Darmstädter Historische Studien 1 Flusslandschaften imWandel Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre Herausgegeben von Gerrit Jasper Schenk und Nicolai Hillmus Darmstadt 2025 Impressum Postadresse Reihenherausgeber: Prof. Dr. Gerrit Jasper Schenk Technische Universität Darmstadt Institut für Geschichte Residenzschloss 1 64283 Darmstadt Website: https://www.geschichte.tu-darmstadt.de Reihensignet: Designerin Larissa Kurz 2025, Nutzungsrechte: Reihenherausgeber Bildnachweis Titelblatt: (im Uhrzeigersinn von oben links) Abb. 1: Die Weschnitzaue an der Wattenheimer Brücke. Urheber: Olaf Bubenzer, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 2: Rekonstruktion eines Einbaums im Freilichtlabor Lauresham (Lorsch). Urhe- ber: Gerrit Jasper Schenk, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 3: Akteneinsicht im Reutlinger Stadtarchiv. Urheber: Victor S. Brigola, Lizenz: alle Rechte vorbehalten. Abb. 4: Untersuchung der Auenbödenstruktur im Leipziger Umland mithilfe von Bohrkernen. Urheber: Victor S. Brigola, Lizenz: alle Rechte vorbehalten. LaTeX Schriftsatz: Marco Humbel Zitierhinweis: Gerrit Jasper Schenk / Nicolai Hillmus (Hg.): Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäreQuellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre (DarmstädterHistorische Studien 1), Darmstadt 2025, DOI: https://doi.org/10.26083/tuprints-00030100, Lizenz: CC BY-SA 4.0 International. Geographische Namen als Quelle: Flur-, Gewässer- und Ortsnamen Alexander Voigt, Andreas Dix, Rainer Schreg 15.1 Einleitung: qualitativer vs. quantitativer Ansatz „Ortsnamen erzählen von Völkerwanderungen, kulturellen Phänomenen, von regionalen, überregionalen und internationalen Beziehungen über sich wandeln- de Grenzen hinweg. [. . . ] Sie [die Toponomastik] erlaubt nicht nur einzigartige Einblicke in die Zeiträume, in denen die Namen geprägt wurden, und in die Entwicklung eines spezifischen Sprachraums, sondern eröffnet darüber hinaus interdisziplinäre Kooperationsansätze mit der Archäologie, der landesgeschicht- lichen Forschung, der Siedlungsgeographie und der Historischen Dialektologie“ (BAdW, 2024). Die vielschichtige Nutzbarkeit für verschiedene Disziplinen macht Orts-, Gewässer- und Flurnamen zu einem wertvollen Quellenbestand der Forschung (Schenk, 2011, 21-25; Debus, 2012, 138-198; Nübling u. a., 2012, 206-242; Cacciafoco / Cavallaro, 2023). Wäh- rend sprachwissenschaftliche und sprachgeschichtliche Forschungen traditionell qualitative Methoden anwenden, sind in der Archäologie und Historischen Geographie vor allem historische Benennungen als Hinweise auf vergangene Besiedlungs-, Nutzungs- und Umwelt- verhältnisse von Bedeutung. Das Vorkommen und die Verbreitungsmuster von Flurnamen, welche Aussagen über Räume und deren Veränderungen zulassen, folgen daher einem (semi-)quantitativen Ansatz, wobei in Kauf genommen wird, nicht für jeden einzelnen Namen eine exakte Herkunft ermitteln zu können. Viele Toponyme bestehen aus einem Grund- sowie einem Bestimmungswort. Beispielhaft kann hierfür die projektnamengebende Wiesent herangezogen werden: Die älteste Form des Flussnamens dürfte indogermanisch oder althochdeutsch *Wisantaha/*Wisuntaha Voigt, Alexander / Dix, Andreas / Schreg, Rainer (2025): Geographische Namen als Quelle: Flur-, Gewässer- und Ortsnamen, in: Gerrit Jasper Schenk / Nicolai Hillmus (Hg.): Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre (Darmstädter Historische Studien 1), Darmstadt, S. 188-201, DOI: