Großräumige GPS/INS Vermessung mittels virtueller Referenzstationen Vom Fachbereich Bauingenieurwesen und Geodäsie der Technischen Universität Darmstadt zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktor-Ingenieurs (Dr.-Ing.) genehmigte Dissertation von Dipl. Ing. Adrian Kipka aus Cosel Referent: Prof. Dr.-Ing. Matthias Becker Korreferent: Prof. Dr.-Ing. Erwin Groten Korreferent: Prof. Dr.-Ing. Harald Schlemmer Tag der Einreichung: 10.06.2005 Tag der mündlichen Prüfung: 06.12.2005 Darmstadt, im Mai 2005 D17 2 Zusammenfassung Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht in der Entwicklung eines hybriden Meßsystems zur groß- räumigen und schnellen Vermessung von Autobahnen. Dabei wird den besonderen Anforderungen, welche hierbei auftreten, Rechnung getragen. Das entwickelte System ist hinsichtlich Genauigkeit und Verfügbarkeit der Trajektorienbestimmung sowie Kosteneffizienz, welche durch Einsatz von modernen GPS Empfängern sowie der Entwicklung neuer Module für die schnelle und zuverlässige Auflösung der Ambiguitäten erreicht wird, optimiert. Die Entwicklung des Systems beinhaltet ebenfalls die Aktualisierung der benutzten Hardware. Dazu gehören die Schnittstellenkarte zur Kommunikation zwischen INS und Computer sowie die benutzten GPS Empfänger, welche durch moderne Geräte ersetzt werden. Die durch die Modernisierung der Hardware notwendige Analyse der Software-Module ergibt, daß die vorhandene Software-Architektur keine in vertretbarem Aufwand durchzuführenden Veränderungen möglich macht und führt zu einer kompletten Neuimplementierung der INS und GPS Module. Dabei wird besonderes Augenmerk auf eine streng strukturierte und objektorientiere Implementierung der Module geachtet, die eine rasche Anpassung an sich ändernde Gegebenheiten, wie neue oder zusätzliche Sensoren, erlaubt. Zentraler Teil der Arbeit ist die Entwicklung eines modernen GPS Prozessors, welcher die Ambi- guitäten schnell und zuverlässig auflöst. Als Basis der Ambiguitätenauflösung dient der LAMBDA- Algorithmus, welcher für die in dieser Arbeit im Fokus stehende kinematische Anwendung von GPS und INS modifiziert wird. Dies bedingt im speziellen Modifikationen am Originalansatz bezüglich der Anzahl der zu testenden Ambiguitäten sowie deren Validierung. Die im kinematischen Ansatz i.d.R. großen Suchräume und daraus folgend die erhebliche Anzahl der Mehrdeutigkeiten, erschweren hierbei die Fixierung der korrekten Ambiguitäten. Aus diesem Grund werden die gefunden Mehrdeutigkeiten mittels verschiedener, strenger Validierungsverfahren getestet. Typischerweise wird der Einsatzradius der kinematischen GPS Prozessierung auf kurze Basislinien beschränkt, da mit steigendem Abstand zwischen Referenzstation und mobilem GPS Empfänger die entfernungsabhängigen Fehler dominieren und oftmals eine erfolgreiche Auflösung der Ambiguitäten nicht erlauben. Dies wirkt sich demnach in einer verminderten Positionsgüte aus und führt bei dem gewünschten großräumigen Einsatzbereich zu einer zwangsläufigen Stückelung der Trajektorie und damit zu einer geminderten Effizienz. Diese Mißstände werden dadurch kompensiert, daß der klassi- sche Ansatz der Einzelbasislinienprozessierung aufgegeben wird und stattdessen auf Daten virtueller 3 Referenzstationen zurückgegriffen wird. Der in dieser Arbeit verwirklichte Ansatz der sequentiellen Prozessierung multipler virtueller Refe- renzstation bietet hierbei die Möglichkeit den Einsatzbereich des hybriden Meßsytems auf großräumige Bereiche auszudehnen und die Stückelung der Trajektorien zu minimieren. Die Wirksamkeit der verfolgten Ansätze wird mittels einer Testmessung, einer ca. 50 km langen Meßstrecke, belegt, welche komplett an einem Stück und gänzlich ohne physische Referenzstationen gemessen wird. Letztlich zeigt die Auswertung der Testmessung eindrucksvoll die Überlegenheit der kombinierten GPS/INS Messung gegenüber der Messung mittels Einzelsensoren, welche sich in we- sentlich kürzeren Datenlücken in der GPS Positionierung mittels Phasenbeobachtungen und fixierter Mehrdeutigkeiten aufgrund von Signalabrissen, bedingt durch Brücken, Schilderbrücken o.ä., äußert. 4 Abstract The purpose of the present work exists in the development of a hybrid measurement system for the quick survey of spacious highways. Besides, it takes into account the special requirements which appear for these operations. The developed system is optimised for accuracy and availability of the trajectory determination and cost efficiency which is obtained by the application of modern GPS receivers as well as the development of new modules for the quick and reliable resolution of the ambiguities. The development of the system likewise contains the update of the used hardware. This includes the interface card for the communication between the INS and the computer as well as the used GPS receivers which are substituted by modern devices. Analysis of the current software architecture that became necessary because of the modernisation of the hardware reveals that it makes no sense to carry out changes on the present software modules. This leads to a completely new implementation of the INS and GPS software modules. Besides, special attention to a strictly structured and object oriented implementation is adhered to which makes it possible to react quickly to changing circumstances, like new or additional sensors. A central part of the work is the development of a modern GPS processor which resolves the ambiguities fast and reliably. The basis for the ambiguity resolution is served by the LAMBDA- algorithm which in this work is modified to meet the special needs of this application which deals with combined INS and GPS processing. This causes modification of the original approach regarding the number of ambiguities which have to be tested and their validation. Dealing with kinematic GPS data usually means bigger search spaces and therefore a considerable number of ambiguities which complicates the resolution of the correct ambiguities. For that reason all ambiguities found are tested by means of different strict validation methods. Typically the operational area for kinematic GPS application is limited to short baselines because with increasing distance between base station and mobile receiver GPS the distance dependent errors start to dominate and often do not permit a successful resolution of the ambiguities. Usually this leads to deteriorated position accuracy and efficiency because of the division of the trajectory into pieces in order to keep the distance dependent errors minimal. This drawback is compensated by the fact that the classical approach of the single baseline processing is abandoned, instead it will use data from virtual base stations. The approach of the sequential processing of multiple virtual base stations achieved in this work 5 offers the possibility to expand the operational area of the hybrid measurement system to extended areas and to minimise the division of the trajectory into pieces. The effectiveness of the developed system is proved by means of a test measurement system, an approximately 50 km long measuring test track, which is completely measured in a piece and entirely without using physical base stations. In the end, the evaluation of the test results shows impressively the superiority of the new combined GPS/INS measurement compared with measurements by means of single sensors. The combined method results in substantially shorter data gaps in the GPS positioning using phase observations with fixed ambiguities when there are signal blockages, for example by bridges or similar obstructions. 6 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 19 2. Grundlagen GPS 23 2.1. Originalbeobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2. Differentielles GPS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.3. Linearkombinationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 2.3.1. L1/L2 Signal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.3.2. Widelane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.3.3. Narrowlane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.3.4. Ionosphärenfreie Linearkombination . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.3.5. Ionosphärisches Signal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 3. LAMBDA-Methode 31 3.1. Dekorrelation der Ambiguitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 3.2. Größe des Suchraums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 4. Erweiterung des klassischen Basislinienkonzeptes 37 4.1. Fehlerquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 4.2. Vernetzung von Referenzstationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 4.3. Konzept der virtuellen Referenzstation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 4.3.1. Restfehler in der VRS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 5. Grundlagen inertialer Navigationssysteme 45 5.1. Kardanisch aufgehängte inertiale Navigationssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 5.2. Strapdown-Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 5.3. Prinzipien der Inertialnavigation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 5.3.1. Spezifische Kräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 7 Inhaltsverzeichnis 6. GPS-INS Integration 53 6.1. Integrationsarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 6.1.1. Uncoupled Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 6.1.2. Loose Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 6.1.3. Tight Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 6.1.4. Deep Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 7. Hardwarekomponenten 59 7.1. RLG Strapdown INS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 7.2. GPS Empfänger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 7.2.1. Re-Akquisitionszeiten der Satellitensignale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 7.2.2. Datenverarbeitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 7.3. Zeitliche und räumliche Zuordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 7.3.1. Zeitsynchronisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 7.3.2. Räumliche Zuordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 8. SIGNA 69 8.1. Kalman-Filter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 8.2. Filterprozeß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 8.2.1. Kalman-Filter Betriebsarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 9. SKinI 77 9.1. GPS Prozessor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 9.1.1. Ambiguitätenauflösung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 9.1.2. Ambiguitätenvalidierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 9.1.3. Direktes Festsetzen der Ambiguitäten bei bekannter Basislinie . . . . . . . . . . 87 9.2. GPS/INS Modus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 9.2.1. Mehrdeutigkeitsauflösung mit Hilfe von INS Daten . . . . . . . . . . . . . . . . 89 9.2.2. Validierung der INS gestützten L1-Ambiguitätensuche . . . . . . . . . . . . . . 96 9.3. Prozessierung mittels virtueller Referenzstationen (VRS) . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 10.Analysen und Feldtests 99 10.1. Analysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 10.1.1. Bestimmung des Ablehnungskriteriums ” L1-Norm Test der mittleren Fehler der Positionierung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 10.1.2. Bestimmung des Ablehnungskriteriums ” L1-Norm der Residuen der Positionie- rung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 10.1.3. Konsistenzvergleich verschiedener VRS Basislinien . . . . . . . . . . . . . . . . 102 8 Inhaltsverzeichnis 10.2. Feldtests . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 10.2.1. GPS Prozessor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 10.2.2. GPS/INS Prozessor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 11.Zusammenfassung und Ausblick 137 A. Koordinatensysteme 147 A.1. Inertial-System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 A.2. Erdfestes, geozentrisches System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 A.3. Navigations-System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 A.4. Body-System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 9 10 Abbildungsverzeichnis 3.1. Zweidimensionales Beispiel eines Suchraums vor (links) und nach (rechts) der Dekorrelati- on durch die Z-Transformation. Die Float-Lösung wird durch das Plus-Zeichen angedeutet, wohingegen die Punkte potentielle Integerkombinationen repräsentieren. . . . . . . . . . 33 4.1. Verlauf der entfernungsabhängigen Fehler in Abhängigkeit der Distanz Referenz-Rover. . 38 4.2. Referenzstationsnetzwerk ohne Vernetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 4.3. Konfiguration vernetzter Referenzstationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 4.4. Modell zur Bestimmung der Korrekturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 4.5. VRS in unmittelbarer Nähe des Rovers, generiert aus den umliegenden realen Referenz- stationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 7.1. Systemkomponenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 7.2. PPS Signal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 7.3. Schaltung zur Manipulation des PPS-Signals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 7.4. Anordnung des Sensorträgers und der Festpunkte auf dem Dach des Trägerfahrzeugs . . 66 8.1. Ablauf der Meßfahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 8.2. Visualisierung der Kalman-Filter Prozeßschleife . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 9.1. Prinzipieller Ablauf des Suchverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 9.2. Prinzipieller Ablauf des Suchverfahrens mittels INS Informationen . . . . . . . . . . . . . 90 9.3. Bestimmung des Polynoms zur zeitabhängigen Modellierung des INS Genauigkeitsniveaus der Komponente in X-Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 9.4. Bestimmung des Polynoms zur zeitabhängigen Modellierung des INS Genauigkeitsniveaus der Komponente in Y-Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 9.5. Bestimmung des Polynoms zur zeitabhängigen Modellierung des INS Genauigkeitsniveaus der Komponente in Z-Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 10.1. Positionsberechnung mit fixierten Ambiguitäten: L1-Norm der mittleren Fehler . . . . . 99 10.2. Positionierung mit fixierten Ambiguitäten: normierte L1-Norm der Residuen . . . . . . . 101 11 Abbildungsverzeichnis 10.3. Netzkonfiguration der Testtage 11.03.2005 und 13.03.2005 . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 10.4. Differentieller ionosphärischer Einfluß für den 11.03.2004 14.00 h bis 18.00 h in Nord-Süd und Ost-West Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 10.5. Geometrische Korrekturen für den 11.03.2004 14.00 h bis 18.00 h in Nord-Süd und Ost- West Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 10.6. Vergleich VRS 10km Nord zu VRS 1km N . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 10.7. Differenzen VRS 10km N und VRS 10km S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 10.8. Differenzen VRS 10km W und VRS 10km O . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 10.9. Differenzen VRS 10km N und VRS 10km NW . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 10.10. Differenzen VRS 5km S und VRS 5km W . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 10.11. Differenzen VRS 5km W und VRS 5km O . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 10.12. Differenzen VRS 1km N und VRS 1km S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 10.13. Differenzen VRS 10km N und VRS 5km S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 10.14. Differenzen VRS 10km W und VRS 5km O . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 10.15. Differenzen VRS 10km NO und VRS 5km SO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 10.16. Differenzen VRS 10km N und VRS ZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 10.17. Differentieller ionosphärischer Einfluß für den 13.03.2004 08.00 h bis 12.00 h in Nord-Süd und Ost-West Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 10.18. Geometrische Korrekturen für den 13.03.2004 08.00 h bis 12.00 h in Nord-Süd und Ost- West Richtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 10.19. Differenzen VRS 10km N und VRS 10km S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 10.20. Differenzen VRS 10km W und VRS 10km O . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 10.21. Differenzen VRS 1km N und VRS 1km S . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 10.22. Differenzen VRS 1km W und VRS 1km O . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 10.23. Differenzen VRS 10km N und ZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 10.24. Differenzen VRS 5km W und ZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 10.25. Differenzen VRS 10km N und VRS 5km W . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 10.26. Basislinie 7 km: Dreidimensionale Darstellung der Widelane-Lösung inklusive falscher Fi- xierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 10.27. Basislinie 7 km: Dreidimensionale Darstellung der L1-Lösung inklusive falscher Fixierungen123 10.28. Basislinie 7 km: Dreidimensionale Darstellung richtiger Widelane-Fixierungen . . . . . . 124 10.29. Basislinie 7 km: Dreidimensionale Darstellung richtiger L1-Fixierungen . . . . . . . . . . 124 10.30. Basislinie 7 km: Vergleich der L1- zur Widelane-Prozessierung . . . . . . . . . . . . . . . 125 10.31. Basislinie 15 km: Dreidimensionale Darstellung der Widelane-Lösung inklusive falscher Fixierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 10.32. Basislinie 15 km: Dreidimensionale Darstellung der L1-Lösung inklusive falscher Fixierungen128 10.33. Basislinie 15 km: Dreidimensionale Darstellung richtiger Widelane-Fixierungen . . . . . . 129 12 Abbildungsverzeichnis 10.34. Basislinie 15 km: Dreidimensionale Darstellung richtiger L1-Fixierungen . . . . . . . . . . 129 10.35. Basislinie 15 km: Vergleich der L1- zur Widelane-Prozessierung . . . . . . . . . . . . . . 130 10.36. INS Testfahrt von Darmstadt nach Hanau (ca. 50km) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 10.37. Vergleich: Anzahl der nutzbaren Satellitensignale L1 und L5 . . . . . . . . . . . . . . . . 134 10.38. Vergleich: Anzahl der nutzbaren Satellitensignale L1 und L5 . . . . . . . . . . . . . . . . 134 11.1. Zeitabhängige Modellierung des Gewichtungsansatzes für die Vereinigung der INS und GPS Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 13 14 Tabellenverzeichnis 2.1. Verschiedene Linearkombination der Phasenbeobachtungen Φ1 und Φ2 . . . . . . . . . . . 30 6.1. Eigenschaften inertialer Navigationssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 6.2. Eigenschaften GPS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 7.1. Re-Akquisitionszeiten für Trimble 4000 SSi und Trimble 4700 nach vollständigem Signalabriß 61 8.1. In SIGNA implementierte Meßfahrtzustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 10.1. Ergebnisse Basislinienauswertungen vom 11.03.05 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 10.2. Ergebnisse Basislinienauswertungen vom 13.03.05 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 10.3. Lösungsstatistik: Basislinie 7 km bei epochenweiser Ambiguitätensuche . . . . . . . . . . . 122 10.4. Lösungsstatistik: Basislinie 15 km bei epochenweiser Ambiguitätensuche . . . . . . . . . . 127 10.5. GPS/INS Testmessung mittels virtuellen Referenzstationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 A.1. Erforderliche Koordinatensysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 A.2. Definition Inertial-System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 A.3. Definition erdfestes, geozentrisches System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 A.4. Definition Navigations-System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 A.5. Definition Body-System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 15 16 Abkürzungen DCS Differentielle Codelösung DOD Department of Defense (US-Verteidigungsministerium) DOT Department of Transportation (US-Verkehrsministerium) FKP Flächenkorrekturparameter FOC Full Operational Capability GPS Global Positioning System IK Integerkombination(en) INS Inertiales Navigationssystem IRU Inertial Reference Unit LAMBDA Least-squares AMB iguity Decorrelation Adjustment LK Linearkombination MGPS Modernisiertes GPS M.d.k.Q Methode der kleinsten Quadrate GNSS Global Navigations Satellite System RLG Ring Laser Gyro (Laserkreisel) RNSS Radio Navigation Satellite Systeme RTK Real-Time Kinematic SIGNA Satellite and Inertial-Platform based Geodetic NAvigation System SKinI Satellite K inematic Inertial VRS Virtuelle Referenzstation VLBI Very Long Baseline Interferometry WGS84 World Geodetic System ZB Zerobaseline 17 18 1. Einleitung Satellitengestützte Positionierung und Navigationssysteme nehmen eine stetig wachsende Rolle in der heutigen Zeit ein. Dreidimensionale Wegführung in der Luftfahrt, Autonavigationssysteme und Schiffs- navigation in verengten Wasserwegen sind nur einige Beispiele für die Anwendung dieser Systeme. Um die für diese Anwendungsgebiete notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen, sind satellitengestützte Systeme oftmals nicht ausreichend und müssen mit zusätzlichen Sensoren erweitert werden. Die In- tegration von inertialen Sensoren in bestehende satellitengestützte Systeme ist für diesen Zweck sehr gut geeignet und wurde erfolgreich in der Vergangenheit eingesetzt. Am Institut für Physikalische Geodäsie der Technischen Universität Darmstadt (IPGD) wird seit nunmehr ca. 15 Jahren Forschung auf diesem Gebiet betrieben. Erwähnenswert für die Entwicklung kombinierter GPS/INS Systeme sind die Arbeiten von [Heinze 1996], [Söhne 1996] und [Mathes 1998], welche sich erfolgreich mit dem Thema der Koppelung von GPS und INS auseinander gesetzt ha- ben, um die hohen Anforderungen hinsichtlich der kontinuierlichen Positionierungsgenauigkeit und Verfügbarkeit einer Trajektorie zu erfüllen, welche mit dem alleinigen Einsatz von GPS nicht erreicht werden können. Diese Arbeiten führten zu Systemen, welche geodätischen Ansprüchen genügen und in Fahr- und Flugzeugen erprobt wurden, wobei der Einsatz in Fahrzeugsystemen den Schwerpunkt der Forschungen darstellten. Da die in den Arbeiten [Heinze 1996], [Söhne 1996] und [Mathes 1998] entwickelten Software-Pakete seitens der Software-Architektur keine in vertretbaren Aufwand durchzuführende Veränderungen mög- lich machten, wurde eine Neuentwicklung der Software zur Prozessierung von GPS und INS Daten erarbeitet. Beispielsweise wurde das Programm LINS (siehe [Heinze 1996]) im Rahmen der Forschungs- tätigkeit am IPGD in der Sprache C entwickelt und bietet nicht die Möglichkeiten einer gut struk- turierten und objektorientierten Implementierung. Somit ist eine rasche Anpassung an andere Gege- benheiten, wie die Anpassung an ein anderes INS, nur schwer durchführbar. Weiterhin handelt es sich bei der in der LINS Software benutzten Hardware (Schnittstellenkarte für Dekodierung und Speiche- rung der INS-Daten) um eine ISA-Karte, die speziell für das IPGD gefertigt wurde und somit kein Standardprodukt mit entsprechender Unterstützung darstellt. Aufgrund der individuellen Hardware war die Software LINS nur unter MS-DOS als Konsolenanwendung einsetzbar. Dies bedeutete für die Hardware-Architektur ebenfalls keine Möglichkeiten der Aktualisierung und machte eine Aufgabe der DOS-basierten Hardware-Behandlung unumgänglich, um die Applikation auch im Umfeld aktueller und zukünftiger Betriebssysteme verfügbar zu machen. Aus diesen Gründen wurde entschieden, eine 19 1. Einleitung völlig neue, offene Implementation mit den Möglichkeiten der schnellen Anpassung von Hard- und Software zu entwickeln. Somit stellt die im Rahmen dieser