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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Interkulturellen Fremdsprachenunterricht</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Aufsatz zum themenschwerpunkt</subject>
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<article-title>Mehr Mehrsprachigkeit in der beruflichen Bildung wagen. Ein Pl&#228;doyer f&#252;r individualisierte Sprachenwahl in Beratung</article-title>
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<surname>Drumm</surname>
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<email>Drumm@uni-kassel.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Geistes- und Kulturwissenschaften, Universit&#228;t Kassel, Germany</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-02-09">
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<p>Sprachbildung im Beruf fokussiert immer noch stark auf Deutsch, w&#228;hrend es als gesichert gelten kann, dass Sprachenvielfalt nicht nur in vielen Berufen gesucht und gebraucht wird, sondern die Einbeziehung des gesamten Sprachenrepertoires sich als positiv f&#252;r Lernprozesse erweist. Gerade Schreiben f&#252;r den Beruf ist ein komplexer Prozess, der positiv beeinflusst wird, wenn Schreibende all ihre Ressourcen nutzen k&#246;nnen. Schreibberatung, verstanden als individuelle, ressourcenorientierte und klient*innenzentrierte Unterst&#252;tzung, kann hier zielf&#252;hrend sein, besonders, wenn im Sinne des Translanguaging agiert wird. Der Beitrag zeigt auf, welche Konzepte und Erfahrungen es dazu aktuell gibt, und welche Faktoren in der Ausbildung von Beratenden ber&#252;cksichtigt werden sollten.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p><bold>Multilingualism in vocational education and training. A call for individualized language choice in counseling</bold></p>
<p>Language education in professional settings and vocational schools still focuses strongly on German, while it is established that language diversity is not only sought and needed in many professions, but that the inclusion of the entire language repertoire of a person proves to be positive for learning processes in general. In particular, writing in professional contexts is a complex process that is positively influenced when writers can use all their resources. Writing advisory and tutoring as individual, resource-oriented and client-centered support can be purposeful here, especially when acting in the spirit of translanguaging. The article shows which concepts and experiences are currently available and which factors should be considered in the training of consultants.</p>
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<kwd>Schreiben</kwd>
<kwd>Sprache im Beruf</kwd>
<kwd>Mehrsprachigkeit</kwd>
<kwd>Schreibberatung</kwd>
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<title>1 Einleitung</title>
<p>Der Fachkr&#228;ftemangel in Deutschland steigt und bringt die Notwendigkeit mit sich, mehr Menschen f&#252;r bestimmte Berufe zu qualifizieren. Dabei handelt es sich einerseits um Fachkr&#228;fte aus dem Ausland, die in immer mehr Berufsfeldern aktiv angeworben werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Bundesregierung 2022</xref>), andererseits m&#252;ssen die Bildungschancen f&#252;r Bildungsinl&#228;nder*innen verbessert werden. Neuzugewanderte, die nach Deutschland kommen, verf&#252;gen nur zum Teil &#252;ber ausreichend passgenaue berufliche Kompetenzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">BAMF 2021</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B28">Granato 2017</xref>) und m&#252;ssen ggf. Anpassungs- oder Weiterqualifizierungen durchlaufen. Selbst wenn die mitgebrachten berufsfachlichen Erfahrungen ausreichen, so m&#252;ssen sie jedoch in der Regel Deutsch f&#252;r den Beruf erwerben. Jungen Menschen, die ihre Schulzeit (gro&#223;teilig) in Deutschland verbracht haben, m&#252;ssen der &#220;bertritt in die und der Abschluss einer Ausbildung erm&#246;glicht werden. Gerade Jugendliche, die migrationsgeschichtlich mehrsprachig sind, scheinen hier benachteiligt zu sein, da sie weniger h&#228;ufig eine Ausbildung erfolgreich abschlie&#223;en (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Gogolin/Duarte 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B5">Beicht 2015</xref>).</p>
<p>Bei beiden Gruppen spielen Kenntnisse des schriftsprachlichen Registers der Berufssprache Deutsch eine zentrale Rolle, um die beruflichen und privaten Bildungsziele in Deutschland zu erreichen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B49">Ohm 2017</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B17">Efing 2017</xref>). Gleichzeitig greift der alleinige Fokus auf (Berufs-)Deutsch jedoch zu kurz. Vielmehr gilt es die individuellen sprachlichen Ressourcen, die die Menschen bereits mitbringen, in diese Bildungsprozesse einzubeziehen. Zuwandernde Fachkr&#228;fte haben nicht nur berufliche, sondern auch (schrift)sprachliche Kenntnisse in Herkunftssprachen und ggf. in weiteren Sprachen erworben. Bildungsinl&#228;nder*innen weisen mitunter zus&#228;tzlich zu den Schulfremdsprachen Sprachenkenntnisse auf, die es einzubeziehen gilt, um das berufliche Register zu erwerben und Schreibf&#228;higkeiten in allen Sprachen zu verbessern. Generell kann aktuell als gesichert gelten, dass Sprachen im Gehirn vernetzt gespeichert sind und ein gemeinsames sprachliches Repertoire bilden, das, als Ganzes einbezogen, Vorteile f&#252;r Lernprozesse bringen kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B53">Sambanis 2020</xref>).</p>
<p>Es zeigt sich, dass das Feld der Berufssprachenbildung einen doppelt individualisierenden Zugang ben&#246;tigt, denn zum einen sind die beruflichen Ziele und Felder divers und breit gef&#228;chert, zum anderen kommen, wie aufgezeigt, unterschiedliche Lernende mit unterschiedlichen Vorkenntnissen ins System. Aus diesem Grund gewinnt Beratung zunehmend an Bedeutung. Sie bietet individualisierte, ressourcenorientierte und klient*innenzentrierte Zug&#228;nge, die den individuellen Bed&#252;rfnissen und Bedarfen gerecht werden k&#246;nnen. Der folgende Beitrag pl&#228;diert daf&#252;r, Mehrsprachigkeit aktiv als Ressource in solche Beratungsprozesse einzubeziehen. Dazu wird zun&#228;chst gekl&#228;rt, was unter Mehrsprachigkeit und Schreiben im Hinblick auf Berufsbildung zu verstehen ist. Im dritten Teil werden Forschungsergebnisse zum mehrsprachigen Schreiben als Grundlage der mehrsprachigkeitsorientierten Beratung herangezogen, ehe aus der Praxis berichtet wird. Daraus folgen &#220;berlegungen zur Integration von multilingualen Anteilen in Berater*innen-Aus- und Weiterbildung.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 Mehrsprachiges Schreiben im Beruf</title>
