Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ Ergebnis der Masterthesis im Studiengang Umweltingenieurswissenschaften an der TU Darmstadt Christoph Meyer Betreut durch das Fachgebiet Landmanagement Prof. Dr.-Ing. Hans Joachim Linke Kim Nobis, M.Sc. Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 2 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ..................................................................................................................... 2 2. Hintergrund und Vorgehensweise ................................................................................ 3 3. Einzelmaßnahmen zur Erhöhung der Wasser-Resilienz ............................................... 4 4. Integration der Wasser-Resilienz in die Planung ........................................................ 12 5. Best Practice-Beispiele ................................................................................................ 14 6. Hinweise zur Nutzung der Arbeitshilfe ....................................................................... 16 Bild- und Quellennachweise ........................................................................................... 16 1. Einleitung In vielen deutschen Städten sind die Auswirkungen des Klimawandels deutlich spürbar. In den Hitzejahren 2018 und 2019 stiegen Wärme- und Hitzebelastungen infolge der hohen Tempera- turen und tropischen Nächte. Diverse Starkregenfälle verursachten große Schäden durch Über- schwemmungen. Diese Phänomene werden sich zukünftig weiter verstärken, da die Tempera- turen, die Anzahl von Hitzetagen und tropischen Nächten sowie die Häufigkeit von Starkregen- fällen voraussichtlich weiter ansteigen werden. Wasser-resiliente Maßnahmen können die Folgen des Klimawandels nicht verhindern, die Aus- wirkungen jedoch minimieren. Diese Arbeitshilfe stellt das Konzept der „Wasser-Resilienz“, Ein- zelmaßnahmen zur Erhöhung der Wasser-Resilienz in städtischen Infrastrukturen sowie deren Nutzen vor. Die Arbeitshilfe unterstützt Planungsprozesse als Ideensammlung und Anregung. Möglichkeiten zur Integration wasser-resilienter Einzelmaßnahmen in Planungen werden vor- gestellt. Außerdem zeigen Best Practice-Beispiele, wie die Umsetzung von Einzelmaßnahmen in Planungen gelingen kann. Die Arbeitshilfe kann Städten als Blaupause für ihre eigenen Arbeitshilfen und Leitfäden dienen und ist deshalb bewusst ohne spezifischen Bezug zu einer Stadt entstanden. Die vorliegende Arbeitshilfe ist das Resultat der Masterthesis „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“, die am Fachgebiet Landmanagement an der TU Darmstadt entstanden ist. Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 3 2. Hintergrund und Vorgehensweise Die Folgen des Klimawandels führen zu steigenden Belastungen durch Trocken- und Hitzeperi- oden sowie Einschränkungen im Nachgang von Starkregenfällen. Zur Anpassung der bestehen- den Infrastrukturen eignen sich Maßnahmen, die die Wasser-Resilienz von Städten erhöhen. Städtische Infrastrukturen sind wasser-resilient, wenn sie unabhängig von Witterungsbedingun- gen – Trocken-/Hitzeperioden oder Starkregen – ihre Funktionen und Aufgaben erfüllen. Was- ser-resiliente Infrastrukturen garantieren eine jederzeit gesicherte Trinkwasserversorgung so- wie Abwasserentsorgung und reduzieren durch Verdunstungsprozesse gleichzeitig Wärmebe- lastungen. Die vorliegende Arbeitshilfe hat keinen spezifischen Stadtbezug, ist allgemein gehalten und für die Unterstützung von Planungen in Großstädten gedacht. Es wird empfohlen, dass Städte ihre bestehenden Stadtstrukturen auf Hitzebelastungen und Überschwemmungen durch Starkre- genfälle analysieren. Auf Grundlage der durch die Analyse erstellten Hitzebelastungs- und Starkregengefahrenkarten können gefährdete Stadtbereiche definiert