Arbeit geschaffene Software (SIGNA1 und SKinI 2) eine streng strukturierte und klassenorientierte Basis dar, die das Einbringen neuer Entwick- lungen, wie der Einsatz von Kamerasystemen und Verwendung zusätzlicher Sensoren, erleichtert. Die Schwerpunkte dieser Arbeit liegen zum einen in der Kombination von INS und GPS Daten und zum anderen in der Entwicklung von Modulen zur schnellen Ambiguitätenauflösung inklusive der Ambiguitätenvalidierung, welche hinsichtlich der hochgenauen GPS Vermessung obligatorisch sind. Besonders im Fall eines Meßsystems zur großräumigen Vermessung von Autobahnen ist die Zeit, welche für die Mehrdeutigkeitsauflösung vonnöten ist, ein sehr wichtiger Aspekt. Das gewünschte Ge- nauigkeitsniveau der zu vermessenden Trajektorie ist nur mit Hilfe von Phasenpositionen erreichbar. Dies entspricht der Minimierung des Anteils von Code-Positionen an der Gesamttrajektorie. Aus die- sem Grund wurden die am Institut vorhandenen GPS Algorithmen durchgreifend überarbeitet und in großem Maße neu entwickelt, um einen modernen GPS Prozessor für zukünftige Entwicklungen bereitzustellen, welcher die Mehrdeutigkeiten schnell und zuverlässig auflöst. Gleichermaßen wurde der Entwicklung von vernetzten Referenzstationen Rechnung getragen und dieses Konzept in die vor- liegende Arbeit eingefügt. Der Weggang vom klassischen Ansatz einer Einzelbasislinie zum Konzept vernetzter Referenzstationen führt zu einer deutlichen Steigerung der Effektivität und Minimierung des Arbeitsaufwands, was sich hinsichtlich der Kosten positiv auswirkt. Schließlich wurde auf die be- sonderen Anforderungen Rücksicht genommen, welche für ein kinematisches System zur großräumigen Vermessung von Bundesautobahnen notwendig sind. Diese sind im wesentlichen: • Einsatz von Satellitenempfängern mit kurzen Zeiten für die Re-Akquise von Satellitensignalen nach einem Signalabriß • Einsatz von Algorithmen zur schnellen Ambiguitätenbestimmung aufgrund der für Satellitenan- wendungen problematischen Umgebung, welche bedingt durch Brücken oder Schilderbrücken zu zahlreichen Signalabrissen und eine für die hochgenaue Positionierung unvorteilhafte Satelliten- geometrie führen kann. • Kontinuierliche Bestimmung von Koordinaten entlang der Meßstrecke, d.h. auch unter Brücken und in Bereichen, welche bedingt durch Signalabschattungen nur mit einer ungenügenden Anzahl von Satelliten abgedeckt werden können. • Bestimmung einer hochauflösenden Trajektorie. • Möglichst geringe Beeinträchtigung des fließenden Verkehrs während der Vermessung eines Auto- bahnstücks. Dies wird durch die Aufrechterhaltung der Geschwindigkeit von mindestens 60 km/h und den Verzicht auf Stops erreicht. 1 Satellite and Inertial-Platform based Geodetic NAvigation System 2 Satellite K inematic Inertial 20 • Ausdehnung des Aktionsradius des Systems, um eine Stückelung der Meßfahrten und damit verbunden den Mehraufwand der Nachbearbeitung zu minimieren. Die vorliegende Arbeit gliedert sich in elf Kapitel. In Kapitel 2 wird ein Überblick über die Ori- ginalbeobachtungen bei GPS, differentielle Konzepte sowie Linearkombinationen gegeben, welche aus den Originalfrequenzen L1 und L2 gebildet werden können. Kapitel 3 beinhaltet die Beschreibung der LAMBDA-Methode, welche als Basis für das entwickelte Verfahren zur Auflösung der Ambiguitäten dient. Die Erweiterung des klassischen Basislinienkonzeptes mittels virtuellen Referenzstationen sowie die Vorteile, die sich daraus ergeben, werden in Kapitel 4 behandelt. Die Grundlagen inertialer Navi- gationssysteme, welche die Prinzipien der Inertialnavigation beinhalten, werden in Kapitel 5 erörtert. Aufbauend auf den theoretischen Grundlagen der Kapitel 2 und 5 werden in Kapitel 6 die Möglich- keiten dargelegt, wie eine Integration von GPS und INS in ein hybrides System durchgeführt werden kann und welche Vor- und Nachteile daraus entstehen können. Die Beschreibung der benutzten Hardware, welche dem in dieser Arbeit entwickelten hybriden Sys- tem zugrunde liegt, erfolgt in Kapitel 7. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Eigenschaften von GPS Empfängern bezüglich der Re-Akquisitionszeiten gelegt. Zudem wird detailliert auf die für die Integration äußerst wichtige räumliche und zeitliche Synchronisation eingegangen. Basierend auf den in Kapitel 7 dargelegten Informationen zu den Hardware-Komponenten, behandelt Kapitel 8 die Be- schreibung des Filterprozesses der INS Auswertung. Kapitel 9 stellt den Schwerpunkt dieser Arbeit dar und behandelt ausführlich die Ambiguitätenauflösung des im Rahmen dieser Arbeit entwickelten GPS Prozessors. Besondere Aufmerksamkeit wird auf die Validierung der gefundenen Integerkombinationen gelegt. Ebenfalls wird die Möglichkeit des direkten Festsetzens von Mehrdeutigkeiten ohne Mehrdeu- tigkeitssuche erörtert. Weiterhin beinhaltet dieses Kapitel die Beschreibung der Vereinigung von GPS und INS Daten zur beschleunigten Ambigutitätenauflösung. Schließlich wird die sequentielle Prozes- sierung mehrerer virtueller Referenzstationen sowie die Implementierung in die entwickelte Software erklärt. Kapitel 10 beschäftigt sich mit Analysen, Feldtests und den darin enthaltenen Ableitungen für Validierungsroutinen. Außerdem werden grundsätzliche Untersuchungen zur Positionierung mit virtuellen Referenzstationen sowie exemplarisch Testmessungen aufgeführt, um die Leistungsfähigkeit der entwickelten Software einerseits im ausschließlichen GPS Modus und andererseits im GPS/INS Modus zu belegen. Das letzte Kapitel widmet sich der Zusammenfassung der in der Arbeit entwickelten Algorithmen und gibt einen Ausblick sowie Empfehlungen für zukünftige Entwicklungen. 21 22 2. Grundlagen GPS Das weltumspannende Satellitennavigationssystem GPS wurde entwickelt, um das in den 60er Jahren entwickelte System TRANSIT zu ersetzen. Im Gegensatz zu TRANSIT kann dem GPS eine rasante und in vielen Bereichen revolutionierende Entwicklung bescheinigt werden. Dies läßt sich leicht aus den Nutzerzahlen und Bereichen ableiten, in die das Satellitennavigationssystem vorgedrungen ist. War es anfänglich nur für Wissenschaftler und militärische Belange von Interesse, so hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Der oben genannte Kreis von Personen ist inzwischen in den Hintergrund ge- treten und andere Nutzerkreise, wie z.B. Autofahrer, Freizeitsportler, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Energiewirtschaft, Reedereien, Segler, Luftverkehr, Vermessung etc. sorgen dafür, daß die GPS Tech- nologie zum Massenmarkt geworden ist. Dabei kann das Anwendungsspektrum von GPS als nahezu unbegrenzt angesehen werden. Bedingt durch stetige Verbesserungen der Hard- und Software sowie sinkende Preise für GPS Empfänger werden immer neue Anwendungsfelder und demnach auch neue Nutzergruppen geschaffen. Die GPS Entwicklungsphasen lassen sich grob in folgende Zeitbereiche einteilen. Anfang der 80er Jahre wurden die ersten Versuche mit GPS gestartet. Diese Versuche behandelten hauptsächlich die differentielle Positionierung mittels statischen Beobachtungen. Dies bedeutete vor allem sehr lange Beobachtungszeiten (über mehrere Stunden hinweg) und demnach eine sehr niedrige Produktivität. Hauptziel war damals, ein hohes Genauigkeitsmaß für lokale, regionale und globale GPS Netze für geodätische und geodynamische Zwecke sowie Punktverdichtungen zu realisieren [IPGD 1990]. Ab ca. 1990 wurden effiziente Ansätze geschaffen, um eine Verkürzung der Beobachtungszeit bei gleichem Ge- nauigkeitsniveau zu erreichen. Diese Methoden basieren auf Algorithmen zur Ambiguitätenauflösung vor allem im Nahbereich, wie z. B. der FARA Algorithmus [Frei und Beutler 1990]. Weiterhin ist der Ausbau des Raumsegmentes anzuführen, welcher ebenfalls einen großen Anteil an der Erhöhung der Ef- fektivität des GPS Systems hatte. Erst 1995 wurde das Satellitennavigationssystem GPS als vollständig einsatzbereit deklariert (FOC = Full Operation Capability). Mitte der Neunziger Jahre begann auch die Entwicklung verschiedener sog. On-The-Fly Algorithmen, welche die Auflösung der Ambiguitäten auch in der Bewegung erlauben. Ansätze hierzu wurden von [Abidin 1993], [Euler und Landau 1992], [Mathes und Gianniou 1994] und anderen entwickelt. Auf den größer werdenden Druck, den die Planungen zu einem europäischen Satellitensystem (Gali- leo) hervorgerufen haben, hob die Clinton-Regierung im Mai 2000 die künstliche Verschlechterung des zivilen GPS Signals (SA) auf. Standard-Precision GPS (SPS) kann seit diesem Zeitpunkt mit einer 23 2. Grundlagen GPS Genauigkeit von 10 - 25 m genutzt werden. 2.1. Originalbeobachtungen Um die Meßgrößen zu erläutern, welche in den weiteren Kapiteln verwendet werden, erfolgt eine knappe Herleitungen dieser, basierend auf den Ausführungen in [Hofmann-Wellenhof u. a. 1997] und [Leick 1995]. Die wesentlichen Meßgrößen geodätischer Empfänger sind die Code-Pseudostrecken und die Träger- phasen, die im Fall von Zweifrequenzempfängern auf beiden verfügbaren Signalen L1 und L2 gemessen werden. Die grundlegenden Beobachtungsgleichungen für Code (Pi) und Phase (Φi) lauten: Pi = ρi + dρ + c(dt − dT ) + dioni + dtrop + εMPi + εPi (2.1) Φi = ρi + dρ + c(dt − dT ) − dioni + dtrop + εMPΦi + εΦi + λiNi (2.2) mit Pi Code-Beobachtung [m] ρi geometrische Entfernung zwischen Empfänger und Satellit [m] dρ Orbitfehler [m] c Lichtgeschwindigkeit [m/s] gemäß [GPS Interface Control Document 2000] dt Satellitenuhrenfehler [sec] dT Empfängeruhrenfehler [sec] dioni Laufzeitverzögerung wegen ionosphärischer Refraktion [m] dtrop Laufzeitverzögerung wegen troposphärischer Refraktion [m] εMPi Code-Multipath Fehler [m] εPi Empfängerrauschen der Code-Messung [m] Φi Trägerphasenmessung [m] εMPΦi Trägerphasen-Multipath Fehler [m] εΦi Empfängerrauschen der Phasen-Messung [m] λi Wellenlänge des GPS Trägerphasensignals [m] Ni ganzzahlige Ambiguität [cyc] i Signal L1 oder L2 24 2.2. Differentielles GPS Der Einfluß der Ionosphäre in Formel (2.1) hat die gleiche Größe wie in Formel (2.2). Allerdings wird dieser mit umgekehrten Vorzeichen angebracht. Ein weiterer augenscheinlicher Unterschied in der Formel (2.2) ist der Term für die Ambiguität Ni, welcher aus der Mehrdeutigkeit der GPS Phasenmes- sung resultiert. Zu Beginn einer Messung kann der Empfänger nur die Phase des letzten Wellenzyklus messen. Die Anzahl der Wellenlängen, ausgehend vom Phasenzentrum der Satellitenantenne zum An- tennenphasenzentrum der Empfangsantenne, bleibt im Fall von statischen Beobachtungen während der Messung unbekannt und wird als Ambiguität oder Phasenmehrdeutigkeit bezeichnet. Die Ambiguität bleibt im Fall einer kontinuierlichen Verfolgung des Satellitensignals (engl. satellite tracking) konstant. Ist es während der Verfolgung des Satellitensignals, bedingt durch einen Signalabriß, Abschattungen, Störfrequenzen oder Multipath, zu einem Phasensprung gekommen, wird die Ambiguität um einen unbekannten ganzzahligen Wert verfälscht und muß neu geschätzt werden. 