<p>Sprachliche Kompetenzen gelten als Schl&#252;sselqualifikation und Basis f&#252;r den Wissenserwerb im Rahmen der beruflichen Bildung sowie f&#252;r den Erwerb beruflicher Handlungskompetenzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B47">Niederhaus 2018: 151</xref>). Berufliche Register werden im Kontext von Aus- und Weiterbildung sowie in beruflicher T&#228;tigkeit erworben, angewandt und ausgebaut. Die wesentlichen Ressourcen f&#252;r den Erwerb des berufssprachlichen Registers sind die fachlichen Kenntnisse und das Repertoire sprachlicher Mittel, welches Lernende mit in die Aus- und Weiterbildung einbringen. Um &#252;ber berufssprachliche Kompetenzen im Sprachenrepertoire mehrsprachiger Menschen zu sprechen, sind individuelle Aneignungskonstellationen zu unterscheiden, die je unterschiedliche Auspr&#228;gungen der Kompetenzen bedingen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">G&#252;rsoy/Roll 2018: 351</xref>; Drumm/Niederhaus in diesem Heft). Neuzugewanderte werden als Fachkr&#228;fte angeworben, besitzen also bereits berufliche und berufssprachliche Kenntnisse in der Herkunftssprache, es kommen aber auch Menschen ohne Ausbildung neu nach Deutschland, die zun&#228;chst in Zuwanderungsklassen und Integrationskurse und dann ggf. in die berufliche Bildung integriert werden. Es kann nie von einer vollumf&#228;nglichen Beherrschung einer Sprache ausgegangen werden, da Menschen in Sprachgemeinschaften aufwachsen, die nicht abgeschlossen sind, sondern sich &#252;berschneiden, vermischen und in verschiedene Variet&#228;ten und Register ausdehnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B60">Wandruszka 1979</xref>). Mehrsprachigkeit wird in diesem Kontext nicht als Nebeneinander von sogenannten Nationalsprachen, sondern als ein alle denkbaren Register, Stile, Codes etc. umfassendes Kontinuum verstanden, das stets kontextgebunden ist, und die Berufssprache umfasst (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Busch 2012</xref>). Es werden keine klaren Grenzen zwischen den Sprachen angenommen, da Einzelsprachen als sozial konstruiert zu verstehen sind und sich die Unterscheidung zwischen Sprachen auf individuell-kognitiver Ebene nicht aufrechterhalten lassen. Individuen verf&#252;gen &#252;ber ein sprachliches Gesamtrepertoire, welches sie in Abh&#228;ngigkeit vom sozialen Kontext strategisch, flexibel und integriert einsetzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Gantefort 2020: 202</xref>).</p>
<p>Herkunftssprachen sind in diesem Sinne Teil des Gesamtrepertoires, so wie sie in Familien mit Zuwanderungsgeschichte pr&#228;sent sind und als Kommunikationssprache genutzt werden. Aktiv gesprochene Herkunftssprachen sind in Deutschland in gro&#223;em Umfang vertreten, jedoch variieren die Sprecher*innen-Zahlen stark von Region zu Region. Die h&#228;ufigsten Herkunftssprachen sind T&#252;rkisch, Russisch, Polnisch, Paschtu/Dari (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Reich/Settelmeyer 2016: 128</xref>). Faktoren, die diese Verteilung bestimmen, sind u.a. Aufenthaltsdauer (der Individuen wie der Gruppe insgesamt), verf&#252;gbare kommunikative Ressourcen (Migrationsorganisationen, ethnic business, Massenmedien), Prestige der Sprachen, M&#246;glichkeiten institutioneller F&#246;rderung sowie Bildungsstand der Familie (vgl. ebd. 131). Bei Kindern, die im Einwanderungsland geboren werden, werden Grundgrammatik und Grundwortschatz der Herkunftssprache in der Regel auch altersgerecht erworben (vgl. ebd.), die Verwendungskontexte sind aber &#252;berwiegend m&#252;ndlich und dienen dem lebensweltlichen Gebrauch der Herkunftssprachen. Berufsbezogener Unterricht hingegen basiert auf basalen und weiterf&#252;hrenden F&#228;higkeiten der Schriftlichkeit. Solche hierarchiehohen kommunikativen Strategien und Muster entwickeln sich zwar auf der Basis elementarer Mittel von Wortschatz und Grammatik (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Gantefort 2020: 201</xref>), gehen aber auch dar&#252;ber hinaus. Bildungssprachliche Repertoires, z.&#8201;B. aus dem herkunftssprachlichen Unterricht, sind weitgehend ungleich verteilt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B56">Settelmeyer 2020</xref>,; <xref ref-type="bibr" rid="B50">Reich/Settelmeyer 2016</xref>). Dieser Unterricht k&#246;nnte wichtige Funktionen beim Erhalt und Ausbau der Herkunftssprachen &#252;bernehmen, jedoch erreicht er nur einen Teil der Kinder und Jugendlichen und muss nicht selten unter schwierigen Arbeits- und Lernbedingungen stattfinden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Reich/Settelmeyer 2016: 132</xref>). Das bedeutet, dass in durch Migration gepr&#228;gten Aneignungskontexten Menschen ihre Erstsprache(n) nicht ausgewogen erwerben k&#246;nnen bzw. die Literalisierung ausschlie&#223;lich auf Deutsch erfolgt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">G&#252;rsoy/Roll 2018: 352</xref>). Daraus folgt, dass zentrale Kompetenzen, wie sie in der beruflichen Bildung notwendig sind, nur &#8211; wenn &#252;berhaupt &#8211; in der Zweitsprache Deutsch vorliegen und die Kompetenzen in den jeweiligen Herkunftssprachen weit auseinandergehen. Neuzugewanderte weisen durchschnittlich h&#246;here Herkunftssprachenkenntnisse auf als in Deutschland geborene Mehrsprachige, denn sie verf&#252;gen h&#228;ufig &#252;ber Erfahrungen mit Schrift und Schriftlichkeit, verschiedenen Variet&#228;ten der Herkunftssprache und deren bildungssprachlichen Gebrauch (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B50">Reich/Settelmeyer 2016: 132</xref>). Solche sprachlichen Kenntnisse sind in vielen Berufen von Vorteil (s. vertiefend dazu ebd.), da Gespr&#228;che mit Kund*innen, Patient*innen und Gesch&#228;ftspartner*innen von mehrsprachigen Kompetenzen im Unternehmen profitieren k&#246;nnen. Herkunftssprachen sind also nicht nur f&#252;r Lernprozesse und das individuelle Selbstverst&#228;ndnis wichtig, sondern k&#246;nnen auch selbst monet&#228;ren Wert im Arbeitsleben einnehmen. Letzteres gilt besonders dann, wenn sie auf einem Niveau beherrscht werden, wie es im Berufsleben wichtig ist. Dieses Niveau orientiert sich, wie bereits erw&#228;hnt, an der konzeptionellen Schriftlichkeit, die insbesondere schreibend erworben wird, weshalb dem Schreiben ein zentraler Stellenwert in der beruflichen Bildung zukommt.</p>
<sec>
<title>2.1 Schreiben in der beruflichen Bildung</title>
<p>Dass Schreiben in der beruflichen Bildung und im Berufsleben eine gesonderte Herausforderung darstellt, ist seit Jahren ein wiederkehrendes Thema der Forschung. Berufssch&#252;ler*innen haben Probleme mit dem verstehenden Lesen von Texten sowie mit der eigenen Textproduktion, wobei Lernende, die zuwanderungsbedingt mehrsprachig sind, deutlich schlechter abschneiden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Efing 2006</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B48">Niederhaus 2022</xref>). Da diese Jugendlichen den Gro&#223;teil ihrer Schulzeit in Deutschland verbracht haben, wirken hier scheinbar Lernvers&#228;umnisse vor der Berufsschulzeit nach (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B47">Niederhaus 2018: 150</xref>).</p>
<p>Aus einer Entwicklungsperspektive ist die Beherrschung des Schreibens ein langwieriger Prozess, mit gradueller Entwicklung auf einem Kontinuum von der M&#252;ndlichkeit hin zur Schriftlichkeit (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Schnoor/Usanova 2023: 600</xref>). Kompetenzen im Bereich der konzeptionellen Schriftlichkeit gehen &#252;ber die im Alltag erworbenen Kompetenzen hinaus und umfassen weitere Fertigkeiten, die in der Regel unter dem Begriff Textkompetenz/literale (Handlungs-)Kompetenz gefasst werden. Sie k&#246;nnen in der Regel nur institutionell und/oder bezogen auf konkrete Kontexte erlernt werden. &#220;ber die grammatischen und lexikalischen Besonderheiten hinaus spielen beim Schreiben von Texten auch bestimmte textmusterspezifische Konventionen eine Rolle. Darunter werden eine Reihe von Aspekten subsumiert, die beherrscht werden m&#252;ssen, um Texte bezogen auf die jeweilige Handlungssituation verstehen und selbst produzieren zu k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Riehl 2017: 222</xref>). Berufliches Schreiben ist demnach gebunden an berufliche Situationen und erfordert Schreibexpertise, Wissen um berufliche Textsorten, Adressat*innen, Zielsetzungen usw. Formulieren ist hierbei mehr als nur Sprachproduktion, es handelt sich um textbezogene Entscheidungsprozesse an denen sukzessive gearbeitet wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Dengscherz 2020</xref>). Aufgrund der individuellen Herausforderungen, die sich beim Schreiben in beruflichen Kontexten ergeben, m&#252;ssen Schreibende individuell begleitet werden. Als Grundlage dazu dienen Einsichten in die zentrale Rolle des Sprachenrepertoires (vgl. ebd.: 398).</p>