werden. Die negativen Folgen können bei zukünftigen Planungen durch den Einsatz wasser-resilienter Einzelmaßnah- men abgemildert werden. Allgemein sind Stadtstrukturen hitze- und starkregengefährdet, die die in Tab. 1 zusammenge- fassten Charakteristika aufweisen: Tab. 1: Auswirkungen von städtischen Charakteristika im Klimawandel hitzegefährdende Strukturen starkregengefährdende Strukturen Zentrumsbereiche mit hohem Versiege- lungsanteil Stadtteile mit hoher Baudichte, hoher Versiegelung, enger Bauweise Großstrukturen mit großen Flachdächern und hoher Versiegelung Straßen und Plätze mit hohem Versiege- lungsgrad Abwassersysteme mit Ableitung des an- fallenden Niederschlagwassers tieferliegende Stadtbereiche und Senken hitzemindernde Strukturen starkregengeeignetere Strukturen viele Grün- und Pflanzenflächen geringer Versiegelungsanteil Wasserflächen Kalt- und Frischluftschneisen große Retentionsräume Regenwasserbewirtschaftung, sodass we- nig Niederschlagswasser abgeleitet wird überschwemmungssichere Bauweise Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 4 3. Einzelmaßnahmen zur Erhöhung der Wasser-Resilienz Versickerungsfähige Flächen Entlastung Abwassersysteme, Erhöhung Grundwasserneubildung Wartungs- und Unterhaltsaufwand Die Versickerung von Niederschlagswasser ist eine der wirksamsten Methoden zur Entlastung der Abwassersysteme und zur Stärkung des Wasserkreislaufs. Versickerungsanlagen können ober- sowie unterirdisch ausgeführt werden und tragen zur Grundwasserneubildung bei. Versi- ckerungsanlagen stehen in Flächenkonkurrenz zu anderen stadttypischen Nutzungen. Voraussetzung für die Versickerung ist ein geeigneter und gut durchlässiger Untergrund sowie genügend Abstand zum Grundwasserleiter und zur angrenzenden Bebauung. Es gibt verschie- dene Methoden der Versickerung, die sich in der Versickerungsfähigkeit des Bodens und der Flächenverfügbarkeit unterscheiden (vgl. Tab. 2). Einen direkten Effekt auf Hitzebelastungen haben Versickerungsflächen nur, wenn Wasser an der Erdoberfläche aufgestaut ist und verdunsten kann. Indirekt kann das versickerte Nieder- schlagswasser wärmereduzierend wirken, wenn es von den Pflanzen über die Wurzeln aufge- nommen und verdunstet wird. Versickerungsfähige Flächen entlasten die Abwassersysteme, da weniger Niederschlagswasser über die Abwassersysteme entwässert werden muss. Versicke- rungsanlagen können als Retentionsraum wirken und benachbarte Stadtstrukturen vor Über- schwemmungen schützen. Weiterführendes Material Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall: Arbeitsblatt DWA-A 138. Pla- nung, Bau und Betrieb von Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser: Hennef. Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall: Merkblatt DWA-M 550. De- zentrale Maßnahmen zur Hochwasserminderung. November 2015: Hennef. Abb. 1: Versickerungsmulde in einem Neubaugebiet Tab. 2: Verschiedene Versickerungsanlagen (DWA-A 138: 26) Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 5 Multifunktionale Retentionsräume Entlastung Abwassersysteme, intelligente Flächennutzung Nutzungseinschränkung durch Verunreinigungen, Wartung- und Unterhaltsaufwand Multifunktionale Rückhalteräume eignen sich gut in Städten mit hoher Verdichtung. Bei be- schränkter Flächenverfügbarkeit eignet sich die Mehrfachnutzung für den gezielten Wasser- rückhalt sowie zur Versickerung, Speicherung und Verdunstung des Niederschlagwassers. Wei- tere Vorteile von multifunktionalen Flächen sind geringe Zusatzkosten. Starkregenfälle können kurzzeitig zu Einschränkungen der eigentlichen Nutzung der Flächen durch den Wassereinstau führen und Verschmutzungen verursachen. Durch multifunktionale Retentionsräume wird die Kanalisation entlastet, wodurch Infrastrukturen vor unkontrollierten Überschwemmungen ge- schützt