https://doi.org/10.26083/tuprints-00030115, Lizenz: CC BY-SA 4.0 International. https://doi.org/10.26083/tuprints-00030115 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre | 189 sein. Das Grundwort ist -aha, ahd. für ‚(Fließ-)Gewässer‘ und heute noch häufig bei Flussnamen anzutreffen in Form von -ach (bspw. Baunach, Ebrach, Püttlach, Schwabach, Truppach). Das Bestimmungswort *Wisunt/*Wisant könnte sich auf ahd. wisunt = Wisent beziehen. Zusammen ergäbe sich hieraus die Bezeichnung „Gewässer, an welchem es Wisente gibt“ (Fastnacht, 2000, 29*; Schwarz, 1960, 94). Wahrscheinlicher ist ein noch älterer Ursprung aus dem Indoeuropäischen, *uis/*ues = „(zer)fließen“ (DWDS, 2024) bzw. *wis- = „(stinkende) Flüssigkeit“ (Greule, 2014, 592). Dieses Beispiel zeigt a) die Probleme der sprachhistorischen Einordnung und b) den möglichen Bedeutungswandel im Laufe der Zeit, da alte Bezeichnungen nicht mehr bekannt waren bzw. nicht mehr verstanden und durch ‚plausible‘ Namen ersetzt wurden. Dass sich Namen im Laufe der Zeit wandeln, zeigt das Beispiel ebenfalls: *Wisunta- ha/*Wisantaha zu Wiesent. Wie deutlich wird, geht mit der Änderung der Schreibweise in diesem Fall jedoch keine Bedeutungsveränderung einher. Vielmehr schwindet die Be- deutung lediglich, da das Grundwort -aha/-ach über die Zeit verloren gegangen ist und somit aus dem Namen selbst – ohne weitere Informationen – nicht mehr erkennbar ist, dass es sich um ein Fließgewässer handelt. Diese Veränderungen von Toponymen kön- nen unterschiedliche Gründe haben. Wichtiger ist hierbei jedoch, dass unterschiedliche Grade der Änderungen bestehen: Sie reichen von einer Anpassung der Schreibweise an die jeweilige Zeit (bspw. Chun[e]geshofe zu Königsfeld) (Fastnacht, 2000, 133f.) über Veränderungen meist des Bestimmungswort-Bestandteils (bspw. Schadersmuell zu Schot- termühle) (Fastnacht, 2000, 272f.) etwa durch Unwissenheit der Schreiber, verbunden mit einer ‚Anpassung‘ an die vermeintlich korrekte Form, bis hin zu Änderungen des gesamten Namens (bspw. Obernfeilbrunn zu Leidingshof ) (Fastnacht, 2000, 155f.). Diese Veränderungen zu ergründen, ist Gegenstand der Onomastik (=Namensforschung) als Teilgebiet der Sprachwissenschaften. Da hier jeder Name und seine Entwicklung über die Zeit individuell betrachtet wird, handelt es sich hierbei um einen qualitativen Ansatz. Aufgrund der Quellenlage sowie der zeitintensiven Arbeit bei diesem Vorgehen, wird es meist auf Orts- und Gewässernamen angewandt, jedoch nur selten auf Flurnamen, da diese zum einen in sehr großer Menge vorliegen, zum anderen aber nur sehr unregelmäßig in Schriftquellen Erwähnung finden. Auch unterscheiden sich häufig die Fragestellungen an die jeweiligen Toponyme: Während mithilfe von Orts- und Gewässernamen meist großflächige Veränderungen oder Phänomene bspw. der Siedlungsentwicklung oder des Landesausbaus untersucht werden, so lassen sich Flurnamen auch für kleinräumigere Analysen sowie Umwelt- oder Landnutzungsverän- derungen verwenden. Entsprechend der Fragestellung, des geographischen Rahmens und der untersuchten Periode lassen sich sowohl einzelne Toponyme als auch ganze Gruppen untersuchen. 