<p>Schreiben als Prozess erfordert die koordinierte Nutzung von kognitiven, metakognitiven und sprachlichen Fertigkeiten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Schnoor/Usanova 2023: 600</xref>). Zu den Faktoren, die den Schreibprozess negativ beeinflussen, z&#228;hlen Probleme mit der Orthographie, unzureichende Wortschatz- und Grammatikkenntnisse, mangelndes Textsortenwissen und &#252;berm&#228;&#223;ige Konzentration auf die Formulierung, was wiederum zur Vernachl&#228;ssigung der Planungsphase (Organisation von Ideen und Informationen) f&#252;hren kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Linsenmeier/Kr&#246;ninger/Mueller-Liu/Park 2017: 69</xref>). Sch&#252;ler*innen, die die entsprechenden Muster der konzeptionellen Schriftlichkeit noch nicht vollst&#228;ndig erworben haben, weichen auf die Muster konzeptioneller M&#252;ndlichkeit aus (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Riehl 2017: 225</xref>). Zahlreiche Studien (u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Augst/Faigel 1986</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Feilke 1993</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B31">Harsch/Neumann/Lehmann/Schr&#246;der 2007</xref>) zeigen, dass die F&#228;higkeit, normgerechte, koh&#228;rente und lesefreundliche Texte zu schreiben, mit dem Abschluss der Regelschulzeit nicht bei allen Lernenden voll entwickelt ist. Selbst- und Fremdeinsch&#228;tzungen von Auszubildenden zu deren Kompetenzen zeigen, dass die F&#228;higkeit, Texte zu schreiben, zu Beginn der Berufsausbildung in geringem Ma&#223;e vorhanden ist, sich jedoch im Laufe der Ausbildungszeit weiterentwickelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Fleuchaus 2004</xref>). Daher muss die Berufsschule den gezielten Ausbau dieser Fertigkeiten, die in vielen Berufen notwendig sind, aktiv und zielgruppengerecht gestalten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B51">Riehl 2017: 221</xref>).</p>
<p>Studien zu Lernenden an Berufs- und Berufsfachschulen (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B40">Lehmann/Ivanov/Hunger/G&#228;nsefu&#223; 2005</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B41">Lehmann/Seeber 2007</xref>) zeigen, dass besonders migrationsbedingt mehrsprachige Jugendliche bei den allgemeinen Grundqualifikationen am Ende der beruflichen Ausbildung schlechtere Leistungen zeigen als einsprachige. Die Autor*innen leiten daraus ab, dass gerade die Fertigkeit des berufsbezogenen und berufsspezifischen Schreibens bei migrationsbedingt mehrsprachigen Jugendlichen gezielt gef&#246;rdert werden muss, um so die notwendigen konzeptionell schriftlichen Kenntnisse aufzubauen.</p>
<p>Neuzugewanderte, deren Sprachkompetenzen im Deutschen nicht den Normen weiterf&#252;hrender Bildungseinrichtungen entsprechen, werden in Intensivprogrammen beschult. Dort kann die &#220;berforderung im berufsbezogenen Schreiben jedoch nicht aufgefangen werden, denn allgemein gehaltene Sprachf&#246;rderma&#223;nahmen bereiten nicht auf den Gebrauch ben&#246;tigter Registermerkmale vor, die entsprechend innerhalb des jeweiligen Berufsfeldes vermittelt werden m&#252;ssen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Knappik 2013</xref>; vgl. f&#252;r den Kontext Schreiben an <xref ref-type="bibr" rid="B62">Hochschulen Zernatto 2021</xref>).</p>
<p>Zusammengefasst stellt das berufliche Schreiben nicht nur f&#252;r Mehrsprachige eine Herausforderung dar. Professionelles Schreiben unter mehrsprachigen Bedingungen bringt jedoch weitere Aspekte mit sich, die im Folgenden angesprochen werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Das Sprachenrepertoire beim Schreiben</title>
<p>Der Schreibprozess ist ein dynamisches System, bestehend aus einer Kette von Schreibsituationen, in denen Strategien und Routinen angewandt werden und auf den viele Faktoren Einfluss nehmen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">G&#246;pferich 2015</xref>). Da Schreiben solch ein komplexer Vorgang ist, stellt sich die Frage, ob die Nutzung mehrerer Sprachen das Arbeitsged&#228;chtnis eher belastet oder bereichert. Wird in einer weniger dominanten Sprache geschrieben, kann es passieren, dass die sprachbezogenen Anforderungen (Wortschatz- und Grammatikorganisation usw.) zu Lasten der schreibspezifischen gehen (Textentfaltung, Leser*innenf&#252;hrung usw.). Der Text wird damit weniger register- und textsortenkonform (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">G&#246;pferich/Nelzen 2014</xref>). Dass fremdsprachliche und aufgabenbezogene Anforderungen konkurrieren, ist in mehreren Studien nachgewiesen (vgl. dazu vertiefend <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 115&#8211;121</xref>): Inhaltsbezogene Leistungen in der Fremdsprache sind schw&#228;cher, fehleranf&#228;lliger und weniger l&#246;sungsbezogen. Mehrsprachige Schreibende nutzen ihr Sprachenrepertoire mit unterschiedlichen Zielsetzungen und gehen dabei individuell vor (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Dengscherz 2020</xref>). &#8222;Writers in particular will spontaneously resort to the language in which they feel they can solve a problem best&#8220;(<xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 117</xref>). Zentral f&#252;r das bisher ausgef&#252;hrte ist, dass die Schreibf&#228;higkeit in der Erstsprache abnehmen kann, wenn sie nur in der Zweitsprache gef&#246;rdert wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">G&#246;pferich 2015</xref>), weshalb die Nutzung mehrsprachiger Ressourcen wichtig ist. Lernende profitieren aber auch emotional, wenn es gestattet ist, alle verf&#252;gbaren Sprachen zu verwenden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B42">Lewis/Jones/Baker 2013</xref>).</p>
<p>Generelle Untersuchungen zur Sprachverwendung mehrsprachiger Personen zeigen, dass diese andere und vielf&#228;ltigere Strategien im Umgang mit Sprachen und beim Schreiben entwickeln als einsprachige (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Canagarajah 2013</xref>). Es bestehen positive Beziehungen zwischen Sprachen in mehrsprachigen Schreibprozessen, was als Hinweis darauf interpretiert wird, dass Sprachen(kenntnisse) sich gegenseitig als Ressourcen dienen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B52">Riehl 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B54">Schnoor/Usanova 2023</xref>). Die Beziehungen zwischen Schreibfertigkeiten in verschiedenen Sprachen basieren auf dem gemeinsamen sprachlichen und metakognitiven Wissen, das sie teilen. So k&#246;nnen Schreibende ihr metakognitives Wissen &#252;ber Schreibaufgaben und -strategien in einer Sprache nutzen, um einen Text in einer anderen Sprache zu verfassen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Schnoor/Usanova 2023</xref>). Je nach Verwandtschaftsgrad der Sprachen, zwischen denen gewechselt wird, unterscheiden sich Erfolg und Reibungslosigkeit: Schreibende, die beim Prozess lange in einer entfernten L1 verweilen, erzielen schlechtere Texte in der L2 als Schreibende, die die gleiche Strategie anwenden, deren Sprachen aber nah verwandt sind (vgl. Woodall 2002 zitiert nach <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 122&#8211;123</xref>).</p>