werden. Geeignet sind prinzipiell alle städtischen Flächen, wie Grünanlagen, Freiflächen vor öffentli- chen Gebäuden, Parkplätze, Innenhöfe und Straßen. Die Lage der Flächen muss in Abhängigkeit von der Topographie und dem zu schützenden Objekten ausgewählt werden. Des Weiteren las- sen sich Planungen gut in Neu- und Sanierungsprojekte integrieren. Straßen können in Bezug auf die Überflutungsvorsorge im Starkregenfall wichtige Freiräume darstellen, auf denen das anfallende Niederschlagswasser zurückgehalten werden kann. Eine besondere Variante multifunktionaler Rückhalteräume sind sog. Notwasserwege, die Nieder- schlagswasser schnell und schadlos über vorhandene Straßenflächen oberirdisch auf entfernte Flächen leiten. Weiterführendes Material Benden, Jan/Robert Broesi/Marc Illgen/Ulla Leinweber/Gottfried Lennartz/Christian Scheid/Theo G. Schmitt (2017): Multifunktionale Retentionsflächen. Teil 3: Arbeitshilfe für Planung, Umsetzung und Betrieb. MURIEL Publikation. Abb. 2: Simulation einer multifunktionalen Retentionsanlage (SUBV 2015: 1) Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 6 Entsiegelung und Nutzung wasserdurchlässiger Oberflächenmaterialien Entlastung Abwassersysteme, Kühlungswirkung Bodenverunreinigungen müssen ausgeschlossen sein, Nutzungseinschränkungen Die Folgen des Klimawandels sind insbesondere in Stadtteilen mit hohem Versiegelungsgrad zu erkennen. Die Niederschlagsmenge, die in Abwassersysteme entwässert wird, ist bei versiegel- ten Flächen höher als bei unversiegelten. Versiegelte Flächen heizen sich bei Sonneneinstrah- lung stärker auf und speichern die Wärme länger als unversiegelte Flächen. Maßnahmen der Entsiegelung entlasten die Abwassersysteme, da weniger Niederschlagswasser die Abwassersysteme belastet. Auf unversiegelten Flächen kann Niederschlagswasser durch Ver- sickerung oder Verdunstung bewirtschaftet werden. Das stärkt den Bodenwasserhaushalt und erhöht die Grundwasserneubildung. Die Entsiegelung von versiegelten Flächen ist außerdem eine Möglichkeit zur Reduktion der Wärmebelastung in bestehenden Infrastrukturen. In neu zu entwickelnden Gebieten soll die zu versiegelnde Fläche grundsätzlich so gering wie nötig ge- halten werden. Ein Kompromiss bei Versiegelungsmaßnahmen ist der Einsatz von wasserdurchlässigen Ober- flächenbelegen. Wasserdurchlässige Materialien haben einen geringen Abflussbeiwert. Der Ab- flussbeiwert ist ein Maß über die Wasserdurchlässigkeit des Materials. Je niedriger dieser liegt, desto mehr Wasser kann im Boden versickern. Ein Abflussbeiwert von 1 bedeutet, dass 100 % des anfallenden Niederschlagswasser von einer Fläche entwässert werden müssen. Weiterführendes Material Stadt Köln/Stadtentwässerungsbetriebe Köln (2018): Mehr Grün für ein besseres Klima in Köln. Leitfaden zur Entsiegelung und Begrünung privater Flächen. Stadt Karlsruhe (2013): Regen bringt Segen. Versickern statt ableiten. Ein Ratgeber der Stadt Karlsruhe Umwelt- und Arbeitsschutz. Abb. 3: Feuerwehraufstellfläche aus Rasengittersteinen Tab. 3: Übersicht verschiedener Abflussbeiwerte (DWA-A 138: 21) Oberflächenmaterial Abflussbei- wert Beton-, Bitumen-, Asphaltflächen 1,0 Pflasterstein (mit Sand verlegt) 0,7 Wassergebundene Flächen 0,5 Gründächer 0,5 bis 0,3 Sportflächen (Rasenfläche und Dränung) 0,3 Rasengittersteine 0,1 Grünflächen, Parkanlagen 0 Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 7 Sicherung und Entwicklung von Grünanlagen Reduktion von Hitzebelastungen und Niederschlagsabfluss, erhöhte Aufenthaltsqualität Flächenkonkurrenz, Bewässerung bei Trockenheit Grünanlagen erhitzen sich weniger stark als versiegelte Flächen, kühlen nachts stärker ab und umfassen bspw. Parks, Sportflächen oder reine Rasenflächen. Verdunstungseffekte der Pflanzen sorgen für eine Abkühlung in den