karosserieblechbereich attraktiver. Im Gießwalzverfahren wird nahezu ausschließlich AZ31 verarbeitet und in der aktuellen Forschung weiter optimiert [9]. Tabelle 1 Übersicht über die untersuchten Werkstoffe Werkstoff AZ31B (DDQ150) AA6016 (EN AW 6016) MgAl3Zn1 AlMg0.4Si1.2 Hersteller MgF Magnesium Flachprodukte6 ThyssenKrupp Metallcenter7 Herstellung gießgewalzt gewalzt Blechdicke [mm] 1,8 2 Oberflächenzustand warm gewalzt texturiert (EDT)8 Wärmebehandlungszustand O9 T410 3.1.1 Werkstoffzusammensetzung – chemische Elementanalyse Anhand einer stichprobenartigen chemischen Elementanalyse der ausgewählten Werkstoffe mittels Funken-Emissions-Spektralanalyse (FESA) konnte die Einhaltung der jeweiligen Werkstoff-Spezifikationen für AA6016 (EN AW6016 / AlMg0.4Si1.2) nach EN 573-3 und AZ31 (DDQ150 / MgAl3Zn1) nach DIN 1729 bestätigt werden. Die Menge an Aluminium in der Magnesiumknetlegierung AZ31 befindet sich jedoch am unteren Ende des Toleranzfel- des der Spezifikation. 6 MgF Magnesium Flachprodukte GmbH, Agricolastraße 24, 09599 Freiberg 7 ThyssenKrupp Metallcenter, Geschäftsbereich der ThyssenKrupp MetalServ GmbH, Am Oberwald 1, 76744 Wörth 8 Oberfläche mit einem Trockenschmierstoff (Multidraw Drylube E1) behandelt und wurde im Rahmen der Untersuchungen mittels alkalischer Natronlauge entfernt. 9 Wärmebehandelter Zustand: weichgeglüht und rekristallisiert 10 Wärmebehandelter Zustand: lösungsgeglüht, abgeschreckt und kalt ausgelagert 26 Experimentelles Dies ist, laut Aussagen des Herstellers11, einer verbesserten Umformbarkeit der Legierung geschuldet. Die Aluminiumzugabe in Magnesiumlegierungen beeinflusst neben der Umformbarkeit der Legierung auch die Korrosionsbeständigkeit, die sich mit steigendem Aluminium-Gehalt verbessert. Tabelle 2 Ergebnisse der Funken-Emissions-Spektralanalyse (FESA) und Sollwerte gemäß EN 573-3 bzw. DIN 1729 Werkstoff Element [mass.-%] Al Si Fe Cu Mn Mg Zn Cr Ti Ni AZ31 Analyse 2,581 0,025 0,003 <0,002 0,321 Rest 0,662 - - <0,002 Soll 2,5-3,5 ≤0,1 ≤0,03 ≤0,1 0,05-0,4 Rest 0,5-1,5 - - ≤0,005 AA6016 Analyse Rest 1,31 0,209 0,061 0,133 0,382 0,013 0,024 0,017 <0,01 Soll Rest 1,0-1,5 0,5 0,2 0,2 0,25-0,6 0,2 0,1 0,15 - 3.1.2 Dokumentation des Oberflächenzustands Die Oberfläche des gießgewalzten Halbzeugs der Magnesiumknetlegierung AZ31 weist die für Walzprodukte typische Orientierung der Oberflächentextur in Walzrichtung auf, Bild 4. Bei genauerer Betrachtung in höheren Vergrößerungen werden Bereiche mit gruppiert auftretenden Rissen in der Werkstoffoberfläche sichtbar, Bild 5. Dies resultiert offensicht- lich aus einer lokal verschlechterten Umformbarkeit durch Kaltverfestigung ohne Rekristallisation bei Unterschreitung des Temperaturintervalls für das Warmwalzen. Diese Fehlstellen an der Werkstoffoberfläche können sich negativ auf das optische Erscheinungs- bild einer nachfolgenden Beschichtung auswirken und Ursache einer ungleichmäßigen Schichtdickenverteilung sein. Magnesiumwerkstoffe sind aufgrund eines begrenzten Formänderungsvermögens der hexagonal dichtesten