<p>Mehrsprachige Schreibende greifen, wenn es gestattet ist, und sie darin ge&#252;bt sind, ganz nat&#252;rlich auf Strategien wie translanguaging und codeswitching zur&#252;ck, um mit den kognitiven Anforderungen der Aufgabe umzugehen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Dengscherz 2019</xref>). Mehrsprachigkeit wird in diesem Kontext nicht als Nebeneinander von sogenannten Nationalsprachen, sondern als ein alle denkbaren Register, Stile, Codes etc. umfassendes Kontinuum verstanden, das stets kontextgebunden ist und die Berufssprache umfasst (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Busch 2012</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B9">2013</xref>). Es werden keine klaren Grenzen zwischen den Sprachen angenommen, da Einzelsprachen als sozial konstruiert zu verstehen sind und sich die Unterscheidung zwischen Sprachen auf individuell-kognitiver Ebene nicht aufrechterhalten l&#228;sst. Individuen verf&#252;gen &#252;ber ein sprachliches Gesamtrepertoire, welches sie in Abh&#228;ngigkeit vom sozialen Kontext strategisch, flexibel und integriert einsetzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Gantefort 2020: 202</xref>). Translanguaging ist die flexible Nutzung dieser mehrsprachigen Repertoires. Damit wird ein konzeptioneller Rahmen zur Beschreibung von Mehrsprachigkeit und mehrsprachigem kommunikativen Handeln bezeichnet (vgl. z.&#8201;B. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Garc&#237;a 2009</xref>). Sprachliches Handeln umfasst demnach lexikalische, grammatische und textuelle Elemente unterschiedlicher Sprachen, die flexibel je nach Erfordernis und Zweck in der Kommunikation einsetzt werden k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Garc&#237;a/Wei 2014</xref>). Translanguaging referiert auf ein &#8222;funktionales, interaktionales und dynamisches Verst&#228;ndnis von Mehrsprachigkeit&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">G&#252;rsoy/Roll 2018: 353</xref>). Wenn Sprachen keine getrennten modularen Systeme darstellen, sondern untereinander vernetzt und im Gebrauch gleichzeitig aktiv sind &#8211; auch wenn sie in monolingualen Situationen durch bestimmte Mechanismen unterdr&#252;ckt werden &#8211; kann das volle Potential der Mehrsprachigkeit f&#252;r Lernprozesse nur genutzt werden, wenn metasprachliches und metakognitives Wissen in den vorhandenen Sprachen vertieft und ausgebaut wird.</p>
<p>Der Umfang, in dem die Erstsprache eigesetzt wird, h&#228;ngt dabei vom Fertigkeitslevel der Zweitsprache ebenso ab, wie vom Prozessschritt, der gerade bearbeitet wird. Fortgeschrittene Zweitsprachler*innen nutzen weniger die Erstsprache, sondern formulieren gleich in der L2, besonders wenn es sich um bilinguale, professionelle Schreibende handelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 121&#8211;122</xref>). Unter Bedingungen der Migration spielt die Erstsprache jedoch eine gr&#246;&#223;ere Rolle. Lernende mit Spanisch als L1, die vor dem siebten Lebensjahr in die USA gezogen sind und auf Englisch unterrichtet werden, ziehen Spanisch f&#252;r Probleml&#246;sungen vor (vgl. Jim&#233;nez Jim&#233;nez 2015, zit. in <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 124</xref>). Dies kann darauf zur&#252;ckzuf&#252;hren sein, dass in Migrant*innen-Communities die Sprache auch relevant f&#252;r die Identit&#228;t und Gruppenzugeh&#246;rigkeit ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Dirim/Mecheril 2017</xref>).</p>
<p>In einer Studie von Friedl &amp; Scharf (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2020</xref>) verwenden mehrsprachige Schreibende in allen Schreibprozessphasen bis zur Endfassung neben der Zielsprache sowohl die L1 als auch eine andere Fremdsprache (L3), obwohl diese kein Teil der Aufgabenstellung ist. Anzumerken ist, dass der Anteil der L1 bzw. der L3 innerhalb des Schreibprozesses sukzessive abnimmt. Beim Brainstorming verwenden ca. 84 % die L1 und ca. 21 % eine L3. Bei der Endfassung sind dies nur noch ca. 13 % (L1) bzw. ca. 9 % (L3). In Bezug auf Feedback und Korrekturen werden L1 und L3 h&#228;ufiger verwendet als w&#228;hrend des &#220;berarbeitens des Rohtextes (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Friedl/Scharf 2020: 45</xref>). Neben den individuellen Voraussetzungen sind es die situativen Bedingungen, die die Sprachenwahl bestimmen. Dengscherz (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2020: 411</xref>) nennt Erh&#246;hung von Kreativit&#228;t, &#220;berbr&#252;ckung von Formulierungsschwierigkeiten und den Wechsel auf eine Metaebene als m&#246;gliche Gr&#252;nde f&#252;r die Nutzung anderer Sprachen als der Zielsprache. Au&#223;erdem kommt Mehrsprachigkeit dann st&#228;rker zum Einsatz, wenn die heuristische Dimension des Schreibens f&#252;r die Schreibenden im Vordergrund steht. Sprachmischungen entstehen, wenn Texte geplant und Aspekte inhaltlich erarbeitet werden (vgl. ebd. 413). Steht die rhetorische Dimension im Vordergrund, wird vermehrt in der Zielsprache geschrieben, u.a. durch R&#252;ckgriff auf Paralleltexte und einsprachige W&#246;rterb&#252;cher (vgl. ebd. 415). Schlie&#223;lich wirken sich die Aufgabenkomplexit&#228;t und die Sub-Prozesse des Schreibens auf die Sprachenwahl aus. Je anspruchsvoller die Aufgabe wahrgenommen wird, desto mehr greifen Schreibende auf ihre L1 zur&#252;ck, ebenso wie bei Sub-Prozessen, die die Textgestaltung (Higher Order Concerns) betreffen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 132</xref>). Schritte wie Planung, Organisation und Entwicklung sowie Probleml&#246;sung werden eher in der L1 durchgef&#252;hrt (vgl. ebd. 120).</p>
<p>Die eigene Mehrsprachigkeit der Schreibenden wird von ihnen selbst jedoch nicht immer positiv bewertet, sondern mitunter auch als H&#252;rde aufgefasst, sodass sie bewusst von ihrer Erstsprache beim Schreiben Abstand nehmen bzw. diese ausblenden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Knorr/Andresen/Alag&#246;z-Bakan/Tilmans 2015</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B59">Tilmans 2019</xref>). Die Beschr&#228;nkungen in der Nutzung des Sprachenrepertoires kann Einschr&#228;nkungen bei der Bew&#228;ltigung von Schreibaufgaben als Ganzes nach sich ziehen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B37">Knorr 2019</xref>). Lernende fokussieren sich beim Schreiben auf Deutsch auf die passenden und korrekten Formulierungen und vernachl&#228;ssigen dadurch die Gesamtstruktur, d.h. die Argumentation des Textes. Daraus kann sich eine geringe Bereitschaft zu oder gar ein Widerstand gegen &#220;berarbeitung der Gesamtstruktur ergeben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B34">Knorr 2011</xref>). Das Ringen um den richtigen Ausdruck oder das richtige Wort kann Verz&#246;gerung im Schreibfluss bedingen und damit ggf. auch neue Ideen hinsichtlich der Gesamtargumentation des Textes blockieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B59">Tilmans 2019: 21</xref>). Auch Machura (<xref ref-type="bibr" rid="B45">2022: 131</xref>) argumentiert, dass sich die Nutzung der L1 positiv auf die Textqualit&#228;t in der L2 auswirkt, sofern die Schreibenden an codeswitching gew&#246;hnt sind und dies im Alltag nutzen, bzw. ihre &#220;bersetzungsf&#228;higkeiten geschult sind. Ist dies nicht der Fall, kann der Wechsel zwischen Sprachen das Arbeitsged&#228;chtnis zus&#228;tzlich belasten oder Interferenzen ausl&#246;sen, wenn beim &#220;bersetzen die Struktur der L1 in der L2 beibehalten wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Dengscherz 2020</xref>).</p>