2.2. Differentielles GPS Abhängig von der Empfängertechnologie variiert die Meßgenauigkeit des Codes im Bereich von eini- gen Dezimetern bis mehrere Meter mit einem generell starken Rauschanteil. Demgegenüber steht die Phasenmessung mit einer Genauigkeit von einigen Millimetern. Das Ausnutzen dieser Genauigkeit ist aber erst nach dem erfolgreichen Fixieren der Ambiguitäten möglich und nicht mittels eines Einzel- empfängers durchführbar, da große Unsicherheiten, vor allem bei der Schätzung des Uhrenfehlers sowie durch den Einfluß der refraktierenden Medien (Ionosphäre und Troposphäre), eine Fixierung der Mehr- deutigkeiten nicht zulassen. Allerdings gibt es in dieser Hinsicht einige vielversprechende Ergebnisse aktueller Forschung [Beran u. a. 2002], die mittels eines geodätischen Empfängers, präzisen Ephemeri- den und Uhrinformationen, Positionsgenauigkeiten von einigen Dezimetern erreichen. Dennoch dürfen diese Ergebnisse nicht allzu optimistisch gesehen werden, da bei der Echtzeitpositionierung nicht auf die notwendigen präzisen Ephemeriden und Uhreninformationen zurückgegriffen werden kann. Um eine höhere Genauigkeit zu erlangen, wird stattdessen die differentielle Methode benutzt. Mit Hilfe von präzisen Koordinaten einer Referenzstation wird der Raumvektor zwischen der Referenz und dem Rover bestimmt. Der Großteil der Fehlereinflüsse von GPS, die auf beiden Stationen auftreten, sind stark räumlich korreliert. Diese Korrelationen werden bei der Modellbildung des Differentiellen GPS ausgenutzt, so daß der Hauptteil der korrelierten Komponenten bei der Differenzbildung elimi- niert werden kann. Dies gilt allerdings strenggenommen nur im Fall von Stationen deren Abstand ” gering“ ist, was unter der Voraussetzung ruhiger atmosphärischer Gegebenheiten in aller Regel für Stationsabstände von ca. 10-15 km gültig ist. 25 2. Grundlagen GPS Unter anderem sind folgende Differenzbildungen üblich: Single Differences ∆ Basis am Boden Double Differences ∇∆ Empfänger-Satellit Doppel-Differenz Triple Differences δ∇∆ Epochendifferenz Die Beobachtungsgleichungen für Single Differences zwischen einer Referenzstation und einem Rover zum gleichen Satellit i entsprechen: ∆Φi = Φi Rover − Φi Referenz (2.3) ∆Φi = ∆ρi + ∆dρi + c∆dT − ∆dion i + ∆dtrop i + ∆εi MPΦ + ∆εi Φ + λ∆N i (2.4) Durch das einmalige Differenzieren wird der Satellitenuhrenfehler eliminiert, da er in beiden Glei- chungen Φi Rover und Φi Referenz vorhanden ist. Weiterhin sind die räumlich korrelierten Ausbreitungs- fehler nur noch differentielle Größen, deren Hauptanteile ebenfalls eliminiert werden. Ein Nachteil dieser Methode ist darin zu sehen, daß in der Differenzgleichung (2.4) der Empfän- geruhrenfehler bestehen bleibt. Dies ist auch ein Grund für die seltene Verwendung der Methode der Single Differences, außer z.B. in Anwendungen, in denen verschiedene GPS Receiver von einer ge- meinsamen externen Uhr versorgt werden können, wie es in einigen Lageregelungssystemen1 der Fall ist [Keong 1999]. Für die meisten Anwendungen in der geodätischen Praxis ist dieser Ansatz aller- dings schwer implementierbar, da beispielsweise eine gemeinsame, externe Uhr einen großen Abstand zwischen Rover und Referenzstation nicht zuläßt. Alle anderen Größen in der Differenzgleichung (2.4) werden i.d.R. vorab bestimmt, modelliert oder vernachlässigt (z.B. Multipath ∆εMPΦ). Die wohl populärste Methode um GPS Beobachtungen zu prozessieren, basiert auf dem Modell der Double Differences (∇∆-Operator). Diese ist ebenfalls in der vorliegenden Arbeit implementiert. Double Differences werden durch die Differenzbildung zweier Single Differences eines Rover-Referenzpaares und zweier Satelliten (i, j) ge- bildet: ∇∆Φ = ∆Φi − ∆Φj = (Φi Rover − Φi Referenz) − (Φj Rover − Φj Referenz) (2.5) Auf die Herleitungen mittels der einfacheren Code-Gleichung (2.1) wird verzichtet. Stattdessen wer- den die weiteren Ausführungen mit der Phasengleichung (2.2) aufgebaut. Nach Umformulieren von Gleichung (2.5) folgt: ∇∆ΦLi = ∇∆ρLi + ∇∆dρ −∇∆dionLi + ∇∆dtrop + ∇∆εMPΦLi + ∇∆εφLi + λLi ∇∆NLi (2.6) 1GPS Multiantennensysteme zur Bestimmung der räumlichen Orientierung eines Flugzeugs. 26 2.3. Linearkombinationen Die verschiedenen Empfangskanäle eines GPS Empfängers werden meist von einer gemeinsamen internen Uhr gesteuert, weshalb der Uhrenfehler verschiedener Kanäle als gleich angesehen und mit- tels Differenzbildung zwischen zwei Satelliten eliminiert werden kann. Als Folge davon hat sich der Ansatz der Double Differences als sehr populär beim Einsatz der präzisen relativen Positionierung herausgestellt. Eine weitere Möglichkeit der Differenzbildung besteht in der Dreifachdifferenz. Triple Differences stellen die zeitlichen Differenzen zweier Double Differences mit denselben beteiligten Stationen und Satelliten zu zwei Zeitpunkten t1 und t2 dar. Folglich wird zusätzlich das Zeitargument in die Gleichung eingeführt: δ∇∆ΦLi (t1, t2) = ∇∆ΦLi (t2) −∇∆ΦLi (t1) (2.7) δ∇∆ΦLi (t1, t2) = δ∇∆ρLi (t1, t2) + δ∇∆dρ(t1, t2) − δ∇∆dionLi (t1, t2) + δ∇∆dtrop(t1, t2) + δ∇∆εmΦLi (t1, t2) + δ∇∆εφLi (t1, t2) (2.8) Als Besonderheit der Triple Differences fällt auf, daß der Ambiguitätenterm aus der Gleichung herausgefallen ist. Dies gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, daß keine Phasensprünge zwi- schen den Zeitpunkten t1 und t2 aufgetreten sind. Weiterhin können bei kleinen Meßraten auch die atmosphärischen Resteffekte vernachlässigt2 werden. Daraus folgt, daß prinzipiell eine Positionierung ohne Kenntnis der Ambiguitäten möglich ist. Allerdings ist die Stabilität der Lösung im geometri- schen Sinne wesentlich schlechter als die der doppelt differenzierten Lösung mit fixierten Ambiguitä- ten [Leinen 1997]. Deshalb werden die Triple Differences hauptsächlich zur Schätzung der Größe von Phasensprüngen eingesetzt. 2.3. Linearkombinationen Das zweite Signal (L2-Signal) des GPS Systems war ursprünglich vorgesehen, um in Kombination mit dem L1-Signal die ionosphärische Laufzeitverzögerung zu erfassen und so die Positionierung zu verbes- sern. Allerdings wurde früh erkannt, daß durch die Verwendung spezieller Linearkombinationen von L1- und L2-Signalen einige interessante und teilweise hilfreiche Eigenschaften des zusammengesetz- ten Signals entstehen. Beispielsweise können die Eigenschaften der kombinierten Trägerphasen in der Form genutzt werden, um den Einfluß der ionosphärischen Refraktion zu reduzieren. Die grundlegende Vorschrift zur Bildung der Linearkombinationen lautet: ΦLK = α1ΦL1 + α2ΦL2 (2.9) 2Dies gilt nicht beim Auftreten ionosphärischer Störungen, unter dem Einfluß von ionosphärischer Szintillation, Durch- gang des Maximums des Sonnenzyklus etc. [Wanninger 1993b, Wanninger 1993a] 27 2. Grundlagen GPS mit Φ1 L1-Phasenbeobachtung [cyc] Φ2 L2-Phasenbeobachtung [cyc] Nach [Wübbena 1991] können analog dazu die Frequenz, die Wellenlänge sowie die Ambiguitäten des gebildeten Signals beschrieben werden: fLK = α1fL1 + α2fL2 (2.10) λLK = c fLK (2.11) NLK = α1NL1 + α2NL2 (2.12) Sind die gewählten Koeffizienten α1 und α2 ganzzahlig, so ist die Ambiguität der generierten Line- arkombination ebenfalls ganzzahlig. Um die Frage zu klären, wie groß der zu erwartende Fehler des generierten Signals ist, wird das Varianzfortpflanzungsgesetz auf (2.9) angewendet. Unter der Annah- me gleicher Standardabweichungen der beiden Orgininalphasen σL1 = σL2 = σ0 führt dies zu: σLK = λLK[mm] σLK[cyc] = λLK[mm] √ α1 2 + α2 2 σ0[cyc] (2.13) 2.3.1. L1/L2 Signal Im trivialen Fall für α1 = 1 und α2 = 0, bzw. α1 = 0 und α2 = 1 stehen als Linearkombination die Originalbeobachtungen der Signale L1 bzw. L2 mit den dazugehörigen Ambiguitäten N1 bzw. N2 zur Verfügung. 2.3.2. Widelane Eine sehr oft benutzte Linearkombination ist die Widelane-Beobachtung (L5). Werden für die Pa- rameter α1 und α2 die Werte 1 und -1 gewählt, so führt das zu einer Subtraktion der Signale. Das Ergebnis ist das Differenzsignal mit einer Frequenz fLK = 1575.42 MHz − 1227.70 MHz = 347.42 MHz. Dies entspricht einer Wellenlänge von ca. 0.86 m. Als Folge der ca. vierfachen Wel- lenlänge der Widelane-Linearkombination gegenüber den ursprünglichen Signalen L1 und L2 wird die Ambiguitätensuche erleichtert, da der Abstand zwischen den potentiellen Kandidaten vergrößert wird. Allerdings erhöht sich das Meßrauschen. Aus der Varianzfortpflanzung ist ersichtlich, daß das Meßrauschen um den Faktor √ 2 ·λL5 erhöht wird und somit auf die ca. sechsfache Größe der L1- Originalphase kommt (siehe Tab. 2.1). Im Rahmen dieser Arbeit wird die L5-Linearkombination für 28 2.3. Linearkombinationen die L1-Ambiguitätensuche sowie als alternative Methode für die L1-Positionierung benutzt. 2.3.3. Narrowlane Wird für die Koeffizienten α1 und α2 jeweils der Wert 1 gesetzt, so führt das effektiv zu einer Addition der Originalphasen. Die resultierende Wellenlänge ist dabei λNL = 10.7 cm, was diese Linearkombi- nation für die Ambiguitätensuche im Fall von kinematischen Messungen ungeeignet erscheinen läßt. Allerdings nimmt das Meßrauschen für dieses Signal den kleinsten Betrag an. 2.3.4. Ionosphärenfreie Linearkombination Eine etwas kompliziertere Linearkombination ist die ionosphärenfreie Linearkombination Lc. Die Be- sonderheit der Lc-Linearkombination ist, daß der Faktor α2 in Gleichung (2.15) nicht mehr ganzzahlig ist. Darin ist aber auch der Nachteil dieser Linearkombination zu sehen, da deren Ambiguitäten kei- ne ganze Zahlen mehr sind. Sie können deshalb in der Auswertung nur als reelle Zahlen geschätzt werden. Alternativ kann eine vorab erfolgte Schätzung der Originalambiguitäten N1 und N2 sowie anschließender Positionsbestimmung mittels ionosphärenfreier Linearkombination und den festgesetz- ten Originalambiguitäten durchgeführt werden. Dies ist von Vorteil, da damit eine Eliminierung des ionosphärischen Effekts erster Ordnung erreicht werden kann. α1 = 1 (2.14) α2 = −fL2 fL1 (2.15) ΦLc = ΦL1 − fL2 fL1 ΦL2 (2.16) 2.3.5. Ionosphärisches Signal Wählt man im Gegensatz zur Lc-Linearkombination den Wert −fL1 fL2 für α2, so erhält man eine weitere besondere Linearkombination. Die resultierende Linearkombination enthält nur noch die frequenzab- hängigen Terme sowie die Ambiguitäten und wird als ionosphärisches Signal oder auch als geometrie- freie Linearkombination bezeichnet. Diese Linearkombination ist die optimale Observable zur Schät- zung des TEC und somit zur Modellierung der Ionosphäre [Leinen 1997]. Das ionosphärische Residuum besitzt, außer der Skalierung in L1-Wellenlängen, die gleichen Eigenschaften wie das ionosphärische Signal. Es ändert sich im Laufe der Zeit nur durch die zeitlichen Änderungen der ionosphärischen Refraktion. Im Fall eines Phasensprungs in einer oder beiden Trägerphasen kann dieser direkt anhand des ionosphärischen Residuums aufgedeckt werden, da sich der Wert des ionosphärischen Residuums ebenfalls sprunghaft ändern würde [Leinen 1997]. Im Rahmen dieser Arbeit wird das ionosphärische 29 2. Grundlagen GPS Residuum genutzt, um Phasensprünge aufzudecken. α1 = 1 (2.17) α2 = −fL1 fL2 (2.18) ΦLIR = ΦL1 − fL1 fL2 ΦL2 (2.19) Eine Zusammenstellung gebräuchlicher Linearkombinationen sowie deren Eigenschaften findet sich in Tabelle (2.1). Weitere Informationen und umfassendere Darstellungen über die prinzipiell unend- liche Zahl möglicher Linearkombination wird in [Wübbena 1991] ausführlich behandelt. Des weite- ren können Darstellungen zu Originalbeobachtungen, Differenzbildung und Linearkombinationen in [Leick 1995], [Hofmann-Wellenhof u. a. 1997], [Seeber 1989] und [Bauer 1997] nachgeschlagen werden. Beobachtung Notation α1 α2 λα1α2 [cm] σ[mm] Viono ganzzahlige Koeffizienten L1-Phase Φ1 1 0 19.0 1.9 0.779 L2-Phase Φ2 0 1 24.4 2.4 1.283 Widelane-LK ΦWL 1 -1 86.2 12.1 -1.000 Narrowlane-LK ΦNL 1 1 10.7 1.5 1.000 nicht ganzzahlige Koeffizienten Ionosphärenfreie LK Φif 1 −λ1 λ2 48.5 6.1 0.000 Ionosphärisches Residuum Φir 1 −λ2 λ1 - - - Tabelle 2.1.: Verschiedene Linearkombination der Phasenbeobachtungen Φ1 und Φ2 30 3. LAMBDA-Methode Das Bestimmen der ganzzahligen Mehrdeutigkeiten, welche für die hochgenaue Positionierung mittels GPS essentiell ist, stellt eine nicht triviale Aufgabe dar. Dies liegt hauptsächlich in den hohen Korre- lationen begründet, die in den Parametern (Ambiguitäten) des Minimierungsproblems (3.1) auftreten. (â − a)T Q−1 â (â − a) ! = min (3.1) mit â Float-Ambiguitäten a potentielle Kandidaten Qâ Varianz-Kovarianzmatrix der Float-Ambiguiäten In [Teunissen 1995] wird eine hocheffiziente Methode (LAMBDA1) zum Auflösen des Mehrdeutig- keitsproblems geschildert. Dabei wird die Integer-Eigenschaft der Ambiguitäten ausgenutzt, um das ursprüngliche Ausgleichungsproblem umzuformen. Diese Methode basiert auf der Optimierung des Ausgleichungsproblems (3.1) durch das Ausnutzen der Integer-Eigenschaften der Mehrdeutigkeiten und entspricht dem Lösen eines kleinste Quadrate Problems, welches in [Teunissen 1993] als Integer least-squares bezeichnet wird. Den Ausführungen in [Teunissen 1993] folgend und unter Beachtung der Ganzzahligkeit der Ambi- guitäten wird das Problem (3.1) zu (â − z)T Q−1 â (â − z) ! = min, mit z ∈ Z (3.2) entspricht ăLS = arg min z∈Zn ‖â − z‖2 Qâ (3.3) umformuliert, wobei ăLS ∈ Zn die fixierten integer least-squares-Ambiguitäten beschreibt. 