Wie gelingt Suizidprävention an Schulen? Evaluation und Vergleich von Trainingsmaßnahmen für Schüler*innen und Lehrkräfte
Wie gelingt Suizidprävention an Schulen? Evaluation und Vergleich von Trainingsmaßnahmen für Schüler*innen und Lehrkräfte
Suizid ist nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache im Jugendalter. Da Jugendliche viel Zeit in der Schule verbringen, stellt diese einen geeigneten Ort für die Suizidprävention dar. Auch wenn bereits einige Konzepte zur Suizidprävention ausgearbeitet und erprobt wurden, gibt es in Deutschland noch kein allgemein akzeptiertes und praktiziertes Protokoll. Die vorliegende Arbeit stellt die Konzeptualisierung, Durchführung und Evaluation eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts zur Suizidprävention1 dar. Das Projekt verfolgte das Ziel, die Suizidprävention an Schulen nachhaltig zu verbessern. In einem neuartigen Ansatz, dessen Schwerpunkt auf der Verhaltensänderung der Teilnehmenden liegt, wurden die Wirksamkeit von psychoedukativen Workshops (N=200 Schülerinnen) und von Gatekeeper-Trainings (N=150 Lehrkräfte und an Schulen beratend Tätigen) sowie die Vernetzung zu Versorgungsstrukturen im ärztlich-therapeutischen Bereich untersucht. Die vorliegende Dissertationsschrift basiert auf drei empirischen Originalarbeiten. In der ersten wird der Workshop für Schülerinnen evaluiert. Die Studie überprüft, welche Schülerinnen in einer regulären Schulklasse von einer Workshopteilnahme profitieren und wie sie profitieren. Die Ergebnisse des Workshops für Schülerinnen weisen darauf hin, dass besonders die als stärker suizidgefährdet eingestuften Jugendlichen von der Trainingsteilnahme durch eine Abnahme ihrer depressiven Symptomatik profitierten, was bei Schülerinnen der Kontrollgruppe nicht der Fall war. Für das hilfesuchende Verhalten zeigten sich deskriptiv positive Trends, die statistisch jedoch nicht signifikant wurden. Die zweite Studie untersucht die Wirksamkeit eines Gatekeepertrainings für Lehrkräfte und an Schulen beratend Tätige. In ihr wurde die Hypothese überprüft, inwieweit neben einer Verbesserung des theoretischen suizidbezogenen Wissens auch das praktische handlungsbezogene Wissen verbessert werden kann. Die Teilnahme führte in beiden Fällen zu einer Zunahme des Wissens, die anhand der Reaktion auf eine fiktive Situation gemessen wurde. Somit konnte gezeigt werden, dass sich im Rahmen suizidpräventiver Maßnahmen auch das reale Krisenmanagement verbessern lässt. Die dritte Studie führt die Ergebnisse beider Gruppen zusammen und analysiert darüber hinaus, inwieweit eine Kombination beider Trainingskomponenten der Durchführung nur einer Trainingskomponente überlegen ist. Bei Lehrkräften konnten die Selbstwirksamkeitserwartung im Umgang mit suizidgefährdetenJugendlichen sowie die Gesprächsführungskompetenz gesteigert werden. Es wurden nach einer Trainingsteilnahme mehr Gespräche mit Jugendlichen in Krisen geführt. Schülerinnen zeigten nach einer Trainingsteilnahme kein verbessertes, hilfesuchendes Verhalten. In den Versuchsbedingungen, in denen Gatekeeper oder Gatekeeper und Jugendliche trainiert wurden, zeigten Schülerinnen mehr hilfegebendes Verhalten. Zusammenfassend lässt sich daraus ableiten, dass sowohl Gatekeepertrainings für Lehrkräfte als auch psychoedukative Trainings für Schülerinnen effektiv sind. Gatekeeper identifizieren Jugendliche und sprechen diese an. Da aber nicht alle gefährdeten Jugendlichen von Gatekeepern identifiziert werden können und vor allem gefährdete Jugendliche von den angebotenen Workshops profitierten, sollte zukünftig eine Kombination von Workshops für Schüler*innen und Trainings für Lehrkräfte und beratend Tätige angeboten werden.
Suicide is the second main cause of death among adolescents. Since adolescents spend a lot of time in school, this is a suitable place for suicide prevention. Though some concepts for suicide prevention have already been tested in Germany, no program is universally accepted so far. The present work includes the conceptualization, implementation and evaluation of a suicide prevention program, funded by the Federal Ministry of Health2. The aim was to improve suicide prevention in schools. Since relatively little is known about the influence of such training programs on actual behavior, the main objective of the present study was to increase the practical skills of school staff and students. Suicide prevention workshops for students in grades 8 to 10 (N=200) and gatekeeper training programs for school staff (teachers and school social workers; N=150) were offered in twelve secondary schools in Germany. Networking with regional care structures was established. The dissertation is based on three original empirical works. The first study evaluates the results of the students’ workshops. Results indicate that especially those students assessed to be at a higher risk for suicide benefitted most from the training. The number of depressive symptoms decreased significantly and remained stable over time. Furthermore, trained participants in need tended to request for help and to initiate crisis counseling interactions with peers to a greater extent than untrained ones; these differences, however, were not statistically significant. The second study interprets the results of a gatekeeper training for school staff members, in which the reactions to a fictious crisis situation and the number of counselling contacts with students were assessed. Participants undergoing the training significantly improved their suicide-related and action-related knowledge. They initiated a greater number of crisis counselling interactions with students in need than did untrained controls. The third study reports on the results of the combination of both training programs. School staff members showed more counselling skills after the training. They gained increased self-efficacy in counselling students in need, and, correspondingly, conducted more conversations with them. Student participants did not show a significant change in their help seeking behavior. However, they provided more often help to their peers when both students and school staff or only the latter group had been trained. In summary, the dissertation shows that intensive trainings effectively increase the actual crisis management. School staff members identified students in need more easily. Since not every student in need can be identified by a gatekeeper and students being at a higher risk for suicide benefitted most from the training, the combination of suicide prevention programs for school staff members and students, thus, appears to be an effective practice for future studies.

