Lichtenberg Gesellschaft e.V. www.lichtenberg-gesellschaft.de Der folgende Text ist nur für den persönlichen, wissenschaftlichen und pädagogischen Gebrauch frei verfügbar. Jeder andere Gebrauch (insbesondere Nachdruck – auch auszugsweise – und Übersetzung) bedarf der Genehmigung der Herausgeber. Zugang zu dem Dokument und vollständige bibliographische Angaben unter tuprints, dem E-Publishing-Service der Technischen Universität Darmstadt: http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de – tuprints@ulb.tu-darmstadt.de The following text is freely available for personal, scientific, and educational use only. Any other use – including translation and republication of the whole or part of the text – requires permission from the Lichtenberg Gesellschaft. For access to the document and complete bibliographic information go to tuprints, E-Publishing-Service of Darmstadt Technical University: http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de - tuprints@ulb.tu-darmstadt.de © 1987-2006 Lichtenberg Gesellschaft e.V. 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Im Namen Georg Christoph Lichtenbergs (1742-1799) ist die Lichtenberg Gesellschaft ein interdisziplinäres Forum für die Begegnung von Literatur, Naturwissenschaften und Philosophie. Sie begrüßt Mitglieder aus dem In- und Ausland. Ihre Tätigkeit umfasst die Veranstaltung einer jährlichen Tagung. Mitglieder erhalten dieses Jahrbuch, ein Mitteilungsblatt und gelegentliche Sonderdrucke. Weitere Informationen und Beitrittsformular unter www.lichtenberg-gesellschaft.de In the name of Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) the Lichtenberg Gesellschaft provides an interdisciplinary forum for encounters with and among literature, natural science, and philosophy. It welcomes international members. Its activities include an annual conference. Members receive this yearbook, a newsletter and occasionally collectible prints. For further information and a membership form see www.lichtenberg-gesellschaft.de 82 Adrian Hummel Stilisierte Welten Johann Heinrich Voß und Ernestine Voß in ihren Briefen 1. Die Forschung Ebenso häufig wie bereitwillig wird das 18. Jahrhundert zum „klassischen(n) Jahrhundert des Briefes“1 erklärt.2 In diesem Punkt kommen erstaunlich viele Literaturwissenschaftler überein.3 Programmatisch formulierte etwa Walter Mül- ler-Seidel schon 1956: „Doch war kaum je die Höhe einer geistigen Kultur in dem Maße an die Höhe einer Briefkultur gebunden wie im 18. Jahrhundert“.4 Unbe- schadet dessen sollte besagter Konsens nicht allzu leichten Sinnes akzeptiert wer- den: Schließlich gehört die Briefliteratur neben der Reiseliteratur zu den ältesten Gattungen menschlicher Vertextungsbemühungen überhaupt; und spätestens seit der griechischen Antike respektive den einschlägigen Überlegungen des Deme- trios von Phaleron (4. Jh. v. Chr.) existiert eine Brieftheorie nebst zugehöriger Mustersammlung, die moderner Begriffsbildung kaum nachsteht: Von einer Ge- sprächsersatzfunktion des Briefes kann man dort lesen, von der dialogischen Rol- lenvernetzung zwischen Absender und Adressat, vom Unterschied echter und fingierter Briefe, selbst von einzelnen Brieftypen und dem jeweils zugehörigen Stil- typ.5 Die lateinische Antike ihrerseits fügte besagter Theorie praktische Beispiele von erheblicher Wirkmächtigkeit an: Ciceros Briefe an Atticus („Epistulae“, um 60 v. Chr.) und Senecas Schreiben an Lucilius („Epistulae morales ad Lucilium“, um 64 n. Chr.) galten wegen ihrer Ausgewogenheit zwischen persönlichen und thematischen Aspekten bis ins 18. Jahrhundert hinein für vorbildhaft.6 Hundert- fach war dieser „antike Briefstil“ bis dahin nachgeahmt worden. Nicht anders stand es um den so verrufenen „Kurial- oder Kanzleistil“ des Mittelalters und höfisch geprägter Epochen der frühen Neuzeit: Wer die entsprechenden „Formu- lae“ (Musterbücher) kannte, konnte einen – in Disposition wie Diktion gleich vollendeten – Brief verfassen, sofern er nur eine gewisse Bildung genossen und die äußerlichen Konventionen beachtet hatte.7 Dem Rückgriff auf persönliche Details taten die rhetorischen Vorschriften dabei wenig Abbruch; er unterlag ähnlich wie die Wahl zwischen lateinischer, französischer oder deutscher Sprache geltenden Moden oder gruppenspezifischen Vorlieben. So bevorzugten die Mitglieder mys- tischer Zirkel des Mittelalters, reformatorischer Kreise der Frühen Neuzeit oder regionaler Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts das Deutsche, Mitglieder und Beamte der Fürstenhöfe das Französische, Unternehmer das Lateinische; Briefe aber des „kurialen Typs“ zirkulierten gleichfalls die Menge. 83 Konsequenterweise avancierte das 18. Jahrhundert in den Augen der Forschung nicht einfach einer plötzlich registrierbaren „Schreibwut“8 wegen zum „Jahrhun- dert des Briefes“. Vielmehr scheint sich die Einstellung der Briefschreiber zum Medium des „Briefes“ selbst verändert zu haben: Jedenfalls gerieten Briefwechsel jeder Couleur seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verstärkt ins Fahrwas- ser des Identitätsfindungsprozesses erwerbs- wie bildungsbürgerlicher Schichten und ihres bevorzugten Selbstdarstellungsmittels: der Geselligkeitskultur. „Das bür- gerliche Ich begann, sich, seine Empfindungen und Gedanken wichtig zu nehmen, es beobachtete sich selbst, und es mußte sich mitteilen, jedoch ‚nicht der Öffent- lichkeit, dafür war alles zu intim, zu heilig, aber einem einzelnen Menschen, einem Freund, der gleich fühlte […]. Und nicht nur in Worten, die gleich wieder verwehen‘“.9 Für das Phänomen der Briefliteratur fand sich folgerichtig eine völlig neue Deutung: „Schattenrisse der Seele“ transportierte nunmehr der einschlägige Schriftwechsel einem Wort Friedrich Hebbels zufolge;10 und der bürgerlichen Geselligkeitskultur des 18. Jahrhunderts erwuchs im „Privat-Brief“ – wie einmal pointiert festgestellt wurde – nichts Geringeres als ihr säkulares „Sakrament“.11 Umgehend erfand sich diese neue Deutung auch eine neue Sprache: Christian Fürchtegott Gellerts (1715-1769) vorerst persönliches, dann aber dauerhaft ka- nonisches Briefbeispiel verdrängte den stilistisch ausgefeilten und rhetorisch auf- geladenen, dabei entweder antik oder kurial angelegten „Repräsentations-Brief“ früherer Jahrhunderte binnen weniger als einem Jahrzehnt (1745-1755); in Er- mangelung der bürgerlichen Geselligkeitskultur war eine ganz ähnliche Initiative Benjamin Neukirchs fünfzig Jahre vorher („Anweisung zu Teutschen Briefen“, 1709) noch ebenso kläglich gescheitert wie Johann Christoph Gottscheds späte- res Zeitschriftenengagement zugunsten einer „natürlichen Schreibart“ (aus dem Jahre 1726).12 Gellerts zentrale Arbeit mit dem Titel „Briefe, nebst einer Prak- tischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen“ (1751)13 setzte da- gegen äußerst erfolgreich auf Stil- und Dispositionsideale französischer und eng- lischer Briefkultur der unmittelbaren Gegenwart: „simplicité“ und „plainness“.14 So authentisch und zwanglos wie irgend möglich galt es „Privat-Briefe“ seither zu schreiben, unmittelbar und spontan, lebendig und natürlich, anschaulich und mitteilungsselig. Reinhard Nickisch bringt das gängige Urteil der Forschung auf den Punkt: „Eine uneingeschränkte Subjektivierung des Briefes war die Folge“.15 Der neue Briefkult wollte aber auch emanzipatorische Folgen zeitigen: Die Be- achtung ständischer Konventionen – ob zwischen Adel und Bürgertum oder bür- gerlicher Schichten untereinander – galt ihm nämlich für gänzlich obsolet; selbst Frauen – in der Welt des Buchstabens sonst eher an den Rand gedrängt – verfüg- ten hier über eine deutlich vernehmbare, „eigene Stimme“: „Seine [des Briefes, Anm. des Verf.] offene, ‚natürliche‘, gesprächsnahe Form […] und sein lebens- naher, oft privater, zeitgenössischer Inhalt hatte gerade dieses Ausdrucksmittel den Frauen zugänglich gemacht“.16 So wollte es jedenfalls die Selbstwahrnehmung bürgerlicher Öffentlichkeit des 18. (und 19. Jahrhunderts), so wollen es weite Kreise der literaturwissenschaft- 84 lichen Forschung offensichtlich bis heute: Zur „Urkunde des Herzens“ (Hans Herbert Ohms, 1948) wird der Brief hier erhoben, zum Inbegriff einer traulichen „Geselligkeit zu zweien“ (Golo Mann, 1975), zum Ausdruck einer „bis dahin unerhörte(n) Unmittelbarkeit“ (Reinhard Nickisch, 1996), zum Medium der „Charakterisierung und Selbstdarstellung unter Freunden“ (Jürn Gottschalk, 2001).17 Dabei fehlt es keineswegs an gegenteiligen Indizien;18 um nur deren drei zu nennen: Warum nahm (1) trotz aller proklamierten Natürlichkeit die Zahl der Brieflehrbücher zwischen den Jahren 1750 und 1790 sprunghaft zu?19 Und wa- rum lassen sich unbeschadet der angezielten Zwanglosigkeit im nämlichen Zeit- raum (2) drei neue Stiltypen namhaft machen: der (empfindsam-)schickliche Brief, der (klassizistisch) nüchterne Brief, der (romantisch) schwärmerische Brief?20 Und warum findet es in literaturwissenschaftlichen Kreisen schließlich so wenig Beachtung, dass (3) gerade Christian Fürchtegott Gellerts zentrale Arbeit Brieftheorie und Briefpraxis des neuen – will sagen: neu gedeuteten – „Privat- Briefes“ aus den fiktiven Briefromanen etwa eines Samuel Richardson („Clarissa“, 1748) herleitet?21 Die Antwort fällt nicht schwer: Erstens widersprechen solche Zweifel der zeitgenössischen Theorie, zweitens den – verschwiegenermaßen vo- yeuristischen – Erwartungen damaliger wie heutiger Leser und drittens lässt gera- de die (vermeintlich) spontane Diktion im Umgang mit rein privaten Ereignissen oder Emotionen eine Überprüfung von Präsentationsart und -inhalt selbst be- rühmter Briefwechsel der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kaum zu. Der Braut- und Ehebriefwechsel Johann Heinrich Vossens mit Ernestine Boie-Voß dagegen eröffnet genau diese Möglichkeit.22 Infolge überkommener Kontroll- texte – wie Ernestine Boies Briefwechsel mit Jugendfreund Esmarch oder ihre autobiographischen Altersaufzeichnungen aus der Zeit nach Vossens Tod (1826) – versagt die kollektive Leserlenkung von einst und jetzt sofort. Plötzlich entpup- pen sich vermeintlich zwanglos-natürlich formulierte Briefe als wohl kalkulierte Bestandteile einer „stilisierten Brief-Welt“ aus raffinierten „Sprachspielen“;23 zum zukünftigen Wohle der beiden Liebenden und den vorurteilsbehafteten Ein- wänden der geselligen Bürger-Welt zum Trotz. 