Gitterstruktur (hdp) bei niedrigen Temperaturen schlecht umformbar. Erst bei Überschreitung einer Temperatur von etwa 225 °C werden weitere Gleitebenen thermisch aktiviert, die ein Walzen mit erhöhten, industriell nutzbaren Umformgraden ermöglichen. Bei dem Knetwerkstoff AZ31 wird ein Warmwalztemperaturfenster von 250 − 450 °C angegeben [37]. Die gewalzte Oberfläche des Halbzeugs der Aluminiumlegierung AA6016 ist makroskopisch nicht eindeutig erkennbar, Bild 6. Dies folgt aus dem Endwalzen mit durch Funkenerosion aufgerauten Walzen (EDT), die eine Texturierung der Oberfläche mit definierter Rauheit bewirken und so ein verbessertes Schmierstoffaufnahmevermögen für anschließende Tiefziehprozesse im Karosserieblechbereich zu erzielen [48]. In höherer Vergrößerung wird die ursprüngliche Walzstruktur hingegen sichtbar, Bild 7. 11 Persönliche Mitteilung, Hr. Dr. Teipel, MgF Magnesium Flachprodukte GmbH Experimentelles 27 Bild 4 Makroskopische Oberflächenstruktur des gießgewalzten AZ31-Halbzeugs (V = 1:50) Bild 5 Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des Halbzeugs AZ31, Rissige Oberfläche Bild 6 Makroskopische Oberflächenstruktur des gewalzten und texturierten AA6016- Halbzeugs (V = 1:50) Bild 7 Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des Halbzeugs AA6016, texturierte Oberflä- che und sichtbare Walzstruktur 3.1.3 Gefügeausbildung Die Ausprägung der Gefüge der gewalzten Knetlegierungen AA6016 und AZ31 wurde in metallografischen Längs- und Querschliffen ungeätzt und geätzt12 untersucht. Das Gefüge der Aluminiumlegierung AA6016 ist im Zustand T4 durch die typische siliziumreiche β- Phase als Mg2Si-Ausscheidungen charakterisiert [36, 85], Bild 8 und Bild 9. Die Korngröße beträgt nach ASTM E112 etwa G8. 12 Ätzmittel für Aluminium: 1%-ige Natronlauge; Ätzmittel für Magnesium: Ethanol, Pikrinsäure, Essig, destilliertes Wasser 28 Experimentelles Im Schliffbild der Magnesiumlegierung AZ31 sind im ungeätzten Zustand oxidische Einschlüsse im Kernbereich des Blechwerkstoffs erkennbar, Bild 10. Im geätzten Zustand sind im Kernbereich teilweise sehr große, primär erstarrte Körner und eine für gewalzte AZ31-Halbzeuge typische Zwillingsbildung vorhanden [86], Bild 11. Das Gefüge besteht typischerweise aus α-Mischkristallen und vereinzelten mangan- und aluminiumreichen Ausscheidungen, Bild 12 und Bild 13.. Die Korngröße nach ASTM E112 beträgt etwa G11 bis G13. Im Randbereich der beiden Blechwerkstoffe ist eine geringfügige Korngrößenfeinung durch den Walzprozess sichtbar. Auffällige, durch den Walzprozess langgestreckte Körner konnten nicht beobachtet werden. Dies ist auf die Wärmebehandlung der Werkstoffhalb- zeuge nach dem Endwalzvorgang zurückzuführen (Rekristallisation), vgl. Tabelle 1. Bild 8 AA6016, metallografischer Längsschliff, Randbereich, geätzt Bild 9 AA6016, metallografischer Längsschliff, Kernbereich, geätzt, Mg2Si-Auscheidungen Bild 10 AZ31, metallografischer Querschliff, Kernbereich, ungeätzt, oxidische Einschlüsse Bild 11 AZ31, metallografischer