Kritische Bildungstheorie im Horizont von Gesellschaftstheorie und Philosophie
Kritische Bildungstheorie im Horizont von Gesellschaftstheorie und Philosophie
Es gibt im Leben immer wieder Situationen, in denen die Chronologie der Ereignisse aus dem Takt gerät. Statt das Vergangene im Licht der herrschenden Gegenwart zu beurteilen, wird das Verflossene und Verdrängte zum Angelpunkt, um den Lauf der Dinge aufzuhalten. Jeder Kriminalroman wiederholt diese Figur der Unterbrechung: Das Unheil hat seinen Lauf genommen; um es aufzuhalten sucht Sherlock Holmes in den Spuren des Vergangenen. Schließlich macht das wiedergefundene, vernachlässigte Detail eine überraschende Wendung möglich. Die hier versammelten Aufsätze folgen dieser kriminalistischen Spur. Sie widerstreiten dem Ansinnen, die Theoriegeschichte der Bildung im Licht der herrschenden Bildungsreform zu lesen. Sobald nämlich aktuelle Reforminteressen darüber befinden, welche Bedeutung bildungstheoretischer Reflexion noch zukommen soll, scheint das Urteil festzustehen: Bildung degeneriert zum ‚Containerwort’, zur leeren Hülse, die sich nach Bedarf uminterpretieren und mit den Plastikwörtern der Reform – etwa: Kompetenz, Selbstoptimierung oder Employability – befüllen lässt. Nichts erinnert mehr daran, dass der Begriff der Bildung einen Anspruch transportiert, an dem die Reform selbst sich messen lassen müsste. Dennoch ruft jeder Rekurs auf Bildung die Erinnerung an etwas Vergessenes wach, das sich funktionalistischen Reforminteressen nicht fügt. Bildung ist ohne dieses widerständige Moment nicht zu haben. Entsprechend findet Bildungstheorie ihre aktuelle Gestalt als ‚Kritische Bildungstheorie‘.