1Die Abkürzung LAMBDA steht für L east Squares AMB iguity Decorrelation Adjustment 31 3. LAMBDA-Methode Die Lösung dieses Problems wird durch eine Integer-Suche innerhalb eines Suchraums gebildet, welcher durch Ωa = {a ∈ Zn | (â − a)T Q−1 â (â − a) ≤ λ2} (3.4) definiert wird. Die Größe des Suchraums wird dabei durch das Wählen eines geeigneten Wertes für für die positive Konstante λ2 geregelt. Der Suchraum entspricht einem n-dimensionalen Ellipsoid, welches um die Float-Lösung â zentriert wird. Die Form des Suchbereichs wird durch die Varianz-Kovarianzmatrix Qâ und das Volumen2 durch λ2 gesteuert. Liegen Daten einer einzelnen Epoche, bzw. von kurzen Beobachtungszeiten vor, so ist der Suchbereich bedingt durch die sehr hohen Korrelationen der Ambiguitäten, extrem gestreckt. Die Suche innerhalb dieses gesteckten ” Zigarrenkörpers“ ist extrem zeitaufwendig und ineffizient, da sehr viele Integerkombinationen getestet werden müssen. Um diesen Mißstand zu beheben, wird der Suchraum durch die Dekorrelation der Float-Ambiguitäten in einen kugelähnlichen Körper transformiert. Die Dekorrelation erfolgt durch folgende Transformation: ẑ = ZT â, Qẑ = ZT QâZ und ă = Z−T z̆ (3.5) mit Z Transformationsmatrix Qẑ transformierte Varianz-Kovarianzmatrix der Float-Ambiguitäten ẑ transformierte Float-Ambiguitäten z̆ potentielle Integerkombination ă rücktransformierte potentielle Integerkombination 3.1. Dekorrelation der Ambiguitäten Als Voraussetzung für die Reparametrisierung des Problems mittels (3.5) müssen allerdings Bedingun- gen eingehalten werden. Die Transformationsmatrizen Z und Z−1 müssen einer Klasse von zulässigen Transformationsmatrizen entsprechen. Die Zulässigkeit der Transformation wird dadurch definiert, daß sie volumenerhaltend ist und alle Elemente innerhalb der Transformationsmatrix Integer-Werte darstellen müssen, damit die Ganzzahligkeit der Ambiguitäten erhalten bleibt [Teunissen 1995]. Der so transformierte Suchbereich entspricht dann: Ωz = {z ∈ Zn | (ẑ − z)T Q−1 ẑ (ẑ − z) ≤ λ2} (3.6) 2Strenggenommen wird bei n-dimensionalen (n > 3) Körpern nicht mehr vom Volumen, sondern vom Inhalt gesprochen. 32 3.1. Dekorrelation der Ambiguitäten Abbildung 3.1.: Zweidimensionales Beispiel eines Suchraums vor (links) und nach (rechts) der Dekor- relation durch die Z-Transformation. Die Float-Lösung wird durch das Plus-Zeichen angedeutet, wohingegen die Punkte potentielle Integerkombinationen repräsentieren. In Abbildung (3.1) ist ein zweidimensionales Beispiel des Suchraums vor und nach der Dekorrelation durch die Z-Transformation gegeben. Es ist offensichtlich, daß die Suche nach den nur noch drei verbleibenden möglichen Kandidaten (Abb. 3.1 rechtes Bild) wesentlich effektiver und weitaus weniger rechenintensiv durchgeführt werden kann. Mittels LDLT -Faktorisierung [de Jonge und Tiberius 1996] der Matrix Qz kann die linke Seite der Gleichung (3.6) als Summe unabhängiger Quadrate umgeschrieben werden: (ẑ − z)T Q−1 ẑ (ẑ − z) = n ∑ i=1 (ẑi|I − zi) 2 σ2 zi|I (3.7) wobei zi|I dem i-ten Diagonalelement entspricht, welches auf das vorherige Element konditioniert ist, und σ2 zi|I die dazugehörige konditionierte Varianz darstellt. Ausgehend von (3.7) können nun n individuelle Grenzen für die transformierten Ambiguitäten angegeben werden [Teunissen 1993]: (ẑ1 − z1) 2 ≤ σ2 z1 λ2 (ẑ2|1 − z2) 2 ≤ σ2 z2|1 (λ2 − (ẑ1 − z1) 2/σ2 z1 ) ... (3.8) (ẑn|N − zn)2 ≤ σ2 zn|N (λ2 − n−1 ∑ j=1 (ẑj|J − zj) 2/σ2 zj|J ) 33 3. LAMBDA-Methode 3.2. Größe des Suchraums Neben der Gestalt des Suchraums wird die Effizienz der Methode auch stark von der Größe des Suchbereichs beeinflußt. Dabei gilt für die Festlegung der Ausdehnung des Suchbereichs, daß diese oftmals einen Kompromiß zwischen den Aspekten Rechenaufwand und Zuverlässigkeit darstellt. Die Wahl von λ2 sollte demnach so erfolgen, daß der Suchbereich zwar klein ist, aber gleichzeitig garantiert wird, daß mindestens eine Integerkombination bzw. zwei Integerkombinationen, wenn eine Validierung der Integerkombination erfolgen soll, beinhaltet ist. In [Teunissen u. a. 1996b] wird dargestellt, daß das Volumen Vn ein guter Indikator für die Anzahl der enthaltenen Kandidaten ist, welche sich innerhalb der ellipsoidischen Region befinden. Ausgehend von dieser Annahme wird in [de Jonge und Tiberius 1996] die Anzahl der potentiellen Kandidaten über das Volumen in [Zyklenn] des ellipsoidischen Suchbereichs (3.4) approximiert: Vn = λn √ |Qẑ| Un (3.9) mit: |Qẑ| Determinante der Matrix Qẑ Un Volumen der Einheitskugel im Rn λ positive Konstante Das Volumen der Einheitskugel Un in (3.9) wird gebildet durch: Un = 2 n π n 2 Γ ( n 2 ) (3.10) Die in (3.10) enthaltene Γ-Funktion ist definiert: Γ (x) = ∫ ∞ 0 e−ttx−1dt, für x > 0 (3.11) Nach [de Jonge und Tiberius 1996] kann mit Hilfe von (3.10) und (3.11) schließlich (3.9) umformu- liert werden, um eine Approximation für die Konstante λ2 zu erhalten: λn = Vn √ |Qẑ| Un λ2 = ( Vn √ |Qẑ| Un ) 2 n (3.12) Ist die Größe von λ2 bestimmt, kann die Suche innerhalb des ellipsoidischen Suchraums durchgeführt werden. In [de Jonge und Tiberius 1996] ist beschrieben, wie dies in effizienter Weise durchgeführt 34 3.2. Größe des Suchraums werden kann. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der Kern der LAMBDA-Methode auf dem Dekorrelati- onsprozeß der Parameter beruht. Das Ergebnis der Dekorrelation führt zwar nicht zu einer vollständi- gen Dekorrelation, da die oben genannten Voraussetzungen für zulässige Transformationen eingehalten werden müssen. Das Maß der Dekorrelation ist i.d.R. dennoch so groß, daß eine Ambiguitätensuche wesentlich erleichtert wird und sehr erfolgreich durchführbar ist. Weitere Einzelheiten sowie die komplette Darstellung der LAMBDA-Methode kann unter anderem in [Teunissen 1993], [Teunissen 1995],[Teunissen 1994] gefunden werden. Eine detaillierte Zusammen- fassung der Thematik ist außerdem in [Verhagen 2005] gegeben. 35 36 4. Erweiterung des klassischen Basislinienkonzeptes Die in den letzten Jahren vorgestellten Algorithmen zur schnellen Mehrdeutigkeitsauflösung entwickel- ten sich zu Standards für die hochgenaue kinematische Echtzeitpositionierung, welche heutzutage im Vermessungswesen sehr weit verbreitet ist. In der Regel erhält man mit diesen Methoden verläßliche Ergebnisse, solange keine großen Beobachtungsfehler die Phasen- und Code-Beobachtungen beein- flussen. Dabei ist zu beachten, daß die Auflösung der Ambiguitäten stark von den atmosphärischen Gegebenheiten beeinflusst werden kann. In der Tat machen die ionosphärische und troposphärische Refraktion einen Hauptteil des Fehlerbudgets bei der differentiellen Positionierung mit GPS aus und begrenzen den Einsatzbereich der konventionellen GPS Vermessung mittels einer Einzelbasislinie auf kurze Distanzen. Selbst unter gemäßigten ionosphärischen Verhältnissen in mittleren Breiten übersteigt der Fehler der differentiellen Ionosphäre oft 1 ppm der Basislinienlänge [Wanninger 1995]. Wohinge- gen beim Auftreten ionosphärischer Störungen sowie beim Durchgang des Sonnenzyklusmaximums ionosphärische Fehler in den Basislinien auftreten können, die teilweise 10 ppm der Basislinienlänge übersteigen [Wanninger 1993b] und [Wanninger 1993a]. Das bedeutet, daß bei einer Länge der Basis- linie von 10 km mit einem Einfluß der ionosphärischen Refraktion von >10 cm gerechnet werden muß. Dies ist in dieser Hinsicht kritisch zu sehen, da eine instantane Ambiguitätenauflösung oftmals nur dann sicher möglich ist, wenn die Meßgenauigkeit besser als die halbe Wellenlänge des Trägersignals ist [de Jong u. a. 2002]. Um diese Problematik lösen zu können, wurden auf dem Gebiet der hochgenauen Echtzeitvermessung Forschungen getätigt, welche zu der Entwicklung und dem Aufbau von aktiven GPS Referenzstationsnetzwerken führten. Dabei werden einem Rover nicht mehr nur die Daten und Korrekturen einer Referenzstation zur Verfügung gestellt, sondern er bezieht Daten und Korrekturen aus einem Netzwerk und positioniert sich somit relativ zu ” mehreren“ Referenzstationen innerhalb dieses Netzwerkes [Wübbena u. a. 1996], [Han und Rizos 1996] und [Raquet u. a. 1998]. 4.1. Fehlerquellen Die Fehlerquellen, welche bei der relativen Positionierung mittels Einzelbasislinie auftreten, können grundsätzlich in zwei Gruppen eingeteilt werden. Die erste Gruppe wird von denjenigen Fehlern gebildet, die durch relative Positionierung deutlich verringert werden können und deren verbleibende Restfehler vom Abstand der Stationen abhängen. 37 4. Erweiterung des klassischen Basislinienkonzeptes Dazu gehören der Orbitfehler der Satelliten, die ionosphärische Refraktion und die troposphärische Refraktion. Die zweite Gruppe besteht aus den stationsabhängigen Fehlern, welche vornehmlich aus Mehr- wegeeffekten und Antennenphasenzentrumsfehlern bestehen. Diese können nicht durch ein Meßkon- zept wie differentielle Beobachtungen oder Zweifrequenzmessungen eliminiert werden. Der Einfluß der Mehrwegeausbreitung wird noch dadurch verstärkt, daß aufgrund des permanenten Betriebs bei Re- ferenzstationen eines Netzwerks unter Sicherheitsgesichtspunkten fast nur Hausdächer als Meßorte in Frage kommen. Auf diesen sind fast immer Mehrwegeeinflüsse zu beobachten [Wanninger 2002]. Daher bleibt oftmals als einziges Mittel für die Minimierung der Mehrwegeeinflüsse eine geeignete Auswahl der Meßumgebung und ein adäquates Antennen-Design. Abbildung 4.1.: Verlauf der entfernungsabhängigen Fehler in Abhängigkeit der Distanz Referenz- Rover. In der Prinzipskizze (4.1) ist der theoretische Verlauf entfernungsabhängiger Fehler dargestellt. Auf die Ordinate wurden die Korrekturen, wie sie auf der Station ” Referenz“ bestimmt wurden, aufge- tragen. Die Entfernung der Stationen untereinander wird durch die Abszissenachse definiert. Gut ersichtlich ist, daß das Niveau der Korrekturen streng genommen nur in der Nähe der Station ” Re- ferenz“ gilt. Weiterhin ist erkennbar, daß die Korrekturdaten mit steigendem Abstand der Stationen den wahren Fehlerhaushalt des Rovers nur ungenügend kompensieren können. Dies führte lange Zeit zu der Aussage, daß die maximale Länge der Basislinien auf 10 bis 15 km begrenzt werden sollte, um die Wirkung der entfernungsabhängigen Fehler zu mindern und das Auflösen der Mehrdeutigkeiten der Basislinie mittels Suchalgorithmen nicht zu erschweren [Wanninger 1995]. 38 4.2. Vernetzung von Referenzstationen 4.2. Vernetzung von Referenzstationen Um die durch entfernungsabhängige Fehler bedingte Probleme zu lösen, wurde Ende der 90er Jahre die Vernetzung von Referenzstationen in vielen Ländern vorangetrieben. Als Konzept hierfür kamen verschiedene Möglichkeiten in Frage. Als einfachste Realisierung dieser Idee ist vorstellbar, daß ein Rover von allen ihn umgebenden Referenzstationen Korrekturdaten erhält und diese abstandsabhängig gewichtet, um seine Position hochgenau zu bestimmen. Diese Lösung ist aber gerade für Echtzeitanwendungen wenig praktikabel, da der Rover in diesem Fall mit vielen Referenzstationen gleichzeitig kommunizieren muß. Dies kann bei den Übertragungswegen und Bandbreiteneinschränkungen heutiger Übertragungsmedien noch immer problematisch sein. Daher wurden im Laufe der letzten Jahre zwei Möglichkeiten der Vernetzung entwickelt, welche gegenwärtig in Deutschland im operationellen Betrieb sind (SAPOS c©). Dies sind die Methoden der Flächenkorrekturparameter (FKP) und der virtuellen Referenzstation (VRS). In der vorliegenden Arbeit wird nur auf die virtuellen Referenzstationen (VRS) eingegan- gen, weswegen auf die Beschreibung der Flächenkorrekturparameter verzichtet wird. Stattdessen wird auf die umfangreich vorhandene Literatur wie [Wübbena u. a. 1996], [Wübenna und Bagge 1999] und [Wübenna u. a. 2001a], [Wübenna u. a. 2001b] verwiesen. Den genannten Konzepten ist gemein, daß es im Gegensatz zu einer Einzelreferenzstation das Modellieren systematischer Fehler einer Region erlaubt und zu einer Verringerung dieser führt [Vollath u. a. 2001] und [Vollath u. a. 2002]. Idealerweise führt dies zu einer von der Rover-Position unabhängigen Fehlersituation und erlaubt dem Benutzer nicht nur das Vergrößern der Strecke zwischen Rover und Referenzstation gegenüber dem klassischen Basislinienansatz, sondern erhöht auch die Genauigkeit der Positionierung. Als weitere Vorteile durch die Vernetzung von Referenzstationen können die Verbesserung der Zuverlässigkeit bei der Auflösung der Mehrdeutigkeiten und Verringerung von Initialisierungszeiten von Rover-Systemen beobachtet werden [Landau u. a. 2002]. Weiterhin garantieren die mehrfach redundanten Satellitenbeobachtungen auf den am Netzwerk beteiligten Referenzstationen sowie das Qualitäts-Monitoring der Rohdaten eine durchweg hohe Qua- lität der Beobachtungen sowie die Ausfallsicherheit und Integrität des Referenzstationsnetzwerkes [Vollath u. a. 2000] und [Hu u. a. 2003]. D.h., wenn eine Referenzstation ausfallen sollte, können die verbleibenden Referenzstationen i.d.R. weiterhin operieren und den Nutzer mit Korrekturen und Be- obachtungsdaten versorgen. Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Etablierung eines Referenzstationsnetzwerkes sind die Kosten. Ein Referenzstationsnetz ohne Vernetzung untereinander (siehe Abb. 4.2) müsste sehr dicht sein, um eine komplette Abdeckung mit RTK-Genauigkeit zu gewährleisten. Bedingt durch die Reduktion der entfernungsabhängigen Fehler mittels Vernetzung von Referenzstationen (siehe Abb. 4.3) ist es nun möglich, die Dichte der Referenzstationen zu verringern. Dies wirkt sich positiv auf die Kosten aus, da eine Referenzstation typischerweise nicht nur aus einem geodätischem Empfänger besteht, sondern 39 4. Erweiterung des klassischen Basislinienkonzeptes noch weitere Komponenten wie Computer, Software, unterbrechungsfreie Stromversorgung, Daten- kommunikation usw. beinhaltet. Auch auf Nutzerseite ist Einsparpotential vorhanden. Zum einem ist keine eigene Referenzstation auf Nutzerseite vonnöten und zum anderen kann meist eine Produktivi- tätssteigerung durch die geringere Zeit zum Fixieren der Ambiguitäten (TTFA) beobachtet werden, was sich bei massenhafter Bearbeitung von GPS Punkten erheblich in der Arbeitszeit auswirken kann. Abbildung 4.2.: Referenzstationsnetzwerk ohne Vernetzung Abbildung 4.3.: Konfiguration vernetzter Referenzstationen Letztlich stellen RTK Netzwerke einen aktiven Referenzrahmen zur Verfügung, da der Nutzer direkt in das Datum eingebunden ist, welches durch das GPS Netzwerk repräsentiert wird. 40 4.3. Konzept der virtuellen Referenzstation 4.3. Konzept der virtuellen Referenzstation Das Grundprinzip, welches im Konzept der virtuellen Referenzstation realisiert wurde, basiert auf dem Simulieren einer Referenzstation in unmittelbarer Nähe des Rovers. Dies ist gleichbedeutend mit einer sehr kurzen Basislinie von wenigen Metern, was ein nahezu vollständiges Eliminieren der Fehler mittels Differenzbildung erlaubt. Um dies zu erreichen, werden die Beobachtungsdaten realer Referenzstationen in einem Netzkon- trollzentrum zusammengeführt, um daraus die Daten einer VRS zu generieren. Als Ergebnis erhält der Nutzer Daten einer VRS, welche ähnliche oder sogar bessere Fehlereigenschaften aufweisen als Beob- achtungen, die mit einer realen Referenzstation an dieser Stelle erzielt werden können. Die verbesserten Fehlereigenschaften resultieren aus den um die modellierten Fehlereinflüsse korrigierten Beobachtungs- daten der VRS. Der Nutzer, welcher mit Daten einer virtuellen Referenzstation operiert, verhält sich dabei so, als wenn er mit einer normalen real existierenden Referenzstation arbeiten würde. D.h. Modi- fikationen an der Firmware des GPS Empfängers sind i.d.R. nicht vonnöten. Weiterhin ist der Ansatz der virtuellen Referenzstation in der Hinsicht flexibler, da er dem Nutzer erlaubt, seine bisherige GPS Prozessierungssoftware zu benutzen. Aufgrund der besseren Anschaulichkeit erfolgt die Darstellung des Modellierungsansatzes in einem Netz von nur drei Stationen (siehe Abb. 4.4). Weiterhin repräsentiert die Modellierung nur die Korrek- turen für ein Signal (L1 oder L2) eines Satelliten. Tatsächlich werden die Modellkoeffizienten in jeder Epoche für jeden Satelliten und jedes Signal (L1 und L2) berechnet. Die Koeffizientenbestimmung erfolgt dabei auf Basis der Trägerphasenmessung, da nur diese aufgrund des geringen Meßrauschens die Erstellung hochgenauer Korrekturmodelle erlauben. Folglich müssen die Mehrdeutigkeiten inner- halb des Netzwerkes gelöst sein, was allerdings bei den am Netzwerk beteiligten Referenzstationen kein Problem darstellt, da deren Koordinaten genau bekannt sind. Nach der Auflösung der Ambi- guitäten verbleiben als Unbekannte nur die Fehlereinflüsse, deren Parameter geschätzt werden sollen. Die so mittels Phasenlösung modellierten Fehlereinflüsse werden genutzt um ein Interpolationsmodell für das Netzgebiet bereitzustellen. Dies erlaubt meist eine schnelle und korrekte Mehrdeutigkeitsauf- lösung, so daß die Koordinaten der mobilen Station präzise und möglichst entfernungsunabhängig gelöst werden. In Abbildung (4.5) ist eine mögliche Netzkonfiguration aufgezeigt, welche die Daten einer VRS, basierend auf den umgebenden realen Referenzstationen, in der Nähe des Rovers erzeugt. Dazu muß der Nutzer im Feld nur die ungefähre Position an das Netzwerk übermitteln. Hierbei ist die autonome Positionierung des Rovers im Bereich von ca. ± 10 bis 15 m völlig ausreichend. Aus den Netzwerkdaten werden die Korrekturmodelle erzeugt, welche auf eine beliebige Position innerhalb des Netzwerks umgerechnet werden können. Dafür werden die Daten einer real existierenden Refe- renzstation herangezogen und geometrisch auf die übermittelte Position der zu berechnenden VRS verschoben. Anschließend werden die Fehler, die im Netz gemessen wurden, auf die Position der VRS interpoliert und die Daten dem Nutzer zugänglich gemacht. 41 4. Erweiterung des klassischen Basislinienkonzeptes Abbildung 4.4.: Modell zur Bestimmung der Korrekturen Abbildung 4.5.: VRS in unmittelbarer Nähe des Rovers, generiert aus den umliegenden realen Refe- renzstationen 42 4.3. Konzept der virtuellen Referenzstation 4.3.1. Restfehler in der VRS Der zum Modellieren entfernungsabhängiger Fehler in GPS Referenzstationsnetzwerken benutzte An- satz basiert auf der Annahme, daß Fehler mittels bi-linearer Flächen (Ebenenmodell in Nord-Süd und Ost-West Richtung) oder Flächen höherer Ordnung modelliert werden können. Zusätzlich muß die räumliche Ausdehnung der Fehlereinflüsse größer sein als der Abstand der Referenzstationen, um die Einflüsse innerhalb des Netzwerkes detektieren zu können. Sind diese Annahmen nicht erfüllt, so werden die generierten Daten der virtuellen Referenzstation durch nicht modellierte Resteffekte be- einflußt. Werden Interstationsdistanzen von ca. 50 −70 km zwischen den beteiligten Referenzstationen nicht überschritten, so ist dies für Orbitfehler und den größten Teil der troposphärischen Refraktion sowie für großräumige ionosphärische Störungen der Fall [Wanninger 1999]. Für kleinräumige Stö- rungen und wandernde ionosphärische Störungen mittlerer Größe1 (MSTIDs) gilt dies oftmals nicht. Mit dem Ansteigen der Sonnenaktivität intensivieren sich diese kleinräumigen und mittleren iono- sphärische Störungen. Allerdings treten solche kleinräumige ionosphärische Störungen, welche iono- sphärische Szintillation2 verursachen können, in den mittleren Breiten (Zentraleuropa) äußerst selten auf. Wandernde Ionosphärische Störungen mittlerer Größe (MSTIDs) treten dagegen recht häufig auf [Wanninger 1999]. 1Medium-Scale Travelling Ionospheric Disturbances 2Solche Szintillationen verursachen eine Fluktuation der Amplitude bzw. Signalleistung des GPS Signals, wenn dieses kleinräumige Plasmadichteirregularitäten der Ionosphäre durchquert. Weitere Folgen die durch ionosphärische Szin- tillation entstehen können, reichen im geringsten Fall von einer reduzierten Meßgenauigkeit der GPS Pseudostrecken, bis hin zu einem kompletten Signalabriß (Loss of Lock) der Satelliten. 43 44 5. Grundlagen inertialer Navigationssysteme Das Wort ” Gyroskop“ wurde zuerst von Jean Bernard Léon Foucault (1819-1868) geprägt, welches er aus den griechischen Wörtern ” gyros“ (Kreis) und ” skopein“ (betrachten) ableitete, um das von ihm weiterentwickelte Pendel zum Anzeigen der Erdrotation zu benennen. Dieses von Foucault ent- wickelte Pendel stellt somit einen Meilenstein bei der Entwicklung inertialer Navigationssysteme dar [Grewal u. a. 2001]. Weitere Schritte auf dem Weg zu modernen Inertialnavigationssystemen stellen die Erweiterung der Koppelnavigation durch Kreisel dar. Diese wurden notwendig, da sich bei der Einführung metallischer Rümpfe im Schiffsbau (besonders bei Kriegsschiffen) zeigte, daß man sich auf den Magnetkompaß nicht verlassen konnte. In den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde diese Technologie dahinge- hend erweitert, daß das automatisierte Steuern eines Schiffes und Torpedos ermöglicht wurde. Diese frühen Entwicklungen gipfelten schließlich in der automatischen Steuerung der deutschen Raketen V-1 und V-2 des Zweiten Weltkrieges [Grewal u. a. 2001]. Heutzutage wird die Inertialnavigation in vielen militärischen und zivilen Bereichen eingesetzt, um Position, Geschwindigkeit und Ausrichtung einer Plattform zu bestimmen. Generell werden drei Arten von Inertialnavigationssystemen unterschieden [Farkas-Jandl 1986]: • Raumorientiertes System (space-stabilized systems) • Geographisch orientiertes System (local level systems) • Trägerorientiertes System (strapdown systems) Diese Systeme setzen sich aus einem Satz von drei Kreiseln und drei orthogonalen Beschleunigungs- messern zusammen. Die beiden erstgenannten Systeme sind kardanisch aufgehängte Systeme, welche ihre Anfangsorientierung in dem jeweiligen definierten Koordinatensystem beibehalten. Beim raum- orientierten System wäre dies das Inertialsystem (siehe A.1) und beim geographisch orientierten ein lokales Horizontsystem. Strapdown-Systeme sind im Gegensatz zu den beiden anderen Systemen fest mit der Trägerplattform verbunden und ändern somit ihre Orientierung mit jeder Bewegung der Trägerplattform. Die Achsen der Strapdown Systeme sind demnach entlang der Trajektorie, senkrecht der Trajektorie und normal zur Trajektorie der Trägerplattform ausgerichtet [Wong 1988]. Auch wenn die Trägerplattform auf 45 5. Grundlagen inertialer Navigationssysteme der Erdoberfläche steht, ändert sich die Orientierung, da die Erddrehrate als Bewegungskomponente erhalten bleibt [Farkas-Jandl 1986]. Was allen Systemen gemein ist, sind die grundlegenden Sensoren: Beschleunigungsmesser und Drehratensensoren. 5.1. Kardanisch aufgehängte inertiale Navigationssysteme Trotz ihrer im Vergleich zu Strapdown-Systemen hohen Genauigkeit, wurden die kardanisch aufge- hängten Systeme in den letzten Jahren nahezu vollständig von diesen verdrängt, was durch die hohen Kosten und ihre Fehleranfälligkeit begründet ist [Grewal u. a. 2001]. Die Nennung der kardanisch auf- gehängten Sensoren erfolgt nur der Vollständigkeit halber und ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. 5.2. Strapdown-Systeme Im Unterschied zu den klassischen Plattformsystemen (Kap 5.1) sind die inertialen Sensoren bei den körperfesten Trägheitsnavigationssystemen nicht von den Fahrzeugbewegungen isoliert, sondern der gesamten Fahrdynamik ausgesetzt. Infolgedessen benötigen sie leistungsfähige Navigationsrechner, um hohe Taktraten für die Quantisierung der Sensormeßdaten zur Verfügung zu stellen, damit die Dynamik der Bewegung erfasst werden kann [Grewal u. a. 2001]. Die Entwicklungen im Bereich der Halbleitertechnik zwischen 1960 und 1970 ermöglichte die Herstel- lung kleiner und leistungsfähiger Navigationsrechner. Dies führte zu einem Umbruch bei der Entwick- lung inertialer Navigationssysteme, die heute nahezu ausschließlich als Strapdown-Systeme gefertigt werden. Der Vorteil von Strapdown-Systemen liegt in ihrer höheren Zuverlässigkeit und geringeren Kosten gegenüber den kardanisch aufgehängten Systemen. 