Querschliff, Kernbereich, geätzt, primär erstarrte Kör- ner, Zwillingsbildung Experimentelles 29 Bild 12 AZ31, metallografischer Längsschliff, Randbereich, geätzt Bild 13 AZ31, metallografischer Längsschliff, Kernbereich, geätzt 3.2 Herstellung einer thermisch gefügten Mischverbindung aus Aluminium- und Magnesiumlegierungen Die im Rahmen dieser Arbeit verwendeten Schweißverbindungen wurden am Institut für Schweißtechnik und Fügetechnik (ISF) der RWTH Aachen gefügt. Aufgrund der verschiedenartigen metallurgischen Eigenschaften der Aluminium- und Magnesiumwerkstoffe ergeben sich Problemstellungen in den Bereichen Löslichkeit, Schmelzpunkte und Gefügeausbildung. Aufgrund der begrenzten Löslichkeit von Aluminium in Magnesium und umgekehrt kann nur eine geringe Aufmischung im Schmelzbad erfolgen, vgl. Kapitel 2.3. Die Gefahr einer Ausbildung festigkeitsmindernder, spröder Phasen in der magnesiumseitigen Anbindungszone erfordert zudem eine geschickte Prozessführung, um diese ungewünschten Phasen zu unterbinden. Ein bevorzugtes Aufschmelzen eines Fügepartners, wie dies bei Aluminium-Stahl-Schweißverbindungen praktiziert wird, ist aufgrund der nahezu identischen Schmelzpunkte von Aluminium und Magnesium nicht möglich. Versuche eine Schweißverbindung mit den Fügepartnern AA6016 und AZ31 mit den Strahlverfahren Laserstrahlschweißen und Elektronenstrahlschweißen herzustellen, die ausreichende Zugfestigkeit im Bereich der Grundwerkstoffe13 aufweist, schlugen fehl [87]. Ursache war im Wesentlichen eine starke Verwirbelung der Schmelze in der Schweißzone und daraus resultierende große Härtesprünge bis Faktor 4 zwischen den spröden intermetallischen Phasen und dem umliegenden Gefüge. Einzig über das energiearme Lichtbogenschweißen (EWM-coldArc®) konnte, mithilfe eines in der Automobilindustrie üblichen Aluminium-Silizium Schweißzusatzwerkstoffs, über eine definierte Versuchsfüh- 13 Zugfestigkeiten nach Angabe der Hersteller: AA6016: Rm, AA6016 = 221 MPa; AZ31: Rm, AZ31 =240 MPa 30 Experimentelles rung eine Schweißnaht erzeugt werden, die im Einzelversuch eine Zugfestigkeit von bis zu 100 MPa bei einer Bruchdehnung < 2 % aufwies [87]. Der Bruch erfolgte stets entlang des Saums intermetallischer Phasen, welche sich an der magnesiumseitigen Anbindung an die Schweißnaht konzentrieren. Ein signifikanter Einfluss auf die Festigkeit der Fügeverbin- dung der unterhalb der Oberfläche befindlichen Poren konnte nicht nachgewiesen werden. Als vorteilhaft hat sich eine Verschiebung des Lichtbogenprozesses auf das Aluminiumblech erwiesen, um so eine möglichst geringe Menge des Magne- siumwerkstoffs aufzuschmelzen. Eine Reduzierung des Saums intermetallischer Phasen an der Anbindungszone der Schweißnaht zum Magnesiumwerkstoff konnte durch eine Erhöhung des Siliziumgehalts im Schweißzusatzwerk- stoff von 5 % auf 12 % und eine aktive Kühlung der Fügepartner erzielt werden. Ursächlich dafür ist eine geringere Energieeinbringung durch den niedrigeren Schmelzpunkt des eutektischen Zusatzwerkstoffs AlSi12 (568 °C) zu AlSi5 (627 °C) und die weiterhin erhöhte Wärmeabfuhr durch die aktive Kühlung während des Schweißprozesses, Bild 14. Bild 15 Geschweißte Verbindung im metallografi- schen Querschliff, Porosität, Saumbildung intermetallischer Phasen an der magnesium- seitigen Anbindung an die Schweißnaht [87] Bild 16 Geschweißte Verbindung im metallografi- schen Querschliff Detailaufnahme aus Bild 15, Saumbreite der intermetallischen Phasen bis minimal 50 µm (dunkler Saum im Bild) [87] 14 Nach ASM Metals Handbook Vol. 3, ASM International, 1992, 2-48 Bild 14 Phasendiagramm des Zweistoffsystems Aluminium und Silizium14 Experimentelles 31 Zusätzlich treten nun Magnesium-Silizium-Ausscheidungen mit Konzentrationen von 47 − 50 % Silizium auf. Es ist davon auszugehen, dass im Rahmen dessen Magnesium auch als siliziumhaltige Ausscheidung abgebunden wird und somit die Ausbildung der β- und γ- Phasen vermindert. Die Kombination dieser Maßnahmen übte einen positiven Einfluss auf die Unterdrückung der spröden, intermetallischen Phasen aus und resultierte in einer minimalen Saumbreite von etwa 50 µm [88], Bild 15 und Bild 16. Eine weitere Reduzie- rung der Saumbildung und in dieser Folge Erhöhung der mechanischen Festigkeit der Schweißverbindung ist Gegenstand aktueller Forschung15. Tabelle 3 Optimierte Schweißparameter des energiearmen Lichtbogenverfahrens Parameter Variable Wert Brennerstellung (Drehwinkel) β 18° zur Vertikalen Abstand zur Fügekante ∆XAl 1 mm auf Aluminiumseite Schweißgeschwindigkeit vS 0,3 m/min Schweißdrahtvorschubgeschwindigkeit VD 4,1 m/min Schweißdrahtdurchmesser dD 1,2 mm Schweißzusatzwerkstoff AlSi12 (S Al 4047)16 Abstand des Kontaktrohrs zum Werkstück (Stickout) 12 mm Schutzgas 100 % Argon Sonstiges Aktive Wasserkühlung Bild 17 Fotografische Aufnahme der geschweißten coldArc®-Verbindung, AA6016 / AZ31 / AlSi12, Schweißnahtoberseite Bild 18 Fotografische Aufnahme der geschweißten coldArc®-Verbindung, AA6016 / AZ31 / AlSi12, Schweißnahtunterseite 15 Forschungsaktivitäten des Instituts für Schweißtechnik Fügetechnik (ISF) der RWTH Aachen 16 Bezeichnung nach EN ISO 18273, Drahtwerk Elisental W. Erdmann GmbH & Co., Werdohler Straße 40, 58809 Neuenrade 32 Experimentelles 3.3 Oberflächenbehandlung – Reinigung und Haftgrundvermittlung anhand kommerziell verfügbarer Prozesse und Prozesschemikalien Ausgangssituation der Oberflächenbehandlung im Rahmen dieser Arbeit war die Verwen- dung kommerziell verfügbarer Prozesschemikalien und eine Übertragung der jeweiligen Prozesse auf die Aluminium-Magnesium-Mischverbindung. In Zusammenarbeit mit der Firma Chemetall GmbH17 wurden praxisrelevante Chemikalien ausgewählt und die Prozessgrößen anhand von Vorversuchen abgestimmt, Tabelle 4 und Tabelle 5. Tabelle 4 Ausgewählte Oberflächenvorbehandlungsverfahren bzw. -produkte Prozessschritt Handelsname Prozessart pH-Wert 1 alkalisches Entfetten Gardoclean® T 5378 tensidisch-alkalisch ~9,5-10,0 2 saures Beizen Gardoclean® T 5491 schwefelsauer ~1,0-1,5 3.a Haftvermitteln Gardobond® X 4729 Ti/Zr-Fluorid, Konversion 1,0-1,818 