2. Der Quellenwert Um nicht missverstanden zu werden: Besagter Briefwechsel zwischen Ernestine Boie-Voß und Johann Heinrich Voß bietet auch jeder herkömmlichen Leseweise der wertvollen Details übergenug. Gerade um ihretwillen unterstützte die Kultur- stiftung des Landes Schleswig-Holstein eine unverkürzte Edition des von der Landesbibliothek Kiel verwahrten Briefkonvoluts aus insgesamt 321 Briefen der Jahre zwischen 1773 und 1794.24 Tatsächlich vermittelt das Konvolut schon allein seines Umfanges wegen immense Einblicke in Freundschaftskult und Gesellig- keitsform, in Buchproduktion und Verlagsgeschichte, in Literatenexistenz und Familienleben, in Alltag und Häuslichkeit des norddeutschen Bürgertums der fraglichen Zeit. Infolgedessen repräsentiert der Briefwechsel zwischen Johann 85 Heinrich und Ernestine Voß nicht zuletzt eine kultur- und literaturgeschichtliche Quelle von erheblichem Rang. Nirgends verleugnet er dabei seine Zugehörigkeit zur empfindsam-schicklichen Variante des neuen – besser: neu gedeuteten – „Pri- vat-Briefes“. Welches Thema auch immer es zu behandeln gilt: Die Artikulation zugehöriger Emotionen darf nicht fehlen. Besagte Feststellung gilt selbst noch für womöglich etwas unappetitliche Begleiterscheinungen im Alltagsleben eines norddeutschen Pastorenhaushalts des ausgehenden 18. Jahrhunderts: „Was ich alles seid dem ich dir lezt schrieb gemacht habe, das sollst du nun erfahren, alles daß geht wohl nicht an, da hätte ich in der Zwischenzeit schrei- ben müssen, und dazu hat die Mamsell vor lauter Ochsen, Gänsen und der- gleichen nicht Zeit gehabt, wir haben die ganze Woche geschlachtet, und weist du wohl, daß du allenthalben bei mir gewesen bist? deinen Ring habe ich viele Tage nicht tragen können, aus Furcht ihn zu verlieren. Montag ließ mich die Fabricius bitten, um ihr Würste machen zu helfen. […] Dienstag war ich geschäftig, auch im Keller bei den Aepfeln, da dacht ich viel an dich. […] Mitt- woch waren wir wieder beim Schlachten […] und ich sehe so hübsch geschäftig in meiner Nachtmütze und der weissen Schürze aus, daß selbst du dich gefreut hättest. […] Donnerstag machten Mama und ich Grüzwürste, die recht herlich geschmeckt haben“ (Ernestine Boie. Flensburg, 10. November 1775).25 Diesem beeindruckenden Beispiel Flensburger Familienlebens vermag Johann Heinrich Voß mit einer kurzen Schilderung seiner Göttinger Literatenexistenz durchaus standzuhalten: „So weit war ich gestern abend, als der jüngste Graf Stolberg kam. Gleich hin- terher kam auch Hahn; und wir drey giengen bis Mitternacht in meiner Stube ohne Licht herum, und sprachen von Deutschland, Klopstock, Freyheit, großen Thaten und von Rache gegen Wieland, den Unschuldsmörder. […] Klopstocks Geburtstag ist den 2. Jul. Dann ist er 49 Jahr alt, und dann wollen wir dem großen Sänger des Meßias und Deutschlands ein Jubelfest feyren. […] Danken Sie doch auch alsdenn Gott, der Deutschland, der die Welt segnen wollte, und es ward Klopstock. Ich will und ich muß ihn sehen, und mit Zittern umarmen, und wenn ich auch zu Fuße nach Hamburg gehen sollte“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 16. Juni 1773). Ganz ähnliche Einblicke gewährt Johann Heinrich Voß in seinen emotionalen Um- gang mit Umständen gelegentlich schleppender Buchproduktion, häufig unange- nehmer Verlagsquerelen und ständig säumiger Beiträger; einige Glücksmomente seien aber nicht verschwiegen. Im Lauenburg des Jahres 1775 etwa darf sich Jo- hann Heinrich Voß erstmals auf der Sonnenseite wahrer Publizität wähnen: „Woher die Leute gleich erfuhren, daß ich hier wäre? Ich hatte mich im Thore bey der Schildwache den Kalendermacher Voß genannt, und so war es gleich ruchbar geworden. […] Heut Abend ist ein Concert bei Staak, wohin ich ver- muthlich […] gehn werde; es sollen einige 50 Leute da kommen, die mich sehn 86 wollen. Mein Alm.[anach] ist hier sehr berühmt, und obgleich schon über 100 hieher geschickt sind, fehlt es noch immer an Exemplaren“ (Johann Heinrich Voß. Lübeck, 4. Dezember 1775). Und angesichts der 130 Hamburger Subskribenten seiner im finanziell riskanten Eigenverlag publizierten „Odüßee“-Übersetzung des Jahres 1781 verschlägt es Johann Heinrich Voß sogar die ansonsten penibelst gehandhabte Grammatik: „Von der Odysen wird der erste Bogen schon abgedruckt, gestern hatte ich die Korrekturen. Ich habe für 18 mk [Mark] das Ries noch schöner Papier bekom- men, als Cozius seins [sic!] für 25 mk war“ (Johann Heinrich Voß. Hamburg, 30. Juni 1781). Ernestine Boie-Voß antwortet in solchen Fällen gerne mit beküm- mert oder euphorisch vorgetragenen Verkaufsberichten aus der Verlagsbuch- handlung ihres Schwagers Jessen oder einzelnen Hinweisen auf privat-gesellige Leserunden von ungewöhnlich „anrührender“ Wirkung im heimischen Pastoren- haus;26 doch auch von unterhaltsamen Karten- und literarischen Rätselspielen wissen die beiden Liebenden zu erzählen.27 Poesie der unmittelbaren Gegenwart dagegen wird entweder – wie im Falle Klopstocks und des „Hains“ – emphatisch genossen28 oder – wie das Werk übel beleumdeter Autoren vom Schlage eines Johann Georg Jacobi (1740-1814) oder Christoph Martin Wieland (1733-1813) – rückhaltlos verdammt. Immer aber gilt: Ob appellativ aufgeladen oder informa- tiv verklausuliert, den Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Voß und Ernestine Boie-Voß dominiert die artikulierte Empfindung nicht klassizistisch sachorien- tierter, nicht schwärmerisch selbstorientierter, sondern schicklich partnerorien- tierter Prägung. Kaum ein Schreiben der gesamten Korrespondenz belegt diesen Sachverhalt eindrücklicher als Vossens viel zitierter Bericht von der Abreise bei- der Grafen Stolberg aus Göttingen am 12. September 1773: „Ich flog auf ihn (Karl Christian Claus[e]witz, Anm. des Verf.) zu, und weiß nicht mehr, was ich that. Miller riß den einen Grafen ans Fenster, und zeigte ihm einen Stern. – Ich kann nicht mehr, liebes Ernestinchen, die Thränen kom- men von neuem. […] Sie denken sich schon unsere Lage die ganze Nacht hin- durch. Wir blieben auf uns meiner Stube. […] Nun wollten wir den Schmerz nicht länger verhalten, und suchten jetzt uns wehmüthiger zu machen (sic!), und sangen von neuen das Abschiedslied, und sangens mit Mühe zu Ende.“ Und aus einiger Distanz: „Nie hab’ ich ein Gedicht (Elegie am Abend der zwölften Septembernacht 1773, Anm. des Verf.) mit mehr Antheil gemacht, wie selig bin ich, wenn über ihm doch dereinst die Thränen der späteren Erin- nerung fließen. Thränen der Erinnerung sind voller himmlischer Wollust für den, der sie erregen konnte“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 18. Septem- ber 1773). Freundschaftskult und Gemeinschaftsgefühl, innerlicher Affekt und äußerliche Produktivität verbinden sich zu einem gelungenen Beispiel bürgerlicher Selbst- wahrnehmung und ihrer Inszenierung im vordergründig vertraulichen Medium des „Privat-Briefes“ empfindsam-schicklicher Prägung.29 87 3. Die Leserlenkung Freilich: Jenseits des literatur- und kulturgeschichtlich unbestrittenen Quellen- wertes erzeugt gerade diese, weil allgegenwärtige Dimension im Briefwechsel zwischen Johann Heinrich und Ernestine Voß eine gewisse Stereotypie der Lese- erlebnisse. Literaturwissenschaftlichen Fachmeinungen zufolge sollte er damit lediglich das gängige Schicksal ähnlich angelegter Briefkonvolute aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts teilen („Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Willhelm Ludwig Gleim“, 1996; „Heinrich Christian Boies Brief- wechsel mit Luise Mejer 1777-1785“, 1961; „Geschichte der Meta Klopstock in Briefen“, 1962; „Herders Briefwechsel mit Caroline Flachsland“, 1926/28 u. a.):30 Würde man entsprechende Briefwechsel nicht identifikatorisch oder – selbstver- ständlich verschwiegenermaßen – voyeuristisch lesen, ließe sich ein „Eindruck der Öde“31 angeblich gar nicht vermeiden. Konsequenterweise existieren auch kaum Forschungsbeiträge mit Interpretationen einzelner Briefe oder ganzer Brief- wechsel:32 Diese verweigern sich ihrer Erschließung durch Modi bürgerlicher Selbstwahrnehmung des 19. (und 20.) Jahrhunderts schon allein deshalb, weil sie jene einst gerade hatten befördern sollen. Dabei genügte zur Rückgewinnung der literarischen Potenz solcher Briefkonvolute bereits eine veränderte Leseweise: Rückt die Aufmerksamkeit des Interpreten nämlich von der angeblichen Zwang- losigkeit einschlägiger „Privat-Briefwechsel“ ab und wendet sie sich stattdessen unabweisbaren Stilisierungsmerkmalen zu, so wandelt sich auch der Leseein- druck schlagartig. Seiner Kontrolltexte wegen bildet der Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Voß und Ernestine Boie-Voß ein diesbezüglich nahezu ideales Demonstrationsobjekt: Er transportiert mit Hilfe empfindsamer Sprach-Diktion und schicklicher Themen-Disposition zielgerichtete Botschaften der Briefpartner im Geiste erwartet zwangloser Natürlichkeit. Oder anders ausgedrückt: Die ver- meintlich zwanglose Natürlichkeit in Thema und Sprache der Briefe dient einer persönlichen Stilisierung beider Liebender und nicht etwa umgekehrt die zusätz- liche Stilisierung der Vertiefung einer irgendwie echten Natürlichkeit. Leserlenkung setzte infolgedessen bereits lange vor der literaturwissenschaft- lichen Aktivierung besagter Kontrolltexte ein. Und: Im Falle von Familie Voß er- reichten die ergriffenen Maßnahmen zur sorgfältigen Rezeptionssteuerung sogar beachtliches Zensurniveau. Dabei bedeuteten die offenkundigen Wechsel in Ton- fall und Thema für den Fall vermuteter oder tatsächlicher Abwesenheit der elter- lichen Kontrollinstanz noch einen harmlosen Eingriff ad hoc: Mit Brief vom 8. August 1774 etwa erlaubt sich Johann Heinrich nicht nur das dreiste Angebot des vertraulichen „Du“; zugunsten unverhohlen erotischer Avancen streicht er auch den üblichen Pietäts-Rekurs entweder rührseliger oder erbaulicher Proveni- enz auf bestimmende Mitglieder der Familie Boie: „Mädchen, deine Briefe sind fast so süß, als deine Küße vordem waren!