Grünanlagen, die somit eine höhere Aufenthaltsqualität in der Stadt erhalten und kühlend auf ihre nähere Umgebung wirken. Reine Rasenflächen kühlen die Stadtumgebung weniger als Grünanlagen, bei denen Bäume und Büsche für weitere Ver- schattungsfläche sorgen. Bei Trockenheitsperioden kann eine Bewässerung vonnöten sein, um die Kühlungseffekte und das Überleben der Pflanzen zu garantieren. Grünanlagen sichern die Versickerungsleistung des Bodens, wodurch der Wasserhaushalt und die Grundwasserneubildung gestärkt wird. Bei Starkregen können Grünflächen entlastend für die Abwasserkanalisation wirken, wenn die Oberflächenabflüsse auf die Grünflächen und nicht in die Kanalisation geleitet werden. Hierbei ist sicherzustellen, dass das Oberflächenwasser un- belastet von Schadstoffen ist. Die Sicherung von Grünflächen steht in Flächenkonkurrenz zu Nachverdichtungsprojekten. Dennoch sollte ihre Sicherung und Weiterentwicklung Priorität haben, da eine Bebauung dieser Flächen Überhitzung und eine stärkere Belastung der Abwassersysteme zur Folge hätte. Dar- über hinaus haben Stadtgebiete generell eine höhere Lebensqualität, wenn Bewohner schnellen Zugang zu Grünanlagen mit hoher Aufenthaltsqualität haben. Weiterführendes Material MBWSV NRW (2014): Urbanes Grün – Konzepte und Instrumente. Leitfaden für Planerinnen und Planer. Abb. 4: Parkanlage mit Sitzgelegenheiten und Spielplatz Abb. 5: Rasenfläche, die als Kaltluftschneise wirkt Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 8 Straßenbegleitgrün und begrünte Gleisanlagen Entlastung Abwassersysteme, Reduktion Wärmebelastung, erhöhte Aufenthaltsqualität Flächenkonkurrenz, Schädigungen durch Wurzelwerk, Bewässerung bei Trockenheit Für die wasser-resiliente Gestaltung von Verkehrswegen sind begleitende Grünflächen und Bäume am Straßenrand von Bedeutung. Straßennahe Grünflächen können die Verkehrsober- flächen entwässern und zur Versickerung und Verdunstung des anfallenden Wassers beitragen. Durch die Aufnahme von Oberflächenwasser wird die Kanalisation entlastet. Bäume am Stra- ßenrand tragen durch Schattenbildung und Verdunstungseffekte zur Minderung von Wärme- und Hitzebelastungen bei. Während Trockenperioden kann eine ausreichende Wasserverfügbarkeit für Pflanzen am Stra- ßenrand nicht gewährleistet werden. Der Einsatz von Versickerungsbeeten, sog. Baumrigolen, bei denen Straßenbäume mit darunter liegenden Rigolen kombiniert geplant sind, verlängern die Wasserverfügbarkeit für Pflanzen, Ein vergrößerter Wurzelraum, der dem Baum zur Verfü- gung steht, hat vergleichbare Effekte. In Flächenkonkurrenz stehen die beschriebenen Maßnah- men zu Parkplatzflächen und weiteren Leitungsinfrastrukturen, die unterirdisch am Straßen- rand verlegt sind und durch das Wurzelwerk geschädigt werden können. Die Begrünung von Straßenbahngleisen bietet sich in dicht besiedelten Gebieten an, in denen die Straßenbahn auf einem eigenen Gleiskörper fährt. Begrünte Straßenbahngleise heizen sich weniger stark auf und reduzieren den anfallenden Niederschlagsabfluss im Vergleich zu versie- gelten Gleisanlagen. Weiterführendes Material Benden, Jan/Robert Broesi/Marc Illgen/Ulla Leinweber/Gottfried Lennartz/Christian Scheid/Theo G. Schmitt (2017): Multifunktionale Retentionsflächen. Teil 3: Arbeitshilfe für Planung, Umsetzung und Betrieb. MURIEL Publikation. Grüngleis Netzwerk (Hrsg.) (2014): Handbuch Gleisbegrünung. Planung, Ausführung, Pflege. Abb. 6: Straßenbegleitgrün: Bäume am Straßenrand Abb. 7: Begrünte Straßenbahngleise in Frankfurt am Main Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 9 Gebäudebegrünung und Innenhofgestaltung Entlastung Abwassersysteme, Reduktion Wärmebelastungen, großes Flächenpotenzial erhöhte Investitionskosten, Wartungs- und Unterhaltkosten Der Begriff „Gebäudebegrünung“ bezieht sich