3.b Oxsilan® 9802 Silan, Sol-Gel-Prozess 3,5-4,519 Die gewählten Haftvermittlungslösungen sind prinzipiell für sowohl Aluminium- als auch Magnesiumwerkstoffe einsetzbar20 und verbessern die Gleichmäßigkeit der Oberfläche und die Adhäsionseigenschaften als Vorbereitung für nachfolgende Lackschichten. Die Anwendbarkeit auf spezielle Legierungen und die Übertragung auf schmelzmetallurgisch hergestellte Mischverbindungen und deren geänderter Gefüge- und Oberflächenstrukturen in der Schweißzone wurden eingehend überprüft [87]. Die Konversionsbehandlung Gardobond® mit Titan-Zirkon-Fluoriden beruht auf einem dreistufigen Mechanismus aus Abbeizen der obersten Schichtlagen des Substratwerkstoffs von z.B. Aluminium- oder Magnesiumoxiden, Hydrolyse und Komplexierung der Substra- tionen mit Zirkonfluoriden und schließlich der Ausfällung von hydratisierten Oxiden des Aluminiums, Komplexbildner und anderen Lösungsbestandteilen [89]. Es entsteht eine transparente Dünnschicht mit einer Schichtauflage von etwa 2 − 30 mg / m² Titan bzw. Zirkon auf Aluminiumwerkstoffen und 30 − 80 mg / m² auf Magnesiumwerkstoffen [90]. Das Oxsilan®-Verfahren basiert auf funktionellen Organo-Silan-Polymeren, die sich in Verbindung mit hydratisierten Oxiden, die an zuvor gereinigten Metalloberflächen vorhanden sind, durch Chemisorption an den Metallsubstraten bei Raumtemperatur kondensieren und kovalente Bindungen aufbauen [91]. Die amorphe, dünne Schicht aus „Polysiloxanen“ besitzt ein Schichtgewicht von etwa 20 – 200 mg/m² mit einer Dicke von 10 – 100 nm [90, 91]. 17 Chemetall GmbH, Trakehner Str. 3, D-60487 Frankfurt am Main 18 Betriebsanleitung Chemetall Gardobond®X 4729 19 Betriebsanleitung Chemetall Oxsilan® 9802 20 Persönliche Mitteilung, Hr. Dressler, Hr. Wendel, Chemetall GmbH, Frankfurt am Main, 17.08. 2009 Experimentelles 33 Tabelle 5 Prozessablauf und Prozessmittel der Oberflächenvorbehandlung Prozessschritt Prozesschemikalien Prozessparameter Zusammensetzung 1 alkalisches Entfetten Gardoclean® T 5378 10 min, 55 °C 35 g/l T 537821 2 Spülen, Tauchen Deionat 0,5 min, 23 °C - 3 saures Beizen Gardoclean® T 5491 1 min, 40 °C 6,5 g/l T 5491+0,15 g/l H 725822 4 Spülen, Tauchen Deionat 0,5 min, 23 °C - 5.a Haftvermitteln Gardobond® X 4729 1 min, 45 °C 68 g/l X 4729A + 65 g/l X 4729B23 5.b Oxsilan® 9802 1 min, 23 °C 18 g/l 9802 + 7 g/l 9920 + H727124 6 Spülen, Sprühen Deionat 0,25 min, 23 °C - 7 Trocknen - - - Mit den aus Vorversuchen ermittelten Parametern wurde bei dem kombinierten Reini- gungsprozess aus Entfetten und Beizen im Mittel ein Massenabtrag von 3,4 g/m² bei der Magnesiumlegierung AZ31 erzielt. Die Aluminiumlegierung AA6016 erfuhr mit durch- schnittlich 0,4 g/l25 einen deutlich geringeren Abtrag. Die Massenabträge der geschweißten Verbindung entsprachen in etwa dem Mittelwert der beiden Legierungen [87]. Bild 19 Schwarzer Belag an der Anbindung der Magnesiumlegie- rung an die Schweißnaht (V = 1:50) Bild 20 Messdiagramm des phosphathaltigen Belags mittels energiedispersiver Röntgenspektroskopie (EDX) 21 