5.3. Prinzipien der Inertialnavigation Der Beschleunigungsmesser ist der grundlegende Sensor eines INS. Die beobachteten Beschleunigungen werden aus den Messungen der spezifischen Kräfte abgeleitet und stellen die Beschleunigungen einer Plattform entlang der Achsen eines definierten Referenzsystems, welches gewöhnlich als Navigations- System bezeichnet wird, dar. 5.3.1. Spezifische Kräfte Stellt man sich einen Beschleunigungsmesser vor, der aus einer Feder und einer Masse besteht, so wird ersichtlich, daß dieser einfache Beschleunigungsmesser auch dem Einfluß der Gravitation ausgesetzt ist, da dieses Feder-Masse-System allein durch die Masse an der Feder eine Auslenkung erfährt. Als Folge davon kann ein INS nur in einem bekannten Gravitationsfeld betrieben werden. Neben dem koordinatenmäßig bekannten Ausgangspunkt muß weiterhin mit Hilfe der Kreisel ein Referenzsystem 46 5.3. Prinzipien der Inertialnavigation realisiert werden, in dem die Kräftemessung durchgeführt wird. Angenommen eine Plattform würde nur auf der Oberfläche der Erde betrieben werden, könnte eine konstante Gravitation herauskalibriert werden. In praktischer Hinsicht ist dies allerdings nicht empfehlenswert, da Fahrzeuge bei der Bewe- gung auf der Erdoberfläche Rotationen erfahren, so daß die Richtung des Gravitationsvektors nicht konstant ist [Kelly 1994]. Grundgleichungen des Kalman-Filters Das Kalman-Filter leitet sich aus der rekursiven Parameterschätzung ab, welche unter anderem in [Brown und Hwang 1992] und [Gelb 1974] beschrieben ist. Auf die ausführliche Darstellung der Grund- lagen wird deshalb verzichtet und nur folgende Grundgleichungen der Filterung wiedergegeben. Die Herleitung dieser Grundgleichungen basiert vollständig auf [Becker und Heinze 1994]. Im Fall der INS Fehlerbestimmung mittels Kalman-Filter liegt ein dynamisches System in diskreter Zeit vor, welches folgender Systemgleichung genügt ~x(k+1) = A(k)~x(k) + B(k)~u(k) + ~w(k) (5.1) und dessen Zustand ~x nur indirekt über Meßgleichungen (Beobachtungsgleichungen) ~y(k) = H(k)~x(k) + ~v(k) (5.2) bestimmt werden kann. Die Größen ~w und ~v sind weißes Meßrauschen und somit gegenseitig unkorre- liert. Weiterhin gilt für die anderen Größen ~x Systemzustandsvektor (State-Vektor) A Systemmatrix B Störeingangsmatrix ~u deterministische Stellgröße w Systemrauschen ~y Beobachtungsvektor (Meßwerte) H Beobachtungsmatrix ~v Meßrauschen Der optimale Schätzwert des Systemzustandsvektors ~x(k), den das Filter nach der Messung zur Zeit tk liefert, wird mit ~̂x(k) bezeichnet. Der Schätzwert, den es unmittelbar vor dem Meßzeitpunkt tk 47 5. Grundlagen inertialer Navigationssysteme liefert, wird mit ~̂x∗ (k) bezeichnet. Die dazugehörigen Schätzfehler ~̃x(k) und ~̃x∗ (k) sind ~̃x(k) = ~x(k) − ~̂x(k) (5.3) ~̃x∗ (k) = ~x(k) − ~̂x∗ (k) (5.4) und ihre Varianz-Kovarianzmatrizen P(k) bzw. P ∗ (k) werden aus P(k) = E [ ~̃x(k) ~̃xT (k) ] (5.5) P ∗ (k) = E [ ~̃x∗ (k) ~̃x∗T (k) ] (5.6) gebildet. Um nun den Schätzwert ~̂x(k+1) für den Zustandsvektor ausgehend von dem vorherigen Zustands- vektor ~̂x(k) und P(k) zu ermitteln, bedarf es zweier Schritte: 1. Vorhersage (Extrapolation) • Berechnung des besten Schätzwertes ~̂x∗ (k+1) und dessen Varianz-Kovarianzmatrix P ∗ (k+1) unmittelbar vor der nächsten Messung zur Zeit tk+1 ausgehend von ~̂x(k) und P(k) 2. Korrektur des Schätzwertes unter Verwendung der Messung • Berechnung des zu erwartenden Meßwertes ~y∗(k+1) aus ~̂x∗ (k+1) und dessen Differenzen zum tatsächlichen Meßwert ~y(k+1) • Berechnung der Korrekturwerte für den vorhergesagten Schätzwert ~̂x∗ (k+1) und den korri- gierten Schätzwert ~̂x(k+1) für den Systemzustand ~x(k+1) Zur Vorhersage wird die Systemgleichung (5.1) in abgewandelter Form benutzt. Werden der unvor- hersehbare Anteil des Systemrauschens ~w(k) und die Störkräfte ~u(k) nicht berücksichtigt, so vereinfacht sich die Extrapolationsgleichung zu ~̂x∗ (k+1) = A(k)~̂x(k) (5.7) und die Varianz-Kovarianzmatrix P ∗ (k+1) = A(k)P(k)A T (k) + Q(k) (5.8) 48 5.3. Prinzipien der Inertialnavigation wobei Q die Kovarianzmatrix des Meßrauschens darstellt. Für den Schätzwert ~̂x(k+1) nach der Messung gilt dann ~̂x(k+1) = ~̂x∗ (k+1) + K(k+1) [ ~y(k+1) − H(k+1)~̂x ∗ (k+1) ] (5.9) mit H als Designmatrix der Beobachtungen und K als Verstärkungsmatrix, die sich folgendermaßen ergibt: K(k+1) = P ∗ (k+1) [ H(k+1)P ∗ (k+1)H T (k+1) + R(k+1) ]−1 (5.10) mit R als Varianz-Kovarianzmatrix des Beobachtungsrauschens. Für die Varianz-Kovarianzmatrix P(k+1) des Schätzfehlers ~̃x(k) folgt: P(k+1) = [ I − K(k+1)H(k+1) ] P ∗ (k+1) (5.11) mit I als Einheitsmatrix. Anwendung der Kalman-Filter Gleichungen auf das INS Die Auswertung der INS Daten bezieht sich auf ein dynamisches System, welches mit folgender Pro- zeßdifferentialgleichung beschrieben werden kann. ~̇x(t) = F(t)~x(t) + D(t) ~w(t) (5.12) wobei ~x(t) Systemzustandsvektor F(t) Dynamikmatrix D(t) Störeingangsmatrix w(t) stochastischer Fehleranteil Der in vorliegender Arbeit benutzte Systemzustandsvektor enthält 15 Größen: εN x , εN y , εN z Fehlausrichtungswinkel [arcsec] δvN x , δvN y , δvN z Geschwindigkeitszustände [ms−1] δλE , δϕE , δhE Positionszustände [rad],[rad],[m] dB x , dB y , dB z Drift-Stabilität der Kreisel [arcsec s−1] bB x , bB y , bB z Bias-Stabilität der Beschleunigungsmesser [ms−1] 49 5. Grundlagen inertialer Navigationssysteme Die Dynamikmatrix F enthält den physikalischen Zusammenhang nach den Grundlagen der Me- chanik (F(t)~x(t) = ~̇x(t): zeitliche Änderung des Zustandsvektors). Die Lösung dieser DGL wird durch folgende Gleichung beschrieben: ~x(k) = φ(k−1)~x(k−1) (5.13) wobei φ die Transitionsmatrix zum Zeitpunkt t(k−1) darstellt. φ(k−1) = φ(t(k),t(k−1)) (5.14) Die allgemeine Lösung der Differentialgleichung (5.12) für den kontinuierlichen Fall lautet: ~x(t) = φ(t, t0)~x(t0) + t ∫ t0 φ(t, τ)D(τ)w(τ)dτ (5.15) Unter der Annahme, daß die Dynamikmatrix F zeitlich konstant ist1, ergibt sich die Transitions- matrix φ für die Lösung der Differentialgleichung zu: φ(∆t) = eF∆t (5.16) und mittels Reihenentwicklung der e-Funktion folgt: φ(∆t) = I + F∆t + 1 2 F 2∆t2 + . . . (5.17) Aufgrund der kleinen Zeitintervalle ∆t = 0.02 sec kann die Taylorentwicklung nach dem linearen Glied abgebrochen werden. Daraus folgt für die Bestimmung der Transitionsmatrix: φ(∆t) = I + F∆t (5.18) Für den diskreten Fall ergibt sich für die INS Systemgleichung: ~̂x∗ (k+1) = φ(k)~̂x(k) (5.19) Wenn zusätzliche externe Beobachtungen einfließen sollen, wird der Beobachtungsvektor ~y (5.2) 1Dies ist zwar strenggenommen bei Inertialsystemen nicht der Fall, da aber die Änderungen der Elemente von F in einem Rechenzyklus von 50 Hz (beim Lasernav II) relativ klein im Vergleich zur Größe der Elemente sind, kann die Annahme eines stationären Prozesses geltend gemacht werden [Heinze 1996]. 50 5.3. Prinzipien der Inertialnavigation bestimmt aus (5.20) [Heinze 1996]: ~y(k) = ~l(k)EXT −~l(k)INS (5.20) 51 52 6. GPS-INS Integration Integrierte Navigation wird durch das Ausnutzen der komplementären Fehlereigenschaften verschiede- ner Systeme definiert, um z.B. die Positions-, Geschwindigkeits- sowie die Orientierungsbestimmung eines Fahrzeuges mit höherer Genauigkeit zu erhalten, als es mit einem einzelnen Sensor möglich wä- re. Dabei kann sich die Integration von GPS und INS nicht nur in der Verbesserung der Qualität der Inertialnavigation auswirken, sondern auch in den Kosten eines integrierten Navigationssystems, da unter Umständen Sensoren verwendet werden können, die für sich genommen weniger genau sind und damit im allgemeinen niedrigere Anschaffungskosten verursachen [Liang 1995]. Als Beispiel hier- für können aktuell die Anstrengungen gesehen werden, mit so genannten ” Low-Cost“ oder ” Tactical- Grade“ Inertialsensoren integrierte Navigationssysteme zu schaffen, die eine präzise Navigation er- möglichen [Gebre-Egziabher u. a. 1998], [Leach u. a. 2003], [Petovello 2003], [Roberts u. a. 2002] und [Walchko 2002]. Ziel dieser Forschung ist die Verwendung von Sensoren minderer Qualität in einem integrierten Navigationssystem, welche für hochpräzise ” Stand-alone“ INS Anwendungen nicht geeig- net sind. Die Stützung durch externe Sensoren als Komponenten des Systems (wie etwa GPS) spielt dort eine essentielle Rolle, da es z.B. zu einer Kompensation der teilweise großen Sensorfehler sowie zur Initialisierung des INS genutzt werden kann [Söhne 1996]. Die Stützung in integrierten Systemen funktioniert ebenfalls in anderer Richtung. Falls GPS Signale durch Brücken oder ähnliches abgeschat- tet werden und keine GPS Lösung zur Verfügung steht, wird die Navigationslösung weiterhin durch das INS getragen. Auch können so gekoppelte Systeme das Auflösen der Ambiguitäten erleichtern. Die entwickelten Programmpakete der vorliegenden Arbeit unterstützen das separate Prozessieren von GPS und INS Daten sowie die integrierte Auswertung beider Sensoren, da die Koppelung dieser Systeme einige Vorteile mit sich bringt. Während GPS in der Lage ist, diskrete Positionen der Fahr- zeugtrajektorie und die Geschwindigkeit des Fahrzeugs in einem absoluten Rahmen bereitzustellen, ist es beispielsweise für die Lagebestimmung1 für viele Anwendungen zu ungenau. Auf der anderen Seite bietet ein INS relative Positionen, Geschwindigkeit und Orientierung durch die Verwendung von Kreisel- und Beschleunigungsmesserdaten. Ein weiterer Vorteil des INS liegt in der hohen Meßrate, welche in der Regel hoch genug ist, um die Bewegungen des Trägerfahrzeugs zu detektieren. Somit ermöglichen die Daten des INS eine nahezu kontinuierliche Beschreibung des Bewegungszustands des Trägerfahrzeugs. 1Komplette Lageinformationen können nur unter der Voraussetzung eines GPS Antennen-Arrays mit mind. drei GPS Antennen erhalten werden. 53 6. GPS-INS Integration Vorteile INS Nachteile INS Hervorragende Kurzzeitstabilität mit hoher Navigationsgenauigkeit Schlechte Langzeitstabilität Sehr hohe Datenraten (z.T. > 200 Hz) Lange Initialisierungszeiten Vollständige Informationen über Orientie- rung, Lage, Beschleunigung und Geschwindig- keiten der Trägerplattform Starke Driften, Positionen und Geschwindig- keiten verschlechtern sich mit der Zeit Agieren autonom (prinzipiell keine Stützung durch externe Sensoren notwendig) Hohe Anschaffungskosten für hochwertige INS Keine besondere Sichtbarkeitsvoraussetzun- gen notwendig. Betrieb prinzipiell überall (Tunnels, unter Wasser und in der Luft) Immun gegen Jamming2 und nicht aufspür- bar3 Tabelle 6.1.: Eigenschaften inertialer Navigationssysteme Vorteile GPS Nachteile GPS Hohe Langzeitstabilität Geringe Datenraten Homogene Genauigkeit Nicht in sich geschlossenes System Vernachlässigbare Initialisierungszeiten Lageinformationen nur in einem Antennen- Array realisierbar Inzwischen gute Kurzzeitstabilität Empfindlich für Jamming, Signalabschattun- gen sowie Multipath In hochdynamischen Bereichen bedingt ein- setzbar Tabelle 6.2.: Eigenschaften GPS 54 6.1. Integrationsarten Mit Hilfe der integrierten Kombination beider Systeme werden deren komplementären Eigenschaften so genutzt, daß das Gesamtsystem profitiert. Das INS liefert sehr gute Kurzzeitstabilität und Genau- igkeit der relativen Position. Demgegenüber stehen die sehr stark zeitabhängigen (siehe Tab. 6.1) Gerätedriften. Um das starke Anwachsen der Gerätedriften zu kompensieren, ist es möglich, das Sys- tem durch ZUPT4, CUPT5 oder GPS Positionen bzw. Geschwindigkeiten zu aktualisieren. Dabei ist der Vorteil der GPS Positionen darin zu sehen, daß sie mit relativ homogener Genauigkeit zur Ver- fügung stehen (siehe Tab. 6.2). Auf der anderen Seite kann die GPS Positionslösung von Cycle-Slips (siehe Kap. 2.1) beeinträchtigt werden. 