<p>Es kann festgehalten werden, dass der Wechsel zwischen Sprachen die Belastung des Arbeitsged&#228;chtnisses erh&#246;hen oder verringern kann, Studien hier jedoch keine eindeutige Aussage treffen lassen, da dies von zahlreichen Faktoren abh&#228;ngig ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 133</xref>). Diese Faktorenkomplexit&#228;t unterstreicht die Notwendigkeit von individualisierter und auf gr&#252;ndlicher Anamnese des Einzelfalls abgestellte Beratung, statt generalisierter Unterweisung. Wenn Lernende ihr gesamtes Repertoire sprachlicher Mittel f&#252;r das Schreiben (und damit zum Lernen) nutzen k&#246;nnen sollen, m&#252;ssen sich die Rahmenbedingungen f&#252;r das Lernen an sprachlicher Diversit&#228;t orientieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Gantefort 2020</xref>).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3 (Schreib)Beratung in beruflicher Bildung</title>
<p>Es gibt unterschiedliche Formen der Begleitung von Lernenden und unterschiedliche Begrifflichkeiten wie Tutoring, Beratung, Mentoring usw. H&#228;ufig sind all diese Angebote an Zentren angesiedelt und ggf. vernetzt, z.B. arbeiten Schreibzentren an Universit&#228;ten mit der psychosozialen Unterst&#252;tzungsstelle, Sprachen- und Lernzentren zusammen, an Schulen vernetzen Schreibwerkst&#228;tten sich mit der Schulbibliothek und der Nachmittagsbetreuung. Dabei verschwimmen im konkreten Handlungsfeld oft die Aufgaben &#8211; Tutor*innen haben auch Beratungsanteile, Schreibberatende helfen beim selbstst&#228;ndigen Spracherwerb usw.</p>
<p>Um etwas Klarheit der Begriffe zu schaffen, werden diese im Folgenden voneinander abgegrenzt und Gemeinsamkeiten aufgezeigt. Die Ausf&#252;hrungen dienen als Hintergrund, um sp&#228;ter die Ergebnisse der Studien einordnen zu k&#246;nnen, bei denen ggf. Konzepte nicht trennscharf zum Einsatz kommen, wie es in der Beratungspraxis vorkommen kann.</p>
<p><italic>Beratung</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B55">Schubert 2019</xref>), verstanden als umfassendes Konzept, kommt aus dem englischsprachigen Raum und wird als <italic>Counseling</italic> (us-amerikanisch) oder <italic>Counselling</italic> (britisch) bezeichnet, wobei Letzteres stark psychologisch-therapeutisch einzuordnen ist, Erstes hingegen auf einem breiteren, psychosozial angelegten Verst&#228;ndnis basiert. Beiden gemeinsam ist jedoch, dass sie in Richtung Therapie zu verorten sind. Der Begriff <italic>Counseling</italic> wird in den 1970er Jahren nach Deutschland &#252;berf&#252;hrt und mit Beratung &#252;bersetzt. Sp&#228;ter, besonders in den ausgehenden 1980er und zum Beginn der 90er Jahre, entstehen daraus Coaching- und Beratungsans&#228;tze, die sich von der urspr&#252;nglichen Bedeutung entfernen. Um im Folgenden mehr Klarheit zu schaffen, wird von <italic>Counseling</italic> gesprochen, wenn Beratung im weiteren, therapeutisch orientierten Sinne gemeint ist, bei dem Expert*innen-Wissen die zentrale Rolle spielt. <italic>Beratung</italic> als Begriff wird als Nachbardisziplin von Coaching, Supervision und Mentoring verstanden. Diese gliedern sich berufsbezogen wiederum in die Unterkategorien Sprachlern-Coaching, Sprachlernberatung, Schreibberatung, Mentoring am Arbeitsplatz usw. (s. <xref ref-type="fig" rid="F1">Abb. 1</xref>).</p>
<fig id="F1">
<caption>
<p>Abb. 1: Konzepte von Counseling im Beruf</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zif-3850_drumm-g1.png"/>
</fig>
<p>Allen ist gemein, dass es sich um klient*innenzentrierte, l&#246;sungsorientierte und ressourcenfokussierte Unterst&#252;tzung handelt. Das bedeutet, dass die L&#246;sung am individuellen Bed&#252;rfnis der Klient*innen ansetzt, um von dort aus gemeinsam mit den Beratenden zu erarbeiten, welche Ressourcen bereits zur Verf&#252;gung stehen und welchen L&#246;sungsweg die Ratsuchenden gehen wollen und k&#246;nnen. Die Rolle der Beratenden ist dabei stets unterst&#252;tzend-begleitend, m&#246;glichst non-direktiv (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B55">Schubert 2019</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B29">Grieshammer/Liebetanz/Peters/Zegenhagen 2019</xref>). Diese Formen der Unterst&#252;tzung sind f&#252;r berufliche Zusammenh&#228;nge insofern gut geeignet, insofern sie das Individuum und dessen Bed&#252;rfnisse ins Zentrum r&#252;cken. Die inhaltlichen und sprachlichen Vorkenntnisse der Lernenden sowie die Bedarfe und Bed&#252;rfnisse von Unternehmen und beruflichen Aus-/Weiterbildungen unterscheiden sich und sind h&#246;chst einzelfallabh&#228;ngig, weshalb sich gruppenorientierte Modelle oft wenig eignen. Eine Mitarbeiterin eines internationalen Unternehmens, die nach Deutschland kommt, hat sehr spezifische Bed&#252;rfnisse und Vorkenntnisse, die in einem Sprachcoaching besser aufgegriffen und nutzbar gemacht werden k&#246;nnen: Eine Pflegefachkraft, die nach Deutschland kommt und eine Anpassungsqualifizierung durchl&#228;uft, kennt den Berufsalltag bereits, ben&#246;tigt aber Unterst&#252;tzung beim Schreiben eines Berichts auf Deutsch, wobei individuelle Schreibberatung, die die in der Herkunftssprache vorhandenen Kenntnisse einbezieht, sinnvoller sein kann als ein allgemeiner Schreibkurs. Welche Rolle dabei bereits vorhandene Sprachkenntnisse spielen und wie man diese einbeziehen kann, wird im Folgenden thematisiert.</p>
<sec>
<title>3.1 Konzeptuelle Grundlagen des mehrsprachigkeitsorientierten Beratens</title>
<p>Schreibberatung ist immer Teil der Institution, in der sie stattfindet. Ist diese Institution monolingual gepr&#228;gt, m&#252;ssen Schreibzentren mehr Arbeit leisten, um Mehrsprachigkeit aktiv und produktiv einzubinden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Kasprick/Mpoutsis-Voutsis 2019: 69</xref>). Dies betrifft einerseits die Akzeptanz durch Beratende und die umgebende Institution, andererseits die Bereitschaft durch die Ratsuchenden selbst, Mehrsprachigkeit zu nutzen. Im Sinne eines Paradigmenwechsels sollte Schreibberatung dazu beitragen, dass der Schwerpunkt im Spracherleben nicht auf Defizite gelegt wird, sondern zur Aufwertung sprachlicher Identit&#228;ten beitr&#228;gt/f&#252;hrt/verhilft (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">Lira Lorca 2019</xref>). Je nach kommunikativer Reichweite bzw. Adressat*innenkreis des sprachlichen Handelns im Schreiben, verfassen die Lernenden ihre Texte standardsprachlich oder sprachen&#252;bergreifend; f&#252;r Prozesse der Planung und Revision nutzen sie unabh&#228;ngig davon s&#228;mtliche sprachlichen Ressourcen. Allgemeinere p&#228;dagogische Prinzipien betreffen die generelle Anerkennung von Herkunftssprache(n) mehrsprachig aufwachsender Lernender sowie deren Unterst&#252;tzung darin, multiple und fluide Identit&#228;ten sowie sozioemotionales Wohlbefinden aufzubauen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Gantefort 2020: 202</xref>).</p>
<p>Die Vorteile des mehrsprachigen Schreibens sind auf drei Ebenen anzusiedeln (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022: 121</xref>): Kapazit&#228;t, Bewusstheit und Identit&#228;t. In Bezug auf die Kapazit&#228;t des Arbeitsged&#228;chtnisses wird kognitive Belastung reduziert, bez&#252;glich der Bewusstheit dient der Erwerb neuer Sprachen und Register der Sprach- und Selbstreflexion und die Selbsterm&#228;chtigung der Lernenden wird unterst&#252;tzt, da sie die Sprachen, die zu ihnen geh&#246;ren, frei nutzen k&#246;nnen. Dabei muss ber&#252;cksichtigt werden, wie nah die jeweiligen Sprachen verwandt sind, in welchen Kontexten die Ratsuchenden diese gew&#246;hnlich verwenden, und ob sie im codeswitching und Translanguaging ge&#252;bt sind. Gerade die Nutzung von Erstsprachen (die von den Ratsuchenden eventuell als weniger akademisch angesehen werden) kann mit &#196;ngsten verbunden sein, was durch aktive Arbeit mit den Sprachen abgebaut werden kann. Steigende Wertsch&#228;tzung der Erstsprache gegen&#252;ber er&#246;ffnet diese als Ressource f&#252;r das Schreiben: breitere Literaturbasis, gr&#246;&#223;ere Sicherheit im Ausdruck, stabileres Selbstbewusstsein in der Sprachenverwendung in allen Sprachen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Barczaitis/Grieshammer 2021: 172&#8211;173</xref>).</p>
