Wolkenstein, Fabio (2022): Die dunkle Seite der Christdemokratie. Geschichte einer autoritären Versuchung: München: C. H. Beck. 222 Seiten. 16,95 €
Wolkenstein, Fabio (2022): Die dunkle Seite der Christdemokratie. Geschichte einer autoritären Versuchung: München: C. H. Beck. 222 Seiten. 16,95 €
Titel und Untertitel machen neugierig. Welche „autoritäre Versuchung“ wird der in Wien lehrende Politikwissenschaftler Fabio Wolkenstein „der“ Christdemokratie attestieren? Und inwiefern ist sie für diese so konstitutiv, dass man sie als ihre dauerhafte, bis heute relevante „dunkle Seite“ bezeichnen kann? Der Verfasser wird sich ja, so vermutet man, kaum ausschließlich auf Historisches kaprizieren, und er wird wohl auch nicht nur die berühmte illiberale Demokratie Viktor Orbáns vorführen wollen. Dass christliche, genauer gesagt protestantische und katholische Politikvorstellungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielfach, wenn auch keineswegs immer, einer „autoritären Versuchung“ erlagen, ist unstrittig. Unstrittig ist aber auch, dass die europäische Christdemokratie in der Nachkriegszeit – und erst in dieser entstanden die neuen, die früheren Konfessionsgrenzen überschreitenden politischen Sammelparteien dieses Namens – zu einer starken Stütze und treibenden Kraft demokratischer Politik und Verfassungsstaatlichkeit geworden ist, und zwar nicht nur auf nationalen Ebenen, sondern auch im Blick auf die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft. Was also ist die drohende „autoritäre Versuchung“ der Christdemokratie, die es dringlich macht, ihr mit einem auflagenstarken Essay zu Leibe zu rücken? Um mein Leseergebnis vorwegzunehmen: Sie wird mir nicht so recht klar, und auch der Verfasser scheint entgegen seiner Ankündigung keine klare Position zu beziehen.