auf die Begrünung von Dach- und Fassadenflä- chen von Bauwerken. Die Begrünung von Hausflächen hat großes Potenzial, da die Nachteile von versiegelten Flächen im Siedlungsbereich durch die Begrünung von Gebäudeflächen aus- geglichen werden. Dachbegrünungen wirken kühlend und verringern den Niederschlagsabfluss. Die Fassadenfläche kann die Dachfläche bei Weitem übersteigen. Insbesondere im Sommer wirkt die Fassadenbegrünung kühlend auf Gebäude, da sie die Gebäudeoberfläche verschattet. Dies erhöht die Aufenthaltsqualität für Bewohner in Innenräumen und minimiert die Wärme- belastung in der Gebäudeumgebung. Bei Trockenheit ist auf eine ausreichend Wasserverfüg- barkeit für die Fassadenpflanzen zu achten. Die Gestaltung von Innen- und Hinterhöfen kann in Stadtstrukturen auch zu einem positiven Mikroklima und einer hohen Aufenthaltsqualität führen. Die Entsiegelung mit gleichzeitiger Begrünung von Innenhöfen erhöht die Verdunstungsrate und entlastet die Abwassersysteme. Begrünte und entsiegelte Innenhöfe stehen in Flächenkonkurrenz zu anderen Nutzungen und sind mit Investitionskosten für Hauseigentümer verbunden. Langfristig können sie die Attrakti- vität des Wohnumfelds steigern und Zahlungen von Abwassergebühren senken. Weiterführendes Material Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Umwelt und Energie (2018): Dachbegrünung. Leitfaden zur Planung. Pfoser, Nicole/Nathalie Jenner/Johanna Henrich/Jannik Heusinger/Stephan Weber (2013): Gebäude Begrünung Energie. Potenziale und Wechselwirkungen. Stadt Köln/Stadtentwässerungsbetriebe Köln (2018): Mehr Grün für ein besseres Klima in Köln. Leitfaden zur Entsiegelung und Begrünung privater Flächen. Abb. 8: Fassadenbegrünung an einem Wohnhaus Abb. 9: Begrünter Innenhof in einer Blockrandbebauung Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 10 Betriebswassernutzung reduzierter Trinkwasserbedarf Investitionskosten, geringe Auswirkung auf Spitzenbedarf Veränderte Klimabedingungen können zu einer Verknappung von Trinkwasserressourcen und damit zu einer Gefährdung der Trinkwasserversorgung führen. Trinkwasser kann durch die Verwendung von Betriebswasser bei verschiedenen Nutzungen, für die keine Trinkwasserqua- lität benötigt wird, ersetzt werden. Als Betriebswasser werden bspw. leicht verunreinigtes Dusch- und Badewasser (sog. Grauwasser) oder gesammeltes Niederschlagswasser bezeichnet. Voraussetzung für die Betriebswassernutzung ist ein separates Leitungsnetz und ein ausrei- chend dimensionierter Speicher. In diesem wird das Grau- oder Niederschlagswasser gesam- melt. Bei der Sammlung von Niederschlagswasser dient der Speicher gleichzeitig der Entlastung der Abwasserinfrastruktur. Niederschlagswasser kann von Dach- oder versiegelten Flächen ge- speichert werden. Es muss vor einer Nutzung dem Nutzungszweck entsprechend aufbereitet werden. Nach der entsprechenden Reinigung kann sowohl Grau- als auch Niederschlagswasser im Haushalt (bspw. Toilettenspülung) oder zur Pflanzenbewässerung eingesetzt werden. Insbesondere die mögliche Nutzung als Bewässerungswasser bietet Potenzial, große Mengen an Trinkwasser im Sommer zu substituieren und garantiert gleichzeitig, dass Pflanzen besser mit Wasser versorgt werden können. Hierdurch kann einerseits die Trinkwasserversorgung teil- weise entlastet werden und andererseits das Kühlungspotenzial von Pflanzen ausgeschöpft wer- den. Die Investitionskosten für ein Betriebswassersystem sind lediglich bei Neuerschließungen und Nachverdichtungsprojekten rentabel. Eine Umrüstung im Bestand ist wirtschaftlich nicht realisierbar. Weiterführendes Material Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall: Arbeitsblatt DWA-A 272. Grundsätze für die Planung und Implementierung Neuartiger Sanitärsysteme (NASS). Abb. 10: Gartenbewässerung mit