<p>Lernende, die Deutsch nicht als Bildungssprache erworben haben, m&#252;ssen verschiedene Kompetenzen m&#246;glichst zeitgleich erwerben und umsetzen, denn die Norm der sprachlichen Korrektheit stellt ebenso ein Beurteilungskriterium dar, wie die inhaltliche Richtigkeit. Erschwerend wirkt, dass textstrukturelle Bewertungskriterien seitens der Bewertenden oftmals als transparent und bekannt vorausgesetzt und nicht explizit gelehrt werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B62">Zernatto 2021: 181</xref>). Die konkrete Arbeit in der Schreibberatung zeigt, dass Lernende aufgrund der Fokussierung auf sprachliche Korrektheit h&#228;ufig Schwierigkeiten haben, die Strukturen wissenschaftlicher Texte zu erkennen und auch selbst zu entwickeln (vgl. ebd.: 184). Um &#252;ber die Praktikabilit&#228;t des mehrsprachigen Schreibens mit den Ratsuchenden nachzudenken, kann es sinnvoll sein, Textprodukte verst&#228;rkt in die Reflexion miteinzubeziehen, da sich hier Prozesse des Sprachausbaus und der Sprachdynamik abzeichnen. Auspr&#228;gungen einer Mehrschriftigkeit k&#246;nnen Anlass zum Registerausbau werden, denn &#8222;Sprachausbau findet vor allem im formellen Register statt, in dem die Schriftlichkeit verankert ist&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B58">Stierwald 2016: 40</xref>).</p>
<p>Eine Einbeziehung von Mehrsprachigkeit im Rahmen der Arbeit eines Schreibzentrums f&#246;rdert eine flexible Einstellung zu Sprachen und kreative Umsetzungen von Zusammenarbeit &#252;ber Sprachen und professionelle Hierarchien hinweg, was wiederum dazu beitragen kann, Hierarchien in Bildungseinrichtungen ein St&#252;ck weit zu dekonstruieren und die Handlungsf&#228;higkeit der Studierenden zu erh&#246;hen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Aksakalova 2021</xref>). Severino (<xref ref-type="bibr" rid="B57">2002: 231</xref>) schl&#228;gt vor, dass das Schreibzentrum die &#8222;Kontaktzone bildet, in der verschiedene Kulturen, Sprachen, Literaturen und Diskurse aufeinandertreffen&#8220;.</p>
<p>Aus dem Gesagten l&#228;sst sich schlie&#223;en, dass Sprachgebrauch und sprachliches Handeln eng mit Emotionen verkn&#252;pft ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">Krumm/Jenkins 2001</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B46">Nardi 2006</xref>). Daraus folgt, dass Wertsch&#228;tzung von Sprachen Grundlage einer sprachensensiblen Schreibberatung und Schreibdidaktik sein muss. Gerade Beratung ist auf den Prozess des Lernens ausgerichtet und findet vermehrt in bewertungsfreien Zusammenh&#228;ngen statt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B38">Knorr 2020</xref>). Lernende erhalten zu jeder Zeit die M&#246;glichkeit und explizite Anregung in der Sprache zu schreiben, in der sie sich am sichersten f&#252;hlen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Kasprick/Mpoutsis-Voutsis 2019: 67</xref>). Um dem empfundenen Widerspruch zwischen mehrsprachigem Schreibprozess und gefordertem, einsprachigem Endprodukt zu begegnen, schl&#228;gt Zernatto (<xref ref-type="bibr" rid="B62">2021: 185&#8211;186</xref>) vier didaktische S&#228;ulen der Beratung vor, n&#228;mlich 1) Bewusstmachung der eigenen Mehrsprachigkeit und ihrer Kontextgebundenheit w&#228;hrend des Prozesses, 2) Entwicklung individueller Strategien zum Umgang mit Sprachen, 3) sprachliche Entlastung und Fokusverschiebung besonders im Bereich der Higher Order Concerns (Strukturierung, Themeneingrenzung, Rohfassung Schreiben) und 4) Aufbau eines wissenschaftssprachlichen Registers in der Zielsprache zum Ende des Prozesses. Letzteres basiert auf der Vermittlung von Aspekten der &#8222;Allt&#228;glichen Wissenschaftssprache&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">Ehlich 1999</xref>).</p>
<p>Au&#223;erdem spielen bei der Beratung von neuzugewanderten Ratsuchenden neben den (meta-) kognitiven F&#228;higkeiten auch &#228;u&#223;ere Einfl&#252;sse wie Einbeziehung von Peer-Feedback und R&#252;ckmeldung von Betreuenden eine Rolle (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Lira Lorca 2019: 27</xref>). Auf fortgeschrittenem Niveau sollte der kleinschrittige Ablauf von Schreibprozessen vermittelt werden, da mit zunehmender Sprachkompetenz bzw. in bestimmten Berufsfeldern Texte produziert werden sollen, die komplexer und zeit- sowie planungsaufw&#228;ndiger sind (vgl. ebd.). Neuere theoretische Ans&#228;tze und Forschungsergebnisse und mehrsprachigkeitssensible, potentialorientierte methodisch-didaktische Ans&#228;tze f&#252;r die Praxis (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Knorr 2018</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B12">Dengscherz 2019</xref>) beginnen jedoch erst langsam in die Institutionen einzusickern (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B62">Zernatto 2021: 176</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 Mehrsprachige Beratung in der Praxis</title>
<p>Wie dargelegt wurde, kann die Mehrsprachigkeit der Lernenden in unterschiedlichen Situationen und Schreibphasen als Unterst&#252;tzung genutzt werden, indem z. B. die Gesamtstruktur in einer anderen Sprache als dem Deutschen erstellt oder die erste Fassung eines Textes nicht ausschlie&#223;lich auf Deutsch verfasst wird, sondern auch Formulierungen aus anderen Sprachen genutzt werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Knorr et al. 2015</xref>). Dadurch wird eine Fokussierung auf die Argumentationsstruktur des Textes und nicht auf die Sprache erm&#246;glicht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B59">Tilmans 2019: 21</xref>) und das Arbeitsged&#228;chtnis beim Schreiben entlastet.</p>
<p>Schreibberatende in der Praxis betrachten Texte von Ratsuchenden</p>
<disp-quote>
<p>nicht als Produkt, sondern als Teil eines dynamischen Prozesses, der aus einer Reihe miteinander verschr&#228;nkter Teilprozesse besteht: sich orientieren, Material sammeln und bearbeiten, strukturieren, Rohfassung schreiben, &#252;berarbeiten und korrigieren/editieren (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Lira Lorca 2019: 27</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Diese Teilschritte unter Einbeziehung von mehrsprachigen Ressourcen zu gestalten, muss im Gespr&#228;ch mit den Ratsuchenden angeleitet werden. Die Ratsuchenden &#252;berlegen zun&#228;chst gemeinsam mit Beratenden, an welchen Stellen des Schreibprozesses Erstsprache(n) und andere gelernte Fremdsprachen eine bereichernde Rolle spielen k&#246;nnen. Zum Beispiel kann die Phase der Materialsammlung mehrsprachig erfolgen, indem extensives Lesen von Prim&#228;r- und Sekund&#228;rtexten und bei empirisch basierten Arbeiten das Erheben bzw. Ausw&#228;hlen von Daten, die Erarbeitung relevanter Quellen nicht nur auf Deutsch, sondern auch in allen anderen Sprachen aus dem eigenen Sprachenrepertoire erfolgen kann vgl. ebd.: 28).</p>