6.1. Integrationsarten Nachdem die Eigenschaften der beiden Systeme (GPS und INS) besprochen wurden, können nun Aspekte der Integration näher betrachtet werden. Es kommen hierbei mehrere Integrationsarten in Frage, die sich i. allg. durch zwei Charaktereigenschaften beschreiben lassen. Das ist zum einen in welchem Umfang die Daten der Systemkomponenten sich gegenseitig stützen und zum anderen durch die Art und Weise wie die Daten der Komponenten vereinigt werden, um eine Positionierung zu erhalten [Greenspan 1996]. Dabei kann zwischen folgenden Integrationsarten unterschieden werden [Jekeli 2000], [Scherzinger 2000] : • Uncoupled Integration • Loose Integration • Tight Integration • Deep Integration 6.1.1. Uncoupled Integration Bei dieser niedrigsten Stufe der Integrationsmöglichkeiten berechnen beide Systeme (GPS und INS) autonome Lösungen. Die mögliche Symbiose der Systeme beschränkt sich auf die Fehlerkompensation der Inertialsensoren durch GPS, wobei die Tatsache ausgenutzt wird, daß GPS typischerweise Lösungen mit höherer und homogener Genauigkeit generiert. Wenn GPS Daten zur Verfügung stehen, werden sie dazu benutzt, die Positionierung bzw. Navigation des Systems zu ermöglichen. Weiterhin werden oft die GPS Lösungen dazu gebraucht, die INS Fehler zu kompensieren. Allerdings ohne Einfluß auf 2Überlagern oder Verfälschen von Signalen durch Störsender 3Inertialnavigationssysteme sind von Natur aus nicht aufspürbar, da sie weder Strahlung empfangen noch emittieren, die detektiert werden kann. Weiterhin brauchen sie keine externe Antenne, die von Sensoren aufgespürt werden könnten [Grewal u. a. 2001]. 4Null-Geschwindigkeits-Update 5Positions-Update 55 6. GPS-INS Integration das Fehlerverhalten des INS auszuüben. Die Folge davon ist, daß während einer GPS Datenlücke die Genauigkeit der mittels INS geschätzten Position sehr rasch abnimmt. Aus diesem Grund ist diese Art der Integration für hochpräzise Navigationsaufgaben zu meiden [Jekeli 2000]. 6.1.2. Loose Integration Die ” Loose-“ und ” Tight Integration“-Methoden sind die in der Literatur am häufigsten bearbeite- ten Verfahren. Dabei werden der GPS Empfänger und das INS weiterhin als eigenständige Systeme betrieben und unterscheiden sich lediglich durch Art und Anzahl der Informationen, welche unterein- ander ausgetauscht werden. Der Vorteil der ” Loose Integration“-Methode ist, daß die Dimensionen des State-Vektors (siehe Kap. 5.3.1) i.d.R. geringer sind als bei der ” Tight Integration“-Methode. Dies führt i. allg. zu einer kürzeren Prozessierungszeit, was bei Echtzeitanwendungen essentiell ist. Ein wei- terer Vorteil ist, daß Erweiterungen an der Software bedingt durch andere externe Sensoren kürzere Zeiträume in Anspruch nehmen und die Gesamtzahl der Bearbeitungsschritte im Filteralgorithmus meist nicht größer wird, trotz zusätzlicher Verwendung weiterer Sensoren. Beim Kalman-Filter sollte allerdings darauf geachtet werden, daß bei den Kalman-Filter-Updates mit Hilfe von GPS Beobachtungen die voll besetzte Kovarianzmatrix an den Filteralgorithmus überge- ben wird. Wird stattdessen nur eine vereinfachte Kovarianzmatrix ohne Berücksichtigung der Korrela- tionen und lediglich mit den Genauigkeiten der GPS Beobachtungen in der Hauptdiagonalen verwen- det, stellt dies eine Vereinfachung des stochastischen Modells dar, was sich negativ auf die Leistung des Filteralgorithmus auswirkt [Petovello 2003]. Ein Nachteil des ” Loose Integration“-Verfahrens ist, daß die GPS Prozessierung völlig losgelöst von dem Rest des Systems operiert. Unter guten Voraussetzun- gen stellt dies kein großes Problem dar. Im Falle von Abschattungen oder ähnlichem verhält sich dieses System aber wie ein reines GPS System, ohne von den Vorteilen des z.B. ” Tight Integration“-Systems profitieren zu können. Um dieses Problem umgehen zu können, ist es möglich, Informationen des Kalman-Filters, welcher im Fall von Signalabschattungen nur durch das INS gespeist wird, für eine schnellere Re-Akquise von GPS Positionen zu benutzen. Dazu werden dem GPS Prozessor Positionen des Inertialsystems und gegebenenfalls Geschwindigkeiten mit den Informationen der voll besetzten Kovarianzmatrix zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe dieser Informationen wird nun im GPS Prozessor versucht, das Am- biguitätenproblem schnellstmöglich aufzulösen. Dieser Ansatz, welcher von den Informationen der Inertialplattform profitiert, wird in der Literatur als ” Loose Integration with GPS Seeding“ bezeichnet und wird in der vorliegenden Arbeit als Filterarchitektur genutzt. 6.1.3. Tight Integration Bei der ” Tight Integration“-Methode werden die Rohdaten der GPS Beobachtungen (Pseudostrecken und Phasenbeobachtungen) an ein kombiniertes, zentralisiertes GPS/INS Kalmanfilter übergeben. Es 56 6.1. Integrationsarten gibt somit keinen autonomen GPS Prozessor in diesem Ansatz des zentralisierten Filters. Dies hat zur Folge, daß nur noch ein einzelnes Filter prozessiert werden muß, welches alle ” States“ des GPS und INS Systems schätzt. Darin ist auch der größte Nachteil dieses Ansatzes gegenüber der ’Loose Integration’- Methode zu sehen. Der i.d.R. stark vergrößerte State-Vektor der ” Tight Integration“- Methode führt zu einer dramatisch vergrößerten Prozessierungszeit [Stephen 2000], welche sich gerade bei Matrixoperationen, wie z.B. Matrizenmultiplikationen oder -inversionen, sehr nachteilig auswirken kann. Erst wenn das GPS Ambiguitätenproblem gelöst ist, reduziert sich die Prozessierungszeit des Konzeptes der ” Tight Integration“ auf das Niveau der ’Loose Integration’ [Chen 1992]. 6.1.4. Deep Integration Bei der ” Deep Integration“-Methode werden die einzelnen Sensoren nicht mehr als unabhängige Sys- teme wie bei der ” Uncoupled Integration“ oder in abgeschwächter Form bei den ” Loose“- und ” Tight Integration“ gesehen, sondern als ein mittels Sensorfusion entstandenes Gesamtkonzept betrachtet. Dies bedeutet beispielsweise, daß GPS Updates dazu genutzt werden, das INS zu kalibrieren, wäh- rend das INS die Regelschleifen6 des GPS Empfängers unterstützt. Dies kann sich insbesondere bei schwierigen Empfangsbedingungen wie Interferenzen oder andere das GPS Signal störende Verhältnisse [Sennott und Senffner 1997] positiv auswirken. Dieser Ansatz ist allerdings nicht einfach zur realisie- ren, da er Zugriff auf die Firmware des GPS Empfängers, bzw. die Steuerung der GPS Regelschleifen voraussetzt. In diesem Fall erlauben die zurückgeführten Informationen der INS Geschwindigkeiten und Positionen eine präzise Prädiktion der GPS Pseudostrecken und Phasen der nächsten Epoche. Damit ist es möglich eine geringere Bandbreite der Regelschleifen des GPS Empfängers zu realisieren, was sich gerade in hochdynamischen Umgebungen in einer Steigerung der GPS Genauigkeiten auswir- ken kann. Umgekehrt verbessert sich die Inertialnavigation, wenn GPS Beobachtungen als Updates in die Schätzung der systematischen Fehler der Inertialsensoren einfließen. In ähnlicher Weise werden die GPS Positionen und Geschwindigkeiten benutzt, um die INS Lösungzu unterstützen. Dies bedeutet allerdings, daß dieser Ansatz typischerweise den Herstellern von GPS/INS Systemen vorbehalten ist und deswegen hier nicht weiter behandelt wird. 6Code-Regelschleife (DLL=Delay Lock Loop) sowie Phasenregelschleife (PLL=Phase Lock Loop) 57 58 7. Hardwarekomponenten Das im Rahmen der Dissertation [Heinze 1996] benutzte INS Meßsystem, erfuhr im Laufe der Jahre kaum Weiterentwicklung der Hardwarekomponenten. Beispielsweise wurde damals für die Datenakqui- se eine spezielle ISA-Schnittstellenkarte für Dekodierung und Speicherung der INS-Daten angeschafft, die speziell für das IPG gefertigt wurde und somit kein Standardprodukt mit entsprechendem Support darstellt. Aufgrund dieser spezifischen Schnittstellenkarte war die Software [Heinze 1996] nur unter MS-DOS als Konsolenanwendung einsetzbar. Dies bedeutet inzwischen keine Möglichkeit der Aktua- lisierung und machte eine Aufgabe der DOS basierten Hardware-Behandlung unumgänglich, um die Applikation auch im Umfeld aktueller und zukünftiger Betriebssysteme verfügbar zu machen. Weiter- hin bietet der ursprüngliche PC keine Möglichkeit mehr, um mit moderner Hardware aufgerüstet zu werden. Aus diesen Gründen wurde die Entscheidung getroffen, eine völlig neue und offene Implemen- tation mit einer standardisierten Schnittstellenkarte und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten der schnellen Anpassung von Hard- und Software zu entwickeln, die als Basis für weitere Entwicklungen, z.B. der Einsatz eines Kamerasystems, dienen soll. 7.1. RLG Strapdown INS Bei dem INS handelt es sich um ein modifiziertes RLG Strapdown-System Lasernav II der Firma Honeywell, welches in der Flugzeugnavigation eingesetzt wird und dort Genauigkeitsanforderungen für mittelgenaue Navigationssysteme (ca. 1 nmi/h) erfüllt. Die Ausgabe des INS wurde von Honeywell modifiziert, so daß es möglich ist, die wesentlichen Meßdaten, Sensorausgaben der drei Kreisel und der Beschleunigungsmesser, mit 50 Hz direkt auszulesen. Darin ist auch der Hauptunterschied zu vielen kommerziellen Systemen zu sehen, deren Meßdaten die endgültigen Positionsdaten darstellen, ohne Wissen, welche Algorithmen geräteintern angewandt wurden. Trotz dieser Veränderungen bezüglich der Datenausgabe ist zu berücksichtigen, daß es sich um ein kommerzielles INS handelt, welches nicht speziell auf eine mögliche Integration mit GPS ausgelegt ist. Dies betrifft vor allem die Größe des INS und den technischen Aufbau, der keinen Eingriff in die Hardware erlaubt, wie das Einspeisen eines PPS Signals in das INS zur direkten Zeitreferenzierung der Meßdaten mittels der GPS-Zeit. Das INS besteht aus zwei Hauptkomponenten: Dies ist zum einen die Navigationseinheit (INU) und zum anderen die Kontrolleinheit. Die Navigationseinheit setzt sich im wesentlichen aus drei Laserkrei- seln, drei Beschleunigungssensoren und dem internen Prozeßrechner zusammen. Der Prozeßrechner ist 59 7. Hardwarekomponenten Abbildung 7.1.: Systemkomponenten für die Vorprozessierung der Rohdaten verantwortlich und stellt sie im Format ARINC 429 mit einer Frequenz von 50 Hz zur Verfügung. Die Kontrolleinheit wird für die direkte Eingabe der Startposition sowie für die Kontrolle des Systems während der Messung benutzt. 7.2. GPS Empfänger Während der Meßfahrt kommen als Sensoren zusätzlich zu dem oben genannten INS ein GPS Empfän- ger (Trimble 4000 SSi oder Trimble 4700) zum Einsatz. Beide liefern als primäre Meßdaten Code- und Phasenmessungen auf L1 und L2. Weiterhin werden als sekundäre Meßdaten Dopplermessungen, das Signal-zu-Rauschverhältnis, die autonome Navigationslösung u.a. bereitgestellt. Ebenfalls werden die für eine Integration wichtigen Merkmale wie die Ausgabe eines PPS-Signals und das Einführen einer Zeitmarke (Event) ausgegeben. Auf die für die kombinierte Auswertung äußerst wichtige zeitliche und räumliche Synchronisation wird in Kapitel (7.3) eingegangen. 7.2.1. Re-Akquisitionszeiten der Satellitensignale Bei der kinematischen Vermessung sollte neben einer hohen Aufzeichnungsrate des GPS Empfängers auch die Zeit für die Re-Akquise der Satellitensignale nach einem vollständigen Signalabriß berücksich- tigt werden, da einerseits eine hohe räumliche Auflösung der zu bestimmenden Trajektorie angestrebt wird und andererseits Datenlücken, welche beispielsweise durch Signalabrisse bedingt sind, möglichst kurz sein sollten. Weiterhin ist zu berücksichtigen, daß der Empfänger in der Lage sein sollte, das L2-Signal ebenfalls schnellstmöglich zu re-akquirieren. In der Regel benötigt ein GPS Empfänger da- 60 7.2. GPS Empfänger Trimble 4000 SSi L1 L2 Anzahl der SV Ø min max Ø min max 5 SV 12s 4s 64s - - - 6 SV - - - - - - 7 SV - - - - - - Trimble 4700 L1 L2 Anzahl der SV Ø min max Ø min max 5 SV 5s 3s 13s 9s 3s 14s 6 SV 7s 3s 13s 10s 5s 16s 7 SV 7s 3s 14s 12s 10s 16s Tabelle 7.1.: Re-Akquisitionszeiten für Trimble 4000 SSi und Trimble 4700 nach vollständigem Signal- abriß für länger als beim L1-Signal. Dies liegt darin begründet, daß ein GPS Empfänger den empfangenen Code vom Träger dem