“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 8. August 1774); umgekehrt fällt Ernstine ohne die mütterliche Zensur wie selbstverständlich ins sonst peinlich vermiedene „Du“ und kündigt zudem ein – 88 leider nicht erhaltenes – „Briefchen“ an: „Donnerstag schreiben wir alle, denn sollst du einen Brief, und ein Briefchen haben“ (Ernestine Boie. Flensburg, 19. September 1774). Selbstverständlich fehlt das genannte „Briefchen“ nicht einfach zufällig; aus erheblicher zeitlicher Distanz heraus tätigte das Ehepaar Voß vielmehr einen zweiten Eingriff: Es gab dem Briefwechsel vermittels einer durchgehenden Nummerierung die heutige Gestalt und entfernte missliebige Blätter. Dagegen geht der dritte Eingriff auf das Konto des ersten Herausgebers Abraham Voß: Dieser opferte ganze Textpassagen seinem familiären Pietäts- gefühl. Eingriff „Zwei“ bezeugt der – von Abraham Voß verständlicherweise ent- sprechend beschnittene – Text des originalen Briefkonvoluts selbst. Immer wie- der finden sich dort vertraulich diskrete Stellen wie die Folgenden: „Das ich dir dies Zettel geschrieben, davon must dir in deiner Antwort /ja/ nichts merken las- sen. Ich denke oft an dich, bete für dich, und werde dich ewig lieben“ (Ernestine Boie. Flensburg, 11. August 1774). Und zwei Monate früher: „Ohne mir den ge- ringsten Vorwurf zu machen kan ich dir dies Blättchen schreiben. Meine Eltern können dadurch nicht beleidigt werden, ich schreibe dir ja nichts als was sie wis- sen, das ich dich liebe! […] Mittwoch habe ich doch gewis einen Brief. Aber die- sen Zettel nicht beantwortet, der ist blos für dich, und du must thun als hättest du ihn nicht“ (Ernestine Boie. Flensburg, 12. Juni 1774). Und noch einen Monat zuvor, einigermaßen beunruhigt damals, infolgedessen freilich mit der unmissver- ständlichen Anweisung zur Inszenierung „stilisierter Brief-Welten“: „(I)ch werde dir inskünftige niemals ein Blätchen einlegen, das meine Mutter nicht gesehen hat. Du bist viel zu billig als das du mir deswegen in deinen Her- zen Vorwürfe machen soltest. Ich habe solche vortrefliche Eltern und weis gewis ich würde sie beleidgen wenn sie wüsten das ich dir ins geheim schriebe. Du kanst versichert sein das es mir nicht wenig überwindung kostet mich des Vergnügens, dir alles was ich denke zu schreiben, zu berauben. Aber wie willig will ich alle Freuden entbehren, um ein ruhiges Herz zu behalten. […] So lieb dir meine Ruhe ist, so sey in deinen Briefen an mich vorsichtig. Denk einmahl, was würde mir das viele Thränen kosten wenn ich dir gar nicht mehr schrei- ben dürfte? […] Laß dir ja in deiner Antwort von diesen Zettel nichts merken, wo du mich lieb hast, und daß hast du ja bester Freund, du must mir nie in deinen Herzen Vorwürfe machen, daß ich dir kein Blätchen mehr einlegen will, ich kan’s nicht thun ohne mir Beständig Vorwürfe zu machen. Sey ruhig mein Bester, ich bin heute schon recht heiter. Du must auch heiter sein, das ist Pflicht. Deine Briefe müßen ja vorsichtig sein“ (Ernestine Boie. Flensburg, 29. Mai 1774). Nach der Eheschließung (vom 15. Juli 1777) waren solche Aufforderungen be- greiflicherweise nicht mehr nötig;33 doch griffen nun – statt der bisherigen inti- men – familiäre und öffentliche Rücksichten in Gestalt des ersten Herausgebers Abraham Voß. Seine rezeptionssteuernden Eingriffe in den Text sind Legion; um ein literarhistorisch einigermaßen relevantes Beispiel herauszugreifen: Als Jo- 89 hann Heinrich Voß auf seiner „Halberstädter Reise“ des Jahres 1794 auch die Residenz Weimar besucht, stand neben den obligatorischen Treffen mit Wieland und Herder eine, von Voß mehr oder weniger beklommen erwartete Einladung des Herrn Ministers von Goethe auf dem Programm. Abraham Voß jedoch un- terdrückt – wohlgemerkt: neben anderen – die folgende Passage aus dem entspre- chenden Brief an seine Mutter Ernestine: „Der Garten (der Park an der Ilm, Anm. des Verf.) hatte die Gebrech[en] des Eutinischen, sehr natürlich zu thun, ohne es zu sein (sic!), und die Natur hat sehr viel weniger gethan. Wieland u[nd] Herder spotteten in eins weg über den fürstlich[en] Geschmack. Seit der Revolution, sagte man, affectire der Hof eine Kälte geg[en] die Gelehrten; vorher habe man warm geschien[en], u[nd] bittere Wahrheit[en] mit Lächeln angehört. Herder fragte mich, ob ich Göthe nicht auch sehen wollte. Ich gestand meine Furcht vor seinem Ministergesicht, oder vielmehr meinen Stolz, der den Hochmut nicht ausstehn könnte. Beide, Herder u[nd] Wieland, entschuldigt[en] ihn; er sei mehr steif als hochmütig; u[nd] ich sollte u[nd] müste ihn sehn. Es ward ausgemacht, Wieland wolle heute Morg[en] mit mir hingehn, u[nd] zu heute Abend solle G.[oethe] mit uns bei Herder speisen. Da werde ich also den Kauz doch kennen lernen“ (Johann Heinrich Voß. Weimar, 5. Juni 1794; vgl. Anlage: ein Editionsvergleich). Nun sind derartige Texteingriffe am originalen Briefkonvolut ebenso leicht zu redigieren, wie dasselbe Briefkonvolut den Verlust besagter Einlegeblättchen oder die angemahnte Formulierungsumsicht unbestechlich zu dokumentieren weiß. Worin diese „Vorsicht“ allerdings bestand, mit welchen Widerständen sie rechnete oder zu welchem Zweck sie dienen sollte, verrät nur ein intensiver Ver- gleich mit den genannten Kontrolltexten: Ernestines Briefe an ihren Jugend- freund und Johann Heinrichs „Hain“-Bruder Christian Hieronymus Esmarch (1752-1820) sowie Ernestines autobiographische Altersaufzeichnungen – Erstere übrigens neuerlich von der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek Kiel, Letztere vom Ostholstein-Museum Eutin verwahrt.34 Unterschiede in der Sache offenbaren beide Kontrolltextgruppen dabei nicht; Ernestine Boie-Voß hatte vor dem Entwurf ihrer autobiographischen Altersaufzeichnungen (nach 1826) beide Briefkonvolute studiert: „Die Briefe von Esmarch die ich jezt eben geendet, haben manches aus der Zeit wieder lebendig gemacht (…), so treu ich vermag will ich Rechenschaft über mich geben. […] Auch dies steht alles in Esmarchs Briefen, gegen den ich mich offen aussprach. […] In meinen Briefen werdet ihr [die Kinder von Johann Heinrich und Ernestine Voß, Anm. des Verf.] oft Spuren der Verlegenheit wie ich mich ausdrüken soll finden. Denn ehrlich durfte ich nicht alles berichten was mich drükte. Er [Johann Heinrich Voß, Anm. des Verf.] konnte nichts ver- hindern, und der Druk den es ihm gemacht, wäre ja noch schärfer gewesen als der meine.35 – Wie schnell sich die häuslichen Leiden nach Voßens erster Ab- reise [im Mai 1774, Anm. des Verf.] mehrten, findet ihr deutlicher in meinen 90 Briefen an Esmarch als in denen an Voß. Der Vater [Ernestines Vater Johann Friedrich Boie, Anm. des Verf.] schloß sich je mehr seine Leiden zunahmen im- mer enger an mich, weil ich mehr die Gabe hatte die Aussenseite heiter zu er- halten als meine Mutter, und es mir oft gelang ihn durch Vorlesen und allerley Gespräch aufzuheitern. Da kam denn auch häufig die Rede auf Voß, aus des- sen Briefen ich ihm mittheilen muste. […] Den Zeitpunkt von des Vaters Tode [am 11. April 1776, Anm. des Verf.], bis zu unsrer Heyraht, kann ich mit Recht für mich einen verlaßnen nennen“.36 Einmal mehr erhellt daraus aber auch die Existenz von Einlegeblättchen tatsäch- lich zwanglos-natürlichen Inhalts und – einer Koalition der Jugend wider das Alter: „Wusten auch nicht ob uns ein freyer Briefwechsel erlaubt sein würde. Um ihn so heiter wie möglich von mir zu lassen, versprach ich jedesmahl wenn ich schreibe, einen Zettel den niemand beurtheilt ein zu legen. – Das ich dieß ver- sprechen schon im ersten Briefe zurüknahm werdet ihr in einer Beylage finden und mein rein kindliches Gefühl dabey ehren! – Voß ward darüber getröstet, dadurch, das Esmarch ihm meine Briefe sandte, die offen den Zustand meiner Seele schilderten. Dieses habe ich freylich später erfahren, Anfangs wuste ich es nicht“.37 Außerdem und vor allem aber erhellen entsprechende Ausführungen der beiden Kontrolltextgruppen ansonsten beinahe unkenntliche Stilisierungsprozesse im eigentlichen Briefwechsel zwischen Johann Heinrich und Ernestine Voß. Die neue Lesart bereichert den eigentlichen Oberflächentext sozusagen um seine verborgene Tiefenstruktur: Einblicke in „stilisierte Welten“ besagten Briefkonvoluts ergänzen jedenfalls dessen viel beschworenen Quellenwert literatur- wie kulturgeschichtlicher Provenienz und die ebenso oft beklagte Empfindsamkeits-Note um beider heim- lichen Nährboden, beider tiefsten Grund, beider innerstes Zentrum: das An-Lieben gegen die nicht immer zwanglosen, sondern gelegentlich durchaus zwanghaften Konventionen der (quasi-)familiären Geselligkeitskultur mit Hilfe ihres ureigen- sten „Sakramentes“, des neuen – besser: des neu gedeuteten – „Privat-Briefes“. Wie die ominösen Einlegeblättchen bereits vermuten lassen, entsprach dem vertrauten Brief-Plauderton beider Liebender keineswegs ein vertraulicher Um- gang mit Johann Heinrichs Briefen im Hause Boie; sie wurden in versammelt- geselliger Runde vielmehr ebenso verlesen wie Ernestines Antwortbriefe. Diese wiederum reagierte nicht selten mit Schuldgefühlen, Selbstzensur, Ergebenheits- adressen – und verstecktem Trotz: „Nun noch ein Wörtchen mit dir im Vertrauen mein liebster Voß. Du must mir aufs höchste nicht öfterer als alle vierzehn Tage schreiben. […] Den lezten Brief von dir hat meine Mutter nicht gesehen, weil es so kurz vor der Reise 91 war, hat Sie es nicht verlangt, sonst liest sie alle Briefe, und liebt dich aufrich- tig. daß kanst du überzeugt sein. Ich denke wir nennen uns auch nicht du, ich thäte es gerne, und wenn ich Briefe an dich schreibe, die niemand sieht, so will ich dich immer du nennen. Du kanst mich doch gewis eben so lieb haben, wenn du mich Sie nennst, und /ich/ dich gewis auch, ein kleiner zwang ist auch eben keine Haubt sache (sic!), was solten wir thun, wenn wir einander gar nicht schreiben dürften, oder wenigstens nur in einen ganz fremden Tone (sic!). Wir wollen Gott danken, daß er uns solche Eltern gegeben hat, wenn ich Eltern hätte die mir verböten dich zu lieben mein Bester, ich könte zwar bey den strengsten Verbot dich nie weniger lieben, aber wäre es doch nicht eine Pflicht gleichgültig zu scheinen! O Gott welche Marter würde das sein!