Betriebsanleitung Chemetall Gardoclean® T 5378: Badansatz mit 20-50 g/l, Badtemperatur 50-75 °C, Prozesszeit 2-10 Minuten 22 Betriebsanleitung Chemetall Gardoclean® T 5491: Badansatz mit 10-25 g/l, Badtemperatur 40-55 °C, Prozesszeit 1-10 Minuten 23 Persönliche Mitteilung, Hr. Wendel, Chemetall GmbH, Frankfurt am Main, 02.08.2011 24 Persönliche Mitteilung, Hr. Wendel, Chemetall GmbH, Frankfurt am Main, 30.11.2010 25 Vergleichswert Betriebsanleitung Chemetall Gardoclean® T 5378: AA6016, 0,02 g/cm² pro Minute 34 Experimentelles An der geschweißten Probe entstanden im Entfettungsprozess schwarze Beläge an der magnesiumseitigen Anbindungszone der Schweißnaht, Bild 19. Mittels energiedispersiver Röntgenspektroskopie (EDX) konnte an diesen Stellen phosphorhaltige Verbindungen nachgewiesen werden, Bild 20. Diese phosphorhaltigen Niederschläge sind dem im alkalischen Reiniger T 5378 enthaltenen Komplexbildner Natriumphosphat26 zuzuschrei- ben. Eine mechanische Bearbeitung der Oberflächen der Einzelwerkstoffe und der geschweißten Mischverbindung fand grundsätzlich nicht statt. 3.4 Organische Beschichtung – großserientechnisch applizierter kataphoretischer Tauchlack (KTL) Die kataphoretische Tauchbeschichtung der Versuchsproben erfolgte bei einem Lohnbe- schichter, der Firma Leist Oberflächentechnik27. Dieser verfügt über eine KTL-Anlage für Gestellware, die u. a. für das Beschichten von Stahl-Anbauteilen für die Automobilindustrie genutzt wird. Das Tauchbad besteht aus einer wässrigen Epoxidharzderivat-Dispersion mit blei- und zinnfreien Pigmenten. Der pH-Wert liegt leicht sauer bei etwa pH 5 bis pH 628. Im Gegensatz zur üblichen Vorbehandlung für Stahlbauteile werden die getrennt oberflächen- vorbehandelten Versuchsbleche direkt in das kataphoretische Tauchbad eingeschleust. Danach erfolgt ein dreifacher Spülvorgang und ein anschließender Abkühl- und Einbrenn- vorgang bei 180 °C für 20 Minuten28. Es wurden zwei Beschichtungsreihen durchgeführt, Tabelle 6. Versuchsreihe 1 wurde „nass- in-nass“ direkt nach der Vorbehandlung in das kataphoretische Tauchbad eingeschleust, bei Versuchsreihe 2 wurde eine Zwischentrocknung vorgesehen. Sonstige Prozessgrößen wurden nicht variiert. Tabelle 6 Übersicht über die Versuchsreihen der kataphoretischen Tauchlackierung Versuchsreihe 1 (V1) Versuchsreihe 2 (V2) Vorbehandlung Oxsilan® 9802 Oxsilan® 9802 - Gardobond® X 4729 Vor Ort (Fa. Leist) Im Labor (IfW TU Darmstadt) Einschleusen in KTL-Bad Ohne Zwischentrocknung Mit Zwischentrocknung (Wasserbenetzung vor Einschleusen) 26 Sicherheitsdatenblatt Chemetall Gardoclean® T 5378, 08.02.2008 27 Leist Oberflächentechnik GmbH, Oelmühle 5, 98597 Fambach 28 Persönliche Mitteilung, Herr Dr. Enders, Leist Oberflächentechnik e.k., Breitzbachstraße 5, 36251 Bad Hersfeld Experimentelles 35 Die Versuchsbleche hatten die Abmessungen (Länge·Breite·Dicke) 100 mm·100 mm·2 mm bzw. 100 mm·100 mm·1,8 mm. 3.4.1 Optische Begutachtung der kataphoretisch tauchlackierten Werkstoffproben Eine erste Ergebnisüberprüfung erfolgte durch ein