Betriebswasser Abb. 11: Kennzeichnung bei Betriebswassernutzung Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 11 Wasserflächen Reduktion Wärmebelastung, Entlastung Abwassersysteme, höhere Aufenthaltsqualität Flächenkonkurrenz, Wartungs- und Unterhaltkosten, ggf. Elektrizitätsanschluss Unter der Einzelmaßnahme „Wasserflächen“ sind künstlich angelegte Teiche und Seen sowie offene Wassergräben und kleine Bäche zu verstehen, die im Stadtgebiet angelegt sind. Offene Wasserflächen können in Stadtstrukturen gestaltend wirken und gleichzeitig Folgen des Klima- wandels mildern. Durch die Kontaktoberfläche zwischen Luft und Wasser können große Wassermengen durch Verdunstung die Umgebungsluft kühlen. Darüber hinaus kann durch Wind die kühle Tempera- tur, die über der Wasserfläche herrscht, die nähere Umgebung kühlen. Im Starkregenfall bieten offene Wasserflächen Retentionspotenzial und entlasten die Abwasserinfrastruktur. Bewegtes Wasser wie bspw. Springbrunnen oder Wasserzerstäuber haben ebenfalls Abkühlungseffekte, können gestaltend eingesetzt werden und die Aufenthaltsqualität von Plätzen erhöhen. Weiterführendes Material Der Senator für Umwelt, Bau und Verkehr der Freien Hansestadt Bremen (2015): Merkblatt für eine wassersensible Stadt- und Freiraumgestaltung. Empfehlungen und Hinweise für eine zukunftsfähige Regenwasserbewirtschaftung und eine Überflutungsvorsorge bei extremen Regenereignissen in Bremen. Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (2013): Regenwas- serhandbuch. Regenwassermanagement an Hamburger Schulen. Abb. 12: Künstliche Wasserfläche an der Frankfurter Messe Abb. 13: Wasserspiele – Brunnen in der Innenstadt Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 12 4. Integration der Wasser-Resilienz in die Planung Informelle (Vor-)Planung Informelle Planungsrunden integrieren verschiedene Fachplanungen, städtische und weitere interessierte Akteure bei Planungsarbeiten. Sie bieten die Möglichkeit zur situationsgerechten Planung und präzisieren Grundgedanken zu bestimmten Themen. Der Rahmen von informellen Treffen ist inhaltlich und formal flexibel. Im Hinblick auf das Konzept „Wasser-Resilienz in der Stadtentwicklung“ sind informelle Treffen besonders geeignet, um allen Akteuren Hintergründe des Konzepts und geeignete Maßnahmen zu erläutern. Wasser-resiliente Einzelmaßnahmen können im sog. „Huckepack-Verfahren“ in Planungsabläufe integriert werden. Hierbei werden die Einzelmaßnahmen an geeigneten Stel- len in Planungen integriert. Beispielsweise können wasserdurchlässige anstelle von wasserun- durchlässigen Oberflächenmaterialien verwendet werden, die ein Kompromiss zwischen Flä- chenversiegelung und der Schließung des Wasserkreislaufs sein können. Um den Planungsmehraufwand durch das Konzept „Wasser-Resilienz“ gering zu halten, ist ein frühzeitiges Einbringen des Konzepts in Planungsvorgänge entscheidend. Hierbei kann diese Arbeitshilfe als Ideensammlung unterstützen. Koordinierungsprobleme oder Vorgehensweisen können bei gemeinsamen Planungstreffen direkt angesprochen werden. Synergieeffekte über- lagern dabei den vermeintlichen Mehraufwand für die integrativen Planungstreffen. Städtische Rahmenpläne und Entwicklungskonzepte Städtische Rahmenpläne sind beschlossene Leitbilder, Ziele und Handlungsprogramme. Sie definieren Ziele und Leitbilder, die in der verbindlichen Planung abzuwägen sind und durch sie rechtsverbindlich werden. Rahmenpläne können auf unterschiedlicher Gebietsebene ver- wendet werden und das gesamte Stadtgebiet, Stadtquartiere oder Teile dieser umfassen. Städtische Satzungen Städtische Satzungen können wasser-resiliente Infrastrukturen fördern. Möglichkeiten sind im Landesbaurecht definiert. Die Wasserdurchlässigkeit von Flächen (vgl. §8 BremLBO) sowie die vollständige Regenwasserbewirtschaftung auf dem Grundstück (vgl. Entwässerungssatzung Karlsruhe) kann bspw. verpflichtend vorgegeben werden. Gesplittete Abwassergebühren, bei der Niederschlagswasser eine deutlich höhere Gebühr als Schmutzwasser hat (vgl. Entwässe- rungsgebührensatzung Karlsruhe), fördern Umbaumaßnahmen im Bestand, bei denen im An- schluss Niederschlagswasser ortsnah bewirtschaftet werden kann. Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 13 Festsetzungsmöglichen in der Bauleitplanung Die vorgestellten wasser-resilienten Einzelmaßnahmen lassen sich mit den bereits bestehenden Möglichkeiten des Baugesetzbuchs (BauGB) in der formalen Bauleitplanung umsetzen. Flächennutzungsplan Tab. 4: Festsetzungsmöglichkeiten im Flächennutzungsplan Darstellung Inhalt Geeignet für §5 Abs. 2 Nr. 5 BauGB Grünflächen, Sportanlagen Grünanlagen §5 Abs. 2 Nr. 7 BauGB Wasserflächen, Überflutungsschutz Wasserflächen, multifunktio- nale Retentionsflächen §5 Abs. 2 Nr. 9b BauGB Wald Grünanlagen Bebauungsplan Tab. 5: Festsetzungsmöglichkeiten im Bebauungsplan Darstellung Inhalt Geeignet für §9 Abs. 1 Nr. 3 BauGB überbaubare Fläche Innenhofbegrünung §9 Abs. 1 Nr. 5 BauGB Sport- und Spielanlagen Grünanlagen §9 Abs. 1 Nr. 10 BauGB von Bebauung freizuhaltende Flächen Versickerungsflächen §9 Abs. 1 Nr. 14 BauGB Niederschlagswasserbeseitigung Versickerungs-, multifunktio- nale Retentionsflächen §9 Abs. 1 Nr. 15 BauGB Grünflächen Grünanlagen, multifunktio- nale Retentionsflächen §9 Abs. 1 Nr. 16 BauGB Wasserflächen Wasserflächen §9 Abs. 1 Nr. 20 BauGB Natur- und Bodenschutz Versickerungs-, multifunktio- nale Retentionsflächen §9 Abs. 1 Nr. 21 BauGB Flächen mit Nutzungsrechten zu- gunsten der Allgemeinheit multifunktionale Retentionsflächen §9 Abs. 1 Nr. 24 BauGB freizuhaltende Schutzflächen vor schädlichen Umwelteinflüssen multifunktionale Retentionsflächen §9 Abs. 1 Nr. 25 BauGB Pflanzflächen, Erhalt von Bepflan- zung und Gewässern Gebäudebegrünung Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 14 5. Best Practice-Beispiele Berlin – Sanierung einer Kindertagesstätte Bei der Sanierung einer bestehenden Kindertagesstätte und der Errichtung eines Erweiterungs- baus wurde ein ökologisches Gesamtkonzept erstellt. Das Gesamtkonzept ist das Ergebnis meh- rerer informeller Planungstreffen und untergliedert sich in sechs Arbeitsschritte: 1. Entwicklung gemeinsamer Planungsziele 2. Standortanalyse 3. Auswahl der zu integrierenden Maßnahmen 4. Entwicklung verschiedener Varianten 5. Variantenbewertung 6. Auswahl der Vorzugsvariante Die Entwicklung eines gemeinsamen Planungsziels war Grundlage bei der Erstellung des Ge- samtkonzepts. Die Definition möglicher Planungsziele ist abhängig von den Standorteigenschaf- ten. Deswegen ist eine Standortanalyse zu empfehlen. Im Folgenden integrierten die Akteure verschiedene blau-grün-graue Maßnahmen in die Planung. Die informelle Vorplanung zwischen den verschiedenen Akteuren ermöglichte ein Sanierungs- konzept, das die Schaffung wasser-resilienter Strukturen erlaubt. Die abschließende Planung sieht Dachbegrünungen, Grauwassernutzung, wasserdurchlässige Oberflächenmaterialien, Wasserspielplatz sowie großzügige Grünflächen mit Flächen zur Muldenversickerung vor. Quelle und weitere Informationen Reichmann, Brigitte/Diana Nenz/Jan-Hendrik Trapp/Jeremy Anterola/Constantin Möller/ Andreas Matzinger/Pascale Rouault/Michel Gunkel (2020): Fokusgebiet Sanierung und Er- weiterung einer Kindertagesstätte. Arbeitshilfe für die Planung blau-grün-grau gekoppelter Infrastrukturen in der wassersensiblen Stadt. Abb. 14: Darstellung des finalen Planungskonzepts mit wasser-resilienten Elementen (Reichmann et al. 2020: 51) Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 15 Karlsruhe – KIT-Campus Süd Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) plant