“ (Er- nestine Boie. Flensburg, 11. August 1774) Dem ebenso verletzlichen wie selbstherrlichen Studenten Johann Heinrich wie- derum drohte für den Fall mangelnder Heimlichkeit der Spott seiner Kommilito- nen oder hochnotpeinliche Nachfrage etwa von Seiten Friedrich Gottlieb Klop- stocks (1724-1803): „Boie [Heinrich Christian, Anm. des Verf.] hat Ihren Brief gelesen. […] Sie sollten wohl nicht rathen, von wem er unsre Liebe erfahren hat? Klopstok, dem ich nie von Ihnen besonders erzählt habe, schreibt ihm; er möchte nicht gerne Gras wachsen hören, aber ihm schien es, daß ich in seine Schwester verliebt sey. […] Hier weiß niemand darum, als Ihre Brüder und Hahn, und mehre sollen […] nicht darum wißen“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 3. Juli 1774). Beider Neigung war denn auch gefährdet, von außen wie von innen. Ernestine Voß erinnert sich der eigenen Minderwertigkeitsgefühle überdeutlich: „Gewiß hat jedes junge Mädchen frühe den Wunsch einen Mann zu finden, mit dem sie glüklich vereint durchs Leben gehen möchte. Meine /Wünsche/ waren, durch die Umgebung in der ich lebte, bestimt höher gespannt, als sie für diese paßten. Reichthum, und eine glänzende Aussenseite habe ich mir nie gewünscht. Vielmehr fühlte ich, ich würde bey weniger glüklich sein können, und immer ein Glük für mich darin finden können, wenn ich meine eignen Kräfte anstrengen müsse. Aber lebhaft dachte ich mir oft: Lieber gar nicht heyrahten, als auf dem gewöhnlichen Wege, auf dem ich so manche die mir lieb waren, endweder zu unglüklichen, oder zu ganz gewöhnlichen Hausfrauen herabsinken sah. Das ich selbst zu wenig Bildung hatte, wuste ich sehr deut- lich, also eben so gewiß schien es mir daß ich keine Ansprüche auf einen Mann von Bildung zu machen hätte. Bey meinem leichten Sinn, kam mir der Gedan- ke eine alte Jungfer zu werden nicht einmal unangenehm vor. […] Die Briefe eures Vaters machten auf mich einen gewaltigen Eindruck, ich erschrack manchmahl über mich selbst daß sich Wünsche in mir regten die nach meinem eignen Gefühl in mir gar nicht aufkommen durften, bey einem Mann der noch ein großer Dichter werden könne, ich sagte mir wohl selbst, wenn er einmahl hieher kommt, wird er bald sehen daß er etwas ganz gewöhnliches findet, wo 92 seine lebhafte Einbildungskraft ihn etwas andres erwarten ließ, und doch wünschte ich so herzlich daß er die Reise von der er schrieb, möglich machen könne, daß es mich oft im Schlaf stöhrte“.38 Ernestine wusste freilich ebenso um die Minderwertigkeitsgefühle ihres späteren Ehemannes: „(E)r [Johann Heinrich Voß, Anm. des Verf.] selbst hat es in seinen Briefen an Esmarch, auf eine für mich sehr rührende 〈…〉 /Art/ entwikelt, wie so allmählich Liebe ward, was er für warme Freundschaft hielt, und wie er selbst so ernst gekämpft hat, keine Hofnung zu nähren, und keine Wünsche sich fest set- zen zu lassen, zu deren Erfüllung er keine Aussicht vor sich sah“.39 Und Ernestine kannte die Kontrahenten sowie deren Argumente: „Jessen [Peter Willers Jessen, Schwager Ernestines und Monopolbuchhändler in Flensburg, Anm. des Verf.] war Anfangs sehr ernstlich der Meinung, eine solche Neigung im Keim zu erstiken. – Nachher drang er mit Heftigkeit darauf einen Briefwechsel zu verbieten. – Darin wolte die Mutter nicht willigen, aber das Briefschreiben möglichst zu beschränken, dieß erreichte er doch. – Als Voß nach Hamburg zog, um dort den Allmanach herauszugeben, gelang es ihm von neuem die Mutter zu verstimmen, mit der Ansicht, daß er jezt alles ernst- hafte Studiren aufgebe, und bloß der Poesie lebe, die ihn am Ende zu nichts führe, als daß auch mein Glük darüber verscherzt sey“.40 Persönliche Minderwertigkeitsgefühle (aufgrund mangelnder Bildung), soziale Minderwertigkeitsgefühle (aufgrund kleinbürgerlicher Herkunft) und äußere Anfeindungen (aufgrund angeblicher Fürsorgepflichten) vermochten die beiden Liebenden aber nicht zu entmutigen; sie nahmen ihre Zuflucht zu geschickt insze- nierten „Sprachspielen“. Zwar misslang mancher Briefdialog – mit der Außenwelt und untereinander. Vossens kleinliche Mäkeleien etwa gingen selbst der geborenen Dulderin Ernestine manchmal zu weit; dann kam es – wie im folgenden Fall – zur Strafandrohung des Briefentzugs (Ernestine Boie. Flensburg, 29. Juni 1774):41 Johann Heinrich hatte Ernestines Schreibweise des „st“ bemängelt, diese sie in seinem Sinne korrigiert, nur um sich damit folgende Bemerkung einzuhandeln: „Sie machen, statt des unnatürlichen st jezt ein natürliches st. Bey dem st fällt mir ein, daß gestern hier ein paar Diebe aufgeknüpft sind, die sich recht schön be- kehrt haben“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 12. Juni 1774). Zumeist aber halfen die bemühten Masken: Vertuschungsspiele (im Schadensfall) fanden Ver- wendung neben Überzeugungsspielen (im Konfliktfall), Empfindsamkeitsspiele (im Unglücksfall) stehen neben Imponierspielen (im Erfolgsfall), Fleißigkeitsspiele (im Stressfall) kontrastieren mit Hilfsbedürftigkeitsspielen (im Krankheitsfall), Erotikspiele (am fiktiven Fall) folgen auf Tugendspiele (am realen Fall), – alle- samt untergeordnet aber dem Mann-Frau-Spiel (im Sinne traditionellen Rollen- verhaltens)42 und hingeordnet auf den Erhalt der elterlichen Heiratserlaubnis (bis 1777) respektive des häuslichen Friedens (bis 1794). 93 4. „Stilisierte Welten“ Schon die beiden Auftaktschreiben des Briefwechsels zwischen Johann Heinrich Voß und Ernestine Boie demonstrieren nachhaltig besagten Charakter stilisierter Briefrede im Medium des empfindsam-natürlichen „Privatbriefes“. Mit der zwanglosen Anrede „Liebes Ernestinchen“ signalisiert Johann Heinrich Voß da- bei seine Vertrautheit im Umgang mit dem neuen Stiltyp, sich gleichzeitig aller- dings für den dringend erbetenen Antwortbrief die Titulatur „Liebes Vößchen“ verbindlichst verbittend. Freilich: Fehlinterpretationen galt es sofort vorzu- beugen. Konsequenterweise distanziert sich Johann Heinrich Voß über mehrere Seiten hinweg einigermaßen formvollendet von der anzüglich galanten Deutung seiner Anmaßung, nicht ohne dabei die natürliche Tugendhaftigkeit der eigenen Person mit dem listigen Hinweis auf rein freundschaftliche Absichten herauszu- streichen. Selbst von den mitgeschickten Minneliedern weiß sich ihr natürlich argloser Autor unter Bezug auf die beinahe sprichwörtliche Hässlichkeit der göttingischen Damenwelt zu distanzieren. Doch damit nicht genug: Nun wird auch noch der gute Vater Klopstock – geistiger Mentor des brieflichen Ich, aber über Verlagsgeschäfte passenderweise auch mit Ernestines Schwager Jessen ver- knüpft – zum Zeugen der Verteidigung aufgerufen gegen den, „zum Henker!“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 16. Mai 1773), tief verabscheuten „Verselchen- Kräher“ Johann Georg Jacobi. Der Autor schließt, – scheinbar zwang-, aber alles andere als stillos: „Wollen Sie mir recht viel und zwar bald wieder schreiben, liebes Ernestinchen? Ja, Sie lächeln, Sie wollen es. Nun, so nehm’ ich diesmal Abschied von Ihnen. Grüßen Sie Ihre lieb[en] Eltern und älteste Frau Schwester (Margord Jessen, geb. Boie, Anm. des Verf.). Wenn ich bey Ihnen wäre, wollte ich Ihnen, wenn Sie sie nicht wegzögen, die Hand küßen; aber es schriftlich zu thun, die Kunst versteh ich nicht. Also, ganz simpel (sic!); Leben Sie wohl! Voß“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 16. Mai 1773). Ernestine Boies Antwortbrief (vom 31. Mai 1773) steht dahinter womöglich an Kunst-, kaum aber an Stilisie- rungsfertigkeit zurück: „Mein lieber Freund!“ lautet ihre schickliche Anrede, bevor die eigene Bildungsbeflissenheit ebenso betont wird wie eine flammende Begeisterung für Vossens Gedichte und Klopstocks „Messias“. Auch ist eine Ein- ladung nach Flensburg, selbstverständlich in Begleitung Esmarchs und ihres älte- ren Bruders, ausgesprochen. Dann kommt Ernestine Boie zur Sache: „Ihre Freundin bin ich, und was noch mehr ist ich bin es schon gewesen ehe Sie mich noch einmahl gebeten hatten es zu sein. […] (A)ber ich hätte große Lust ein bisgen mit Ihnen zu zanken nicht deswegen das sie verschworen haben sich niemals zu verlieben, sondern deswegen das sie meine Schwester und mir beede ihre Minnelieder geschenkt haben, hier in Flensburg schenkt man nicht zweyen Personen einerley und in Göttingen glaube ich doch auch nicht das es Mode ist, wir sind aber doch schon einig, ich habe sie behalten, weil ich von Ihrer Hand noch gar keine Gedichte hatte“ (Ernestine Boie. Flensburg, 31. Mai 1773). 94 Wenigstens diesen Fehler beging Johann Heinrich Voß kein zweites Mal; unter dem Schutzschild scheinbarer Selbstverständlichkeiten hatte man sich mit Hilfe einschlägiger Stilisierungen bereits verständigen gelernt. Oder anders ausge- drückt: Der Briefwechsel zwischen Johann Heinrich und Ernestine Voß nutzt ge- rade eine (scheinbar) zwanglose Natürlichkeit als Deckmäntelchen; Botschaften der beiden Liebenden füreinander und die Außenwelt dagegen entfalten sich als gezieltes Masken-Spiel mit ihr: Vertuschungsspiele (Ernestine Boie. Flensburg, 10. September 177443) kommen deshalb neben Überzeugungsspielen (Johann Heinrich Voß. Wandsbek, 10. Januar 177744) zu stehen, Empfindsamkeitsspiele45 neben Imponierspielen (Johann Heinrich Voß. Lübeck, 28. Mai 177746), Fleißig- keitsspiele (Ernestine Boie. Flensburg, 10. November 177547) neben Hilfsbedürf- tigkeitsspielen (Johann Heinrich Voß. Göttingen 3. Juli 177448; Ernestine Boie. Flensburg, 6. November 177449), Erotikspiele neben Tugendspielen. Davon pro- fitierten einst die Liebenden: Sie sprengten die Widerstandszellen familiärer wie geselliger Provenienz. Und davon profitieren noch heute die Leser: Sie über- springen die Konventionen bislang üblicher Lektüreweisen. Ein abschließendes Beispiel für besagte Maskierungs-Kunst: Glänzen wird Johann Heinrich dabei in der Rolle des glühenden Liebhabers, verborgen hinter dem Vorhang kleinlich pädagogischer Belehrung und als einfühlsames Familienmitglied des Hauses Boie, gehüllt in den Ornat der priesterlichen Tröstung. Der glühende Liebhaber: „Zuförderst einen kleinen Verweis, daß du deinen Brief schon wieder ange- lackt hattest. Ich gebe dies zu, daß ein Busenkuß noch einmal so süß schmeckt, wenn man ein wenig durchs Aufschnüren hingehalten wird; aber der Busen verliert doch durch ein Schnürleib nichts, und vom Brief dagegen reißt das ver- wünschte Lack oft eins der zärtlichsten Wörtlein, ein ‚lieber Bräutigam‘ oder ein ‚da einen Brautkuß!