<p>Kasprick und Mpoutsis-Voutsis (<xref ref-type="bibr" rid="B32">2019</xref>) beschreiben anhand eines Einzelfalls aus der Praxis, wie Schreibberatung unter Einbeziehung der mehrsprachigen Kompetenzen des Lernenden gelingen kann: Der Ratsuchende liest auf Englisch, schreibt Notizen auf Polnisch und &#252;bersetzt dann ins Deutsche. Herausfordernd sind f&#252;r ihn die kaum vorhandene Schreiberfahrung in der Textsorte Hausarbeit und wenig Schreibroutinen in der Wissenschaftssprache Deutsch, da im Studium mehr Klausuren geschrieben werden. Er sucht die Beratung auf, um Textfeedback zu erhalten und sieht seine Probleme also mehr auf der sprachlichen Textoberfl&#228;che, die Beratenden bieten jedoch Beratung bezogen auf die Texttiefenstruktur an (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Kasprick/Mpoutsis-Voutsis 2019: 67</xref>). Sie betonen, dass gerade die Phase der Strukturentwicklung mit entsprechenden &#220;bungen geeignet ist, Schreibprozesse fl&#252;ssiger zu gestalten. Durch die Einbeziehung und Erm&#246;glichung aller sprachlichen Ressourcen in der Entwicklungsphase wird die Motivation zum (Weiter-)Schreiben erhalten und eine Verbesserung der inhaltlichen Auseinandersetzung angestrebt. Dem Ratsuchenden klarzumachen, dass einem Mix aus mehreren Sprachen innerhalb des Schreibprozesses nichts entgegensteht, solange es ihm bei der inhaltlichen Bearbeitung hilft, ist Hauptaufgabe der Beratung (vgl. ebd.). Anschlie&#223;ende sprachliche Verbesserungen am Rohtext sind leicht durchzuf&#252;hren, da der Ratsuchende &#8222;die deutsche Grammatik institutionell erworben hat und infolgedessen das erlernte Regelsystem abrufen kann&#8220; (ebd.: 68).</p>
<p>Den Schreibprozess hemmende Emotionen k&#246;nnen in der Schreibberatung thematisiert werden. Dohmann, Drumm &amp; Niederhaus (<xref ref-type="bibr" rid="B15">2020</xref>) pr&#228;sentieren Ergebnisse aus der Schreibwerkstatt einer beruflichen Schule, die Neuzugewanderte in der Anpassungsqualifizierung zu Erzieher*innen und Heilerziehungspflegenden begleitet. Die Autorinnen zeigen, dass Emotionen einen zentralen Aspekt des Schreibens in der Zielsprache ausmachen und diese in der Beratung gezielt adressiert werden k&#246;nnen. &#196;ngste, das Gef&#252;hl ungen&#252;gend zu sein, Ausdrucksprobleme usw. k&#246;nnen in individuellen Gespr&#228;chen aufgegriffen und positiv gewendet werden. Die Einbeziehung von Mehrsprachigkeit als Ressource k&#246;nnte hier die positiven Aspekte der Beratung noch verst&#228;rken, indem auf bereits vorhandene Ressourcen fokussiert wird. Eine solche Schreibberatung kann auch das Selbstbewusstsein der Ratsuchenden st&#228;rken, wenn ihrer multilingualen Identit&#228;t im universit&#228;ren Kontext Wertsch&#228;tzung entgegengebracht wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Kasprick/Mpoutsis-Voutsis 2019: 69</xref>). Gerade im Rahmen von Schreibberatung k&#246;nnen Emotionen adressiert und eingebunden werden. Positive Gef&#252;hle wie intrinsische Motivation und Selbstreflexion unterst&#252;tzen den Lernprozess, weshalb Knorr (<xref ref-type="bibr" rid="B38">2020: 3</xref>) die Nutzung einer Skala bez&#252;glich des Wohlf&#252;hlens mit der jeweiligen Sprache vorschl&#228;gt. Um Hemmungen bez&#252;glich der Nutzung der Erstsprache abzubauen, kann es hilfreich sein, den direkten Einsatz in der Beratung zu demonstrieren und zu reflektieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B59">Tilmans 2019: 21&#8211;22</xref>).</p>
<p>Auch Lira Lorca (<xref ref-type="bibr" rid="B44">2019: 28</xref>) berichtet aus der Praxis der mehrsprachigkeitsorientierten Beratung und kommt zu dem Schluss, dass das mehrsprachige Orientieren und Strukturieren z.B. in Form eines codemeshing-freewriting Schreibhemmungen und -blockaden vorbeugen kann. Wichtige, individuelle Ideen k&#246;nnen identifiziert und anschlie&#223;end ins Deutsche &#252;bertragen werden, um von der Produktorientierung (Fokus auf korrektes Schreibprodukt) zur Leserorientierung (Fokus auf Verst&#228;ndlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Argumentation) zu gelangen. Schl&#252;sselw&#246;rter, die keine exakte deutsche Entsprechung haben, k&#246;nnen den wissenschaftlichen Diskurs bereichern, wenn sie in der anderen Sprache in den Text integriert und dazu umfassend eingef&#252;hrt und erl&#228;utert werden. Bezogen auf Prozesse im Unterricht bieten diese neuen Fremdw&#246;rter aus den jeweiligen Erstsprachen oder aus anderen Wissenschaftssprachen eine gute Grundlage f&#252;r Diskussionen im Plenum oder in Kleingruppen. Besonderheiten von und Unterschiede zwischen Sprachen werden ebenso thematisiert wie ein m&#246;glicher Mehrwert, den Fremd- und Lehnw&#246;rter an sich mitbringen. So</p>
<disp-quote>
<p>werden f&#252;r die Lernenden Zug&#228;nge geschaffen, die wechselseitige Beeinflussung von Sprachen und Denken zu reflektieren. Denn nur das, was in Worte gefasst werden kann, kann auch weitergedacht und anschlie&#223;end einer Leserschaft vermittelt werden. Ein Reflektieren sprachlicher Eigenheiten f&#252;hrt nicht nur zum klareren Verst&#228;ndnis der deutschen Sprache, sondern ebenso zur Wertsch&#228;tzung der eigenen Sprache (ebd. 28&#8211;29).</p>
</disp-quote>
<p>Wenn Beratende ausreichende Kompetenzen in der Erstsprache der Ratsuchenden haben, kann diese auch durch die Beratenden in die Beratung eingebracht werden. Tilmans (<xref ref-type="bibr" rid="B59">2019: 22</xref>) verdeutlicht anhand von Beratungen auf Russisch, dass Ratsuchende das offene Angebot, Teile der Beratung in ihrer Erstsprache durchzuf&#252;hren, gern annehmen. Die Verwendung der Erstsprache dient dabei unterschiedlichen Zwecken, z.B. der fl&#252;ssigeren Verst&#228;ndigung, der Kl&#228;rung von Konzepten in der Erstsprache, bevor sie in den deutschen Text &#252;bersetzt werden, und schlie&#223;lich der Beziehungsgestaltung. Dabei sind verschiedene Vorteile, aber auch Herausforderungen zu erwarten (vgl. ausf&#252;hrlich ebd. 23&#8211;26): Oft unterscheiden sich die Sprachniveaus in der Erstsprache des Ratsuchenden bei Ratsuchenden und Beratenden, was Missverst&#228;ndnisse ausl&#246;sen kann. Dies kann jedoch auch passieren, wenn Ratsuchende in der Zielsprache beraten werden, die sie selbst weniger gut beherrschen als die Beratenden. Ggf. kann die Beratung selbst z&#252;giger und produktiver verlaufen als eine Beratung in der Zielsprache. Durch die Verwendung der Erstsprache in der Beratung kann eine N&#228;he zwischen Ratsuchenden und Beratenden entstehen, was einerseits den Prozess unterst&#252;tzen, aber auch Rollenkonflikte ausl&#246;sen kann. Dem kann und sollte durch klare Vereinbarungen f&#252;r die Verwendung der Erstsprache vorgebeugt werden. Ratsuchende k&#246;nnen durch eine Beratung in der Erstsprache eine neue Perspektive zum Schreibprojekt einnehmen, z.B. von der Formulierungsebene auf die Textstruktur wechseln. Wenn die Besprechung der Struktur ebenfalls in der st&#228;rkeren Sprache der Studierenden erfolgt, steht der Prozess und nicht die Suche nach den ben&#246;tigten deutschen Formulierungen im Vordergrund.</p>
