Kershaw, Ian: Der Mensch und die Macht. Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert, übers. v. Klaus-Dieter Schmidt, 592 S., DVA, München 2022.
Kershaw, Ian: Der Mensch und die Macht. Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert, übers. v. Klaus-Dieter Schmidt, 592 S., DVA, München 2022.
Die deutsche Geschichtswissenschaft tut sich mit Biografien schwer – auch das ist ein Erbe der seit den 1950er Jahren erfolgten Abkehr von der Tradition. Lebensbeschreibungen sind zwar auch hierzulande oft Verkaufserfolge, aber innerhalb der Zunft verdient man sich damit im Regelfall keine Meriten. Besser gesagt: Man hat sie zumeist schon, wenn man in einer oft späten Phase seines Forscherlebens dieses Genre bedient. In den angelsächsischen Ländern, zumal in Großbritannien, ist das ganz anders. Dort wird das Publikum auch regelmäßig zur Abstimmung über die ‚größte‘ Persönlichkeit der britischen Geschichte, über „100 Greatest Britons“ (so die BBC 2002) gebeten. In Deutschland dagegen teilte das Nachschlagewerk „Die großen Deutschen“ nicht nur das Schicksal aller gedruckten Nachschlagewerke und verschwand vom Markt, sondern dokumentierte unfreiwillig auch noch den Konstruktionscharakter dieser Kategorie: In der ersten, von Willy Andreas herausgegebenen Auflage fehlte 1936 in Band 4 Gustav Stresemann als verhasster „Erfüllungspolitiker“, während Theodor Heuss dafür sorgte, dass Stresemann in der von ihm mitverantworteten Neuauflage 1957 als ewig „finassierender“ Machtpolitiker wieder nicht aufgenommen wurde.