‘ und so was Schönes mehr ab“ (Johann Heinrich Voß. Wandsbek, 21. März 1776).50 Und nun der priesterliche Tröster: „Gott! der beßte Vater, deßen völlige Genesung wir schon so nahe hielten, mit dem wir schon in Gedanken durch die grünen Frühlingsgefilde spaziren gin- gen, und uns feuriger umarmten (sic!), indem sein Angesicht voll Heiterkeit u[nd] Gesundheit uns Segen zulächelte – der liebe Mann steht wieder so nahe vor den Pforten des Todes, und wir weinen ihm nach! Wunderbar und geheim- nißvoll sind die Wege des Ewigen. Selig, wer ohne Straucheln dem Ziele zueilt, wo die Krone der Vergeltung strahlt. Es ist schwer sich ganz ohne Murren der Führung des himmlischen Vaters hinzugeben, und doch ists unsere Pflicht. Weinen dürfen wir, aber nur Thränen der Wehmut, nicht der lauten Verzweif- lung, die Unglauben an Gottes Verheißung eines ewigen Heils nach dem Tode voraussezt. Wie bald fliegt die kurze Minute, die wir Leben nennen, dahin, und dann werden wir auf ewig mit unsern Herzensfreunden wieder vereint! Viele erwarten schon unsern Vater an den Thoren des Himmels, und freuen sich, daß seine Leiden nun bald endigen. Mit welchem Triumph werden die 95 seine Seele begrüßen, und ihn in die seligen Thäler führen, wo auch wir bald unser höheres Leben beginnen sollen“ (Johann Heinrich Voß. Wandsbek, 11. März 1776). Derartige Beispiele bilden keineswegs die Ausnahme; sie lassen sich – nicht zu- letzt durch eigene Lektüre – bequemstens vermehren. 5. Schreib-Weisen und Schreib-Zwänge Die gern beschworene „vossische Hausidylle“51 wechselt unter den geschilderten Prämissen verständlicherweise ebenso ihr Aussehen wie eine (vermeintlich) un- vergleichlich „private Briefkultur“ der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Nicht „private Geständnisse“, sondern „stilisierte Welten“ breitet wenigstens der Brief- wechsel zwischen Johann Heinrich und Ernestine Voß vor dem Leser aus. Was hätten jene – die privaten Geständnisse – auch geholfen angesichts der Wider- stände im Hause Boie gegen eine Verehelichung Ernestines mit dem sozial randständigen Poeten? Diese dagegen – allgegenwärtige Stilisierungen nämlich – unterhöhlten besagte Ablehnung, indem brieflich vermittelte Persönlichkeitskon- turen beider Liebenden ihre real untilgbare Sozialkontur der – aus unterschied- lichen Gründen – potenziell „schlechten Partie“ nach und nach überlagerten. Die Briefkultur dagegen hatte sich unter Christian Fürchtegott Gellerts Einfluss – anders als gewöhnlich angenommen – keineswegs einfach vom äußerlich Reprä- sentativen zum innerlich Privaten, vom traditionell Normierten zum subjektiv Spontanen hin entwickelt; auch mutiert deren angebliche „Authentizität“ unter Annahme „stilisierter Briefwelten“ nicht automatisch zur anthropologisch be- setzten „Klatsch und Tratsch“-Kultur (Robert Vellusig), zum diskurstheoretisch entschleierbaren Fiktionalitäts-Programm (Annette C. Anton) oder zur restruk- turierten Rhetorik-Zumutung (Nikolaus Wegmann).52 Sehr viel stärker verändert als die Schreib-Weisen hatten sich in den Jahren zwischen 1750 und 1800 viel- mehr die Schreib-Zwänge: War noch der „repräsentative Brief“ („antiken“ oder „kurialen“ Zuschnitts) den einfachen Nötigungen eines äußerlichen Regelwerks unterworfen gewesen, so nunmehr der „private Brief“ denen eines komplizierten innerlichen Moralsystems. An die Stelle der Vor-Zensur trat geradezu eine In- stanz zur Selbst-Zensur. Den beiden Liebenden mag solches Schreiben immense Kraft gekostet haben, ihren modernen Lesern womöglich eine lang genährte Illu- sion. Bleiben einige Worte aus den „Blütenstaub-Fragmenten“ des Novalis: „Der wahre Brief ist, seiner Natur nach, poetisch“.53 Die neue Leseweise des Brief- wechsels zwischen Johann Heinrich und Ernestine Voß kann seine Auffassung nur bestätigen: Das 18. Jahrhundert bleibt das „klassische Jahrhundert des Brie- fes“, allerdings das eines anderen Briefes. 96 6. Anlage Johann Heinrich Voß. Weimar, 5. Juni 1794 – ein Editionsvergleich: „[…] Ich Neuling in meinem Winkel kenne die Menschen doch viel zu wenig; u[nd] auch desweg[en] ist mir die Reise sehr wichtig. Der Garten hatte die Gebrech[en] des Eutinischen, sehr natürlich zu thun, ohne es zu sein, und die Natur hat sehr viel weniger gethan. Wieland u[nd] Herder spotteten in eins weg über den fürstlichen[en] Geschmack. Seit der Revolution, sagte man, affectire der Hof eine Kälte geg[en] die Gelehrten; vorher habe man warm geschien[en], u[nd] bittere Wahrheit[en] mit Lächeln angehört. Herder fragte mich, ob ich Göthe nicht auch sehen wollte. Ich gestand meine Furcht vor seinem Ministergesicht, oder vielmehr meinen Stolz, der den Hochmut nicht ausstehn könnte. Beide, Herder u[nd] Wieland, entschuldigt[en] ihn; er sei mehr steif, als hochmütig; u[nd] ich sollte u[nd] müste ihn sehn. Es ward aus- gemacht, Wieland wolle heute Morg[en] mit mir hingehn, u[nd] zu heute Abend solle G.[oethe] mit uns bei Herder speisen. Da werde ich also den Kauz doch kennen lernen. Nach dem Spaziergang trennt[en] wir uns. Ich ging mit W.[ieland] auf sein Zim[m]er, wo er mir vieles aus seinem Leben erzählte. Dann mußte ich meine Hesiodische Haustafel vorlesen, die ihm sehr gefiel. Er sagte, daß er den Alm.[anach[ einige Jahre nicht recensirt habe, weil ihm der Alm. keiner geschickt worden sei. Wie hat Bohn das vergessen können! oder vielmehr, wie sind die Pakete verlor[en]! Auch meine Georgica hat er nicht erhalten. – Der Frisör hat sein Amt vollendet; ich muß mich anziehen, weil Bertuch wahrscheinlich kom[m]en wird. Heute, meint Heinrich, soll ich den braunen Staatsrock anziehn. Du, liebes Weibch[en], hast uns zu viel in den Koffer gepackt. Wir such[en] uns oft beide unlustig; aber du hast es so gut gemeint, du gutes Mütterchen! Wo werde ich nun den nächst[en] Brief von dir finden? Am best[en] wäre es gewesen, du hättest alle Briefe nach Halberstadt geschickt, u[nd] Gleim hätte auf der Post die weitere Beförderung ausgemacht. Doch das wust[en] wir nicht vorher. Lebe wohl, u[nd] grüße alle die Unsrig[en]. – Den Augenblick kam die Hofräthin mit einer schriftl.[ichen] Ein- ladung von Göthe zu heute Mittag, ohne daß ihm meine Ankunft nur ge- meldet word[en] wäre. Es muste natürlich wohl angenom[m]en werden; aber ihr ist es nicht recht; sie hätte gewünscht, daß wir den lezt[en] Mittag in der Stille unter uns hätt[en] hinbring[en] können. Du siehst, daß mir die Leutch[en] hier im Hause gewog[en] sind. – Gestern Abend bei Tische sagte W.[ieland], er habe bemerkt, ein großer Theil der Stim[m]en für Heyne grämte sich aus Mitleid, u[nd] aus einem dunklen Gefühle, daß man selbst die Prü- fung nicht bestehen könne. Gott befohlen!“ (Die kursiv gesetzten Passagen fehlen in der Ausgabe von Abraham Voß; vgl. Johann Heinrich Voss: „Briefe nebst erläuternden Beilagen“ [wie Anm. 22]. Bd. II, 382-384, hier: 383 f.) 97 1 Barbara Becker-Cantarino: Leben als Text – Briefe als Ausdrucks- und Verstän- digungsmittel in der Briefkultur und Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hrsg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Stuttgart u. a. 1999, 129-146 (hier: 130). 2 Der folgende Beitrag verdankt sich zwei Vorträgen im Rahmen des Voß-Gedenkjahres 2001; sie wurden anlässlich einer Jahreshauptversammlung der Johann-Heinrich- Voß-Gesellschaft e. V. (am 20. Oktober 2001 im Ostholstein-Museum Eutin) und der Doppelausstellung „Stolberg und Voß. Zwei literarische Weggefährten des 18. Jahr- hunderts“ (am 6. Januar 2002 in der Niedersächsischen Staats- und Universitäts- bibliothek Göttingen) gehalten. Der Verf. dankt für die freundliche Einladung und an- regende Diskussionsbeiträge. 3 Eine nahezu identische Formulierung findet sich in der grundlegenden Abhandlung von Reinhard M. G. Nickisch: „Sowenig förderlich die Entwicklung im nachlutheri- schen 16. und im ganzen 17. Jh. der Ausbildung eines freier geschriebenen, persönlich- keitsbestimmten Briefes war, sosehr stimulierten und bereicherte [sic!] das 18. und das 19. Jh. die Entfaltung eines solchen Brieftyps. Beide Jahrhunderte gelten daher zu Recht als die ‚Jahrhunderte des deutschen Briefes‘“ (Reinhard M. G. Nickisch: Brief. Stuttgart 1991 [Sammlung Metzler 260], 44) Dort findet sich auch die ältere Literatur; unter den neueren Forschungsbeiträgen vgl. vor allem Johannes Anderegg: Schreibe mir oft! Das Medium Brief von 1750 bis 1830. Göttingen 2001; Annette C. Anton: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert. Stuttgart u. a. 1995; Klaus Beyrer, Hans-Christian Täubrich (Hrsg.): Der Brief. Eine Kulturgeschichte der schriftlichen Kommunikation. Heidelberg 1996; Elke Clauss: Liebeskunst. Untersu- chungen zum Liebesbrief im 18. Jahrhundert. Stuttgart u. a. 1993; Angelika Ebrecht (Hrsg.): Brieftheorie des 18. Jahrhunderts. Texte, Kommentare, Essays. Stuttgart 1990; Sabine Eickenrodt, Cettina Rapisard u. a. (Hrsg.): Freundschaft im Gespräch. Stuttgart u. a. 1998 (Querelles 3); Robert Vellusig: Schriftliche Gespräche. Briefkultur im 18. Jahrhundert. Wien; Köln u. a. 2000. 4 Walter Müller-Seidel: Einführung des Herausgebers. In: Schillers Werke. Nationalaus- gabe. Bd. 23: Briefwechsel. Schillers Briefe 1772-1785. Hrsg. v. Walter Müller-Seidel. Weimar 1956, 189-205 (hier: 189). Dieses Urteil wiederholen Gert Mattenklott, Hanne- lore Schlaffer u. a. (Hrsg.): Deutsche Briefe 1750-1950. Frankfurt a. M. 1988, 12. 5 Zu Geschichte und Theorie der Briefliteratur im Allgemeinen vgl. besonders Burck- hard Dücker: Art. Brief. In: Literatur Lexikon. Hrsg. v. Walther Killy. Bd. 13. Güters- loh; München 1992, 124-129; Reinhard M. G. Nickisch: Brief (wie Anm. 3), 1-92; ders.: Art. Brief. In: Das Fischer Lexikon. Literatur. Bd. 1. Frankfurt a. M. 1996, 321- 335; Jochen Golz: Art. Brief. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. 3. Aufl. Bd. 1. Hrsg. v. Klaus Weimar. Berlin; New York 1997, 251-255. – Zur Brief- kunst der griechischen Antike siehe bes. Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hrsg. v. Hubert Cancik u. a. Stuttgart u. a. Bd. 2 (1997), Sp. 771-775 (Art. Brief); Bd. 3 (1997), Sp. 1161-1169 (Art. Epistel/Epistolographie); Bd. 13 (1999), Sp. 542- 551 (Art. Brief/Briefliteratur; Briefkunst/Ars dictaminis); Hans-Josef Klauck: Die an- tike Briefliteratur und das Neue Testament. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Paderborn u. a. 1998 (UTB 2022); Bernhard Kytzler: Art. Brief. In: Lexikon der Alten Welt. Hrsg. v. Carl Andresen, Hartmut Erbse u. a. (1965). Bd. 1. Düsseldorf u. a. 1990, Sp. 496-501; Horst Rüdiger (Hrsg.): Und bleibe mein Freund. Dokumente des menschlichen Herzens aus antiker Zeit. 3. Aufl. Zürich; München u. a. 1983; Klaus Thraede: Grundzüge griechisch-römischer Brieftopik. München 1970 (Zetemata 48). 6 Vgl. etwa Niklas Holzberg: Auswahlbibliographie Römische Briefliteratur. Von Cicero bis Plinius d. J. München 1999; Matthias Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstel- 98 lung. Untersuchungen zu den „Paradebriefen“ Plinius des Jüngeren. Tübingen 1997 (Classica monacensia 17); Michaela Zelzer: Die Briefliteratur. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Bd. 4: Spätantike. Mit einem Panorama der byzantinischen Literatur. Hrsg. v. Lodewijk J. Engels, Heinz Hofmann. Wiesbaden 1997, 321-353. – Zum wirkungsgeschichtlichen Aspekt siehe besonders Wolfgang G. Müller: Der Brief als Spiegel der Seele. Zur Geschichte eines Topos der Epistolartheorie von der Antike bis Samuel Richardson. In: Antike und Abendland 26 (1980), 138-157; Franz Josef Worstbrock: Die Antikerezeption in der mittelalterlichen und der humanistischen Ars dictandi. In: August Buck (Hrsg.): Die Rezeption der Antike. Zum Problem der Kon- tinuität zwischen Mittelalter und Renaissance. Hamburg 1981 (Wolfenbütteler Ab- handlungen zur Renaissanceforschung 1), 187-207. 7 Siehe hierzu vor allem Rolf Köhn: Latein und Volkssprache, Schriftlichkeit und Münd- lichkeit in der Korrespondenz des lateinischen Mittelalters. In: Joerg O. Fichte u. a. (Hrsg.): Zusammenhänge, Einflüsse, Wirkungen. Berlin; New York 1986, 340-356; Konrad Krautter: Acsi ore ad os. Eine mittelalterliche Theorie des Briefes und ihr an- tiker Hintergrund. In: Antike und Abendland 28 (1982), 155-168; Reinhard M. G. Nickisch: Die Stilprinzipien in den deutschen Briefstellern des 17. und 18. Jahrhunderts. Göttingen 1969 (Palaestra 254); Georg Steinhausen (Hrsg.): Deutsche Privatbriefe des Mittelalters. 2 Bde. Berlin 1899/1907 (Denkmäler der deutschen Kulturgeschichte 1/1; 1/2); Christine Wand-Wittkowski: Briefe im Mittelalter. Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Literatur. Herne 2000; Horst Wenzel (Hrsg.): Gesprä- che – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 1997); Franz Josef Worstbrock (Hrsg.): Der Brief im Zeitalter der Renaissance. Weinheim 1983. 8 Zeitgenossen mit moralisierender oder modernisierungskritischer Einstellung zählten grassierenden „Zeitungs-Wahn“ (Ashaver Fritsch, 1676), unausrottbare „Lesesucht“ (Johann Gottfried Hoche, 1794) und unverbesserliche „Briefwuth“ (Georg Gottfried Gervinus, 1843) chronologisch nach-, gelegentlich aber auch chronologisch neben- einander zu den medialen Suchtsymptomen eines soziokulturellen Niederganges großen Stils; vgl. hierzu etwa Erich Schön: Der Verlust der Sinnlichkeit oder Die Verwandlun- gen des Lesers. Mentalitätswandel um 1800. Stuttgart 1987. Neuere Beiträge zur Briefforschung verkehren diesen Ansatz gelegentlich ins kulturanthropologisch Positive: „Die Nutzung des Mediums [Brief, Anm. des Verf.] bedarf als solche keiner Begrün- dung: Menschen sind tratschende und klatschende Gruppentiere, und die Entgrenzung der sozialen Kommunikationsmöglichkeiten ist daher selbst ein elementarer gesell- schaftsbildender Prozeß. Die Briefwut des 18. Jahrhunderts ist Teil der Ausbreitung der Schriftkultur und der ihr eigenen informativen wie kommunikativen Standards.“ (Robert Vellusig: Schriftliche Gespräche [wie Anm. 3], 153) Vellusig verweist zur me- thodischen Fundierung seiner These auf Robin I. M. Dunbar: Klatsch und Tratsch. Wie der Mensch zur Sprache fand (engl. 1997). München 1998. Freilich bleibt der Er- klärungswert eines derartigen Ansatzes relativ gering. 9 Reinhard M. G. Nickisch: Brief (wie Anm. 3), 44. 10 „Aber Briefe sind nun einmal Schattenrisse der Seele und die meinigen sind Schatten von Schatten“ (Friedrich Hebbel: An Charlotte Rousseau, 27. Juli 1841 [Friedrich Hebbel: Briefwechsel 1829-1863. Historisch-kritische Ausgabe in fünf Bänden. Hrsg. v. Otfried Ehrismann. Bd. 1. München 1999. Nr. 203, 374). 11 „Das Sakrament war der Brief“ (Leo Balet, Eberhard Rebling: Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert [1936]. Hrsg. v. Gert Mattenklott. Frankfurt a. M. 1973, 181). 12 Vgl. Benjamin Neukirch: Anweisung zu Teutschen Briefen. Leipzig 1709 (2. Aufl. ebd. 99 1727); Johann Christoph Gottsched: Die vernünftigen Tadlerinnen. Ander Jahr-Theil 1726. Leipzig 1727. Das XLIII. Stück. 25. Oktober 1726, 400 ff. Siehe zu diesen Zu- sammenhängen etwa Johannes Anderegg: Schreibe mir oft! (wie Anm. 3), 11-22; Reinhard M. G. Nickisch: Gottsched und die deutsche Epistolographie des 18. Jahr- hunderts. In: Euphorion 66 (1972), 365-382; Reinhard M. G. Nickisch: Die Stil- prinzipien (wie Anm. 7), 141-153. 13 Vgl. Christian Fürchtegott Gellert: Briefe, nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen (1751). In: ders.: Gesammelte Schriften. Kritische, kommentierte Ausgabe. Bd. 4. Hrsg. v. Bernd Witte. Berlin u. a. 1989, 105-221. Im Unterschied zum nach wie vor unterschätzten Beitrag eines B. Neukirch oder J. Ch. Gottsched (siehe Anm. 12) ist Ch. F. Gellerts Brieftheorie mittlerweile einiger- maßen befriedigend beschrieben; vgl. etwa Rafael Arto-Haumacher: Gellerts Brief- praxis und Brieflehre. Der Anfang einer neuen Briefkultur. Wiesbaden 1995; Wilfried Barner: „Gelehrte Empfindungen“. Über die geschichtliche Position der Brieflehre Gellerts. In: Eberhard Müller (Hrsg.): „… aus der anmuthigen Gelehrsamkeit“. Tübinger Studien zum 18. Jahrhundert. FS Dietrich Geyer. Tübingen 1988, 7-23; Wer- ner Jung: Zur Reform des deutschen Briefstils im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zu C. F. Gellerts Epistolographie. In: Zeitschrift für deutsche Philologie; Claudia Kaiser: „Geschmack“ als Basis der Verständigung. Chr. F. Gellerts Brieftheorie. Frankfurt a. M. u. a. 1996 (Europäische Hochschulschriften 1/1563). 14 Siehe hierzu besonders Wolfgang G. Müller: Der Brief als Spiegel der Seele (wie Anm. 6), 147-150. 15 Reinhard M. G. Nickisch: Brief (wie Anm. 3), 50. Kritik an dieser (einigermaßen un- haltbaren) Position begegnet eher selten; vgl. aber Anm. 18 und die zugehörige Text- passage. 16 Barbara Becker-Cantarino: Leben als Text. Briefe als Ausdrucks- und Verständigungs- mittel in der Briefkultur und Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hrsg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart 1985, 83-103 (hier: 99) Bezeichnenderweise rückt B. Becker-Cantarino in einer Neufassung ihres Beitrags (aus dem Jahre 1999; vgl. Anm. 1) vorsichtig vom „Natürlichkeits“-Topos ab; sie spricht nunmehr von einem „kultivierten Kommunikations- und Selbstdarstellungsmittel“ weiblichen Schreibens (ebd., 129; 135 f. u. ö.). Diese Formulierung sollte den Sachverhalt zwar besser tref- fen. Sie impliziert aber noch immer eine bloße Explikations-Funktion brieflicher Kom- munikation auf emotionaler oder rationaler Basis und in einem rein geselligen Kon- text; handfest-interessensgeleitete, womöglich persuasorisch manipulative Funktionen des – neu gedeuteten – „Privatbriefes“ geraten dabei nicht ins Blickfeld. 17 Vgl. hierzu (in der Reihenfolge ihrer Nennung): Hans Herbert Ohms: Die weiße Brücke. Eine Studie über den Brief. Göttingen 1948, 6; Golo Mann: Der Brief in der Weltliteratur. In: Neue Rundschau 86 (1975), 631-649 (hier: 637); Reinhard M. G. Nickisch: Art. Brief (wie Anm. 5), 329; Jürn Gottschalk: „Recht so ist er!“ Charakte- risierung und Selbstdarstellung unter Freunden in zwei Briefen von Johann Heinrich Voß und Ernestine Boie. In: Elmar Mittler, Inka Tappenbeck (Hrsg.): Johann Heinrich Voß 1751-1826. Idylle, Polemik und Wohllaut. Göttingen 2001 (Göttinger Biblio- theksschriften 18), 169-213. 18 Skeptisch treten dem „Natürlichkeits“-Topos vor allem Nikolaus Wegmann und An- nette C. Anton gegenüber; sie begreifen die kommunikative Leistung des – (seit Ch. F. Gellert) neu gedeuteten – ‚Privatbriefes‘ als eine neuerlich rhetorische („Der angestrengte Sprung aus der Rhetorik endet nur in einer neuen Rhetorik des Authen- tischen, Ursprünglichen und Naiven.“ [Nikolaus Wegmann: Diskurse der Empfind- 100 samkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur des 18. Jahrhunderts. Stuttgart 1988, 82]) oder endgültig fiktionale („Es gibt für den Brief als Gegenstand der literatur- wissenschaftlichen Untersuchung keine Referenz außerhalb des Briefs. ‚Authentizität‘ ist kein Gradmesser für ‚Wirklichkeit‘ oder ‚Wahrheit‘, sondern stets eine Funktion des Texts. Mit ‚Authentizität‘ ist keinesfalls ein tatsächlicher Verweis auf eine Realität außerhalb des Briefes benannt. Just diese Referenz ist fingiert. […] Je authentischer, je glaubhafter uns ein Brief erscheint, desto besser ist sein fingiertes Referenzsystem ge- baut […].“ [Annette C. Anton: Authentizität als Fiktion (wie Anm. 3), 134]) Wie schon der kulturanthropologische Ansatz (vgl. Anm. 8), so werden auch diese beiden Deutungen der durchgehend verschwimmenden Gemengelage zwischen formelhafter und spontaneitätsnaher Rhetorik (N. Wegmann), zwischen Briefreferenz und Brieftext (A. C. Anton) weniger methodisch gerecht, als dass sie jene – besagte Gemengelage – vielmehr systematisch ignorieren: Der – neu gedeutete – „Privatbrief“ hatte das Bedin- gungsgefüge brieflicher Kommunikation lediglich funktional verschoben, nicht aber fiktional aufgehoben (A. C. Anton) oder gar rhetorisch reinstalliert (N. Wegmann). 