190 | Voigt u. a.: Geographische Namen als Quelle 15.2 Nutzung einzelner Toponyme Einzelne Flurnamen werden häufig für großmaßstäbliche Arbeiten verwendet. Sie zeigen bspw. die Richtung zum nächsten Dorf an, sind durch die topographischen Gegebenheiten geprägt oder nach ihrer Nutzung benannt. Dementsprechend können sie für die Untersu- chung einzelner Siedlungen und deren Umland oder für die Rekonstruktion vergangener Kulturlandschaften und Umweltverhältnisse herangezogen werden. Bei Betrachtung einer einzelnen Siedlung können Flurnamen unterschiedliche Bereiche erkennen lassen. So zeigt sich bspw. für Königsfeld in Oberfranken, Landkreis Bamberg, am Südufer des Flusses Aufseß eine Konzentration der Flurnamen, welche auf geistliche und weltliche Herrschaft hinweisen. Hingegen sind Flurnamen, die die landwirtschaftliche Versorgung anzeigen, am gegenüberliegenden Nordufer zu finden. Topografische und Vegetationsmerkmale in Flurnamen schließen sich außenherum an diesen Kernbereich an. Darüber hinaus wird deutlich, dass auch Richtungsangaben zu den umliegenden Orten eine gewichtige Rolle bei der Flurnamenvergabe spielen (Abb. 1). Abb. 1: Die Flurnamen um Königsfeld. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. 192 | Voigt u. a.: Geographische Namen als Quelle Die Rekonstruktion vergangener Topografie wird besonders gut durch A. Tanners For- schungen verdeutlicht: In der heutigen Linthebene (Kantone St. Gallen und Schwyz, Schweiz) war u.a. durch Altkarten bekannt, dass sich dort bis zum Ende des Spätmittelal- ters ein See befand, welcher mit dem heute noch existierenden Zürichsee zusammenhing (Tanner, 1968; hier entnommen aus Gabriel, 1996, 1454f.). Sowohl archäologische als auch siedlungshistorische Untersuchungen konnten das ehemalige Seeufer nicht genauer verorten. Dies gelang Tanner erst durch die Kartierung der Flurnamen. Wie Abb. 2 verdeutlicht, konnte das ehemalige Seeufer mit Hilfe der Flurnamen, welche auf Land und Wasser hindeuten, sehr scharf umrissen werden. Beispiele für diese Flurnamen sind u.a. Sust (= Umladeplatz), Sand (= Hinweis auf Seeufer) oder Au sowie Zweierseeli, Riet oder Moos (Gabriel, 1996, 1454f.). Abb. 2: Die Verortung des ehemaligen Seeufers anhand der Flurnamen - nach Tanner 1968. Urheber: DHM: swissALTI3D © swisstopo 2025; Kartierung: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre | 193 15.3 Nutzung zusammengefasster Toponyme Sobald das Untersuchungsgebiet größer wird, gestaltet sich die Auswertung aller kartierten Flurnamen schwierig. Hier bietet es sich an, gezielt Flurnamentypen auszuwählen, um deren Verbreitungsmuster erkennen und interpretieren zu können. Diese Methode der Auskartierung unterschiedlicher Toponyme wird bereits seit langem genutzt, um Sprach- grenzen oder Besiedlungsmuster zu erkennen. Insbesondere in Nordostbayern, einem Gebiet, das durch das Mit- und Nebeneinander von deutschen und slawischen Namen ge- prägt ist, legte Schwarz bereits 1960 eine der grundlegenden Arbeiten vor (Schwarz, 1960). Vor allem seine als Anhang gestalteten Verbreitungskarten unterschiedlicher Ortsnamen sowie verschiedener Dialektvarianten auf Transparentpapier, welche übereinandergelegt und somit miteinander verglichen werden konnten, sind besonders bedeutend, bilden sie doch eine Art ‚analoges Pendant‘ zu den Layern heutiger Geographischer Informati- onssysteme (GIS). Viele bisherige Untersuchungen haben sich – schon allein auf Grund der Datenmengen – auf Orts- und Gewässernamen konzentriert, wohingegen Flurnamen nach wie vor eine untergeordnete Rolle spielen. Eine der wichtigsten Arbeiten in diesem Zusammenhang ist die 2010 von Vogelfänger vorgelegte Dissertation zu Flurnamen im nördlichen Rheinland, die erstmals im großen Stil Verbreitungskarten zu den jeweiligen Flurnamentypen nutzt (Vogelfänger, 2010). Im Rahmen des DFG-Projekts „Wiesent: Entwicklung eines vom Menschen geprägten Auensystems“ wurden für die nördliche Frankenalb bisher rund 6000 Flurnamen als Punkte aus dem in der ersten Hälfte des 19. Jhs. erstellten Urkataster Bayerns erfasst. Da das Interesse des Projekts vorrangig darauf liegt, für ein größeres Untersuchungsgebiet den Zusammenhang von anthropogener Landnutzungsänderung und dem Fluss- und Auensystem zu verstehen, wurde als zusätzliches Attribut die Landnutzung jener Zeit anhand der jeweiligen Kartensignatur aufgenommen. Ziel hierbei ist es, einen undatierten älteren Zustand der Landbedeckung im Vergleich zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der heutigen Situation untersuchen zu können. Ein Beispiel hierfür ist der Flurname die Reuth südlich von Laibarös, Gemeinde Königsfeld, Landkreis Bamberg: Es handelt sich um einen der häufig auftretenden Rodungsnamen. Dieser zeigt an, dass das Areal zu Beginn (= zur Zeit der Flurnamenvergabe?) bewaldet war und anschließend gerodet wurde, Wald also zu Offenland umgewandelt wurde. Ob diese dualistische Darstellung der historischen Realität entspricht, kann dabei zunächst offen bleiben. Zur Zeit des Urkatasters finden sich dort Äcker und Heideflächen, wohingegen das Flurstück heute wieder mit Wald bestanden ist (Abb. 3). Ein weiteres Beispiel ist der Flurname Huth bei Wohlmannsgesees, Gemeinde Wiesenttal, Landkreis Forchheim: Zur Zeit der Benennung war das Areal möglicherweise mit lichtem Wald bestanden, welcher als Weide zur Viehhaltung genutzt wurde. Hieraus dürfte sich dann im Laufe der Nutzung der für die Fränkische Schweiz so charakteristische 194 | Voigt u. a.: Geographische Namen als Quelle Magerrasen entwickelt haben. Zur Zeit des Urkatasters wird die Fläche hingegen als Acker genutzt; heute handelt es sich um Wald und Grünland. Abb. 3: Landbedeckung und -nutzung im Spiegel des Flurnamens die “Reuth” südlich von Laibarös. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Während Deutungen im Einzelfall notwendigerweise spekulativ bleiben, kann ein Blick auf die Verbreitung und Dichte von Flurnamen in einer Region aufschlussreich sein. So weisen Areale mit einer höheren Dichte etwa darauf hin, dass dort auf den Raum bezogen eine größere Anzahl an Akteuren vorhanden gewesen sein muss. In diesem Fall war eine dichtere und präzisere Kommunikation über einzelne Abschnitte der Flur notwendig, die zu einer ausdifferenzierteren Benennung geführt hat. Für die nördliche Frankenalb wurden für die Überprüfung dieser These u.a. Sichtbarkeitsanalysen1 (= ‚Welche Areale sind von einem Betrachterstandpunkt aufgrund des Geländes sichtbar und welche nicht?‘) einiger ausgewählter Orte durchgeführt, wobei sich zeigte, dass in Bereichen mit erhöhter Flurnamendichte wesentlich größere Sichtfeldüberschneidungen vorhanden sind als in Bereichen mit niedriger Flurnamendichte. Diese Erkenntnisse werden – auch mit Hilfe der Flurnamen – um verschiedene Aspekte wie Topografie, Ökonomie usw. erweitert, um ein möglichst klares Bild der Landschaft erhalten zu können. Sollte die These zutreffen, so zeigt sie deutlich die Bedeutung der Auen auf, da die Flurnamendichte entlang der Flüsse stets höher ist als auf den Hochflächen. Richtet man den Blick wieder auf die Flurnamen selbst, so lassen sich die jeweiligen Typen in klassischen Verbreitungskarten darstellen, welche für unterschiedliche Fragestellungen verwendet werden können, etwa der Landnutzung, Wirtschaftsweise oder Vegetation. Aber auch kulturelle (Sprach-)Unterschiede treten hierdurch zu Tage. So zeigt bspw. die Kartierung des Flurnamens Point (mit seinen Variationen wie Paint, Peint oder Beund) auf der nördlichen Frankenalb eine Verbreitung im Südwesten in Richtung Regnitz, nicht jedoch im Nordosten in Richtung Bayreuth und Kulmbach. Da der Flurname Point als sehr alte Bezeichnung gilt, stellt sich hier also die Frage, wie dieses Verbreitungsmuster zustande gekommen ist. Ob hierin eine Kontaktzone aus der Zeit des hochmittelalterlichen Landesausbaus (~11.