Simon, Zoltán Boldizsár/Deile, Lars (Hrsg.): Historical Understanding. Past, Present, and Future, 320 S., Bloomsbury Academic, London 2022.
Simon, Zoltán Boldizsár/Deile, Lars (Hrsg.): Historical Understanding. Past, Present, and Future, 320 S., Bloomsbury Academic, London 2022.
Der Begriff „Verstehen“ ist vielsinnig und besitzt mehrere Bedeutungsebenen, da er ganz schematisch – nimmt man Martin Heideggers Fundamentalontologie mal heraus, die Verstehen als ein Existenzial begreift – auf der einen Seite einen Grundbegriff unserer sozialen und kulturellen Lebenswelt darstellt, um unsere Mitmenschen und deren Handlungen (auch im Rückblick) zu verstehen. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch Sinn verstehen: den Sinn von Texten, von Informationen, von Zeichen, von Regeln, von Traditionen, Gesetzen, Formularen und so weiter. Damit ist Verstehen ein Grundbegriff der Hermeneutik, also der (Kunst‑)Lehre des Verstehens oder der Interpretation von Texten. Auf dieser Grundlage wurde der Begriff zu einem wissenschaftstheoretischen und -philosophischen Konzept, an dem man seit Johann Gustav Droysen und Wilhelm Dilthey die Abgrenzung der Geistes- von den Naturwissenschaften festgemacht hat (S. 3 f.). Verstehen ist – wie Dilthey formuliert hat – die Methode, die die Geisteswissenschaften erfüllt. Es „ist das grundlegende Verfahren für alle weiteren Operationen der Geisteswissenschaften“ beziehungsweise „Verstehen [ist] grundlegend für die Geisteswissenschaften“. Und andererseits ist Verstehen der Fundamentalbegriff der von ihm postulierten deskriptiven Psychologie. Hier lautet das einschlägige Dilthey-Zitat: „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.“ Die Frage nach dem Verstehen zeigt sich somit immer auch als die Frage nach dem Subjekt und Objekt des Verstehens, seien es Menschen, Handlungen oder Texte. Wer versteht wen oder was? Reicht es, wenn man „Verstehen“ als rationales Erfassen, Begreifen und Erkennen tieferer Einsichten und komplexerer Zusammenhänge definiert, oder impliziert es mehr?