19 „Man möchte meinen, dass nach Gellerts allgemein anerkannter Erneuerung der Brieflehre alle weiteren Anweisungsbücher überflüssig gewesen seien. Tatsächlich aber ist die Zahl der in der zweiten Jahrhunderthälfte erscheinenden Briefsteller noch größer als in der ersten“ (Reinhard M. G. Nickisch: Die Stilprinzipien in den deutschen Brief- stellern [wie Anm. 7], 190). Vgl. auch ders.: Brief (wie Anm. 3), 82 (Lit.). 20 Siehe hierzu bes. die Darlegungen bei Reinhard M. G. Nickisch: Brief (wie Anm. 3), 44-55. 21 „Gellerts Intentionen bedingen eine Ambivalenz, die sich durch seine gesamte Abhandlung zieht: Die wirklichen Briefe sollen klingen wie aus den englischen und französischen Briefromanen; ihre Natürlichkeit entspringt dabei nicht der ‚Natur‘, sondern kann imitiert, erlernt und schließlich praktiziert werden. Wie dies genau ge- schehen soll, zeigt Gellert in seinen Musterbriefen“ (Annette C. Anton: Authentizität als Fiktion [Anm. 3], 68). – Samuel Richardsons (1689-1761) umfangreicher Brief- roman Clarissa (Erstdr. London 1748) war von Johann Daniel Michaelis übersetzt und unter dem Titel Clarissa, die Geschichte eines vornehmen Frauenzimmers (7 Bde. Göttingen 1749-1751) publiziert worden. 22 Der Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Voß und Ernestine Boie-Voß war lange Zeit völlig unbeachtet geblieben. Eine ausführliche Würdigung unternahm erstmals Günter Häntzschel: Zur Kultur- und Mentalitätsgeschichte des späten 18. Jahrhun- derts. Der Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Voß und Ernestine Boie. In: Wolf- gang Beutin, Klaus Lüders (Hrsg.): Freiheit durch Aufklärung. Johann Heinrich Voß 1751-1826. Frankfurt a. M. u. a. 1995 (Bremer Beiträge zur Kultur- und Ideenge- schichte 12), 121-141; siehe jetzt aber auch Jürn Gottschalk: „Recht so ist er!“ (wie Anm. 17). Beiden Autoren waren die Kontrolltexte (vgl. Anm. 34) nicht zugänglich. Sie benutzten lediglich die rigoros beschnittenen „Beilagen“ einer Brief-Edition Abra- ham Vossens; vgl. Johann Heinrich Voss: Briefe nebst erläuternden Beilagen. Hrsg. v. Abraham Voß. 4 in 3 Bde. Halberstadt 1829/1830/1832/1833 (Nachdr. mit einem Vorwort von Gerhard Hay. Hildesheim u. a. 1971, XV* f.). Unbeschadet dessen äußern sie erhebliche Zweifel an der Spontaneität vieler Schilderungen beider Briefpartner. 23 Der Begriff des „Sprachspieles“ rekurriert auf eine entsprechende Begriffsschöpfung Ludwig Wittgensteins (1889-1951); vgl. Kai Buchholz: Sprachspiel und Semantik. München 1998; John H. Churchill: The coherence of the concept „Language-Game“. In: Philosophical investigations 6 (1983), 239-258; Leonard Giusep Lutz: Die Sprach- spiel-Methode in den philosophischen Untersuchungen Ludwig Wittgensteins. Zürich 1991; Hans Julius Schneider (Hrsg.): Mit Sprache spielen. Die Ordnungen und das 101 Offene nach Wittgenstein. Berlin 1999; Clemens Sedmak: Kalkül und Kultur. Studien zu Genesis und Geltung von Wittgensteins Sprachspielmodell. Amsterdam 1996. Zu den Möglichkeiten seiner literaturwissenschaftlichen Funktionalisierung im Rahmen poststrukturalistischer Erzähltheorie siehe bes. Aleida Assmann: No importance in being earnest? Literary theory as play theory. In: The Yearbook of research in English and American Literature 13 (1997), 175-184; Jean-François Lyotard: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Graz u. a. 1986 (Edition Passagen 7; frz. 1979); Jean-François Lyotard: Der Widerstreit. München 1987 (Supplemente 6; frz. 1983); Hayden V. White: Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung. Frankfurt a. M. 1990 (Fischer-Taschenbücher Wissenschaft 7417; engl. 1987); Robert R. Wilson: In Palamedes’ shadow. Explorations in play, game, and narrative theory. Boston 1990. 24 Die Signatur lautet: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb 4.10-20. Vgl. Ernestine Boie-Voß – Johann Heinrich Voß. Briefwechsel 1773-1794. Hrsg. v. Adrian Hummel. München 2002. Im Folgenden wird auf die Edition von Abraham Voß – sie enthält lediglich 71 Briefe Johann Heinrich Vossens und bietet zudem einen sehr unzu- verlässigen, oft willkürlich gekürzten sowie stellenweise deutlich tendenziösen Text (vgl. Anlage: Ein Editionsvergleich) – nicht weiter verwiesen; siehe Johann Heinrich Voss: Briefe nebst erläuternden Beilagen (wie Anm. 22). Bd. 1, 211-335, und Bd. 2, 363-394. 25 Vgl. auch Anm. 47 und zugehörige Textpassage. 26 „Esmarch und Rudolf [Christian Rudolf Boie, 1757-1795; Anm. des Verf.] blieben mir zugefallen zuhause, bis drey lasen die beeden H[errn] und ich war recht fleißig bey meiner Arbeit: hernach holte ich alle Briefe die ich von Ihnen habe, und die las Es- march beym Caffe vor, dis gab gelegenheit zu vielen Erzählungen, er wurde zu Ihren Lobe gantz erstaunlich beredt, wie er bey den Brief kam, worin sie der Grafen zu Stol- berg Ihre Abreise beschreiben, wur[de] er gantz weich, es fehlte nicht viel so hätten wir zusammen geweint, er wunderte sich, wie sie das alles hätten so natürlich beschreiben können“ (Ernestine Boie. Flensburg, 13. Dezember 1773). 27 „Den Abend spielten wir Rathspiel, das ich dich [Ernestine, Anm. des Verf.] habe kenn[en] gelehrt. Leisewiz rieth unter andern die Runzel in Profeßor Colom’s Backe, die ihm eine Aehnlichkeit mit Voltaire giebt; ferner den linken Hacken der Rolfin; fer- ner das Vaterland, das Ewald in einer Ode auf der Bahre tragen läßt; ferner die Läuse (mit Gunsten) in der Bardenode. Was sagst du dazu, Mädchen?“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 15. August 1774). Nicht alle Spielaktivitäten bewegten sich freilich auf solch kulturellem Niveau: „Den Nachmittag waren wir auf Esmarchs Garten, und spielten Kegel“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 18. September 1773). Gelegentlich diente das eine, der eher kulturelle, dem anderen, einem eher unterhaltsamen Zeitver- treib sogar als Vorwand: „Esmarch hat mir auch gesagt das Sie [Johann Heinrich Voß, Anm. des Verf.] so schön auf den Klavier spielen, und singen, o könte ich Ihnen doch einmahl zuhören, dann solten Sie mir gewis was von Klopstok vorspielen, ich höre so gerne spielen, und habe so selten Gelegenheit dazu, vorhin pflegte hier immer im Win- ter die Woche einmahl Concert zu sein, es ist auch noch, aber es hat nun blos den Na- men. Unser H[err] Graf und seine Gemahlin spielen lieber Karten, die Musik währt etwa eine viertel Stunde, damit es doch ein Concert ist, und denn spielen sie den gant- zen Abend Karten, und davon bin ich eben keine Sonderliche Freundin. Esmarch und mein Schwager spielten einmahl Piket, ich solts auch lernen, aber die Geduld vergieng mir dabey“ (Ernestine Boie. Flensburg, 2. Januar 1774). 28 Beispiele zum entsprechenden Umgang Johann Heinrich Vossens und Ernestine Boies mit Autoren und Werken bietet schon Günter Häntzschel: Zur Kultur- und Menta- litätsgeschichte des späten 18. Jahrhunderts (wie Anm. 22), 138 f. Verblüffend gestal- 102 tet sich – im Gegensatz zur schwärmerischen Verehrung – nicht selten die umwerfende Lakonik des negativen Urteils: „Die Jacobis stehen alle oben, ich werde sie nie lesen“ (Ernestine Boie. Flensburg, 29. Mai 1774). – „Verbrannt ist nur noch Wielands Bild- niß, beym übrig[en] Verbrennen soll ich zugegen seyn“ (Johann Heinrich Voß. Göttin- gen, 3. Juli 1774). 29 Beide Briefpartner bestehen nachdrücklich auf ihrer Spontaneität(s-Fiktion): „Wie dank’ ich Ihnen, lieben Leute! Ich werde recht stolz auf mich, wenn ichs mir denke, daß solche Familie mich zu sich rechnet, und daß Sie! Sie mich lieben! – Du! wie sag’ ichs dir ganz, was ich für dich fühle! Die Sprache der Seligen wird da kaum Worte genug haben! – Sie werden mir doch nicht böse, wenn oft so viel närrisches Zeug in meinen Briefen steht. Ich schreibe wies mir aus der Seele kom[m]t. Denn Sie sollen mich kennen, damit Sie nicht einstens sagen, ich hätte Sie hintergangen. […] Ihr lezter flüchtiger Zettel, für deßen Flüchtigkeit Sie mich um Vergebung bitten, hat mir fast beßer gefallen, als Ihr lezter Brief. Jener schien mehr aus dem Herzen gefloßen zu seyn. Beßer gefallen, heißt bey Ihren Briefen so viel, als mehr gerührt. Ich mache also, da- durch daß ich Ihren Zettel rühme, weder Ihrem Schreibmeister noch Ihren /briefstelle- rischen/ Fähigkeiten ein Compliment. Sie wißen wohl, was ich meine“ (Johann Hein- rich Voß. Göttingen, 14. September 1774). 30 Vgl. (in der Reihenfolge ihrer Erwähnung): Mein Bruder in Apoll. Briefwechsel zwischen Anna Louisa Karsch und Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Hrsg. v. Regina Nörtemann. 2 Bde. Göttingen 1996; Ich war wohl klug, daß ich dich fand. Heinrich Christian Boies Briefwechsel mit Luise Mejer 1777-1785. Hrsg. v. Ilse Schreiber. 2. Aufl. München 1963; Geschichte der Meta Klopstock in Briefen. Hrsg. v. Franziska u. Hermann Tiemann. Bremen 1962 (Sammlung Dieterich 239); Herders Briefwechsel mit Caroline Flachsland. Hrsg. v. Hans Schauer. 2 Bde. Weimar 1926/28 (Schriften der Goethe-Gesellschaft 39/41). 31 Gert Mattenklott, Hannelore Schlaffer u. a. (Hrsg.): Deutsche Briefe 1750-1950 (Anm. 4), 193. 32 Vgl. aber immerhin Albrecht Schöne: Über Goethes Brief an Behrisch vom 10. No- vember 1767. In: Herbert Singer (Hrsg.): FS Richard Alewyn. Köln 1967, 193-229; Oskar Seidlin: Ein Brief nebst einer Brief-Interpretation. In: Herbert Lederer, Joachim Seyppel (Hrsg.): FS Werner Neuse. Berlin 1967, 135-142; Albrecht Schöne: Regenbo- gen auf schwarzgrauem Grunde. Goethes Dornburger Brief an Zelter zum Tod seines Großherzogs. Göttingen 1979 (Göttinger Universitätsreden 65); Ulrich Joost: Lich- tenberg – der Briefschreiber. Göttingen 1993 (Lichtenberg-Studien 5). 33 Unbeschadet dessen verändern sich sprachlicher und thematischer Duktus zwischen den so genannten „Braut“- und „Ehestands-Briefen“ erheblich. In den „Ehestands- Briefen“ dominiert die Mitteilung äußerlicher Tagesabläufe; schon die (empfindsame) Artikulation unverbrüchlicher Liebe und bitterer Trennungsschmerzes tritt jedoch zu- rück. Und tagespolitische Ereignisse oder literarische Themen erscheinen (mit nur we- nigen Ausnahmen: Ernestine Voß. Eutin, 24. Dezember 1783; Johann Heinrich Voß. Weimar, 5. Juni 1794) gänzlich marginalisiert. Insofern bestätigt auch dieser Befund den hohen Stilisierungsgrad der so genannten „Braut-Briefe“. 