-13. Jh.) zu erkennen ist, lässt sich bisher nicht beurteilen. Da Nordostbayern jedoch als kultureller Kontaktraum gilt, wäre eine solche Möglichkeit in 1In QGIS anhand des DGM1 berechnet; Betrachterhöhe: 2m; Sichtfeldradius: 10km Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre | 195 Betracht zu ziehen. Hierfür bedarf es aber einer großflächigeren Kartierung von Flurnamen als der bisherigen sowie differenzierteren Vergleichen mit weiteren Namen und Daten. Der methodische Vorteil einer flächendeckenden Kartierung von Flurnamen kann an einem weiteren Beispiel aus dem Wiesentprojekt verdeutlicht werden. So wurde die Verbreitung von Wässerwiesen in der Aue der Wiesent und ihrer Nebenflüsse kartiert. Eine Hypothese über ihre Funktion im Sinne eines Agrarökosystems ist, dass die erhöhte Produktion von Grünfutter und Heu mit der intensiven Schafhaltung auf der Alb zusammenhing. Deshalb wurden testweise Flurnamen mit erkennbaren Bezügen zur Schafhaltung und das Vorkommen von Heideflächen kartiert. Auf diese Weise ist es gelungen, für einen großen Untersuchungsraum mit einem überschaubaren Aufwand Aussagen über Verteilungsmuster zu ermöglichen, die als Grundlage für gezieltere Untersuchungen dienen können (Abb. 4b). Abb. 4a: Nearest Neighbour-Analyse für Burgen und Allmendflächen. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 4b: Kartierung der Heideflächen und Flurnamen mit Schafhaltung zur Zeit des Urkatasters. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre | 197 Neben diesen klassischen Verbreitungskarten lassen sich aber mit Hilfe Geographischer Informationssysteme (GIS) heutzutage auch weitreichendere Analysen durchführen als noch bis vor wenigen Jahren. Eine dieser Analysen soll hier kurz exemplarisch dargestellt werden, um diese Möglichkeiten zu illustrieren: Die qualitative Beobachtung, dass Herrschafts- und Gemeinschaftsflächen, sogenannte ‚Allmende‘, räumlich weit voneinander entfernt liegen, lässt sich mit Hilfe des GIS quantitativ überprüfen. Hierfür werden in einem ersten Schritt sämtliche Flurnamen gefiltert, welche Allmendflächen anzeigen. Als ‚Flächen‘ der Herrschaft werden anschließend alle bekannten Burgen kartiert. Diese beiden Punktlayer gilt es nun miteinander zu vergleichen: Hierfür wird eine sog. Distanzmatrix2 erstellt, deren Daten aus den beiden Layern stammen; hierbei müssen die Einstellungen so gewählt werden, dass jeweils nur der nächstgelegene Punkt3 genutzt wird. Der auf diese Weise erstellte Layer kann dann mit Hilfe entsprechender Symbolisierung als Linie zwischen den Punkten dargestellt werden. Um die oben genannte Beobachtung verdeutlichen zu können, wurden in Abb. 4a nur jene Linien dargestellt, welche die Hälfte der durchschnittlichen Burgendistanz unterschreiten. Hier wird deutlich, dass eine große räumliche Distanz zwischen Herrschafts- und Allmendflächen tatsächlich gegeben ist. Die Burgenstandorte, welche in näherer Entfernung liegen, sind a) entweder abgegangen oder b) als unsichere Burgställe zu bezeichnen, deren Struktur und/oder Datierung unklar ist. Hier besteht also die Möglichkeit, dass die Flurnamen auf die Zeit vor oder nach Bestehen der Burganlage zurückgehen. 