den Campus Süd auf einer Entwicklungsflä- che. Die 30.800 m²-große Fläche umfasst teilweise den bestehenden Botanischen Garten und eine Brachfläche. Für das Bebauungskonzept wurden mehrere Ziele definiert: kein Nieder- schlagsabfluss von dem zu entwickelten Gebiet in das Abwassersystem, Förderung von Verduns- tung zur Hitzeabmilderung, Erhöhung der Aufenthaltsqualität durch Grünflächen. Generell eig- net sich der Karlsruher Boden gut für Versickerungsmaßnahmen. Der Bebauungsplan ist das Resultat meh- rerer informaler Planungstreffen, bei de- nen wasser-resiliente Strukturen für das Vorhaben entwickelt wurden. Das Bebau- ungskonzept umfasst multifunktionale Retentionsflächen, Baumrigolen und Ver- sickerungsbeete, Gründächer sowie versi- ckerungsfähige Grünanlagen. Das Kon- zept garantiert die vollständige Regen- wasserbewirtschaftung bis zu einem Nie- derschlag von 100 mm und reduziert die Hitzebelastungen durch den großen Grünanteil im Bebauungsgebiet. Quelle und weitere Informationen Benden, Jan/Robert Broesi/Marc Illgen/Ulla Leinweber/Gottfried Lennartz/Christian Scheid/Theo G. Schmitt (2017): Multifunktionale Retentionsflächen. Teil 3: Arbeitshilfe für Planung, Umsetzung und Betrieb. MURIEL Publikation. S. 68ff. Abb. 16: Versickerungswirklung der multifunktionalen Retentionsfläche (Benden et al. 2017: 70) Abb. 15: Gebäude- und Entwässerungsplanung (Benden et al. 2017: 69/71) Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ 16 6. Hinweise zur Nutzung der Arbeitshilfe Die vorliegende Arbeitshilfe ist eine allgemeine Grundlage für Städte und Kommunen, die ei- gene Leitfäden, Merkblätter, Arbeitshilfen oder Ähnliches erstellen wollen. Entscheidend für eine wirkungsvolle Anwendung werden die Klimaanalysen in den Städten sein. Insbesondere Bereiche mit hohen Hitze- und Starkregenbelastungen können durch die Anwendung der hier vorgestellten Einzelmaßnahmen entlastet werden. Punktuelle Entlastungen werden sich bei konsequenter Anwendung auf die Gesamtstadt positiv auswirken können. Außerdem wird emp- fohlen, die hier gegeben Best Practice-Beispiele durch mehrere, lokale Beispiele zu ersetzen. Hierbei sollten vor allem lokale Umsetzungen der Einzelmaßnahmen und dazugehörige An- sprechpartner im Vordergrund stehen. Die Arbeitshilfe „Wasser-resiliente Stadtentwicklung im Kontext des Klimawandels“ ist das Er- gebnis der gleichnamigen Masterthesis von Christoph Meyer, die 2020 am Fachgebiet Landma- nagement der TU Darmstadt erstellt wurde. In der Komplettfassung der Masterthesis werden die Hintergründe zum Klimawandel, die vorgestellten Einzelmaßnahmen, die analysierten Best Practice-Beispiele sowie die Erkenntnisse aus Gesprächen, die mit sechs Experten geführt worden sind, ausführlich dargestellt. Insbesondere die Einzelmaßnahmen werden in der Kom- plettfassung der Masterthesis in ihrem Hintergrund detaillierter beleuchtet. Bild- und Quellennachweise Seite 4: Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall: Arbeitsblatt DWA-A 138. Planung, Bau und Betrieb von Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser. S. 26. Seite 5: SUBV – Der Senator für Umwelt, Bau und Verkehr der Freien Hansestadt Bremen (2015): Merkblatt für eine wassersensible Stadt- und Freiraumgestaltung. S. 1. Seite 6: Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall: Arbeitsblatt DWA-A 138. Planung, Bau und Betrieb von Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser. S. 21. Seite 14: Reichmann et al. (2020): Fokusgebiet Sanierung und Erweiterung einer Kindertagesstätte. Arbeitshilfe für die Planung blau-grün-grau gekoppelter Infrastrukturen in der wassersensiblen Stadt. S. 51. Seite 15: Benden et al. (2017): Multifunktionale Retentionsflächen. Teil 3: Arbeitshilfe für Planung, Umsetzung und Betrieb. MURIEL Publikation. S. 69-71.