<p>Wang-Hiles (<xref ref-type="bibr" rid="B61">2020</xref>) untersucht die M&#246;glichkeit des Einsatzes der L1 in der Schreibberatung sowohl aus der Sicht mehrsprachiger Schreibender als auch aus der Sicht mehrsprachiger Tutor*innen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Nutzung der L1 in der Beratung von mehrsprachigen Schreibenden die Entwicklung ihrer Schreib- und damit der L2-Kenntnisse erleichtert. Es entsteht eine g&#252;nstige Lernatmosph&#228;re, die ihr Selbstvertrauen und ihre Motivation f&#252;r das Schreiben und die Sprachentwicklung in der L2 erheblich steigert. Dennoch wird die eigene Erstsprache von Ratsuchenden oft mehr als Handicap erlebt, denn als Ressource (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">Lira Lorca 2019: 27</xref>). Selbst neuzugewanderte Lernende, die aufgrund von Schulerfahrung im Herkunftsland eine ausgebaute Erstsprache mitbringen, stellen diese beim Schreibprozess zur&#252;ck, weil sie keinen Sinn in der Nutzung erkennen. Der Text muss sp&#228;ter in der Zweit- bzw. Fremdsprache abgegeben werden und die Nutzung der Erstsprache wird als Umweg empfunden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Knorr et al. 2015</xref>). Stierwald (<xref ref-type="bibr" rid="B58">2016: 40</xref>) res&#252;miert, dass Ratsuchende &#8222;trotz vereinzelter Anzeichen einer multilingualen Schreibpraxis keinen expliziten Nutzen aus ihrer Mehrsprachigkeit f&#252;r den Schreibprozess ziehen&#8220;. Sie vermutet, dass die Studierenden sich im Rahmen der mehrsprachigen Beratung zum ersten Mal Gedanken &#252;ber den Nutzen ihrer Mehrsprachigkeit im Schreibprozess machen und sich daher noch nicht eindeutig positionieren k&#246;nnen. Auch werden akademische Textsorten als restriktiv, unflexibel und einsprachig wahrgenommen. Es zeigt sich ein Mangel an praktischen Erprobungsformaten f&#252;r mehrsprachige Prozesse. Schriftliche Sprachwechsel geschehen in einem monolingualen Umfeld nicht von allein, sondern m&#252;ssen angeleitet und reflektiert werden, um das Ressourcenbewusstsein der Schreibenden zu st&#228;rken.</p>
<p>Generell sch&#228;tzen mehrsprachige Schreibende den Stellenwert ihrer Erstsprache an der Bildungseinrichtung als gering ein und die Frage, ob die jeweiligen Erstsprachen eine gr&#246;&#223;ere Rolle spielen sollten, wird eher abschl&#228;gig beantwortet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Dannerer 2017: 70</xref>). Gerade bei Neuzugewanderten greift noch ein weiterer Aspekt, der in Beratungssituation ber&#252;cksichtig werden sollte: Aufgrund des grammatikorientierten Fremd- und Zweitsprachenunterrichts fokussieren Lernende beim Schreiben h&#228;ufig auf diese Aspekte und verlieren Strukturentwicklung und Inhalt des Textes aus dem Blickfeld (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B62">Zernatto 2021: 181</xref>). Wenn jedoch die eigene Mehrsprachigkeit nicht als Ressource, sondern eher als Makel wahrgenommen wird, den es besser zu kaschieren gilt, kann das zu m&#246;glichen Hemmnissen in der Entwicklung wissenschaftlicher Textkompetenz f&#252;hren, wie Knorr (<xref ref-type="bibr" rid="B36">vgl. 2018: 145</xref>) konstatiert &#8211; ein Befund, den die Praxiserfahrungen aus den Schreibwerkst&#228;tten best&#228;tigten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B62">Zernatto 2021: 178</xref>).</p>
<p>Wie bereits angesprochen ist das Ausma&#223; der &#220;bersetzungsf&#228;higkeiten und codeswitching-Gewohnheiten der Ratsuchenden ein zentraler Faktor bei der Einbeziehung solcher Techniken in die Beratung. Barczaitis &amp; Grieshammer (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2021</xref>) stellen eine Workshopreihe zum mehrsprachigen akademischen Schreiben am Schreibzentrum einer deutschen Hochschule vor. Die Studierenden erhielten im Rahmen der Veranstaltung unterschiedliche Anregungen, ihre Sprachen und unterschiedliche Register in diesen Sprachen zu nutzen und den Gebrauch zu reflektieren. Die Evaluation ist nicht repr&#228;sentativ, zeigt jedoch interessante Einblicke in die Auswirkungen der Workshoparbeit auf das Empfinden der eigenen Mehrsprachigkeit: Die Nutzung weiterer Sprachen neben der Zielsprache des Schreibprojektes steigt im Schreibprozess und die Teilnehmenden geben an, verschiedene Sprachen in mehr Phasen des Schreibprozesses als zuvor zu nutzen. Zudem sind sie eher bereit, wissenschaftliche Literatur in verschiedenen Sprachen, auf die sie Zugriff haben, f&#252;r ihre Schreibprojekte zu verwenden und sich nicht nur solche in der Zielsprache des eigenen Textes. Auch steigt die empfundene Sicherheit bei der Verwendung ihrer verschiedenen Sprachen im Schreibprozess.</p>
</sec>
</sec>
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<title>4 Fazit und Ausblick</title>
<p>Es gibt bisher kaum Studien zur Einbeziehung von Mehrsprachigkeit in Schreib- und Sprachlernberatungsprozesse der beruflichen Bildung (au&#223;er <xref ref-type="bibr" rid="B15">Dohmann et al. 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B12">Denscherz 2019</xref>), und auch in Bezug auf Schreibberatung an Hochschulen beschr&#228;nkt sich die Datenlage auf wenige Einzelfallstudien bzw. Berichte aus der Praxis. Hier zeigt sich der dringende Bedarf an Aus- und Weiterqualifizierung der Beratenden und Weiterentwicklung der Beratung an sich, um dann Studien anzuschlie&#223;en, die die Einbeziehung von Mehrsprachigkeit als Grundlage der Beratung begleiten. F&#252;r solche Aus- und Weiterbildungsschwerpunkte liegen erste &#220;berlegungen vor, die sich aus der leichten &#220;bertragbarkeit von Textsorten in andere Sprachen ergeben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Beese/G&#252;rsoy 2019</xref>), sowie aus der Translanguaging-Forschung. F&#252;r Beratung bedeutet dies, dass Aus- und Weiterbildung von Beratenden gezielt Gelegenheiten bieten und / oder schaffen muss, in denen Auszubildende sich in den eigenen Sprachen ausprobieren und auch f&#252;r sie fremde Sprachen in Schreib- und Lernprozesse einbeziehen. Scheu vor mehrsprachigem &#8218;Kauderwelsch&#8216; muss abgebaut werden und Strategien des mehrsprachigen Gehirns m&#252;ssen explizit thematisiert und erprobt werden (codemeshing und codeswitching, Strategien der Intercomprehension usw.). Dabei lohnt es sich, unterschiedliche Prozessphasen (Beginn, Sammlung, Kreativit&#228;t, Konzeptualisierung) gezielt mehrsprachig anzuleiten und w&#228;hrend der zur Zielsprache f&#252;hrenden Schritte die Arbeit mit Paralleltexten und Formulierungshilfen zu fokussieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B45">Machura 2022</xref>).</p>
<p>Die Beratungsausbildung sollte auf neuere Modelle zum Schreibprozess (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B37">Knorr 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">Dengscherz 2020</xref>) zur&#252;ckgreifen, um den Einsatz von Sprachen in der Anamnese besser erfassen und mit den Schreibenden reflektieren zu k&#246;nnen. Es lohnt sich, mit den Ratsuchenden zu besprechen, ob aktuell higher order concerns und heuristische Funktionen im Schreibprozess anstehen, oder ob es um lower order concerns und Formulierungsfragen geht. Je nachdem wie Erst- und Zweitsprache zueinanderstehen, m&#252;ssen bestimmte Techniken angewandt werden. Wenn Schreibende &#252;ber wenig Erfahrung und/oder Selbstbewusstsein in der Sprachenwahl verf&#252;gen, kann zun&#228;chst hier angekn&#252;pft werden. Gerade in sp&#228;teren Prozessphasen oder bei Schreibenden, die sich mit codeswitching unwohl f&#252;hlen &#8211; vielleicht auch, weil die schriftsprachlichen Kompetenzen in der Erstsprache nicht ausreichen &#8211; eignen sich berufliche Schriftst&#252;cke als Paralleltexte, um Formulierungen und Textmuster einzu&#252;ben. So kann an den berufsfachlichen Aufgaben angekn&#252;pft und schrittweise am Ausbau umfassender Registerkompetenzen &#8211; in allen Sprachen &#8211; gearbeitet werden.</p>
</sec>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Sandra Drumm</bold> hat die Professur Deutsch als Zweitsprache an der Universit&#228;t Kassel inne und forscht zu den Themen Schreiben und Schreibberatung, Sprache im Fachunterricht sowie Digitalisierung in der Lehrer*innen-Bildung.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2"><bold>Anschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Sandra Drumm</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">Universit&#228;t Kassel</styled-content></p>
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<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.2">34125 Kassel</styled-content></p>
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