2In QGIS: Vector – Analysis tools – Distance matrix. 3In QGIS: „Use only nearest (k) target points” = 1. 198 | Voigt u. a.: Geographische Namen als Quelle 15.4 Methodische Herausforderungen & Ausblick Aus diesem Beispiel geht bereits eine der methodischen Schwierigkeiten hervor: (Flur-) Namen entstammen einerseits unterschiedlichen Perioden und durchlaufen andererseits individuelle Entwicklungen. Eine Kartierung der Namen zu einem Zeitpunkt bildet also eine überaus heterogene zeitliche Tiefe ab (Abb. 5). Diese chronologische Tiefe lässt sich nur mit Hilfe der bereits erwähnten qualitativen Herangehensweise der Onomastik (Namenforschung) fassen. Ebenso ist die linguistische Interpretation von Orts-, Gewässer- und Flurnamen aufgrund lokaler Dialekte, fehlerhafter Transkription oder (historischer) Missverständnisse bei der Niederschreibung der Namen zwingend erforderlich. Vor al- lem für die Ortsnamen gilt es, individuelle Überprüfungen durchzuführen, sollen damit archäologische Umstände geklärt werden. Da die Sprachwissenschaft aber ebenfalls auf archäologische Erkenntnisse zurückgreift, besteht hier in besonderem Maße die Gefahr eines Zirkelschlusses. Abb. 5: Schematische Darstellung der Heterogenität von Flurnamen zum Zeitpunkt einer Kartierung. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Gewässer-, Orts- und Flurnamen besitzen unterschiedliche Alter. Vor allem die größeren Fließgewässer weisen hierbei die ältesten Bezeichnungen auf; die moderne historische Sprachwissenschaft sieht im Mehrfachvorkommen verschiedener Flussnamen einen indo- germanischen Ursprung, welcher bereits aus einer Zeit stammt, bevor sich die einzelnen indogermanischen Sprachgruppen (Keltisch, Germanisch, Slawisch) herausbildeten (Greule, 2014, 4). Wesentlich jünger anzusetzen sind die Ortsnamen, welche in unserem Arbeitsge- biet nicht weiter zurückreichen als in das Früh- und Hochmittelalter, wobei die Möglichkeit, dass diesen Ersterwähnungen potenziell wesentlich ältere Namen zugrunde liegen, nicht ausgeschlossen werden kann. Diesem Alter schließen sich vereinzelte Flurnamen sicher an (bspw. Point oder Reuth). Für die meisten Flurnamen muss dies jedoch hypothetischer Natur bleiben. So sind die Mühlwiesen bspw. an die Mühlen gebunden, aber die schriftliche Überlieferung der Mühlen setzt vereinzelt erst im Spätmittelalter und für die meisten erst Flusslandschaften im Wandel. Kleine multidisziplinäre Quellenkunde der Fluvialen Anthroposphäre | 199 während der Neuzeit ein. Archäologische Nachweise, wie diese in Mittelfranken bekannt sind, fehlen im Arbeitsgebiet vollständig (Liebert, 2015). Die grundlegende – wenn auch stark vereinfachte – ‚Chronologie der Toponyme‘ kann also lauten: Gewässernamen – Ortsnamen – Flurnamen. In dieser Reihenfolge steigt auch der ‚human impact‘ als Spiegel der Komplexität der Landschaftsnutzung und -umgestaltung: Während vor allem größere Fließgewässer auch ohne den Einfluss des Menschen vorhanden sind, so müssen Orte zumindest gegründet und bewirtschaftet werden (unabhängig davon, ob gezielt/gesteuert oder gewachsen). Die Differenzierung und Benennung der Fluren schließlich wird erst ab jenem Moment notwendig, wenn ein Konfliktpotential für die Flächennutzung entsteht und somit präzisere und scharf umrissene Bezeichnungen benötigt werden (Abb. 6). Abb. 6: Vereinfachte, schematische Einordnung unterschiedlicher Toponyme. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Trotz all dieser Schwierigkeiten zeigen die oben angeführten Beispiele jedoch eindrucksvoll, dass die Arbeit mit (Flur-)Namen sowohl im groß- als auch kleinmaßstäblichen Rah- men wertvolle Erkenntnisse zur Besiedlungs- und Landschaftserforschung beitragen kann. Vor allem die Nutzung von GIS mit den verbundenen Analysemöglichkeiten bietet hier immer wieder neue Perspektiven. Im Zusammenspiel mit anderen Disziplinen steigern vor allem Flurnamen die Möglichkeiten der Erkenntnisse, stellen sie doch Zeugnisse der Landschaftsentwicklung, -nutzung und Siedlungsgeschichte dar, wie sie ansonsten in dieser flächendeckenden Breite nicht vorhanden sind: „In keinem anderen Zweig der Namenforschung können Ergebnisse der Sprach- wissenschaft, Geschichte, Geologie, Archäologie und Botanik einander in so schöner Weise ergänzen.“ (Gabriel, 1996, 1455) 200 | Voigt u. a.: Geographische Namen als Quelle 15.5 Verzeichnisse Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Die Flurnamen um Königsfeld. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 2: Die Verortung des ehemaligen Seeufers anhand der Flurnamen - nach Tanner 1968. Urheber: DHM: swissALTI3D © swisstopo 2025; Kartierung: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 3: Landbedeckung und -nutzung im Spiegel des Flurnamens "die Reuthßüdlich von Laibarös. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 4a: Nearest Neighbour-Analyse für Burgen und Allmendflächen. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 4b: Kartierung der Heideflächen und Flurnamen mit Schafhaltung zur Zeit des Urkatasters. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 5: Schematische Darstellung der Heterogenität von Flurnamen zum Zeitpunkt einer Kartierung. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Abb. 6: Vereinfachte, schematische Einordnung unterschiedlicher Toponyme. Urheber: Alexander Voigt, Lizenz: CC BY-SA 4.0. Literaturverzeichnis Bayerische Akademie der Wissenschaften. Historisches Ortsnamenbuch, URL: https: //kblg.badw.de/historisches-ortsnamenbuch.html (14.11.2024). Cacciafoco, Francesco Perono / Cavallaro, Francecso (2023): Place Names. 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Ein internationales Handbuch zur Onomastik, Bd. 2 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswis- senschaft 11.2), Berlin u. a., S. 1451-1456. Greule, Albrecht (2014): Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der dazugehörigen Gebiets-, Siedlungs- und Flurnamen, Berlin u. a.. Liebert, Thomas (2015): Frühmittelalterliche Wassermühlen und Wasserbauwerke im Schwarzachtal bei Grosshöbing (Materialheft zur Bayerischen Archäologie 101), Kallmünz. Nübling, Damaris u. a. (2012): Namen. Eine Einführung in die Onomastik (Narr Studien- bücher), Tübingen. Schenk, Winfried (2011): Historische Geographie, Darmstadt. Schwarz, Ernst (1960): Sprache und Siedlung in Nordostbayern (Erlanger Beiträge zur Sprach- und Kunstwissenschaft 4), Nürnberg. Tanner, Alexander (1968): Die Ausdehnung des Tuggenersees im Frühmittelalter, in: St. Gallische Ortsnamenforschung 108, S. 30-38. Vogelfänger, Tobias (2010): Nordrheinische Flurnamen und digitale Sprachgeographie. Sprachliche Vielfalt in räumlicher Verbreitung (Rheinisches Archiv. Veröffentlichun- gen der Abteilung für Rheinische Landesgeschichte des Instituts für Geschichtswis- senschaft der Universität Bonn 155), Köln u. a..