34 Die Signaturen lauten: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Cb 4.69-76 („178 Briefe aus dem Zeitraum zwischen 1773 und 1820“); Ostholstein-Museum Eutin E.M. 2930 a und b („Erinnerungen an Johann Heinrich Voß. 4 Bogen, einfach gefaltet, eng beschrieben, geheftet; dazu weitere 2 Bogen, davon 5 1/2 Seiten beschrie- ben, ebenfalls geheftet“). Der Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Voß, Ernestine Boie-Voß und Christian Hieronymus Esmarch ist bislang unveröffentlicht; Auszüge und Inhaltswiedergaben (ohne Anspruch auf kritische Verlässlichkeit) bietet jedoch 103 Adolf Langguth: Christian Hieronymus Esmarch und der Göttinger Dichterbund. Nach neuen Quellen aus Esmarchs handschriftlichem Nachlaß. Berlin 1903. Zu Ernes- tine Vossens autobiographischen Altersaufzeichungen vgl. den (gekürzten) Abdruck bei Adrian Hummel: Eine Liebe im 18. Jahrhundert. Aufzeichnungen der Ernestine Voß. In: Jahrbuch für Heimatkunde Eutin 30 (1997), 81-88. 35 Tatsächlich finden sich Spuren entsprechender Skrupel Ernestine Boies in ihren „Braut-Briefen“: „Wenn wir doch noch in einer so unschuldigen Welt lebten, da man sich alles sagt was man denkt!“ (Ernestine Boie. Flensburg, 12. Oktober 1774). 36 Ernestine Voß: Erinnerungen an Johann Heinrich Voß (Ostholstein-Museum Eutin E.M. 2930 a, 7; 10; E.M. 2930 b, 3; 6). 37 Ebd., E.M. 2930 a, 15 f. 38 Ebd., E.M. 2930 a, 7; 9. 39 Ebd., E.M. 2930 a, 7. 40 Ebd., E.M. 2930 b, 3. P. W. Jessens Aktivitäten reichten recht weit: Er betrieb zu- nächst eine Verehelichung Ernestines mit seinem Bruder und anschließend die Verhei- ratung mit einem ihr gänzlich fremden Kandidaten der Theologie aus Kopenhagen, dem als „Mitgift“ die Pfarrei von Ernestines Vater in Aussicht gestellt worden war. Vgl. Adrian Hummel: Eine Liebe im 18. Jahrhundert (wie Anm. 34), 87. 41 Entsprechende „Empfindsamkeits-Spiele“ finden sich des Öfteren: „Wenn Sie mir doch nur in Ihren nächsten Briefe keine Vorwürfe machten, daß Sie keinen Brief von mir in Göttingen vorgefunden haben, auch der kleinste würde mir empfindlich sein, da ich mir bewust bin, daß ich keine verdiene, nun ich bin doch bange daß Sie nicht scho- nend genug mit mir umgehen. Wo Sie mir Vorwürfe gemacht haben, so sollen Sie die- sen Brief nicht weiter durchlesen, als bis hieher. Daß sey Ihre Strafe!“ (Ernestine Boie. Flensburg, 29. Juni 1774) – „So geben Sie mir doch recht, daß ich Ursache hatte zu weinen, als Sie sich einfallen liessen, ich könte kalt sein, dann ist schon alles vergeben, böse kan ich Ihnen nicht sein, wenn Sie mich auch beleidigten. Der Brief, worin ein solcher Verdacht steht, ist auch schon bestraft, unter Ihren Briefen liegt er nicht, Es- march sagte auch, er verdiente keinen Plaz darunter“ (Ernestine Boie. Flensburg, 12. Oktober 1774). 42 Auf das traditionelle Rollenverhalten streng patriarchalischer Provenienz hatten sich die Liebenden schon vor dem ersten persönlichen Kontakt verständigt; bezeichnender- weise lief selbst dieses „Sprachspiel“ unter Einbeziehung der elterlichen Kontroll- instanz ab: „Nun haben Sie einmahl versprochen zu uns zu kommen, Ihr wort müssen Sie halten, es bleibt also dabey, Sie kommen nach Flensburg! gewis, ein recht Freund- liches Gesicht sollen Sie von mir und von allen den meinigen haben: und die erste Pfeife Tobak die Sie hier rauchen werden, will ich Ihnen anzünden, das kan ich schon thun, aber ich thue es doch bey keinen als dem ich recht gut bin. Meinen Vater wird es sehr angenehm sein wenn sie Tobak mit ihn rauchen können, er sagt oft das ihn bange ist er muß noch einmahl gantz alleine rauchen, den hier ist es wieder die feine Lebensart“ (Ernestine Boie. Flensburg, 18. Oktober 1773). – „Aber jetzt sind Sie wohl nicht auf Ihrer Stube. Es ist halb neun; jetzt trinken Sie unten Ihren Kaffee. O Ernestinchen, ich seh Sie am Kaffeetische. Eben jetzt schenken Sie ein. Unser lieber Vater (verzeihn Sie, daß ich ihn so nenne) raucht mit eben so vielem Vergnügen, wie ich“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen, 31. Januar 1774). 43 „Wissen Sie wohl, daß sie Ursache haben mir böse zu sein? ich will gleich bekennen daß ich meinen Fehler einsehe, den wird es Ihnen leichter mir zu verzeihen, es war wirklich mehr als ein kleiner Fehler von mir, daß ich es Ihnen nicht gleich sagte, daß meine Mutter, aus Gründen die Sie Ihnen selbst schreiben wird, gegen Ihre Reise nach Flensburg ist. Sie können es als ein Mangel des Vertrauens ansehen, daß müssen Sie 104 aber doch nicht, ich kan Ihnen ja doch sonst alles sagen was ich denke. Hier weis ich nun wieder nicht, wie ich Ihnen erklären soll, warum ich Ihnen nichts davon gesagt habe. Ach lieber Freund, Sie wissen, noch nicht was daß für ein Mädchen ist, von der Sie glauben, daß sie keine Fehler hat! ich schweige; Böse müssen Sie mir doch nicht werden, daß könte ich nicht ausstehn, auch wenn ich es verdient habe“ (Ernestine Boie. Flensburg, 10. Dezember 1774). 44 „Nun bin ich wieder König und Hirt in meinem Wandsbek, und habe keine Sorge, als daß ich dich nicht umarmen kann. ich habe Gott herzlich gedankt, daß ich nicht Con- rector geworden bin, denn nun sehe ich deutlich, daß mich der Rector und das übrige Gesindel bald würden hingeärgert haben. […] Der Senior hat die Bosheit gehabt, als er meine Gelehrsamkeit und Sitten nicht mehr bezweifeln konnte, Luthers Gesundheit im Almanach von 1776 so anzuführen, als wenn ich sie aus Mutwillen ihm untergescho- ben hätte, und Friderici wußte entweder nicht, wie’s damit wäre, oder unterstand sich nicht, durch Vertheidigung des Inhalts das orthodoxe Wespennest zu empören; und Luthers Fehler aufzudecken, gilt bei den Herrn auch für Hochverrath. Also konnte er mich bloß entschuldigen, und nun stimmte der ganze Schwarm wider mich“ (Johann Heinrich Voß. Wandsbek, 10. Januar 1777). 45 Vgl. Anm. 41. 46 „Ich Wir stiegen im großen Roland ab, und nachdem ich mich frisiren laßen, wies mich der Lübecker Haberkorn nach dem H:[errn] Superintendenten, der mich, wie ich meinen Namen genannt, sehr höflich bewillkom[m]te. Höflich, sag’ ich, denn Klop- stock war freundschaftlich; der nöthigte mich nicht in sein Staatszimmer, der präsen- tirte mir keinen Canapee, der lobte mich nicht ins Angesicht. […] Diesmal hatt’ ich die Ehre, die Frau Superintendentinn und die beyden ältern Demoiselles Töchter zu sehen. Ich ward wieder ins Visitenzimmer und auf den Kanapee neben Ihre Hochwürden genöthigt. Sie erkundigten sich nach der Gött.[inger] Akademie, und mit welch[en] Profeßoren ich am meisten Umgang hätte. Ich sagte ihm ganz kalt: Mit keinem. Die H:[errn] Profeßoren fühlten ihre ältere Gelehrsamkeit und das bischen von Namen zu sehr, als daß jemand, der weder schmeicheln noch kriechen kann, viel Umgang mit ihnen haben könnte“ (Johann Heinrich Voß. Lübeck, 28. Mai 1774). 47 Vgl. Anm. 25 und zugehörige Textpassage. 48 „Ich sprach nicht viel, um mich zu schonen. Am Sonntage war ich noch sehr aufge- räumt aber gegen Abend fühlt ich etwas Beklem[m]ung. Montag stand ich wieder ganz frisch auf, die Beklem[m]ung stellte sich aber wieder geg[en] Abend ein, es stand eben ein Gewitter am Himmel. Ich schickte zu Richter, der ließ mir die Ader öfnen, u[nd] gab eine Arzeney, worauf ich mich am Dienstage so ziemlich befand, u[nd] Mitt- wochen schon sehr gut. Donnerstag Morgen ward mein Athem wieder so schwer, als er je gewesen ist. Ich mußte mich von neuem zur Ader laßen, und seit der Zeit befind’ ich mich wieder sehr gut. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Reise nicht etwas Un- ordnung in meinem Blute verursachen sollte“ (Johann Heinrich Voß. Göttingen 3. Juli 1774). 49 „Einen Abend hatte ich entsezliche Schmerzen, der ganze Arm war mir geschwollen. Mein Doktor sagte: ob ich standhaft genug wäre, einen Schnit auszuhalten. Er lachte als ich ja sagte, denn er traute mir nicht so viel Muht zu, vermuhtlich weil ich ein Frau- enzimmer bin. Es gieng so stille ab daß es nicht einmahl meine Mutter merkte, ehe es vorbey war. da muste sie mich halten, sonst wäre ich umgefallen, es that verzweifelt weh, er muste so tief schneiden. Der böse Finger hat mich doch um vier Nächte Schlaf gebracht, und was das ärgste ist, ich habe meiner Mutter nicht die mindeste Hilfe leis- ten können, ich muste mich ja selber, aus und an kleiden laßen. Jezt wird es täglich besser, wenn das wilde Fleisch nur erst heraus ist, so heilt er doch wohl wieder zu. Den 105 8ten. Schon wieder in zwey Tagen nicht geschrieben! Daran ist zum Theil mein Finger Schuld, Noch viele Verhinderungen habe ich mehr gehabt, wenn doch mein Vater erst völlig gesund wäre, ich fürchte es wird langsam gehn, seine Kräfte haben zu sehr abge- nommen, ich kan Ihnen nicht sagen wie traurig es ist einen Vater leiden zu sehen“ (Er- nestine Boie. Flensburg, 6. November 1774). 50 Entsprechende Stellen (aus anakreontischem Geist) begegnen recht häufig: „Es ist heute sehr schönes Wetter, und der Garten ist zwar nur klein, doch etwas größer als Ihr Gar- ten, und hat eine schöne dichte Lindenallee, voll Kühlung und Melancholie. Indeß ich hierin wanderte, war mein Geist in dem Garten, den mir mein Ernestinchen so oft zum Paradiese gemacht hat, wenn sie an meiner, zitternden Hand, schön wie Eva, und un- schuldig wie sie vor dem Falle [sic!], durch die wankenden Blumenbeete schwebte, oder in der schattigen Laube mir zur Seite saß, und ihr schönes liebenswürdiges Herz sich in jedem Blicke, in jeder Mine, in jedem Laute der süßen Sprache spiegelte“ (Jo- hann Heinrich Voß. Hamburg 12. Juni 1774). 51 Vgl. Ludwig Bäte (Hrsg.): Vossische Hausidylle. Briefe von Ernestine Voß an Heinrich Christian und Sara Boie (1794-1820). Bremen 1925. 52 Vgl. zu den genannten (Außenseiter-)Positionen der neueren Forschungsgeschichte die Anm. 8 und 18. 53 [Friedrich von Hardenberg/Novalis:] Blüthenstaub [Fragment 56]. In: Athenaeum. Eine Zeitschrift von August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel. Ersten Bandes Erstes Stück. Berlin 1798 [Nachdr. Dortmund: Harenberg 1989], 86. DeckblattJahrbuchpdfs2 Seiten aus Licht Jb 2002-8.pdf